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SENDETERMIN Di, 5.10.2021 | 21:48 Uhr | Das Erste

Kälber in Deutschland Vernachlässigt, misshandelt, verhungert

Rund 600.000 Kälber werden in Deutschland jedes Jahr geboren und müssen doch kurz darauf wieder sterben, vor allem aus wirtschaftlichen Gründen. Sie werden geboren, damit die Kuh Milch gibt, ansonsten sind sie für die Landwirtschaft wertlos. Der Kalbfleischmarkt liegt am Boden. Elf Euro erhält ein Landwirt derzeit für ein Kalb, schon die Futterkosten sind höher. Die Folge: am wirtschaftlichsten ist es für Landwirte, wenn die Tiere kurz nach der Geburt wieder sterben.

Kälber, erst wenige Tage alt, in einem brandenburgischen Milchviehbetrieb. Sie sind angekettet, haben nicht, wie vorgeschrieben, permanenten Zugang zu Futter und Wasser. Das zeigen Bilder, die Tierschützer über ein halbes Jahr lang auf dem Hof gefilmt haben. Auf den Aufnahmen zu sehen ist auch ein Mitarbeiter. Immer wieder zieht er tote Tiere raus. Schließlich können die Filmemacher dokumentieren, wie einige der erst wenige Tage alten Tiere langsam verenden. Tod an der Kette.

Exklusive Bilder, die uns über Friedrich Mülln von der SOKO Tierschutz zugespielt wurden.


Friedrich Mülln, SOKO Tierschutz e. V.:
"Wer Tiere so hält, der geht doch nicht davon aus, dass diese Tiere am Leben bleiben. Da sind Tiere, die sind an der Kette gestorben. Und sie werden offensichtlich nicht ausreichend versorgt. Und da muss man doch sagen, der Bauer geht einfach fest davon aus, dass diese Tiere an dieser Vernachlässigung auch sterben können und er sie dann abschreiben kann."

Amtsveterinär sieht den Landwirt in der Verantwortung


Wir ziehen einen Kälberexperten zurate, Thomas Buckenmaier. Er ist Amtsveterinär in Reutlingen.


Thomas Buckenmaier

Thomas Buckenmaier

Thomas Buckenmaier, Amtsveterinär Reutlingen:
"Wenn ich gerade Tiere in dem Alter, das sieht jetzt eigentlich ganz fit aus da, aber Kälber quasi anbinde und sie sich dann selbst überlasse, dann ist klar, dann geht das nicht lange, denn dann sterben die, ganz klar."



Und was sagt der Landwirt dazu? Wir fahren nach Brandenburg und konfrontieren ihn mit den Aufnahmen und den Einschätzungen. Zu einem Gespräch ist er bereit, ein Interview vor der Kamera lehnt er aber ab. Er gibt zu, dass es sich um seinen Betrieb handelt, auch, dass er die Tiere angekettet habe, obwohl er wisse, dass dies verboten sei. Töten wollte er sie auf diese Weise allerdings nicht, sagt er.

Grundsätzliche Probleme in der Milchviehwirtschaft


Nur - läuft in der Milchviehhaltung nicht doch grundlegend etwas schief? Fakt ist, die moderne Milchviehwirtschaft setzt seit Jahren auf eine hohe Spezialisierung, auf Rassen wie diese Holstein-Friesian. Die Turbokuh liefert dem Landwirt mehr als 10.000 Liter Milch im Jahr. Auf Ausstellungen, wie hier in Norddeutschland, wird sie stolz präsentiert. Die Kehrseite: ihr männlicher Nachwuchs hat kaum Fleisch und ist somit für die Mast kaum zu gebrauchen.


Thomas Buckenmaier, Amtsveterinär Reutlingen:
"Das Problem liegt zunächst einmal jetzt extrem hier bei den Hochleistungs-Milchviehrassen, die eben für die Mast wenig geeignet sind, somit die Kälber dort auch kein Unterkommen finden, in den Mastbetrieben. Und das nächste ist, insgesamt gesehen wahrscheinlich, dass wir zu viele Tiere haben, die den Preis dann drücken."


Und weil es zu viele Kälber gibt, erhalten Landwirte derzeit nur mehr 11 Euro für ein Kalb. Schon die Futterkosten während der ersten 14 Tage sind höher und vorher dürfen Landwirte die Tiere nicht verkaufen.

Der Fall in Brandenburg – kein Einzelfall


Kein Wunder, dass die Tierrechtsgruppe SOKO Tierschutz seit Jahren immer wieder solche Szenen filmt: tote Kälber, qualvoll verendet, gefunden hinter Bauernhöfen in beinahe allen Bundesländern.


Friedrich Mülln

Friedrich Mülln

Friedrich Mülln, SOKO Tierschutz e. V.:
"Ja, man denkt, bei Hühnerfarmen liegen halt viele Kadaver rum, aber in der Milchindustrie geht es nicht so viel anders zu. Also weggeworfen… Das ist Wegwerfware."




Dem Landwirt fehlt die nötige Sachkunde


Zurück nach Brandenburg. Wie reagiert die zuständige Amtsveterinärin auf den aktuellen Fall? Sie kennt den Hof, ist bereit sich die Aufnahmen anzuschauen.


Dörte Wernecke

Dörte Wernecke

Dörte Wernecke, Amtsveterinärin:
"Kälber müssen in jedem Falle auch Zugang zu Wasser und zu Futter haben und das muss der Landwirt sicherstellen."

Reporter:
"Das heißt, wenn dann Tiere versterben aufgrund von mangelndem Futter, ist das fahrlässig?"

Dörte Wernecke, Amtsveterinärin:
"Der hat sich um die Kälber gekümmert im Rahmen seiner Möglichkeiten. Die Sachkunde erscheint mir nicht ausreichend."

Reporter:
"Das heißt, die konnten es einfach nicht."

Dörte Wernecke, Amtsveterinärin:
"Ja, so würde ich das einschätzen, genau."

Der Landwirt weist das zurück: Er beschäftige zwei Tierpfleger und die kümmerten sich angemessen. Wir recherchieren weiter und stoßen auf weitere Ungereimtheiten in dem Betrieb. REPORT MAINZ liegt durch die Aufnahmen eine ganze Liste mit Ohrmarkennummern vor. Mit diesen finden wir heraus: sehr viele Tiere sind verendet. Der Landwirt erklärt dazu, etliche Kälber seien in dem Zeitraum krank gewesen seien. Deshalb seien so viele gestorben. Das Veterinäramt hat ihm inzwischen die Kettenhaltung untersagt und ein Bußgeld verhängt.

600.000 Kälber, ein Siebtel der deutschen Produktion, so Hochrechnungen von Experten, sterben jedes Jahr, weil sie für die Bauern nicht wirtschaftlich sind. Sie werden geboren, damit die Kühe weiterhin Milch geben. Ansonsten gelten sie als Abfall. Die Milchviehwirtschaft muss ihre Produktionsweise grundlegend überdenken.