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SENDETERMIN Mo, 18.2.2008 | 21:45 Uhr | Das Erste

Insulin-Roulette Wieso Pflegedienste Diabetiker spritzen, ohne zu messen

Die angemessene medizinische Versorgung, gerade von älteren Menschen, sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Ist es aber nicht, und das hat Gottlob Schober herausgefunden, als er sich mit der Krankheit Diabetes befasst hat.

Die Zuckerkrankheit ist heute gut zu behandeln. Dank des Hormons Insulin, wichtig dabei, bevor Insulin verabreicht wird, muss der Blutzuckerspiegel exakt bestimmt werden. Mittlerweile können das die meisten Zuckerkranken selbst machen, aber eben nicht alle. Pflegebedürftige zum Beispiel tun sich schwer. Was daraus folgen kann, schildert eine zupackende Altenpflegerin.


Bericht:

Schwester Christel arbeitet als Altenpflegerin in Ludwigshafen. Kurz vor sieben beginnt die so genannte Insulinrallye. Ihr erster Patient ist Herr S., er hatte einen Schlaganfall, sieht schlecht und leidet an Diabetes. Sie spritzt ihm Insulin. Den Blutzuckerwert hat sie vorher allerdings nicht gemessen. Den das Messen bekommt die Sozialstation von den Kassen nicht bezahlt.


O-Ton:

"Gut?"


O-Ton:

"Ja."


Frage: Wie gefährlich ist es denn Insulin zu spritzen, ohne vorher zu messen?


O-Ton, Schwester Christel:

"Wenn ich einen Fehler mache, also sprich ich bin der letzte, den letzten beißen die Hunde, und das sind dann die Schwestern, die Pflegekräfte und die werden dann irgendwann, wenn sie einen Fehler machen, angezeigt, wenn falsches Insulin gespritzt oder falsch gespritzt wurde und gehen dann irgendwann in den Knast."


Schwester Christel hat Angst. Das Messen des Blutzuckerwertes soll der Patient nämlich vor Ankunft der Pflegerin selbst übernehmen. Doch wie fast alle pflegebedürftigen Menschen ist er damit überfordert. Heute sagt er, habe er einen Blutzuckerwert von 205. Für uns überprüft Schwester Christel ausnahmsweise seine Angaben.


O-Ton, Schwester Christel:

"Jetzt gucken wir mal. Was haben Sie für einen Wert gehabt?"


O-Ton:

"205."


O-Ton, Schwester Christel:

"Also er sagt mir jetzt 205, der letzte Wert ist aber 180."


Solche Differenzen sind für den Patienten gefährlich. Dennoch bekommen die Schwestern das Messen nicht bezahlt.


Frage: Ja was halten Sie denn davon jetzt?


O-Ton, Schwester Christel:

"Tja, also ich weiß nie, ob der Wert stimmt, weil der Mann kann nicht mehr. Der sieht nichts mehr. Der wird am Auge operiert. Was soll das, der hat die Spätfolgen des Diabetes, blind wie ein Maulwurf. Entschuldigung, dass ich so was sage. Aber auf seinen Wert muss ich mich verlassen!"


Nächste Patientin ist Frau F., wieder spritzt Schwester Christel Insulin, ohne vorher den Blutzuckerwert gemessen zu haben. Auch in diesem Falle wurde die Leistung von der Krankenkasse abgelehnt. Obwohl sie von der betreuenden Fachärztin explizit verordnet wurde. Das Messen gehöre hier nicht zur Pflichtleistung der Krankenkasse.


Frage: Kann Ihre Patientin noch verlässlich den Blutzuckerwert messen?


O-Ton, Dr. Frigga Ferara, Diabetologin:

"Ich gehe nicht davon aus, dass die Patientin noch 100 Prozent verlässlich ihren Blutzucker messen kann. Denn alle diese Patienten, die von Sozialstationen betreut werden, haben ihre Handicaps. Schauen Sie auf den Jahrgang der Patientin, das ist sicherlich nicht mehr zuverlässig, es funktioniert wahrscheinlich im einen oder anderen Fall, aber speziell dann, wenn es kritisch wird, und um diese Punkte geht es ja, ist die Zuverlässigkeit keinesfalls mehr gegeben."


Immer wieder kommt es daher zu lebensgefährlichen Situationen. Beispiel Bayern: Walter Edbauers Vater wurde wahrscheinlich Opfer einer falschen Insulindosis.

O-Ton, Walter Edbauer:

"Meinem Vater ist das wiederfahren, was man eigentlich so niemandem wünscht. Es wurde bei meinem Vater Insulin gespritzt, ohne vorher zu messen. Und ich habe dann mit der Pflegeschwester gesprochen wieso, warum da nicht gemessen wird. Mein Vater sei eingestellt, das passe so. Die Ärzteschaft hatte das so vorgegeben, es müsse so gemacht werden."


Kurze Zeit später musste der Diabetespatient auf die Intensivstation eines Krankenhauses eingeliefert werden.


O-Ton, Walter Edbauer:

"Im Krankenhaus hat man mir dann gesagt auf Anfrage, warum ist er eingeliefert worden. Und da hat es eben nur geheißen wegen Zucker. In der selben Nacht ist es dann leider zum Herzstillstand gekommen. Mein Vater ist dann drei Tage im Koma gelegen."


Koma durch Unterzuckerung? Heute lebt der 76-Jährige in einer Reha-Einrichtung in Bayern. Dort wird der Blutzuckerwert regelmäßig gemessen. Dennoch bessert sich sein Gesundheitszustand nur langsam. Walter Edbauer will jetzt den ganzen Fall aufklären lassen und Schmerzensgeld fordern. Die AOK will ihn dabei unterstützen.

In ihrer eigenen Zeitung "Bleib gesund", ermunterte die Krankenkasse im vergangenen Jahr Betroffene in Zweifelsfällen, gegen ambulante Pflegedienste vorzugehen. Beispiel: Ein Diabetiker litt als Folge von Unterzuckerung an Schocksymptomen. "War vom ambulanten Pflegedienst die Insulinmenge falsch dosiert worden?" fragt die AOK. Die Krankenkasse beantragte Einsicht in die Pflegedokumentation und ließ ein Gutachten erstellen. Fazit des Artikels: Weil sich seit dem Vorfall seine Pflegebedürftigkeit deutlich erhöht hat, stehen die Chancen gut, dass sich dieser Mehraufwand für die Pflegefamilie in einem Schmerzensgeld niederschlägt.

Einerseits unterstützt die AOK also Patienten, die Schmerzensgeld einfordern wollen, andererseits weigert sie sich vielfach Blutzuckermessungen zu bezahlen. So etwas nennt man Doppelmoral. Auf REPORT-MAINZ-Anfrage verweist die AOK auf den gemeinsamen Bundesausschuss. Ein Beschlussgremium aus Ärzten und Krankenkassen. In einer Richtlinie hat dieser Bundesausschuss festgelegt, dass Blutzuckermessungen von den Kassen in der häuslichen Pflege nur in wenigen, genau definierten Fällen, bezahlt werden müssen.

Auf unsere Bitte hin hat sich der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach eingehend mit dieser Richtlinie beschäftigt. Sein Fazit: Wer selbst noch seinen Blutzucker messen kann, soll es auch selbst machen. Pflegebedürftige Menschen aber können das nur noch in Ausnahmefällen verlässlich. Deshalb sieht Lauterbach hier die Kassen in der Pflicht.


O-Ton, Karl Lauterbach, SPD, Gesundheitsexperte:

"Es kann ja nicht gespritzt werden, ohne das man die Werte grundsätzlich kennt. Das ist fahrlässig und lebensgefährlich und von daher, wenn der einzelne nicht messen kann, muss das jemand für ihn machen. Das ist dann eine klassische medizinische Leistung."


Fazit: Hier spielen die Kassen mit der Gesundheit der alten Menschen und bringen Pflegekräfte wie Schwester Christel in Gewissensnöte. Dieser unhaltbare Zustand muss sich dringend ändern.