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Symbolbild: Eine Spritze wird in einen Arm gestochen.

Text des Beitrags | Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs Werden Risiken systematisch verschwiegen?

Es geht um eine Impfung, die vor krebsauslösenden Viren schützt und dabei ohne schwere Nebenwirkungen funktionieren soll.

Zunächst wurde die Impfung gegen Humane Papillomviren, die sogenannte HPV-Impfung vor allem für Mädchen empfohlen, um Gebärmutterhalskrebs zu verhindern.

Seit diesem Jahr gibt es auch für Jungs eine Impfempfehlung, zum Schutz gegen Anal- und Peniskrebs.

Doch ist diese HPV-Impfung wirklich so unbedenklich wie es beispielsweise die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung darstellt oder werden Nebenwirkungen sozusagen unter den Teppich gekehrt?

Monika Anthes und Manuela Dursun sind der Frage nachgegangen.

Bericht

Ein kleiner Pieks - mit großer Wirkung. Die HPV-Impfung soll vor Krebs schützen und das ganz ohne schlimme Nebenwirkungen.

Das jedenfalls verspricht die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung - auch in ihrer Elternbroschüre: "Die HPV-Impfung sei sicher. Schwere Nebenwirkungen wurden (…) weltweit nicht beobachtet."

Darauf haben sich auch diese Mutter und ihre Tochter verlassen. Das Mädchen möchte lieber nicht erkannt werden, deshalb nennen wir sie Anna. Schon kurz nach der Spritze ging es Anna sehr schlecht, erzählen sie uns:

Annas Mutter

Annas Mutter

O-Ton, Annas Mutter:

"Sie konnte einfach auch gar nicht mehr richtig aufstehen, ihr war es ganz schwindlig, hatte ganz starkes Herzrasen. Also ich habe sie eigentlich gar nicht mehr wiedererkannt."

Wochenlang liegt sie im Bett. Inzwischen sind drei Monate vergangen. Anna geht wieder in die Schule. Doch noch immer fühlt sie sich schlecht.

O-Ton, Anna:

"Ich habe immer noch Rückenschmerzen und auch zwischendrin noch Kopfschmerzen. Dadurch nehme ich halt Schmerztabletten. Und oft ist es so, dass ich in der Schule mich dann auch nicht richtig konzentrieren kann."

Vor der Impfung war sie kerngesund und sportlich. Ihr Lieblingshobby Hockey kann sie inzwischen nicht mehr ausüben. Eine Folge der HPV-Impfung? Die Mutter ist davon überzeugt.

Und was sagt Annas Kinderarzt dazu?

Annas Kinderarzt

Annas Kinderarzt

O-Ton Annas Kinderarzt:

"In der Tat besteht ein zeitlicher Zusammenhang zwischen dem Auftreten der Symptome, dem erstmaligen Auftreten der Symptome und der unmittelbar vorher erfolgten Impfung."

Deshalb hat er die Impf-Nebenwirkungen auch den Behörden gemeldet.

Wie aber passen Annas Symptome zu der Aussage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, dass angeblich weltweit keine schweren Nebenwirkungen beobachtet wurden?

Die Gesundheitswissenschaftlerin Prof. Ingrid Mühlhauser beschäftigt sich seit zehn Jahren mit der HPV-Impfung und hat sich für uns die Broschüre der Bundesbehörde angesehen.

Prof. Ingrid Mühlhauser

Prof. Ingrid Mühlhauser

O-Ton, Prof. Ingrid Mühlhauser, Gesundheitswissenschaftlerin:

"Die möglichen Risiken oder Nebenwirkungen werden heruntergespielt. So wie es jetzt dargestellt ist, ist es einfach falsch. Das ist irreführend, einseitig werbemäßig, kampagnenmäßig."

Wir recherchieren: Was kann diese Impfung also wirklich und welche möglichen Risiken gibt es?

Die HPV-Impfung ist keine Impfung gegen Krebs. HPV steht für Humane Papillomviren. Diese Viren führen zu Entzündungen und diese Entzündungen können dann Krebs auslösen. Vor allem am Gebärmutterhals. Die Impfung wirkt gegen einige dieser HPV-Viren.

Wir finden viele wissenschaftliche Studien. Sie kommen zu dem Ergebnis: HPV-Entzündungen werden tatsächlich reduziert und die allermeisten Menschen vertragen die Impfung gut.

Wir stoßen aber auch auf Berichte über schwere Nebenwirkungen, die den Beschwerden von Anna ähneln. Zum Beispiel von einer Forschergruppe aus Dänemark.

Kopenhagen: Wir sind auf dem Weg zu Jesper Mehlsen. Er hat jahrelang eine Ambulanz für HPV-Nebenwirkungen geleitet und forscht jetzt dazu: 

Dr. Jesper Mehlsen

Dr. Jesper Mehlsen

O-Ton, Dr. Jesper Mehlsen, Facharzt für Physiologie:

"Ich habe 800 Mädchen untersucht und die meisten hatten schwere Nebenwirkungen. Vor allem anfangs werden sie ohnmächtig, sie haben Herzrasen, Kopfschmerzen und Darmerkrankungen. Ich denke, das ist eine richtige Erkrankung, die wir ernst nehmen müssen."

Auch ihm zeigen wir die deutsche Broschüre.

Frage: Stimmt das so?

O-Ton, Dr. Jesper Mehlsen, Facharzt für Physiologie:

"Nein. Ich habe selbst einige Studien zur HPV-Impfung gemacht und natürlich gibt es Nebenwirkungen."

Sie seien selten, doch für die Betroffenen schwerwiegend. Trotzdem ist die Impfung in Dänemark weiterhin offiziell empfohlen.

Japan hat dagegen die Empfehlung eingeschränkt, nachdem 2013 zahlreiche Fälle von schweren Nebenwirkungen öffentlich wurden.

In der staatlichen Aufklärungsbroschüre zur HPV-Impfung heißt es: "Wir ziehen unsere ausdrückliche Empfehlung einer HPV-Schutzimpfung vorübergehend zurück."

Im Gegensatz zur deutschen Broschüre wird hier deutlich auf seltene, aber schwerwiegende Nebenwirkungen hingewiesen wie etwa Kopfschmerzen und Erkrankungen des zentralen Nervensystems.

In Tokyo gab es im März sogar eine internationale Konferenz: Junge Frauen aus fünf Ländern berichten über Beschwerden nach der Impfung. Sie fordern Hilfe, aber auch ehrliche Aufklärung über die Risiken.

Zurück zu unserer Aufklärungsbroschüre. Wieso behauptet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, dass weltweit keine schweren Nebenwirkungen beobachtet wurden?

Wir bitten um ein Interview, doch die Bundesbehörde lehnt ab, verweist uns an das Paul-Ehrlich-Institut. Hier werden bleibende Impfschäden registriert und bewertet.

In einer Stellungnahme räumt das Institut ein: In klinischen Studien seien unerwünschte Ereignisse aufgeführt. Diese könnten auch ein schweres Ausmaß annehmen.

Doch warum steht das so nicht in der Broschüre? Warum werden Nebenwirkungen verschwiegen?

Wir fragen Jörg Schaaber von Bukopharma, einer unabhängigen Organisation, die sich mit dem Einfluß der Pharmalobby beschäftigt. Für ihn gibt es zwei wichtige Gründe:

Jörg Schaaber

Jörg Schaaber

O-Ton, Jörg Schaaber, Bukopharma:

"Zum einen, dass man über Impfung lieber nichts Kritisches sagen kann, dass das ein Tabu ist. Der zweite Punkt in meinen Augen ist, es herrscht einfach in Europa und auch den USA eine sehr pharmafreundliche Stimmung und die Behörden stehen teilweise mit dem Rücken an der Wand. Und das hat natürlich auch mit der Politik zu tun."

Auch der Mediziner Klaus Hartmann sieht die Politik in der Mitverantwortung. Er ist Gerichtsgutachter zu Impfschäden und hat zehn Jahre lang im Paul-Ehrlich-Institut gearbeitet.

Dr. Klaus Hartmann

Dr. Klaus Hartmann

O-Ton, Dr. Klaus Hartmann, Impfgutachter:

"Das ist so ein, so ein Schutz des Impfgedankens an sich. Das Gesundheitsministerium auch in Berlin ist der Meinung, je mehr geimpft wird, desto besser funktioniert unser Gesundheitssystem. Und so versucht man im Prinzip, dieses Nebenwirkungsproblem klein zu halten."

Mit diesen Vorwürfen konfrontieren wir das Gesundheitsministerium erst schriftlich, dann mündlich.

Auf telefonische Nachfrage erklärt der Sprecher: Die Patientensicherheit sei grundsätzlich wichtiger als der Impfgedanke. Zu der Broschüre bekommen wir keine Antwort.

Zurück zu Anna. Ihre Mutter wollte medizinische Hilfe und Rat vom Paul-Ehrlich-Institut. Doch dort heißt es pauschal: Rein statistisch könne es keinen Zusammenhang zwischen der Impfung und Annas Symptomen geben.

O-Ton, Annas Mutter:

"Als würde ich mir das alles ausdenken. Das ist, als würde es keine Nebenwirkungen geben in Deutschland."

Sie fühlt sich doppelt im Stich gelassen: Erst sei sie falsch informiert worden und jetzt lasse man sie und ihr Kind allein.

O-Ton, Annas Mutter:

"Jetzt habe ich ein krankes Kind und sehe im Moment noch niemanden, der ihr helfen kann. Man fühlt sich nicht ernst genommen."

Abmoderation Fritz Frey:

Zum Thema auch ein Gespräch mit unseren Autorinnen:

2:53 min | Mi, 19.12.2018 | 5:00 Uhr | Das Erste

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REPORT-MAINZ-Moderator Fritz Frey im Gespräch mit den Autorinnen mit Monika Anthes und Manuela Dursun.