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Text des Beitrags | Im Strudel der Verschwörungstheorien Wie Menschen in Parallelwelten abgleiten

Moderation Fritz Frey:

Mit der Corona-Krise kommt ein bekanntes Phänomen zurück – Verschwörungstheorien. In vielen dieser Welterklärungserzählungen geht es um dunkle Mächte, Mächte, die uns - marionettengleich - ins Verhängnis führen wollen. Mal gehört die dunkle Hand Angela Merkel, mal einem jüdischen Pharmakonzern oder einfach nur Bill Gates.

Interessant: An Verschwörungstheorien zu glauben, ist kein Vorrecht von Rechts- oder Linksextremisten. Auch auf den ersten Blick unauffällige Bürger können sich in Verschwörungsglauben verheddern und den Bezug zur Wirklichkeit komplett verlieren.

Ingo Leipner, Philipp Reichert und Joachim Stall haben zwei Männer getroffen, die den Ausstieg geschafft haben. Den Ausstieg aus einer Welt, die aktuell dominiert wird von solchen Figuren.

Bericht:

Berlin vor drei Tagen, Corona-Demo mit Koch Attila Hildmann. Dem neuen Star unter den Verschwörungstheoretikern.


O-Ton, Quelle: twitter.com/Alert4_Alert4:

"Weil Menschen wie Einstein oder Menschen wie Galileo auch Verschwörungstheoretiker waren."


Und auch sie macht mit, die ehemalige Tagesschau-Sprecherin Eva Herman. Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Andreas Popp, Autodidakt und selbst ernannter Finanzexperte. Zu den Folgen der Corona-Krise hat er eine klare Meinung.


O-Ton, Quelle: youtube.com/wissensmanufaktur:

"Diese Bündelung der Macht ist der neue Faschismus."


Was sind das für Menschen, die solchen Theorien folgen? Aktuelle Studien zeigen: 17 Prozent der Deutschen halten Corona für einen Schwindel. Wir treffen einen von ihnen.


O-Ton:

Ulrich W., er glaubt an die Verschwörungstheorien.

Ulrich W. glaubt an die Verschwörungstheorien.

"Also mein Name ist Ulrich W., ich bin freischaffender Künstler, Komponist, Lyriker und ich arbeite als Musiker, Gitarrenlehrer."


Er war hier auf dieser Demo gegen die Corona-Maßnahmen in Stuttgart vor zehn Tagen. Die Demo selbst: völlig friedlich, dem Eindruck nach ganz normale Leute, bürgerliches Milieu.


Warum war er hier?


O-Ton:

"Diese ganzen Maßnahmen machen die Menschen ängstlich und schwach. Und wenn die Menschen ängstlich und schwach sind, kann man sie besser beherrschen. Die wahren Motive sind: Man möchte eine Diktatur errichten, ein totalitäres System errichten. Und das ist eben diese geheime Weltregierung, die bereits existiert und die das Ziel hat, die ganze Menschheit zu versklaven."


Frage:

Woher haben Sie diese Informationen?


O-Ton:

"Woher ich jetzt diese gerade habe, ganz genau kann ich‘s nicht sagen. Aber viele Informationen bekomme ich aus dem Internet."


Eine eigene Welt - an Informationen und an Theorien. Wie aber rutschen Menschen da hinein?

Wir haben zwei von ihnen getroffen. Über mehrere Jahre waren sie in der Welt der Verschwörungstheorien gefangen. Heute haben sie all das hinter sich gelassen. Doch sie werden bedroht, wollen deshalb nicht erkannt werden.

Er ist Anfang 20, holt gerade sein Abitur nach.


O-Ton, Szene nachgestellt:

Aussteiger

Aussteiger

"Das war anfangs recht harmlos, etwa dass das Finanzsystem ungerecht ist. Es ging dann weiter, dass das von Juden und Illuminaten gesteuert wird, die die Menschheit versklaven wollen. Dann kam das nächste: Chemtrails, vergiftete Impfungen, dass unser Essen vergiftet ist. Es ist ansteckend. Theorie 1 führt zu Theorie 2. Theorie 2 und 3 führen zu Theorie 4 und so geht es weiter."


Genauso war es auch bei ihm. Er ist Mitte 50, in der Wirtschaft tätig. Ein Buch war sein Einstieg - "Brot und Spiele" von Andreas Popp.


O-Ton, Szene nachgestellt:

Dieses Buch hat ihn fasziniert.

Dieses Buch hat ihn fasziniert.

"Das war das Schlüsselerlebnis: Die Wahrheit über das Finanzsystem dachte ich da zu erkennen. Wie funktioniert Geld? Darin dann die Verschwörung zu sehen, dass wir alle manipuliert werden über das Finanzsystem und wir nur Marionetten sind. Da kommt einer und bringt dir eine ganz andere Idee von der Welt und das hat mich beeindruckt."


Über Jahre geraten beide immer tiefer in diesen Strudel, ziehen sich mehr und mehr zurück in ihre eigene Welt. Mit dramatischen Folgen.


O-Ton, Szene nachgestellt:

"Mir ging es furchtbar. Ich hatte viele Freunde verloren, viel Vertrauen verloren, ich habe mich einfach beschissen gefühlt. Nachdem ich diesen irrsinnigen Verschwörungstheorien entkommen bin, bin ich psychisch zusammengebrochen. Ich war entsetzt, was ich angerichtet habe auf sozialer Ebene. Das war ein Scherbenhaufen."


O-Ton, Szene nachgestellt:

"Ein guter Freund sagte, wenn du so ein Arschloch bleibst, dann ist unsere Freundschaft beendet. Und meine Ehe war auch nicht zu retten. Das Schlimmste an den Verschwörungstheorien war, dass man sich verloren hat und eigentlich nichts mehr hatte irgendwie."


Dabei hatte bei ihm doch alles so harmlos angefangen. Mit seinem Buch und seinen Theorien. Wir erreichen Andreas Popp per Skype.
Ist ihm bewusst, wie sehr Menschen durch seine Inhalte ins soziale Abseits geraten können?


O-Ton, Andreas Popp:

Andreas Popp

Andreas Popp

"Wie kommen Sie darauf, dass die ins soziale Abseits gedrängt werden? Die Frage ist die: Wir unterliegen natürlich einer Massenmanipulation. Das wissen wir alles. Das ist ja auch nicht ganz neu. Und ich wüsste nicht, aus welchem Grund ich etwas Dramatisches sage. Es sind ja die Medien, die die Menschen ins Abseits drängen, nicht wir."


O-Ton, Pia Lamberty, Sozialwissenschaftlerin:

Pia Lamberty

Pia Lamberty

"Es geht um eine Weltsicht, um eine Ideologie. Es geht darum, dass diese Menschen all denen gegenüber misstrauisch ablehnend reagieren, die sie als mächtig wahrnehmen. Das heißt, es bringt auch nicht so viel, diese Menschen mit Fakten zu konfrontieren, weil sie die gar nicht hören wollen. Also, es geht nicht so darum, dass sie nicht in der Lage sind, das zu verstehen, sondern sie wollen es nicht verstehen."


Sie beide haben es geschafft, all das hinter sich zu lassen - mit Psychotherapie und Medien-Entzug. Heute geht es ihnen gut. Auch weil sie wissen, wie gefährlich Verschwörungstheorien sind.


O-Ton, Szene nachgestellt:

"Ich bin zurückgekehrt ins Leben. Diese Theorien, die mich damals so gefesselt haben, sind immer noch Gegenstand meines Interesses, das verfolge ich noch immer. Aber aus einem ganz anderen Blickwinkel, mit einem anderen Wissen, mit einem ganz anderen Bewusstsein."


O-Ton, Szene nachgestellt:

"Diese Theorien zerstören einen persönlich, psychisch. Weil sie ein massives Misstrauen gegen alles und jeden hervorrufen, weil man sich von allem belogen fühlt. Man verliert irgendwann das Gefühl für die Mitmenschen, weil einem andere völlig egal sind. Also wenn diese Theorien Überhand nehmen, das hält keine Gesellschaft aus."