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Text des Beitrags Im Namen des Herrn

Sexueller Missbrauch bei den Zeugen Jehovas

Moderation Fritz Frey:

Nächstes Thema. Es scheint ein bekanntes Muster zu sein: Innerhalb einer Gemeinschaft kommt es zu sexuellen Übergriffen, doch kein Wort nach außen und auch intern wird alles verharmlost, vertuscht, verschwiegen. Opfer werden alleingelassen, Täter nicht zur Rechenschaft gezogen.

Trifft das auch auf die Zeugen Jehovas zu, diese weltweit präsente Religionsgemeinschaft, die allein in Deutschland mehr als 160.000 Mitglieder hat? Recherchen von Edgar Verheyen.

Bericht:

Wer Zeugen Jehovas im Alltag begegnet, nimmt sie wahr als eifrige Missionare, als Menschen, die friedlich ihren Glauben zelebrieren. Menschen, die der Religionsgemeinschaft angehört haben, kennen auch eine andere Seite der Zeugen Jehovas.

Wir sind mit Katharina verabredet. Sie war 19, als sie austrat. Sie hat Jahre gebraucht, um über das Erlebte sprechen zu können. Sie wurde als Kind mehrfach sexuell missbraucht und will anonym bleiben.

O-Ton, Opfer nachgesprochen:

"Das Perverse an der ganzen Sache ist, dass dieser Mann mich missbraucht hat und dabei zu mir gesagt hat, dass ich ihm gehorchen muss, weil er ja älter ist als ich und weil ich ein gehorsames Mädchen sein soll, dass auf die Bibel hört und auf Gott. Weil in der Bibel gibt es einen Bibelvers - den kannte ich auch - der sagt: ‚Grüßt einander mit heiligem Kuss.‘ Und als er mich überall geküsst hat und hinterher auch sexuell missbraucht hat, hat er mir immer wieder gesagt, dass wir jetzt das tun, was Gott eigentlich möchte."

Als sie die Zeugen Jehovas verließ, brach die Familie mit ihr - bis heute.
Und das ist kein Einzelfall. Der Redaktion sind inzwischen 40 ähnliche Fälle von sexuellem Missbrauch bekannt. So schrieb eine junge Frau, ihr Großvater habe ihre Cousinen und sie selbst als Kinder missbraucht - zehn Personen insgesamt.

Andere Missbrauchsopfer berichten uns sehr detailliert von ihren traumatischen Erlebnissen, beschreiben sie im Detail - auch, wer die Täter waren, und - dass man auf keinen Fall über die Taten berichten solle. Es dürfe keine Schmach auf den Namen Jehovas fallen.

Weltweit hat die Organisation 8,4 Millionen Mitglieder. Sie missionieren rund um den Globus. Doch nur in wenigen Ländern wurden inzwischen Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern untersucht. In Australien konnten rund 1.000 Täter ermittelt werden, die 1.800 Kinder sexuell missbraucht hatten.

In den USA brachte ein ehemaliges Mitglied 775 Fälle zur Anklage.
Im Vereinigten Königreich spricht man inzwischen von 100 Fällen, in den Niederlanden von 276 Opfern.

Weltweit, so interne Quellen, sollen die Zeugen Jehovas selbst rund 24.000 Täter registriert haben, die nie angeklagt wurden. Und das hat vor allem einen Grund, der die Aufklärung solcher Fälle erschwert.

Der Redaktion liegt das sogenannte Ältestenbuch vor, dessen Inhalt ausschließlich den Gemeindevorstehern vorbehalten ist. Danach muss es zwei oder drei Augenzeugen geben, die eine Tat bestätigen. Gibt es nur einen Zeugen, kann rechtlich nichts unternommen werden, heißt es hier.

Sherin Madani war selbst auch Mitglied der Religionsgemeinschaft. Heute berät sie Missbrauchs-Opfer. Sie sieht vor allem in dieser Zwei-Zeugen-Regel das Kernproblem.

Sherin Madani

Sherin Madani

O-Ton, Sherin Madani, Ausstiegsberaterin:

"Fakt ist aber, dass die Zwei-Zeugen-Regel dazu führt, dass Kindesmisshandlung und Kindesmissbrauch vertuscht werden kann, nicht zur Anzeige gebracht wird. Und dass den Betroffenen von sexueller Gewalt oder Gewalt an sich der Mund verboten wird. Dass die einfach eingeschüchtert werden. Dass die vertröstet werden, mit den Worten, sie sollen das alles Jehova im Gebet darlegen und dann wird sozusagen der Fall abgeschlossen."

Frage: Das heißt, diese Glaubensgemeinschaft schützt faktisch die Täter?

O-Ton, Sherin Madani, Ausstiegsberaterin:

"Ja! Für mich ist das eine Täterschutzorganisation."

Für die Opfer sexuellen Missbrauchs bedeutet das, berichten sie ihrem Gemeindevorsteher von der Tat und wird dies von dem Beschuldigten bestritten, müssen sie die Geschehnisse vor einem männlichen Gremium von Ältesten und Aufsehern, auch in Anwesenheit des Täters, nochmals schildern.

Udo Obermayer war noch bis vor zwei Jahren Ältester in einer Gemeinde, ist ausgetreten und beschreibt, was dieses Verfahren für die Betroffenen bedeutet:

Udo Obermayer

Udo Obermayer

O-Ton, Udo Obermayer, ehem. Ältester der Zeugen Jehovas:

"Das muss man sich mal vorstellen, vor anderen Männern muss dann eine junge Frau schildern, wie sie sexuell missbraucht worden ist. Und wenn der Täter das nicht zugibt, dann hat man zum Opfer gesagt: ‚Du musst es Jehova überlassen und Ruhe bewahren.‘ Aber letztendlich, wenn ein Opfer weiter darüber gesprochen hat, dann ist es zum Ausschluss gekommen wegen Verleumdung."

Wir fahren ins Rhein-Main-Gebiet, treffen Anna. Sie erzählt, sie habe nach einem sexuellen Missbrauch genau diese Form der Anhörung erlebt.

O-Ton, Opfer nachgesprochen:

"Dann ist dieses Komitee gebildet worden, und mein Vater hat es zum Glück zugegeben. Es waren sexuelle Übergriffe, mehrfach über Jahre. Er durfte sich dann als Reaktion darauf in der Versammlung nicht mehr melden, das heißt, keine Antworten mehr geben. Das war das Einzige, was daraufhin passiert ist."

Demnach also wurde der Täter nicht angezeigt, es gab kein staatsanwaltschaftliches Ermittlungsverfahren, keine Bestrafung. Er habe sich lediglich in der Gemeindeversammlung nicht mehr zu Wort melden dürfen.

Die theologische Begründung:

O-Ton, Udo Obermayer, Verein Opferhilfe:

"Das andere Thema ist eben, dass Glaubensbrüder ihre Streitigkeiten nicht vor weltlichen Gerichten austragen. Und das ist natürlich im Fall von Kindesmissbrauch, wenn Aussage gegen Aussage ist, ist das natürlich auch ein Paragraph, der dann herangezogen wird, um zu sagen, du hast keine Beweise, dann ist das Verleumdung."

Die Deutschland-Zentrale der Zeugen Jehovas befindet sich in der Taunusgemeinde Selters. An diese Adresse werden auch Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern gemeldet. Wir baten deshalb die Verantwortlichen hier um eine Stellungnahme. Die Antwort:

Zitat:

"Jehovas Zeugen verabscheuen Kindesmisshandlung und -missbrauch und betrachten sie als Straftaten. (...) Wir anerkennen die Verantwortung staatlicher Behörden, derartige Straftaten zu bekämpfen. Älteste (...) schützen einen Missbrauchstäter nicht vor behördlicher Verfolgung."

Gleichwohl weist man darauf hin:

Zitat:

"Älteste (seien) gesetzlich nicht verpflichtet (...) Behörden von einer Beschuldigung zu unterrichten."

Das genau ist die Praxis. Und wer redet, bekommt Druck und wird ausgeschlossen. Deshalb ist auch Anna noch Mitglied in der Religionsgemeinschaft.

O-Ton, Stimme nachgesprochen:

"Weil ich sonst die ganze Familie, alle Freunde, alles verliere."