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Text des Beitrags Holzofen-Gate

Neue Öfen belasten die Umwelt stärker als die Zulassungsverfahren glauben lassen


Unterjesingen

Unterjesingen

Guten Abend zu REPORT, live aus Mainz.

Ist in Deutschland bald der Ofen aus? Oh, diese Schwarzmaler von REPORT, werden Sie jetzt vielleicht denken, tun mal wieder so, als stünde das Land vor dem Kollaps.

Langsam, langsam. Wir meinen das mit dem Ofen ganz wörtlich. Und wenn Sie den Film von Monika Anthes und Andreas Orth gesehen haben, dann werden Sie unter anderem feststellen, dass es überraschende Parallelen gibt zwischen Dieselfahrzeugen und Holzöfen.

Aber der Reihe nach. Und die Reihe beginnt in einer Idylle.


Bericht:

Idyllisch gelegen zwischen Weinbergen und Wald. Der kleine Ort Unterjesingen bei Tübingen in Baden-Württemberg.

Gute Landluft – könnte man meinen. Doch wie sieht es tatsächlich aus? Das untersucht Axel Friedrich für uns. Der ehemalige Abteilungsleiter im Umweltbundesamt beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Ursachen von Luftverschmutzung. Mit diesem Gerät misst er die Anzahl von Feinstaubpartikeln in der Dorfluft.


Axel Friedrich, Feinstaubexperte

Axel Friedrich, Feinstaubexperte

O-Ton, Axel Friedrich, Feinstaubexperte:

"Wir haben 25.000 Partikel pro Kubikzentimeter, das heißt, ein wirklich hoher Wert, den ich normalerweise nur an Hauptverkehrsstraßen messe, und zwar konstant hoch."



Die Ursache: Hier hat fast jeder Holz und heizt auch damit. Das erklärt die hohen Feinstaubwerte, selbst in Nebenstraßen.


O-Ton, Axel Friedrich, Feinstaubexperte:

"Holzheizungen haben natürlich auch ultrafeie Partikel, ähnlich in der Größenverteilung wie Verkehrsemissionen. Und das kann man ganz klar sehen, hier kommt es von den Holzheizungen."


Die viel befahrene Hauptstraße. Hier ist eine Messstation der Landesanstalt für Umwelt. Die Daten zeigen: Bis zu 37 Prozent des hier gemessenen Feinstaubs stammen aus Holzfeuerung. Trotz des starken Verkehrs.

Was Axel Friedrich vergangenen Freitag hier misst, erstaunt selbst ihn:


O-Ton, Axel Friedrich, Feinstaubexperte:

"Das ist keine Dorfluft. Das sind Werte, die ich nicht mal in Peking gemessen habe."


Feinstaubwerte höher als in Peking und das auf einer deutschen Dorfstraße? Das ist nicht nur erstaunlich – diese Luftverschmutzung macht krank.

Vor allem Asthmapatienten wie Sylvia Schwarzbauer spüren, wenn die Feinstaubbelastung hoch ist:


Sylvia Schwarzbauer, Asthmapatientin

Sylvia Schwarzbauer, Asthmapatientin

O-Ton, Sylvia Schwarzbauer, Asthmapatientin:

"Es reizt so lange, bis man wirklich keine Luft mehr bekommt. Also dieser ununterbrochene Hustenreiz, der hört einfach nicht auf. Und dann muss ich mein Medikament nehmen."



Dr. Rainer Ehmann leitet eine große Lungenarztpraxis in Stuttgart. Bei Feinstaubalarm ist sein Wartezimmer stets voll:


Dr. Rainer Ehmann, Lungenarzt

Dr. Rainer Ehmann, Lungenfacharzt

O-Ton, Dr. Rainer Ehmann, Lungenfacharzt:

"Ich halte es für grundfalsch und gefährlich, die Problematik zu verharmlosen, weil wir nicht nur in unserer täglichen Arbeit die Zusammenhänge beobachten, sondern ausreichend auch Sicherheit in der Forschung da ist, dass es eine gesundheitsschädigende Wirkungen hat."


Dass Abgase aus Holzöfen gefährlich sind, ist mittlerweile auch in der Politik angekommen. Der Grüne Verkehrsminister von Baden-Württemberg Winfried Hermann hat jetzt alten Holzöfen den Kampf angesagt.

Sie dürfen bei Feinstaubalarm in Stuttgart nicht brennen. Es sei denn, es gibt keine andere Heizung. Quasi das Fahrverbot für Holzöfen. Der Minister setzt auf moderne Öfen, die sind von der Verordnung ausgenommen, so wie die neuesten Diesel-PKW:


O-Ton, Winfried Hermann, B’90 / Die Grünen, Verkehrsminister Baden-Württemberg:

"Weil sie besser sind, weil sie eben nicht diese Schadstoffquelle darstellen wie die alten unkontrollierten Feuerungen."


Nicht nur in Stuttgart, in ganz Deutschland stehen bald viele Öfen vor dem aus!

So will es die Bundesimissionsschutzverordnung, kurz BImSch.
Alte Öfen, die die Grenzwerte nicht einhalten, müssen nach und nach fit gemacht werden oder auf den Schrott.

Das betrifft viele der rund elf Millionen Öfen in Deutschland. Die Ofenindustrie freut sich auf die große Tauschaktion – alt gegen neu.
Doch sind die neuen Ofentypen auch tatsächlich sauberer?

Axel Friedrich bezweifelt das. Er hat in ganz Europa die Abgase von Holzöfen gemessen.


O-Ton, Axel Friedrich, Feinstaubexperte:

"Im Normalbetrieb stellen wir fest, dass die Öfen zehn bis fünfzigmal mehr Emissionen haben als bei der Zulassungsmessung."


Fünfzigmal mehr Emissionen, wie ist das möglich?

Um zugelassen zu werden, müssen alle Öfen auf einen Abgas-Prüfstand, wie hier beim Fraunhofer-Institut. Unter Laborbedingungen wird gemessen, ob sie die neuesten Abgasnormen erfüllen.

Ohne bestandenen Test, kein Verkauf. Doch das was auf derartigen Prüfständen gemessen wird, entspricht, ähnlich wie beim Diesel-PKW, nicht dem Alltagsbetrieb.

Davon sind auch die Wissenschaftler am Technologiezentrum in Straubing überzeugt. Sie haben an mehreren Forschungsprojekten teilgenommen und immer wieder festgestellt, dass die Öfen im Hausgebrauch deutlich mehr ausstoßen. Ihre Erklärung:


Hans Hartmann

Hans Hartmann, Technologie- und Förderzentrum Straubing

O-Ton, Hans Hartmann, Technologie- und Förderzentrum Straubing:

"Die bisherige Prüfnorm schließt ja einige der Betriebsphasen, die besonders kritisch sind, aus. Und wir waren darauf bedacht, in unserem Vorhaben, dass wir eben das Anheizen, den Kaltstart, den Teillastzustand, das Auskühlen mit hineinnehmen."


Der deutschen Ofenbauverband, HKI, räumt auf Anfrage ein, dass es in der Praxis zu Abweichungen kommt.

Auch in der Schweiz ist Feinstaub ein Thema. Der Schweizer Ofenbauverband "feusuisse" hat die deutschen Prüfnormen unter die Lupe genommen und redet Klartext:

Beim "Vergleich alter und neuer" Öfen hat sich die Vermutung, dass die Neuen besser sind "nicht bestätigt".

Weiter heißt es: "Insbesondere bei den Staubwerten ist das Gegenteil der Fall". Erklärung der Ofenbauer: Die Hersteller hätten "die Geräte auf einen realitätsfremden Betrieb" hin optimieren müssen.
Wieder eine Testmethode, die nichts über den wahren Schadstoffausstoß aussagt – so wie beim Dieselskandal?

Nachfrage beim Landesminister:


Winfried Hermann B90 Die Grünen

Winfried Hermann, B’90 / Die Grünen, Verkehrsminister Baden-Württemberg

O-Ton, Winfried Hermann, B’90 / Die Grünen, Verkehrsminister Baden-Württemberg:

"Besser wäre es natürlich auch, wenn sie im realen Betrieb funktionieren würden. Aber hier schieben Sie mir eine Aufgabe zu, die ich nicht habe. Sondern das ist dann die Verpflichtung des Bundes."



Das Bundesumweltministerium räumt ein, dass die Messungen die Realität nicht abbilden. Verspricht allerdings Verbesserungen.

Doch bis die kommen, macht die Politik die gleichen Fehler wie in der Vergangenheit. Fordert das zigtausende Öfen still gelegt werden, auf der Basis eines fragwürdigen Messverfahrens.


O-Ton, Axel Friedrich, Feinstaubexperte:

"Wir reden ja bei den Diesel-Fahrzeugen von Dieselgate und bei den Diskrepanzen, die wir hier haben, kann man ganz klar auch von Woodgate reden."


Abmoderation Fritz Frey:

Tja, in jeder Hinsicht "vermessen" – zum Thema auch ein Gespräch mit den beiden Autoren unter reportmainz.de und auf unserer Facebook-Seite.