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SENDETERMIN Di, 5.7.2022 | 21:49 Uhr | Das Erste

Hochwasser-Katastrophe in Deutschland Sind Hilfsorganisationen mit den Rekord-Spenden überfordert?

584 Millionen Euro haben die Deutschen für die Betroffenen der Hochwasserkatastrophe vor einem Jahr gespendet. Angekommen ist aber in der Flut-Region bislang kaum etwas. Spendenorganisationen wie die Johanniter und die Malteser haben noch fast 70 Prozent aller gesammelten Spenden übrig. Woran liegt es, dass die Spendengelder trotz Soforthilfe-Versprechen nicht bei den Menschen ankommen?

Ihr großer Wunsch war es, zu helfen.

Birgit Lardy

Birgit Lardy

Birgit Lardy, Rentnerin:
"Das war ja nach dem Hochwasser, nach diesem großen Regen im Ahrtal. Und da hatte ich das Gefühl: Ja, da muss man jetzt was tun. Und dann habe ich mir das überlegt, dass ich spontan da spenden möchte."

Birgit Lardy aus Hamburg. 200 € hat sie von ihrer Rente abgeknapst - einfach war das nicht. Doch sie wusste: Die Menschen hatten in den Fluten viel verloren. Menschen, wie Beate Wolloschek aus dem Ahrtal. Das Spendengeld sollte helfen, dass schnell alles wird, wie es war.

Beate Wolloschek, Flutopfer:
"Ich war unheimlich beeindruckt, was da für eine Solidarität war - die Geldspenden, als ich das gesehen habe, wie viel da ankam. Ich war da schon ein bisschen naiv und habe gedacht, das kommt jetzt tatsächlich bei den Leuten an."

Ist es aber nicht. Auch nicht ein Jahr danach. Doch wo ist das Geld?

Mehr als die Hälfte der Spendengelder liegt noch auf Konten

Eine entsetzliche Katastrophe im eigenen Land - und die Solidarität der Deutschen ist riesig. 584 Millionen Euro Spenden werden für die Opfer des Hochwassers gesammelt.

Caren Miosga, Moderatorin "Tagesthemen" (16.07.2021):
"Sie können für die Flutopfer spenden - bei der "Aktion Deutschland Hilft"."

Gerade solche Spenden-Bündnisse haben in der Krisenzeit einen enormen Zulauf.
Einmal gespendet kann man viele verschiedene Organisationen erreichen. Aber: Wie viel Geld für die Hochwasserkatastrophe liegt dort noch - heute, ein Jahr danach? Wir fragen nach:

Das "Aktionsbündnis Katastrophenhilfe" teilt uns mit, es habe 88,8 Millionen Euro gesammelt und diese zu gleichen Teilen bereits an seine Bündnispartner ausgezahlt. Das "Aktionsbündnis Deutschland hilft" antwortet, es habe von 282 Millionen Euro noch mehr als die Hälfte, nämlich 155,5 Millionen Euro, auf dem Konto. Bereits im Februar hatte REPORT MAINZ berichtet, dass viele Spenden nicht ausgegeben wurden.

Birgit Lardy, Rentnerin:
"Das hätte ich nicht gedacht. Also, es ist unvorstellbar."

Auch andere Spender wenden sich an REPORT MAINZ, sind entsetzt:

Roman Morschett

Roman Morschett

Roman Morschett, Zuschauer:
"Wir dachten, dass "Deutschland hilft" mit den ganzen Organisationen auch dazu beiträgt, dass direkt und schnell geholfen wird. Warum müssen Gelder einfach auf irgendwelchen Konten schlummern? Die Baukosten werden teurer, das Geld wird weniger wert."

Astrid Fischer-Willing

Astrid Fischer-Willing

Astrid Fischer-Willing, Zuschauerin:
"Das kann ja alles nicht sein. Also es ist eine Soforthilfe. Und von sofort kann ja keine Rede sein nach einem Jahr."

Doch warum ist das so? Sind die Spendenorganisationen mit solchen Geldmengen überfordert?

Zu viel Geld in zu kurzer Zeit?

Wirtschaftsjournalist Stefan Loipfinger hat jahrelang die Arbeit der Spendenorganisationen analysiert.

Stefan Loipfinger

Stefan Loipfinger

Stefan Loipfinger, Wirtschaftsjournalist:
"Leider wird das Spendengeld nicht so schnell ausgegeben, wie man es dem Spender bei der Werbung am Anfang verspricht. Beim Fundraising sind die alle Profis, die versprechen ganz viel: Man leistet Nothilfe, das heißt, ganz schnell wird Unterstützung geleistet. Und am Ende, wenn das Geld mehr auf den Konten liegt, dann liegt es da erstmal. Das Ausgeben von Geld funktioniert in meinen Augen viel zu träge."

Ist es schlichtweg zu viel Geld in zu kurzer Zeit?

Tatsächlich kamen beim "Aktionsbündnis Deutschland hilft" 2020 41 Millionen Euro zusammen, ein Jahr später, allein durch die Flut, ist es sieben Mal so viel Geld. Beim "Aktionsbündnis Katastrophenhilfe" sind es im Vergleich zum Vorjahr sogar 22-mal so viele Spendengelder. Gelder, die schnell kamen, aber bei den Betroffenen noch lange nicht angekommen sind.

Und auch die Spendenorganisationen selbst sitzen ein Jahr nach der Flut auf Millionen. Unseren Recherchen nach liegen beispielsweise bei den Maltesern und den Johannitern jeweils noch fast 70 Prozent der Spenden.

Menschen wie Beate Wolloschek sind - wie viel andere - deshalb erstmal mit ihren Ersparnissen in Vorleistung gegangen.

Beate Wolloschek, Flutopfer:
"Das Geld musste man dann halt da zusammenkriegen. Das heißt also, es war eine Lebensversicherung, die wir dann kurzfristig plattgemacht haben."

Die Soforthilfe von insgesamt 5.000 Euro hat sie im August vergangenen Jahres vom Land und Spendenorganisationen erhalten. Weitere Unterstützung durch Spendengelder kann sie sich aber vorerst nicht erhoffen.

Denn in Deutschland gilt das Prinzip der Nachrangigkeit. Das heißt: Erst zahlen die Versicherungen, dann müssen die Zuschüsse von Bund und Ländern beantragt und bewilligt werden. Erst danach können die Spendenorganisationen 20 Prozent der Schadenssumme auszahlen. So lange sitzen die auf Millionen. Gernot Krauß von der Caritas erklärt, warum:

Gernot Krauß

Gernot Krauß

Gernot Krauß, Teamleiter Deutscher Caritasverband e. V.:
"Wenn man auf die nackten Zahlen guckt, denkt man: Was machen die da eigentlich? Aber wir müssen... es ist die Nachrangigkeit, die ist vorgeschrieben. Und es macht ja auch Sinn. Ich meine, wenn wir die Spendengelder jetzt schnell einsetzen würden und es stellt sich hinterher heraus, es ist ein Versicherungsschaden gewesen, dann hätten wir das Geld eins zu eins der Versicherung gegeben."

Also bleibt das Geld auf den Konten - wird durch Strafzinsen geringer, verliert durch die Inflation an Wert. Könnten die Hilfsorganisationen das Geld zwischenzeitlich für andere Krisen einsetzen?

Nein, denn das verbietet die sogenannte Zweckbindung. Wird das Geld zu einem bestimmten Zweck gespendet, muss es auch dafür ausgegeben werden. Doch es geht auch anders: Die Organisation “Ärzte ohne Grenzen“ hat sich von diesem Modell verabschiedet - Auslöser war die Tsunami-Katastrophe 2004.

Barbara Gerold-Wolke

Barbara Gerold-Wolke

Barbara Gerold-Wolke, Leiterin Fundraising Ärzte ohne Grenzen e. V.:
"Wir haben damals in sehr kurzer Zeit sehr hohe Spendensummen erhalten, bei denen wir schon wussten, dass der Bedarf vor Ort gar nicht so hoch ist. Und deshalb haben wir uns dann dazu entschlossen, die Menschen in Deutschland darüber zu informieren und ihnen anzubieten, das Geld zurückzuüberweisen oder umzuwidmen, sodass wir es für andere Krisen auf der Welt einsetzen konnten. Und das hat sehr gut funktioniert."

Spenden ohne bestimmten Anlass - für Hilfe, wo sie am nötigsten gebraucht wird. Das ermöglichen die meisten Hilfsorganisationen ihren Spendern durchaus. Doch der Anteil der Einnahmen, die nicht zweckgebunden sind, ist oft gering.

Flutopfer fühlen sich alleingelassen

Die vielen Millionen zur Hochwasserkatastrophe sind zweckgebunden - das Geld muss also so lange auf den Konten warten, bis die komplizierten Anträge gestellt wurden. Doch viele Betroffene tun sich damit schwer, ohne Hilfe.

Stefan Loipfinger, Wirtschaftsjournalist:
"Eine Spendenorganisation schreibt sich auf die Fahnen zu helfen und die Hilfe kann ganz unterschiedlich am Ende aussehen. Und eine Form der Hilfe kann doch sehr gut sein, dass ich die Leute vor Ort auch dabei unterstütze, mit Spezialisten, mit eigenen Leuten, die sich mit solchen Themen auskennen, wie man wo an Geld ran kommt."

Aufsuchende Hilfe nennt sich das im Fachjargon. Die von uns konfrontierten Organisationen entgegnen auf den Vorwurf:

Johanniter (per E-Mail):
"Die Betroffenen erhalten von qualifizierten Teams […] Raum, ihre Ängste und Sorgen zu besprechen. Ergänzend werden Informationsveranstaltungen z.B. zur Beantragung staatlicher und ergänzender Hilfen der Johanniter angeboten."

Malteser (per E-Mail):
"Aufsuchende Hilfe leisten wir mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unserer zehn Fluthilfebüros in NRW und RLP. Dabei suchen wir den Kontakt an den Wohnungen und Häusern und fragen die Menschen, ob sie über die Unterstützungsmöglichkeiten informiert sind und Hilfe und Beratung wünschen."

An Beates Tür aber hat noch keiner geklopft. Auch deshalb zieht sie am vergangenen Samstag zusammen mit anderen Ahrtalern zum Mainzer Landtag.

Beate Wolloschek

Beate Wolloschek

Beate Wolloschek, Flutopfer:
"Es kann so nicht weitergehen, das darf nicht sein. Die Häuser, die verrotten langsam vor sich hin. Wer jetzt keine Rücklagen mehr hat, der kommt nicht mehr weiter, der sitzt dann in seinen Trümmern, in seinen Ruinen. Das muss ein Ende haben, die Leute sind verzweifelt, die haben keine Kraft mehr."

Ob ihre Rufe erhört werden?

Katastrophenarbeit in Deutschland noch ausbaufähig

Eine Katastrophe vor der Haustür - und die Hilfsorganisationen sehen bei der Krisenbewältigung im eigenen Land nicht gut aus. Der Vorsitzende des Fundraising-Verbands gibt sich nachdenklich:

Martin Georgi

Martin Georgi

Martin Georgi, Vorsitzender Deutscher Fundraising Verband e. V.:
"Die meisten Organisationen, die in der Katastrophenhilfe tätig waren, waren das bisher im Ausland und haben in ihren Auslandsabteilungen sehr viel Wissen über den Ablauf von Katastrophen. Katastrophen in Deutschland sind tatsächlich nicht so gelernt. Da müssen wir auch in Deutschland, auch für die Zukunft, uns besser vorbereiten. Und diese Koordination - dass wir die staatlichen Leistungen und auch die Versicherungsleistungen besser auf die Hilfe auch der Organisationen miteinander, aufeinander abstimmen."

Erstaunlich: Obwohl auf den Konten noch Millionen liegen, sammeln die Hilfsorganisationen immer noch für die Hochwassergebiete.

Für Birgit Lardy ist nach der Enttäuschung über das Versauern ihre Spende klar: Akzeptieren wird sie das nicht.

Birgit Lardy, Rentnerin:
"Ich bitte um Rückerstattung meiner 200-Euro-Spende. Ich werde den Betrag selbst an Betroffene weiterleiten."

Die Spende hat sie nicht zurückbekommen - und das, obwohl immer noch Millionen ungenutzt auf den Konten liegen.

aus der Sendung vom

Di, 5.7.2022 | 21:49 Uhr

Das Erste

Autorinnen:
Manuela Dursun, Claudia Kaffanke

Kamera:
Joris Baumann, Andrreas Böhm, Steffen Hammerich, Anthony Hubert, Patrick Steinweden

Schnitt:
Diana Kalb