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Text des Beitrags Der Tod von Jörg L.

Hintergründe über die Neonaziorganisation "Neue Ordnung"

Als nach viel zu vielen Morden endlich bekannt wurde, dass eine rechte Terrorzelle, der sogenannte Nationalsozialistische Untergrund, dahinter steckt, da haben sich viele gefragt: War diese Terrorgruppe ein Einzelfall oder planen da draußen noch andere Rechtsextremisten Anschläge oder Morde?

Einladung zum Kameradschaftstreffen der "Neuen Ordnung"

Website "Neue Ordnung"

Anton Maegerle und Thomas Reutter sind bei der Suche nach einer Antwort auf eine bislang unbekannte Neo-Nazi-Organisation gestoßen. Namhafte Experten sagen: Die erinnern an den Nationalsozialistischen Untergrund. Beunruhigende Recherchen, die mit einem Toten beginnen.

Bericht:

Das "Weiße Haus", eine Pension, 70 Kilometer nördlich von Berlin. März 2012, im Untergeschoss wohnen seit Wochen unauffällige Gäste. Niemand ahnt von ihren Plänen - bis einer der Männer tot in seinem Zimmer aufgefunden wird, gestorben an Herzversagen.

Neben der Leiche findet die Polizei scharfe Waffen, wie dieses halbautomatische Gewehr mit Zielfernrohr und mehr als 300 Schuss Munition. Doch zu einem Teil der Patronen finden die Beamten keine Waffen. Spuren unbekannter Personen werden gesichert. Wer hat diese fehlenden Waffen?

Jürgen Schiermeyer

Jürgen Schiermeyer, Oberstaatsanwalt

O-Ton, Jürgen Schiermeyer, Oberstaatsanwalt:

»Die Staatsanwaltschaft Neuruppin ermittelt gegen insgesamt fünf Beschuldigte, wegen der Vorwürfe der Bildung einer bewaffneten Gruppe und des Verstoßes gegen das Waffengesetz.«

Die Polizei stellt fest: Der Tote heißt Jörg Lange. Im Jugoslawienkrieg kämpfte er als Söldner. Und dann kommt heraus: Lange war ein gerichtsbekannter Neonazi.

Neben den Waffen beschlagnahmen die Beamten auch rassistische und ausländerfeindliche Hetzschriften einer bislang unbekannten Neonazi-Organisation. Sie nennt sich: Die NEUE ORDNUNG.

Dieses interne Schreiben der Organisation – das REPORT MAINZ vorliegt - beweist: Das Haus sollte ein konspiratives Schulungszentrum der Neuen Ordnung werden. Als der Plan auffliegt, ziehen die Neonazis ab. Die Pächter haben gewechselt. Die Pension wird ein Hotel.

Darauf durchsucht die Polizei im Umfeld des Toten acht Objekte in Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Berlin. Viele Computer werden beschlagnahmt, doch die fehlenden Waffen bleiben unauffindbar. Sind die Beamten einer neuen rechten Terrorzelle auf der Spur?

Unsere Recherchen legen wir Wolfgang Wieland vor, dem Sprecher für Innere Sicherheit der Grünen-Fraktion im Bundestag und Sebastian Edathy, dem Vorsitzenden des NSU-Untersuchungsausschusses. Wir zeigen interne Emails und Propaganda der Neuen Ordnung. Die Einschätzung der Politiker:

Wolfgang Wieland

Wolfgang Wieland, Sprecher für Innere Sicherheit der Grünen-Fraktion im Bundestag

O-Ton, Wolfgang Wieland, B’90 / Grüne, Obmann im NSU-Untersuchungsausschuss:

»Waffen, Ideologie, die darauf ausgeht, alles Fremde auszumerzen, systematische Schulung, systematisches Vorbereiten auf das Kämpfen und eine Ansage: Nicht Quatschen, sondern Taten. Das erinnert wirklich an den sogenannten Nationalsozialistischen Untergrund. Das erinnert an das Zwickauer Trio.«

O-Ton, Sebastian Edathy, SPD, Vorsitzender des NSU-Untersuchungsausschusses:

»Man muss das sehr, sehr ernst nehmen. Ich halte diese Organisation, diesen Zusammenschluss für ausgesprochen gefährlich.«

O-Ton, Wolfgang Wieland, B’90 / Grüne, Obmann im NSU-Untersuchungsausschuss:

»Wenn man diese ganzen Bestandteile hat, dann wissen wir heute: Das kann explodieren. Die können schon unterwegs sein, morden oder Sprengsätze legen und dann ist staatliches Handeln gefragt.«

Sebastian Edathy

Sebastian Edathy, SPD, Vorsitzender des NSU-Untersuchungsausschusses

O-Ton, Sebastian Edathy, SPD, Vorsitzender des NSU-Untersuchungsausschusses:

»Und wohin das führen kann, wenn man nicht frühzeitig eingreift, das wissen wir spätestens seit November 2011.«

Frage: NSU?

O-Ton, Sebastian Edathy, SPD, Vorsitzender des NSU-Untersuchungsausschusses:

»NSU.«

Aufgebaut wurde das Schulungszentrum von Jörg Lange und Meinolf Schönborn. Hier gemeinsam vor dem Weißen Haus. Schönborn versteht sich als Kopf der Truppe will eine straff geführte Kaderorganisation, will "wirklich kämpfen, statt immer nur von den Heldentaten unserer Soldaten zu schwärmen" – "Also...kämpfe! Wir sehen uns beim Seminar!? GruSS Meinolf Schönborn"«

Schönborn wohnt bei Bielefeld. Rudolf Frühling vom zuständigen Staatsschutz kennt ihn seit Jahren. Seine Bewertung:

Rudolf Frühling

Rudolf Frühling, Staatsschutz Bielefeld

O-Ton, Rudolf Frühling, Staatsschutz Bielefeld:

»Er will das System der Bundesrepublik abschaffen und will wieder ein System haben wie in Zeiten des Nationalsozialismus.«

Schon einmal führte Meinolf Schönborn eine straff organisierte Neonazitruppe an. Die Nationalistische Front, eine Kaderorganisation, Anfang der 90er Jahre. Ihr Vorbild: Die Waffen SS. Ihr Ziel: Kampf dem demokratischen System.

Detmold, 1992. Eine Spezialeinheit der Polizei stürmt das Anwesen Meinolf Schönborns. Seine Nationalistische Front steht unter dem Verdacht, eine braune Terrortruppe aufzubauen, sogenannte "Nationale Einsatzkommandos". Die Nationalistische Front wird verboten.

O-Ton, Tagesschau vom 27.11.1992:

»Mindestens ein tödliches Verbrechen haben Schönborns Gefolgsleute längst auf ihrem Konto: Dezember 1988. Im bayerischen Schwandorf zündet einer von ihnen ein Wohnhaus an, in dem überwiegend türkische Familien wohnen. Grausame Bilanz: Vier Tote und elf Schwerverletzte.«

Und heute schult Meinolf Schönborn die Kader der Neuen Ordnung in Berlin, in Brandenburg und in Thüringen. Wir treffen ihn am Amtsgericht Gütersloh. Hier wird er wegen Volksverhetzung verurteilt. Diesmal zu 150 Tagessätzen.

Frage: Wie militant ist denn jetzt die Szene um Sie herum?

Meinolf Schönborn

Meinolf Schönborn

O-Ton, Meinolf Schönborn:

»Müssen Sie die Szene fragen.«

Frage: Ich frag' ja Sie.

O-Ton, Meinolf Schönborn:

»Ja, ich geb' aber keine Antwort.«

O-Ton, Wolfgang Wieland, B’90 / Grüne, Obmann im NSU-Untersuchungsausschuss:

»Die Neue Ordnung ist hochgefährlich. Wir haben alle Bestandteile, die zum Rechtsterrorismus führen können, vor allen Dingen die Bewaffnung.«

O-Ton, Sebastian Edathy, SPD, Vorsitzender des NSU-Untersuchungsausschusses:

»Ich halte diese Organisation, nach alldem, was ich bisher gelesen habe für verbotswürdig. Die Bewertung, ob ein solches Verbot rechtswirksam ausgesprochen werden kann, müssen die Behörden treffen.«

O-Ton, Wolfgang Wieland, B’90 / Grüne, Obmann im NSU-Untersuchungsausschuss:

»Man soll diese Neue Ordnung verbieten.«

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich will sich dazu nicht äußern. Kein Interview. Und im Verfassungsschutzbericht ist die Neue Ordnung nicht einmal erwähnt.

Frage: Herr Schönborn, wie soll er Kampf für das Deutsche Reich denn aussehen?

O-Ton, Meinolf Schönborn:

»Lassen Sie sich überraschen.«

Hier eine ausführliche Fassung des Beitrages:

8:45 min | Di, 5.2.2013 | 21:45 Uhr | Das Erste

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