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SENDETERMIN Di, 8.3.2022 | 22:14 Uhr | Das Erste

Hilflos, entsetzt, gespalten Wie Russen und Ukrainer den Krieg erleben

Wie blicken russischsprachige Menschen in Deutschland auf den Krieg in der Ukraine? REPORT MAINZ hat sie begleitet. Nicht alle lehnen das Vorgehen Putins ab und das führt auch hierzulande zu Spannungen. Schon jetzt hinterlässt der Krieg Spuren in Deutschland.

Ein Treffen, das mich ratlos macht.

Samstagmittag. Eine Russlanddeutsche erklärt mir ihre Sicht auf den Ukraine-Krieg, wir nennen sie Tanya. Sie stammt aus Ostsibirien.

Das Eingreifen Russlands in der Ukraine habe sie herbeigesehnt, sich sogar gefreut. Ein unvergesslicher Moment.

Tanya:
"Das war ein ganz besonderer Moment. Ich weinte fast ganzen Tag, weil bis letzte Tag Putin hat gesagt: Leute, liebe Leute, kommt, wir machen das ohne Krieg, wir können sitzen am Tisch und alle unsere Probleme so lösen."

Jetzt aber sei es eben genug. Tanya spricht so wie Putin von einem Genozid an den Russen in der Ostukraine, der gestoppt werden müsse - einer Rettungsmission für die gebeutelte russische Minderheit.

Für sie geschehe das alles fast ohne unschuldige Opfer.

Tanya

Tanya

Tanya:
"Teile von Städte, die sind nicht zerstört. Hauptziel: Vernichten Waffen, alle Waffen und alles so Militärische in Ukraine. Und Denazifikation. Wenn alle Leute sagen: 'Jetzt Putin greift an, jetzt Putin greift an…' Das war schon acht Jahre Krieg im Land. Das war schon. Und niemand gesehen."

Tanya behauptet, in der Ukraine seien seit Jahren Nazis an der Macht, die die russische Minderheit im Osten der Ukraine unterdrückten. Aussagen, fast so als würde Putin selbst sprechen.

Ich kenne Tanya schon lange. Und trotzdem habe ich heute zum ersten Mal das Gefühl, dass wir beide in zwei verschiedenen Welten leben.

Dabei sind wir eigentlich beide Teil der großen russisch-sprachigen Community in Deutschland. Meine Eltern kamen 1993 aus St. Petersburg nach Deutschland. Russland ist auch Heimat für mich. Und ich habe Verwandte in der Ukraine.

Nun wird in diesem Land ein brutaler Angriffskrieg geführt.

Für diesen Film haben meine Kollegen und ich mit vielen russischsprachigen Menschen in Deutschland gesprochen. Sie kommen sowohl aus Russland, als auch aus der Ukraine. Die meisten sagen uns, sie mache der Krieg fassungslos. Doch immer wieder treffe ich auch auf andere Stimmen - die Russland als Opfer sehen, den Angriff als letztes Mittel.

So wie Victor, der schon seit fast 30 Jahren in Deutschland wohnt. Ich erreiche ihn per Telefon beim Familienbesuch in Moskau.

Victor:
"Als Putin an die Macht kam, hat er gesagt: 'Bitte erweitert die NATO nicht.' Aber die NATO kam immer näher und näher. Und jetzt irgendwann reicht es. Wie lange kann man sich das noch anschauen? Russland hat aufgerüstet und Gold zurückgelegt - und jetzt gibt es die Antwort."

Die Lage in der Ukraine spitzt sich jeden Tag zu.

Uns gelingt es mit diesem Mann Kontakt aufzunehmen: Stanislav Polozov. Der ukrainische Wissenschaftler ist international vernetzt - und hat sich deshalb entschlossen die Ukraine zu verlassen. Jeden Tag schickt er uns eine Nachricht. Zu diesem Zeitpunkt dürfen Männer das Land noch verlassen.

Stanislav Polozov:
"Wir sind jetzt seit 36 Stunden unterwegs, haben nur ein paar Stunden im Auto geschlafen. Hoffentlich gibt es noch Benzin, Wasser und Essen."

Wird ihm die Flucht gelingen? Angesichts langer Flüchtlingsströme in den Städten und an den Grenzen. Straßen und Brücken, die zerstört sind. Ein Land versinkt im Chaos. Und bringt die Menschen auch hierzulande an den Rand der Verzweiflung.

Der Krieg hinterlässt auch jetzt schon Spuren in Deutschland

Wir sind in einer Autowaschanlage in Waltrop bei Bochum. Von hier organisiert Pastor Ivan Stucker, der in Kasachstan geboren ist, Hilfe für die Menschen in der Ukraine. Im Minutentakt klingelt sein Telefon.

Ivan Stucker, Pastor:
"Nein, keine Garderobe. Wir brauchen jetzt im Moment Lebensmittel. Wir brauchen Medikamente. Wir brauchen Verbandskästen."

"Das ist so ein Hilfspaket. Man sieht: liebevoll verpackt. Schauen Sie mal: ein Schlafsack, Lebensmittel, Hygieneartikel, ein paar Tücher. Das ist super. Solche Hilfspakete werden dann in das Landesinnere gebracht, den Familien in die Hand gedrückt. Sie können sich schon mal einen Tag davon ernähren. Das ist schon mal enorme Hilfe."

Bei unserem Dreh vor einer Woche organisiert Stucker auch die Evakuierung von Flüchtlingen aus den umkämpften Städten. Er zeigt uns eine Liste von Namen. Darunter auch Maria und ihre Kinder.

Zu diesem Zeitpunkt habe die russische Armee die Hauptstadt eingekreist, westlich davon gibt es zu diesem Zeitpunkt noch eine verhältnismäßig sichere Zone, sagt Stucker. Dorthin will er Maria und die anderen Flüchtlinge bringen lassen. Jeden Tag erreichen ihn noch mehr Hilferufe aus dem Kriegsgebiet - das hinterlässt auch Spuren bei ihm:

Ivan Stucker

Ivan Stucker

Ivan Stucker, Pastor:
"Mütter und Kinder. Sobald die Bomben aufhören zu fliegen, gehen sie sofort nach oben um zu telefonieren 'Wir leben noch'. Du bist da drin. Wenn du jetzt am Telefon die Bilder siehst, mit den Leuten sprichst, hörst das ganze am Telefon, du bist mitten im Krieg. Du bist mitten im Krieg. Und ich muss ehrlich sagen, die ersten zwei Tage, ich habe nur geweint. Meine Frau hat hier mitbekommen... Da sind Mitarbeiter, da sind Kinder. Ich war noch letzten Herbst da, letztes Jahr war ich da. Wir haben Camps organisiert, wir haben Workshops organisiert. Wir waren mit den Kindern da und jetzt weißt du nicht, ob du überlebst."

Bei Putin gehen die Meinungen auseinander

Der Krieg - er wirkt sich längst auch hierzulande aus. Auch meine Verwandten aus der Ukraine sind teilweise schon in Deutschland. Und treffen auf eine russisch-sprachige Community, die gespalten scheint - zwischen denen, die Putin und seinem Krieg fast schon zujubeln und denen, die darunter leiden.

Wir sind in Trier, bei Victoriya Fedosova - in ihrem Nagelstudio.

Reporter:
"Hallo Victoriya."

Victoriya Fedosova:
"Hallo Alexander! Kommen Sie rein. Das ist mein Salon."

Seit 20 Jahren lebt sie in Deutschland. Sie kommt aus dem Süden der Ukraine, Russisch ist ihre Muttersprache. Zu Russland hat sie immer aufgeschaut, auch zu Putin, erzählt sie uns.

Victoriya Fedosova

Victoriya Fedosova

Victoriya Fedosova:
"Von Deutschland aus haben wir immer auf die arme Ukraine geschaut, wie sie leidet. Die Leute dort - ihnen ging es mal gut, aber auch sehr schlecht. Und wir haben nach Russland geschaut: Dort ging es den Menschen gut, sie waren glücklich, haben Schritte nach vorne gemacht."


Dann plötzlich: die erste Kundin - Olga Astaschkewitsch.

Auch sie kommt aus der Ukraine. Ich kenne sie, seit ich ein kleiner Junge bin. Jetzt erzählt sie von ihrer Schwester, die gerade feststeckt, mitten im Kriegsgebiet. Die mit aller Kraft versucht, nach Deutschland zu kommen.

Olga Astaschkewitsch

Olga Astaschkewitsch

Olga Astaschkewitsch:
"Meine eigene Schwester hat mir um fünf Uhr morgens geschrieben und eine SMS geschickt: 'Wir werden bombardiert, wir sind in einem Luftschutzkeller.' Wie soll ein normaler Mensch auf so etwas reagieren? Das war Stress, wir haben so etwas nicht erwartet. Das war schrecklich."

Und jetzt macht die Frau, die zu Putin aufschaut, der Putin-Gegnerin die Nägel. Schweigen, wo eigentlich so viel zu sagen wäre.

Erst als Olga Astaschkewitsch mit mir alleine ist, wird sie offener. Menschen wie Victoriya, sagt sie, könne sie nicht verstehen. Wer zu Putin aufschaue, dem sei nicht mehr zu helfen.

Olga Astaschkewitsch:
"Ja, er ist der Aggressor. Ein zweiter Hitler. Noch schlimmer. Der hat eine Atombombe."

Auch Victoriya kommen nach dem Treffen langsam Zweifel. Sie wisse nicht mehr, wem sie glauben soll, erzählt sie mir - angesichts der schrecklichen Bilder des Krieges in der Ukraine.

Dessen Folgen bei unseren Drehs überall zu spüren sind. Anruf in die Ukraine: Sofia Samoylova spricht mit ihrer Freundin. Nach den ersten Beschüssen flieht sie gerade mit ihrer Familie aus Kiew, bevor die Kämpfe dort noch heftiger werden.

Der Kontakt in die alte Heimat ist für viele momentan kaum zu ertragen

Olena Miroschnichenko

Olena Miroschnichenko

Olena Miroschnichenko:
"Die Nacht war ruhig, aber heute Morgen gab es Beschuss. Wir sind jetzt unterwegs mit kleinen Kindern. Viele mit Kindern fliehen, es gab sogar auch schon unter den Kindern Opfer. In Charkiw war das."

Fast täglich schreibt oder telefoniert die Familie mit Sofia Samoylova in Ludwigshafen. Sie ist als Kind mit ihren Eltern nach Deutschland gekommen, kennt aber noch viele Menschen in ihrer alten Heimat, die jetzt Kriegsgebiet ist:

Sofia Samoylova

Sofia Samoylova

Sofia Samoylova:
"Ich hab mit ihr am allermeisten Kontakt. Also wirklich teilweise stündlich. Das war auch die Freundin, die mir um fünf Uhr morgens geschrieben hat: 'Kiew wird bombardiert'. Sie haben sich jetzt ein Auto organisieren können und fahren jetzt aus Kiew raus, mit der ganzen Familie, weil Sie sagen, Kiew ist gerade der gefährlichste Ort in der Ukraine. Es ist gerade super gefährlich Auto zu fahren, weil es gab einen Vorfall, dass ein russischer Panzer einfach ein Auto überrollt hat."

Die Filmemacherin und Fotografin aus Ludwigshafen war vor dem Einmarsch Russlands schon oft in der Konfliktregion im Osten des Landes und hat die Front mit ihrer Kamera dokumentiert. Jetzt, seit Kriegsbeginn, hat sie oft schlaflose Nächte. Freunde, Familie und Bekannte senden ihr im Minutentakt Bilder, Videos und Sprachnachrichten aus dem Krieg.

Sofia Samoylova:
"Dann hab ich gestern mit ihr telefoniert und während unserem Telefonat sagt sie: 'Du, ich muss auflegen, es wird gerade wieder gebombt.' Ich weiß nicht, da fehlen einem die Worte. Ich hab das Gefühl, das ist auch nicht bei allen hier angekommen, was da abgeht."

Für viele geht es um das nackte Überleben.

Auch für Stanislav Polozov, mit dem wir seit Tagen in Kontakt stehen. Noch hat er es nicht aus dem Land geschafft und mittlerweile droht man ihn als Deserteur an die ukrainischen Behörden zu verraten.

Stanislav Polozov

Stanislav Polozov

Stanislav Polozov:
"Meine Familie ist noch in Charkiw. Und jetzt wird dort die Stadt zerbombt. Ich mache mir riesige Sorgen. Ich hoffe so sehr, dass die Verhandlungen etwas bringen."

Unterstützung kommt auch vom Kölner Bürgermeister Ralph Elster. Mit einem Empfehlungsschreiben will er den Wissenschaftler außer Landes bekommen. Man brauche ihn hier in Köln, mit seiner Expertise.

Ralph Elster, Bürgermeister Köln:
"We have organized a lot of places where you can have a safe sleep and where you can stay."

Teilweise kommt es zu Anfeindungen in Deutschland

Bei unserer Recherche stoße ich auf ein weiteres Problem: Die Angst in der russisch-sprachigen Community. Der Inhaber dieses russischen Supermarkts erzählt mir von Anfeindungen, die er seit dem Krieg in der Ukraine erleben müsse. Drehen sollen wir ihn nicht. Zu groß ist die Angst.

Ein Einzelfall?

Ich recherchiere und finde in ganz Deutschland Hinweise, dass es sowohl Übergriffe auf Ukrainer als auch auf Russen gibt. Über die sozialen Netzwerke stoße ich auf dieses Video. In einem Supermarkt in Oberhausen wurde eine Scheibe zerstört und der Eingang beschmiert.

Es ist eigentlich eine ruhige Wohnstraße, in der der russische Supermarkt liegt. Doch seit Kriegsbeginn sei der Markt schon zwei Mal angegriffen worden, erzählt man uns hier. Die Polizei ermittelt nun, ob es einen Zusammenhang zum Krieg gibt. Den sieht die Sprecherin des Marktes schon aufgrund des Inhalts der Schmierereien:

Anastasia Kirsch

Anastasia Kirsch

Anastasia Kirsch, Pressesprecherin Supermarkt "Kauver":
"Unter anderem Worte wie ‘Putin ist ein Mörder‘. Anhand dessen sehen wir schon die Zusammenhänge mit der aktuellen Situation."

Die Sorge bei russisch-sprachigen Menschen in Deutschland wächst, weiß Roman Friedrich. In Köln-Chorweiler arbeitet er als Streetworker, dort, wo tausende Menschen mit russischem und ukrainischem Migrationshintergrund leben. Die Stimmung sei schlecht, erzählt er. Gerade in den letzten Tagen sei es vermehrt zu Anfeindungen gekommen. Er wollte es genau wissen und gründete mit anderen eine Arbeitsgruppe. Sie dokumentieren Übergriffe, wie hier ein Vorfall eines russischsprachigen Schülers, der an den Pranger gestellt wurde:

Roman Friedrich (zitiert aus Chat-Nachrichten):
"Am nächsten Tag auch das gleiche mit der Tochter, dritte Klasse. Die sollte sich vor der ganzen Klasse entschuldigen, öffentlich."

Roman Friedrich

Roman Friedrich

Roman Friedrich, Streetworker:
"Die meisten Anfeindungen kommen aus der nicht russischsprachigen Community. Absurderweise betrifft das auch viele ukrainische Mitbürger, weil viele Menschen machen keinen Unterschied. Viele ukrainische Mitbürger sprechen halt Russisch."


Hat die Politik das Problem erkannt?

Bundesinnenministerin Nancy Faeser warnt vor Anfeindungen gegen Russisch sprechende Menschen. Wir fragen auch bei den Innenministerien der Länder an. Nicht alle antworten uns. Einige aber registrieren bereits Übergriffe. Ein erhöhtes Straftatenaufkommen sei nicht auszuschließen.

Für Frieden gehen hier Menschen auf die Straße: eine Kundgebung in Karlsruhe. Hier treffen wir Sofia Samoylova wieder. Mittlerweile gibt es fast täglich solche Friedensdemonstrationen. Die Fotografin macht hier Bilder, um sie ins Kriegsgebiet zu schicken. Ein Zeichen wie sie sagt: 'Seht her, die Welt hat euch nicht vergessen. Haltet durch.' Die Bilder schickt sie auch an ihre Freundin:

Sofia Samoylova:
"Olena hat mir gestern um halb eins geschrieben, dass sie immer noch unterwegs sind. Vielleicht sind diese Demonstrationen ganz wichtig gerade. Das nimmt einem ein bisschen die Machtlosigkeit oder gibt das Gefühl, dass man zumindest die Versuche nutzt, etwas zu verändern."

Damit will sie auch den russischen Staatsmedien und der Propaganda etwas entgegensetzen. Und auch für die Anfeindungen in Deutschland hat sie kein Verständnis.

Für sie zählt nur: Handeln - und zwar schnell.

Freitagmittag. Sofia packt Hilfsgüter für die Menschen in der Ukraine. Noch am gleichen Tag soll es losgehen zur polnisch-ukrainischen Grenze. Doch immer wieder kommen Menschen, die noch mehr Spenden bringen:

Spenderin:
"Das muss ich für mich machen."

Reporter:
"Machen Sie es für sich oder für die Menschen?"

Spenderin:
"Für die Menschen. Damit ich mich wohlfühle, dass, wenn ich abends ins Bett gehe, ich sag: 'Ich hab was Gutes getan für die Menschen aus der Ukraine.' Ich hab einen Onkel in der Ukraine, meinen Cousin noch. Ob die noch leben, weiß ich nicht."

Sofia Samoylova:
"Am meisten gebraucht in der zivilen Bevölkerung ist so die Versorgung, die man… Essen ist gerade tatsächlich Mangel und dann natürlich Hygieneartikel. Aber wir gucken einfach, dass gerade Kinder und erwachsene Menschen sich mit Hygieneartikel versorgen können - und Babynahrung. Die Geschäfte sind fast leer."

Wenn alles klappt, will sie auf dem Rückweg Flüchtlinge mit nach Deutschland nehmen. Ein Weg, den unser Wissenschaftler nicht gehen kann. Er ist noch immer in der Ukraine.

Olga Astaschkewitsch, die ich im Nagelstudio getroffen habe, hatte mehr Glück. Ihre Schwester ist samt Tochter in Trier angekommen. Nach fünf Tagen im Auto, davon mehrere Nächte in der Kälte, konnten sie die Grenze und den Krieg hinter sich lassen. Ihr Mann musste in der Ukraine bleiben, um zu kämpfen. Ob und wann sie sich wiedersehen, wissen sie nicht.