Bitte warten...

SENDETERMIN Mo, 27.8.2007 | 21:45 Uhr | Das Erste

Hass frei Haus Wie YouTube verbotene Nazi-Musik massenweise verbreitet

YouTube – ein Videoportal im Internet ist der Renner im Netz. Millionen von selbstgedrehten Videos oder kurzen Filmausschnitten – alles jeder Zeit abrufbar. Suchbegriffe von A wie Ananas bis Z wie Zebra bahnen den Weg durch diesen Dschungel. Meist geht es um harmlosen Jux. Pleiten, Pech und Pannen im Permanentangebot bei YouTube.

Ulrich Neumann und Thomas Reutter aber haben jetzt bei YouTube ganz andere, gar nicht harmlose Dinge aufgespürt. Alte Nazi-Propaganda ebenso wie neue Volksverhetzung. YouTube also auch eine Plattform für Hass und Menschenverachtung.


Bericht:

YouTube – broadcast yourself, selber senden. Jeder kann hier Videos eingeben und jeder kann sie sehen. Selbstgemachte Filmchen, Videoclips, Fernsehberichte. Es gibt einfach alles. Kostenlos und anonym.

2005 wurde YouTube gegründet. Heute ist eines der gefragtesten Internetangebote überhaupt. Vor allem für Jugendliche ein Massenmedium. Doch mitten drin rechtsextreme Videos, zum Beispiel Nazi-Propaganda.


Zitat:

»Für die Reinheit und Sauberkeit des deutschen Kunstempfindens hat der wurzellose Jude kein Organ. Was er Kunst nennt, muss seine entarteten Nerven kitzeln. Ein Geruch von Fäulnis und Krankheit muss es umwittern.«

Andere Beispiele:

Zitat:

»Ein Asylantenheim ist abgebrannt, die armen Schwarzen sollen jetzt Obdachlose sein. Nach außen tue ich schwer empört, zu Hause kichere ich still in mich hinein.«

Zitat:

»Drum freut’s mich heut noch auch jeden Tag enorm, seh’ ich meines Großvaters alte Uniform, dann seh’ ich auf der Mütze den Totenschädel blitzen und weiß, dass all die Schweine bald schon wieder flitzen, denn der Enkel wird Sturmführer bei der SS...«


400.000 Klicks in acht Monaten. YouTube - das Massenmedium der Neonazis. Zuschauerkommentare:


Zitat:

»Bei einer deutsch-nationalen NPD-Armee würde ich mitmachen. Sieg Heil.«

Zitat:

»Sieg Heil.«


O-Ton, Prof. Hajo Funke, Rechtsextremismusexperte, FU Berlin:

»Das YouTube frei Nazi-Propaganda offeriert, und Jugendliche das zu Hunderttausenden anklicken, ist ein Verbrechen an der Jugend, und zwar in Deutschland wie anderswo.«






Seit einem Jahr gehört YouTube zu Google. Der mächtige Konzern witterte einen gigantischen neuen Werbemarkt und kaufte YouTube für 1,65 Milliarden Dollar.

Wir wollten von YouTube und Google wissen, wie sie mit den Hassvideos umgehen. Eigentlich sind Hetzreden bei YouTube verboten. Doch dazu will Google uns kein Interview geben und teilt uns telefonisch mit: Von Nutzern gemeldete Hassvideos würden sofort gelöscht.

Stimmt das? REPORT MAINZ machte den Test. Als Nutzer getarnt beanstandeten wir diese verbotenen Videos, doch YouTube ließ sie alle im Netz - bis heute.

Dieselbe Erfahrung machte Jugedschutz.net, die zentrale Einrichtung der Bundesländer für den Jugendschutz im Internet. Die Beschwerdestelle hat YouTube seit Monaten im Visier. In mehr als hundert Fällen hat Jugendschutz.net YouTube wegen indizierter Hassvideos abgemahnt.


Frage. Haben Sie irgendeine Antwort bekommen?

O-Ton, Thomas Günter, Justitiar, Jugendschutz.net:

»Nein, wir haben in keinem einzigen Fall eine Antwort bekommen.«







Dabei schrieb uns Google Deutschland:

Zitat:

»Ebenso kooperiert YouTube mit den staatlichen Stellen wie zum Beispiel den polizeilichen Ermittlungsbehörden, wenn einzelne Videos gegen Gesetze verstoßen sollten.«


Doch die 100 abgemahnten Hassvideos sind immer noch bei YouTube zu sehen.

Zum Beispiel dieser Clip zur Musik der Gruppe Landser. Die Band ist rechtskräftig wegen Volksverhetzung verurteilt und seit 2003 als kriminelle Vereinigung gerichtlich verboten.

Ihre Musik hörte eine Clique junger Männer 1999 im brandenburgischen Guben, unmittelbar bevor sie den Algerier Omar Ben Nui zu Tode hetzten, aufgestachelt von diesem Lied. Bei YouTube wurde es in den letzten sieben Monaten fast 100.000 mal angeklickt.


Ein anderes Landser-Lied:

Zitat:

»In den Aufsichtsräten hocken wieder mal die roten Socken Schlagt sie tot! Schlagt sie tot! Macht die Kommunisten nieder«


O-Ton, Prof. Hajo Funke, Rechtsextremismusexperte, FU Berlin:

»Solche Texte sind eine indirekte Aufforderung zu Mord und sie haben in der Vergangenheit, etwa Landser-Texte, auch als Auslöser für Mordtaten in Deutschland gedient.«


Zitat:

»Des Nachts am Mississippi sieht man die Kreuze brennen, und so manches dreckiges Niggerschwein um sein Leben rennen.«


O-Ton, Prof. Wilhelm Hietmeyer, Gewaltforscher, Universität Bielefeld:

»Das Überraschende daran ist, wie der Kontext aussieht, in dem YouTube sich befindet. Das heißt, gewissermaßen unter dem Schirm einer seriösen Firma, eines seriösen Anbieters wie Google. Und das ist eher das Problem, weil darin sich deutlich macht, wie etabliert plötzlich solche Musikangebote sein können.«



Wir zeigen die rechtsextremen YouTube-Clips Prof. Salomon Korn vom Zentralrat der Juden in Deutschland.


O-Ton, Prof. Salomon Korn, Vizepräsident Zentralrat der Juden in Deutschland:

»Ich erwarte, dass die Staatsanwaltschaft, dass die Behörden, dass auch die Bundesregierung gegebenenfalls dagegen eintritt und dagegen vorgeht. Sonst müsste man Strafanzeige stellen, möglicherweise von Seiten des Zentralrates.«





O-Ton, Dieter Wiefelspütz,SPD, Innenpolitischer Sprecher, Bundestagsfraktion:

»Die Veröffentlichung dieser Filme erfüllt den Tatbestand der Beihilfe zur Volksverhetzung. Es ist dringend an der Zeit, dass der Staatsanwalt, der zuständige Staatsanwalt, die Ermittlungen aufnimmt. Das muss gestoppt werden. Es ist skandalös, dass so etwas in Deutschland möglich ist.«




Abmoderation Fritz Frey:

Die braunen Aktivitäten ausgerechnet bei YouTube, davon ist auszugehen, sind natürlich kein Zufall. Genutzt wird das Portal, so unsere Medienforscher, mehrheitlich von Männern unter 30. Ideal also, um rechtsextremen Nachwuchs zu rekrutieren. Ich bin übrigens gespannt, ob dieser Beitrag, den Sie gerade gesehen haben, ab morgen auch bei YouTube eingestellt ist.