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Text des Beitrags Gülen in Deutschland

Demokratischer Bildungsverein oder gefährliche Sekte?

Fethullah Gülen

Fethullah Gülen


Moderation Fritz Frey:

Nächstes Thema. Früher waren sie Gefährten, heute sind sie erbitterte Feinde. Der türkische Präsident Erdogan und der Islam-Prediger Fethullah Gülen. Den einen kennen wir als einen machtfixierten Despoten, der demokratische Werte mit Füßen tritt. Der andere ist weniger bekannt. Er lebt in den USA, doch seine islamistische Gülen-Bewegung ist auch in Deutschland sehr aktiv. Und dabei stets darauf bedacht, mit Begriffen wie Dialog, Bildung und Toleranz in Verbindung gebracht zu werden.

Aber ist der Prediger und die Bewegung, die seinen Namen trägt, wirklich so edel und gut? Oder ist das Ganze nur eine scheinheilige Veranstaltung? Recherchen von SPIEGEL und REPORT MAINZ legen nahe, dass sich hinter der schönen Fassade keine selbstlose Organisation für Bildung und Toleranz verbirgt. Eric Beres und Heiner Hoffmann berichten.


Bericht:

Irgendwo in Deutschland. Wir treffen einen Mann, der einmal ein hochrangiger Gülen-Funktionär war. Bis er mit der Bewegung gebrochen hat. Er will mit uns über die internen Machtstrukturen sprechen, möchte anonym bleiben.


O-Ton, Stimme nachgesprochen:

"Ich würde die Gülen-Sekte als geheime Parallelstruktur bezeichnen. Und sie ist deswegen gefährlich, weil es einen Schein nach außen gibt, der nicht der Realität entspricht."


Geheime Parallelstrukturen? Nach außen zeigen sich die Gülen-Vereine weltoffen. Sie betreiben Schulen, bieten Sprachkurse an. In der Vergangenheit schmückte man sich mit prominenten Fürsprechern wie der früheren Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth. Oder dem Fußballprofi Ilkay Gündogan.

Ist in der Bewegung des Fethullah Gülen vieles nur Fassade? Unsere Recherche beginnt zunächst in der Türkei: Hier, in der deutschen Botschaft in Ankara verfassen Beamte des Auswärtigen Amtes im Februar einen internen Lagebericht zur Gülen-Bewegung. Zusammen mit dem Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL gelingt es uns, den Bericht einzusehen. Die Beamten sprechen von "gezielter Unterwanderung staatlicher Institutionen" in der Türkei. "Der konspirative Teil der Gülen-Bewegung", so hätten es Quellen bestätigt, erinnere "an Erscheinungsformen organisierter Kriminalität".

Es ist das erste Mal, dass sich deutsche Beamte derart kritisch zu der Bewegung äußern. Und wie ist es in Deutschland? Der ehemalige Funktionär berichtet uns von Akteuren, die im Verborgenen die Strippen ziehen würden.


O-Ton, Stimme nachgesprochen:

"Nicht die Vereinsvorstände, sondern die Imame haben die Macht. Diese Imame kommen aus der Türkei und werden unter verschiedensten Vorwänden nach Deutschland gebracht. Als Journalisten oder als Buchhalter. Und die sind so circa für drei Jahre da."


Ein Gülen-Funktionär soll eine Art Ober-Imam in Deutschland sein: Hüseyin Karakus, laut türkischen Medien lange Zeit Gülen-Chef in Frankreich. Inzwischen ist er in Deutschland tätig.

Ercan Karakoyun ist Vorsitzender der zentralen Gülen-Stiftung in Deutschland und Sprecher der Bewegung. Was sagt er zu der Rolle des Ober-Imams?


Ercan Karakoyun

Ercan Karakoyun, Stiftung Dialog und Bildung

O-Ton, Ercan Karakoyun, Stiftung Dialog und Bildung:

"Er koordiniert die Arbeit der Hizmet-Vereine in Deutschland. Sie können ihn 'Koordinator' nennen, Sie können ihn 'chairman' nennen, Sie können ihn aber auch 'Imam' nennen."


Frage: Gibt es eine geheime Parallelstruktur oder nicht?


O-Ton, Ercan Karakoyun, Stiftung Dialog und Bildung:

"Die Leute sind transparent."


Transparent? Angeblich sitzt der Ober-Imam im Aufsichtsrat der Gülen-Stiftung. Doch auf der Homepage – keinerlei Angaben dazu. Nur zum Stiftungsvorstand.

Wie die Bewegung im Verborgenen agiert, zeigt eine ausgeklügelte PR-Kampagne. Uns liegen die internen Unterlagen dazu vor. Vor Jahren zahlt die Bewegung einen Millionenbetrag an die umstrittene PR-Firma "Burson Marsteller". Die Firma steht in der Kritik, weil sie schon Krisen-Beratung für Militärregime gemacht hat. Die Firma sollte nicht nur das Image der Gülen-Bewegung aufpolieren. Ziel war es auch, Berichterstattung zu beeinflussen. Sie legte Dossiers über kritische Journalisten an. Und sie ging gegen eine Fernsehdokumentation des WDR vor, die sich schon damals kritisch mit der Bewegung auseinandersetzte.


O-Ton, Filmausschnitt "Der lange Arm des Imam" 2013:

"Hinter dieser Fassade sind wir immer wieder auf Indizien einer anderen Agenda gestoßen. Auf eine religiöse Parallelwelt."


Dieses Papier zeigt: Der WDR sollte diskreditiert werden, etwa durch Weitergabe vertraulicher Korrespondenz an wohlgesonnene Journalisten, also "Leaking". Als die Ausstrahlung des Films zwischenzeitlich verschoben wird, verbucht die PR-Firma das als Erfolg.

Von dieser Strategie direkt betroffen: die Kölner Filmemacherin Cornelia Übel, eine der Autorinnen der Dokumentation. Die Gülen-Bewegung, sagt sie, habe auf sie und die Redaktion damals massiv Druck ausgeübt.


Cornelia Übel

Cornelia Übel, freie Autorin

O-Ton, Cornelia Übel, freie Autorin:

"Wenn man sieht, dass sie nach außen hin Dialog als ‚Markenkern‘ einer deutschen Öffentlichkeit verkaufen und im Hintergrund so viel Geld ausgeben, um deutsche Medien so am Gängelband durch die Arena zu führen, wie es ihnen passt, dann ist das ganz klar ein subversives, konspiratives Verhalten."


Wie sieht das der Sprecher der Gülen-Bewegung heute?


O-Ton, Ercan Karakoyun, Stiftung Dialog und Bildung:

"Ich finde es in Ordnung, dass man mit PR-Firmen versucht, sich so darzustellen, wie man ist. Das machen viele Unternehmen, das machen viele Vereine, das macht auch Greenpeace..."


Frage: …und die kritische Berichterstattung zu torpedieren?


O-Ton, Ercan Karakoyun, Stiftung Dialog und Bildung:

"Nein, es geht darum, sich so darzustellen, wie man ist."


Das sieht er anders: Der Islam-Experte Friedmann Eißler beobachtet die Gülen-Bewegung seit Jahren kritisch. Für ihn zeigt die PR-Strategie etwas ganz Grundsätzliches.


Friedmann Eißler

Friedmann Eißler, Evangelisches Zentrum für Weltanschauungsfragen

O-Ton, Friedmann Eißler, Evangelisches Zentrum für Weltanschauungsfragen:

"Für mich bestätigt das, dass das eine Organisation ist, die eben doch nicht nur eine soziale Bewegung ist, sondern auch mit großem Geschütz sozusagen auffahren kann und das auch tut. Und auf diesem Wege auch Gegner aus dem Weg räumt."



Dubiose Macht-Strukturen also, die der ehemalige Funktionär selbst einmal mitgetragen hat. Jetzt will er wachrütteln.


O-Ton, Stimme nachgesprochen:

"Meine Motivation ist, dass die deutsche Öffentlichkeit von der Bewegung mehr verlangt als bisher. Dass man einfach diese Parallelstrukturen aufhebt. Und skeptischer mit der Sekte umgeht."


Abmoderation Fritz Frey:

Kleiner Nachtrag: Fethullah Gülen gilt vielen Erdogan-Anhängern als Drahtzieher des Putsches, des Putschversuchs vor zwei Jahren in der Türkei. Möglicherweise hat der eine oder andere den Bericht jetzt mit klammheimlicher Freude und als Parteinahme zugunsten des türkischen Präsidenten gesehen. Aber das täuscht: Das war unabhängiger Journalismus, der kritisch nach allen Seiten blickt.