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Text des Beitrags Ghettos der Zukunft

Städte planen Massenunterkünfte für Flüchtlinge auf der grünen Wiese

Moderation Fritz Frey:

Aus den Augen aus dem Sinn. Zeitgemäßer formuliert: Was uns nicht täglich in den Nachrichten präsentiert wird, das kann so wichtig nicht sein.

Mit der sogenannten Flüchtlingskrise ist das so. Die Balkanroute ist zu, das Mittelmeer tief, und dass Bayern eine "Obergrenze" fordert, das ist auch schon lange her.

Das Thema verschwindet anscheinend von der Tagesordnung – rechtzeitig vor der Bundestagswahl. Und dabei sind die Probleme mitnichten gelöst. Weder wenn es um Fluchtursachen geht noch um die vielbeschworene Integration hier bei uns.

Swantje Hirsch ist der Frage nachgegangen, wo und wie wir heute die unterbringen, die zu uns gekommen sind. Stadtplanung oder eher statt Planung?

Unsere Reporterin ist auf ein Phänomen gestoßen, das anscheinend auch dem Muster folgt: Aus den Augen, aus dem Sinn.


Bericht:

Wir sind in Obermehler in Thüringen. Mitten im Nirgendwo ist hier ein eigenes Flüchtlingsdorf entstanden. Rund 750 Menschen leben in ehemaligen sowjetischen Kasernen, mehrere Kilometer von der nächsten Ortschaft entfernt.


Flüchtlinge

Flüchtlinge

O-Ton, Flüchtling:

"Hier nicht Germany, nicht deutsch, alles serbisch, arabisch, afghanisch, kurdisch. Nicht Germany."





Viele sind bereits etliche Monate da, sind schon anerkannt. Aber: Obwohl sie woanders hinziehen dürften, sollen sie lieber in den Wohnungen bleiben – hinterm Zaun. Der wurde extra gebaut.

Diese "Vision" eines Flüchtlingsdorfes hatte er: Harald Zanker, Landrat des Unstrut-Hainich-Kreises. Er hat das Gelände sanieren lassen.


Harald Zanker, SPD

Harald Zanker, SPD, Landrat Unstrut-Heinich-Kreis

O-Ton, Harald Zanker, SPD, Landrat Unstrut-Heinich-Kreis:

"Sie leben wie wir in einem Dorf, in einem gemeinsamen Umfeld, wo sie für sich selber, aber auch für andere ihr Leben gestalten."





Damit sie das neue Dorf am besten gar nicht verlassen müssen, gibt es eine Praxis mit Krankenschwester und einem Arzt, der selbst Migrant ist.
Dazu noch ein Büro mit Sozialarbeitern vom Landkreis. Außerdem wird auf dem Gelände ein Sozialzentrum gebaut mit Jugendclub, Sprachkurs-Angeboten und vielem mehr.
Nur zum Einkaufen müssen sie raus, nach Schlotheim, drei Kilometer weit weg. Aber ein Bus hält nur jede Stunde und abends gar nicht mehr.
Fern ab von der Gesellschaft, kann da Integration gelingen? Entsteht hier nicht gerade eine Parallelwelt?
Diese Befürchtung hat Martin Arnold vom Thüringer Flüchtlingsrat.


Martin Arnold, Flüchtlingsrat

Martin Arnold, Flüchtlingsrat Thüringen e.V.

O-Ton, Martin Arnold, Flüchtlingsrat Thüringen e.V.:

"Na ja, Integration muss ja da gelingen, wo das Leben stattfindet, hier findet das normale Landkreisleben nicht statt, also kann hier gar nicht integriert werden. In was soll denn integriert werden?"



Wir versuchen mit Dorfbewohnern zu sprechen, wollen fragen, ob sie Kontakt mit Personen aus dem nächsten Ort haben. Aber die Gesprächsaufnahme ist gar nicht so einfach. Denn obwohl alle sehr freundlich sind, kann immer noch keiner so richtig deutsch.
Flüchtlinge, die Kontakte außerhalb der Siedlung haben, finden wir trotz vielen Suchens nicht.
Frage: Haben sie deutsche Freunde gefunden, kennen Sie Deutsche?


O-Ton, Flüchtling:

"Nein. Hier nicht Germany, nicht deutsch, alles serbisch, arabisch, afghanisch, kurdisch, nicht Germany."


Und dort drüben leben die Deutschen. Im idyllischen Schlotheim. Gibt es einen Austausch? Wir fragen auch hier mal nach.
Frage: Kennen Sie Flüchtlinge auch persönlich?


O-Ton, Passantin:

"Nein, kenne ich nicht."


O-Ton, Passantin:

"Also sie laufen nur an uns vorbei. Manche sagen Hallo, Manche gar nicht."


Frage: So einen Austausch zwischen Einheimischen und denen gibt es das?


O-Ton, Passantin:

"Nee. Könnte ich nicht sagen."


Frage: Also so eine richtige Integration jetzt hier in den Ort?


O-Ton, Passantin:

"Nein."


Flüchtlinge bleiben unter Flüchtlingen, Deutsche unter Deutschen. Ist das sinnvoll? Wie wird bundesweit mit Wohnraum für Flüchtlinge umgegangen?


Hamburg-Billwerde

Hamburg-Billwerde

Hamburg-Billwerder. Eine ländliche Gegend am Stadtrand. Billwerder hat rund 1.430 Einwohner. Bislang. Denn jetzt entsteht hier eine der größten deutschen Flüchtlingssiedlungen. 19 Häuser, 780 Wohnungen für 2.500 Flüchtlinge mit Bleibeperspektive.

Schick und brandneu ist das Viertel ja. Es wird einen Quartiersbeirat geben, Sozialarbeiter und vier Kitas. Anwohner haben dennoch monatelang protestiert. Es sind Architekten und Selbstständige, die weiter Bedenken haben.


Peter Quaddel, Anwohner

Peter Quaddel, Anwohner

O-Ton, Peter Quaddel, Anwohner:

"Die größte Sorge ist natürlich, dass die Integration hier nicht klappt, weil wir einfach in diesem Dorf zu wenig sind, um die Leute hier innerhalb zu integrieren. So und das wird natürlich die Folge haben, dass das hier automatisch eine Parallelgesellschaft wird."


Wegen der Proteste wurde festgelegt: zwar ziehen erst nur Flüchtlinge ein. Später sollen die Wohnungen auch regulär zu mieten seien.
Die Krux dabei: Die jetzt einziehenden Flüchtlinge werden in der Zwischenzeit anerkannt und könnten so als normale Mieter in der Siedlung bleiben.
Was sagen die frisch eingezogenen Flüchtlinge zur Großsiedlung?


O-Ton, Flüchtlingskind:

"Hier kann man nicht ganz so viel tun. Hier ist nicht ganz so viel tun, das man tun kann. Nur zu seinem Haus gucken."


Frage: Kennen Sie Deutsche jetzt hier in dem Viertel?


O-Ton, Flüchtling:

"Nein."


Also auch hier: Flüchtlinge bleiben unter Flüchtlingen, Deutsche unter Deutschen.
Arne Dornquast ist Bezirksamtsleiter und mit der Flüchtlings-Unterbringung beauftragt. Er steht zur Entscheidung, eine komplett neue Siedlung zu bauen.


Arne Dornquast, SPD

Arne Dornquast, SPD, Bezirksamtsleiter Hamburg-Bergedorf

O-Ton, Arne Dornquast, Bezirksamtsleiter Hamburg-Bergedorf:

"Es könnte sein, dass dieser Stadtteil so eine Art Ankunftsort für Menschen aus fremden Ländern wird. In den großen Einwanderungsländern, zum Beispiel in den USA, ist es ganz normal, dass man den ersten Schritt auf den fremden Kontinent in einem Viertel macht, wo man viele trifft, mit denen man sich verständigen kann."


Frage: Aber wie soll da Integration dann gelingen?


O-Ton, Arne Dornquast, Bezirksamtsleiter Hamburg-Bergedorf:

"Die Integration wird nicht in dem Stadtteil selber abschließend möglich sein, sondern die Integration, die müssen wir alle gemeinsam hinbekommen."


In München hat man einen anderen Weg gewählt und keine eigene Großsiedlung für Flüchtlinge geplant. Stattdessen werden 3.000 Wohnungen kleinteilig über die Stadt verteilt gebaut.

Zum Beispiel in Moosach, einem gutbürgerlichen Viertel. Über einem öffentlichen Parkplatz entstehen 100 Wohnungen mit Dachgarten. So wird Fläche doppelt genutzt. Die Hälfte der Wohnungen ist für anerkannte Flüchtlinge gedacht, der Rest für Studenten und andere, die sich den teuren Münchner Mietmarkt nicht leisten können.

Wir treffen den Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter. Er appelliert bundesweit Wohnungen dezentral und sozial durchmischt zu bauen. Das sei durchaus machbar.


Dirk Reiter, SPD

Dirk Reiter, SPD, Oberbürgermeister München

O-Ton, Dieter Reiter, SPD, Oberbürgermeister München:

"Es geht schnell, es ist in einem Jahr realisiert gewesen und es ist eine sehr günstige Art und Weise zu bauen. Und deswegen kann ich nur sagen, glaube ich, dass dieser Weg der richtige ist, und wir nicht dazu übergehen sollten, die anerkannten Asylbewerber oder auch die Flüchtlinge in große Ghettos zu packen und dort quasi von Anfang an unmöglich zu machen, dass sich diese Menschen integrieren."


Hunderttausende anerkannte Flüchtlinge sind bald auf Wohnungssuche. Der Umgang damit wird den Grundstein für die nächsten Jahrzehnte legen, ob die Menschen ihren Weg in die deutsche Gesellschaft finden.