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SENDETERMIN Di, 13.7.2021 | 21:42 Uhr | Das Erste

Gesperrte Brücken Welche Verantwortung trägt die Politik?

Immer mehr Brücken kommen in die Jahre und müssen saniert oder neu gebaut werden. Doch Deutschland steckt mitten im Sanierungsstau. Die Folge sind Staus und Verkehrschaos. Der Fall der Salzbachtalbrücke zeigt, welche Folgen in die Jahre gekommene Brücken haben können. Die Autobahnbrücke an der A66 bei Wiesbaden musste wegen extremer Einsturzgefahr gesperrt werden, nachdem sich Teile der Brücke abgesenkt hatten.

Fahrt in den lang ersehnten Urlaub – Kaum gestartet, stecken viele bereits im Stau. Wie hier an der A1. Hauptgrund: Die rund 840 Baustellen auf den Autobahnen.
Vor allem an Brücken, wie hier bei Leverkusen. Das stresst viele Urlauber – Gerade jetzt zum Beginn der Sommerferien in Nordrhein-Westfalen.
So wie Familie Bender aus der Nähe von Gießen. Sie sind mit ihren Hunden schon eine Weile unterwegs, wollen weiter nach Belgien, standen bereits mehrfach im Stau:

Corinna Bender, Wohnwagentouristin: "Die A45 ist voller Baustellen, da sind ja alle Brücken im Moment in der Mache. Und da kommt man nicht so ganz vorwärts, gerade mit Wohnwagen ist das schon alles sehr eng. Wenn man guckt, wie lange an manche Brücken schon gearbeitet wird, und sich da einfach überhaupt nichts tut in Monaten.”

Wulf Goretzky

Wulf Goretzky, Augenzeuge des Absackens der Brücke

Gemeinsam mit Wulf Goretzki gehen wir an die abgesperrte Autobahnbücke über das Salzbachtal bei Wiesbaden. Keiner darf sich der Brücke mehr nähern: Betreten verboten, es herrscht Lebensgefahr. Auf der linken Seite der Brücke durfte man schon länger nicht mehr fahren. Doch darunter fuhren bis vor kurzem täglich tausende Pendler, so wie Wulf Goretzky. Als er vor kurzem unter der Brücke durchfuhr, bemerkte er an einem der Brückenpfeiler eine Staubwolke:

Wulf Goretzky, Augenzeuge: "Dann kamen kurz darauf die Brocken, die man dann auch gut verfolgen konnte. Da konnte man wirklich sehen, okay, da ist jetzt wirklich was runtergefallen, was mehr ist als Staub, sondern wirklich Stein.

Risse in einer Brücke

Risse in der stark einsturzgefährdeten Salzbachtalbrücke

Und dann zum Schluss ist dann ein Brocken auf die Fahrbahn runtergefallen."

Heute wissen wir: In diesem Moment ist ein Brückenlager zwischen Pfeiler und Fahrbahn zusammengebrochen, die Brücke um einen halben Meter abgesackt.
Der Pfeiler hat massive Risse, steht seither schief. Augenzeuge Wulf Goretzky ruft die Polizei, die die Brücke kurz darauf sperrt.

Erinnerung an Brückenunglück in Genua

Wulf Goretzky, Augenzeuge: "Wenn jetzt eine Lebensgefahr ist, hätte man das auf jeden Fall früher erkennen sollen."

Dieser Vorfall weckt bei so manchem Erinnerungen an den Einsturz der Morandi-Brücke in Genua. 43 Menschen starben. Die Salzbachtalbrücke gilt seit dem 18. Juni als extrem einsturzgefährdet. Niemand darf sich der Brücke mehr als 50 Meter nähern. Justine Neninnger arbeitet für einen mobilen Pflegedienst, fährt jeden Tag kreuz und quer durch Wiesbaden und betreut alte Menschen. Ihr Weg führte dabei auch immer wieder unter der maroden Brücke hindurch:

Justine Nenninger, Krankenpflegerin: "Ich war paar Stunden vorher, war ich da noch drunter und ich habe gedacht: Super, ich hatte das Auto voll und es hätte uns treffen können, wenn da was runtergefallen wäre. Es hätte uns treffen können."
Wenn Sie an diesen Tag zurückdenkt, dann hat sie vor allem eines:

Justine Nenninger

Justine Nenninger, passiert die betroffene Brücke jeden Tag

Justine Nenninger, Krankenpflegerin: "Absolut pure Angst. Hier geht es um Menschenleben. Und wenn ich nur daran denke, ich oder ein kleines Kind läuft da mit seiner Mama lang und da kracht irgendetwas von der Brücke. Wer kann das denn verantworten?"

Die Brückensperrung bedeutet für die Menschen in der Region vor allem: Verkehrschaos und Stau. Und das nicht nur in Wiesbaden,
sondern im ganzen Rhein-Main-Gebiet.

Verkehrschaos im ganzen Rhein-Main-Gebiet


Justine Nenninger, Krankenpflegerin: "Sobald ich im Stau bin, fange ich an, Stress zu haben. Mein Job ist es, zu den, zu meinen Patienten privat nach Hause zu fahren. Demnach, die wohnen alle hier in Wiesbaden und ich versorge sie daheim. Das heißt, für mich ist das wirklich super super wichtig, teilweise vor 8 Uhr, vor 9 Uhr bei den Leuten zu sein, sie zu versorgen mit Insulin, mit Blutzucker-Messen, Tabletten-Gabe."

Und - nicht nur auf den Straßen - auch am Wiesbadener Hauptbahnhof geht seit der Sperrung praktisch nichts mehr. Die Hauptstrecke nach Frankfurt und Mainz verläuft unter der Brücke, ist deshalb ebenfalls gesperrt. Auch Zugpendler, wie Marc Mandrysch sind betroffen:

Marc Mandrysch, Pendler: "Ich habe mir niemals Gedanken darüber gemacht, dass die Hauptverkehrsader tatsächlich unter dieser Brücke durchfährt. Und jetzt dadurch, dass eine Autobahnbrücke abgeschnitten ist, war ja auf einen Schlag dann alles weg. Fahrrad, Zugverkehr, die meisten Autobahn-Verbindungen."

Eine Region versinkt im Verkehrschaos - Konnte das keiner ahnen oder war es doch abzusehen? Wir stoßen bei unseren Recherchen auf einen stenographischen Bericht aus dem Verkehrsausschuss des hessischen Landtags vom 16. Dezember 2020. Darin spricht der hessische Verkehrsminister Tarek Al-Wazir von mehreren "Problembrücken im Autobahnbereich" - darunter auch die Salzbachtalbrücke sowie die Thalaubachbrücke an der A7. Diese neige zum "Spontanversagen".
Was das heißt, erklärt der Minister laut Protokoll so:

Zitat Tarek Al-Wazir, Dezember 2020: „Spontanversagen bedeutet, der Bruch tritt ein, und die Brücke fällt einfach zusammen.“

Spontanversagen: Brücken fallen einfach zusammen


Ein Mitarbeiter seines Ministeriums ergänzt:

Zitat Weber, Dezember 2020: „Es sind teilweise konstruktive Eigenarten der Brücken der Sechzigerjahre, dass (…) sie ohne Vorankündigung zu einem Spontanversagen neigen können“

Handelt es sich beim Vorfall an der Salzbachtalbrücke auch um ein Spontanversagen? Auf unsere Nachfrage erklärt die zuständige Autobahn GmbH knapp: Ja! Besorgniserregend – denn die allermeisten Brücken in Deutschland – vor allem im Westen – stammen aus den 60er und 70er Jahren. Viele sind jetzt marode.
Von den rund 40.000 Brücken an Bundesfernstraßen sind aktuell rund 4.000 stark sanierungsbedürftig.

Was das konkret bedeutet, können wir uns rund 100 Kilometer weiter nördlich ansehen. Wieder ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt – diesmal in Koblenz. Diese Brücke über den Rhein wurde Mitte der siebziger Jahre gebaut und ist jetzt stark beschädigt. Auf der Baustelle erklärt uns Maximilian Duhr, dass Feuchtigkeit eingedrungen ist.

Maximilian Duhr, Landesbetrieb Mobilität Rheinland-Pfalz: "Durch die Feuchtigkeit haben sich Chloride gebildet, die dann den sogenannten Lochfraß am Bewährungsstahl hervorgerufen haben. Das sieht man da ganz gut. Das ist normalerweise eine durchgängige Stahlverbindung, die hier komplett sich aufgelöst hat."

Der Stahl, der die Brücke von innen stabilisieren soll – verrostet und zerbröckelt.
So ein Schaden kommt häufiger vor. Sehen kann man das aber erst, wenn man die Fahrbahn der Brücke abträgt - so wie hier.

Maximilian Duhr, Landesbetrieb Mobilität Rheinland-Pfalz: "Also in dem Ausmaße, wie wir das hier vorgefunden haben, war das nicht zu erwarten zum damaligen Zeitpunkt."

Brückenbaustelle

Die Salzbachtalbrücke in Wiesbaden

Die Reparaturen werden noch mindestens bis nächstes Jahr dauern – zum Teil in mühsamer Handarbeit. Das zeigt, warum es auf den Baustellen so langsam vorangeht. Warum sind viele unserer Brücken in so einem schlechten Zustand? Die A9 bei Nürnberg. An dieser modernen Brücke treffen wir den Experten Professor Martin Mertens.
Er nimmt uns mit in das Herz der Brücke, hinauf, direkt unter die Fahrbahn.
Hier forscht er zur automatischen Überwachung von Brücken.

Professor Martin Mertens, Hochschule Bochum: "Die Autos sind 30 cm über uns. Da fahren die".

Der Verkehr, vor allem der Schwerlastverkehr, sei ein Grund, warum so viele ältere Brücken verschlissen sind:

Martin Martens

Professor Martin Mertens, Hochschule Bochum



Professor Martin Mertens, Hochschule Bochum: "Ein LKW schädigt ein Bauwerk ungefähr so wie, sagen wir mal, im Mittel 40 000 PKW. Wir haben unsere Brücken mit dem hohen Verkehrsaufkommen, mit den hohen Lasten eingestampft, ja? Wir haben die kaputt gefahren. Und das ist wirklich immer weitergegangen. Das war gesellschaftlich und politisch gewollt. Und das hat unsere Brücken kaputt gemacht.”

Deutschland schiebt eine Sanierungswelle vor sich her. Wie geht die Politik damit um? Unter Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer wurde die Autobahn GmbH gegründet, die nun zentral die Sanierung aller Brücken koordinieren soll. Außerdem pumpt der Bund seit ein paar Jahren jede Menge Geld in die Brückenerhaltung: Allein 2021 rund eineinhalb Milliarden Euro. Doch diese riesigen Summen von heute können die Fehler von früher nicht ungeschehen machen, sagt Infrastrukturexperte Thomas Puls.

Sanierungsstau trotz Milliardenausgaben


Thomas Puls

Thomas Puls, Infrastrukturexperte am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln

Thomas Puls, Infrastrukturexperte IW Köln: “Für den Zeitraum 2000 bis 2015 will ich sagen: Das Problem war schlicht und ergreifend: Es war kein Geld da. Und das hat uns, hat dann eben dazu geführt auch, dass man immer weniger Projekte hatte, dass beispielsweise die zuständigen Behörden Personal abgebaut haben. Die hatten ja nichts zu tun. Oder viele hatten im Laufe weniger zu tun. Wie macht das der öffentliche Dienst, wenn er Personal abbaut? Er verzichtet auf Neueinstellungen. Und das ist ein Problem, das uns heute einholt. Wenn wir dann ganz viel neues Geld bereitstellen, wer soll es denn verbauen?"

Ein drastisches Beispiel für Personalabbau: Berlin. Hier wurden in den vergangenen Jahren fast die Hälfte aller Stellen in der Straßen- und Brückenbauverwaltung eingespart, von knapp 550 im Jahr 2001 auf rund 290 im Jahr 2015. Dabei gibt es auch hier jede Menge "Problembrücken" – etwa die Elsenbrücke im Osten Berlins. Hier haben wir uns mit Kristian Ronneburg, Verkehrsexperte der Linken verabredet. Er sagt: das Personalproblem werde in Berlin noch größer werden. Auch wegen der Autobahn GmbH.

Kristian Ronneburg

Kristian Ronneburg, Die Linke, Abgeordnetenhaus Berlin



Kristian Ronneburg, Die Linke, Abgeordnetenhaus Berlin: "Die Autobahn GmbH hat eine große Offensive gestartet zur Abwerbung von Personal. Die Autobahn GmbH kommt gerade zu einem sehr, sehr schwierigen Zeitpunkt für Berlin, weil wir haben schon eine schwierige Personalsituation. Und die wird sich dadurch sehr wahrscheinlich verschlechtern."

Es herrscht ein Kampf um die besten Köpfe zwischen Bund und Ländern.
Dazu kommen weitere Startprobleme bei der neuen Autobahn-Gesellschaft.

Thomas Puls, Infrastrukturexperte IW Köln: "Die Übergabe der Kompetenzen funktioniert nicht so gut, wie man gehofft hat. Ebenso hat es mit der Rekrutierung nicht so gut geklappt. Man sitzt halt auf einem extrem engen Arbeitsmarkt. Die Zusammenführung von 16 Systemen hat sich als problematischer erwiesen, als man gehofft hat."

Was sagt der zuständige Bundesverkehrsminister dazu? Das hätten wir gern von Andreas Scheuer gewusst. Doch ein Interview ist nicht möglich und auf unsere Fragen geht das Ministerium in seiner Antwort nicht ein. Zurück nach Hessen zur Salzbachtalbrücke. Die Autobahn GmbH ist seit Januar auch für sie zuständig und hat jetzt erste Konsequenzen aus dem Vorfall gezogen: Bundesweit werden aktuell tausende Brückenlager kontrolliert. Es soll verhindert werden, dass solche Lager auch an anderen Brücken einfach zusammenbrechen. Und die Brücke: Sie soll möglichst bald gesprengt werden, wahrscheinlich zusammen mit diesem LKW. Er hat es nicht mehr von der Brücke heruntergeschafft – wegen extremer Einsturzgefahr.

aus der Sendung vom

Di, 13.7.2021 | 21:42 Uhr

Das Erste

Autor*innen:
Monika Anthes, Mona Botros, Manuela Dursun, Christian Saathof

Kamera:
Plamen Altanov, Lasse Brünjes, David Reisler, Florian Schuster, Till Thalmann, Gerhard Volp

Schnitt:
Florian Klein