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SENDETERMIN Di, 13.9.2022 | 21:48 Uhr | Das Erste

Geschäfte mit Long-Covid-Patienten Dubiose Heilmethoden und Nahrungsergänzungsmittel

Der Markt mit teuren Behandlungsmethoden gegen Long-/Post-Covid boomt. Die Therapien sind nicht erforscht, kosten teilweise tausende von Euro und können sogar gesundheitsgefährdend sein. Ob Nahrungsergänzungsmittel, Blutwäschen oder Überdruckkammern für den Hausgebrauch: die Hoffnung auf Heilung machen manche Ärzte zu Geld.

Michael Warzecha, Post-Covid-Patient:
"Fertig mit Studieren, weißt du, Freundin am Start, alles perfekt. Ja, tut schon weh natürlich, wenn man sich dann irgendwie alte Fotos anguckt und alles, hängt ja nur zu Hause. Es ist also eigentlich kein Leben."

Das Leben mit Post-Covid. Atemnot, Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen und immer diese bleierne Müdigkeit. Das ganze Leben, verlangsamt.

Michael Warzecha wohnt wieder in seinem alten Kinderzimmer, bei den Eltern. Medikamente, Nahrungsergänzungsmittel - vieles hat der 31-jährige schon ausprobiert. Zahlreiche Ärzte aufgesucht - niemand kann ihm helfen. Deshalb hilft er sich jetzt selbst.

Verzweifelte Patienten greifen zur Selbsthilfe

Michael Warzecha

Michael Warzecha

Michael Warzecha, Post-Covid-Patient:
"Jeden Tag ist man durch die Hölle gegangen und irgendwann ist man wirklich bereit zu Sachen, die man vorher vielleicht nicht gemacht hätte. Dadurch, dass man sich einfach so im Stich gelassen fühlt, greift man nach jedem Strohhalm und probiert dann halt auch wirklich alles aus."  

Was helfen könnte, was es Neues auf dem Markt gibt, darüber tauscht er sich mit Phil Lehner aus. Auch er hat Post Covid und macht zurzeit eine gewagte Therapie in Eigenregie - in der heimischen Garage: 

Phil Lehner

Phil Lehner

Phil Lehner, Post-Covid-Patient:
"Das funktioniert so, dass ich dort einen Kompressor habe und daneben ist ein Kühler. Die Luft wird dann hier in die Kammer gepustet. Dann liege ich wirklich zwei Stunden in dieser Kammer und atme reinen Sauerstoff ein." 

Eine kleine Überdruckkammer, aus Holland importiert. Das Experiment kostet Phil 1.000 Euro Miete im Monat - so verzweifelt ist er mittlerweile. 

Die beiden jungen Männer haben schon zahllose Therapieansätze und Medikamente ausprobiert - teilweise aus fragwürdigen Quellen und für viele tausende von Euro.

Phil Lehner, Post-Covid-Patient:
"Bisher habe ich ungefähr für alle Therapien um die 30.000 Euro ausgegeben, damit ich wieder einigermaßen am Leben teilhaben kann. Sowas ist natürlich ein riesiges Problem, weil man einfach Schwierigkeiten hat, zu unterscheiden, was ist ein seriöses gutes Angebot und was nicht."

Etablierte Therapieform noch immer nicht in Aussicht 

Die Professorin Carmen Scheibenbogen von der Charité in Berlin ist eine der führenden Wissenschaftlerinnen im Bereich Long- und Post Covid. Sie weiß: Eine wissenschaftlich als wirksam erwiesene Therapieform, mit der die Krankheit besiegt werden kann, gibt es noch nicht - ein Einfallstor für dubiose Heilsversprechen. 

Prof. Carmen Scheibenbogen

Prof. Carmen Scheibenbogen

Carmen Scheibenbogen, Immunologin Charité Berlin:
"Nun, es ist leider so, ich meine, das kennen wir auch aus der Onkologie: Wenn die Medizin nichts mehr anzubieten hat, dann kommen leider auch Menschen auf den Plan, die damit Geld verdienen wollen. Und da kann ich immer nur den Patienten wirklich sagen: Nutzen Sie Ihren gesunden Menschenverstand. Und wenn Ihnen einer verspricht, er hätte hier ein Wundermittel und Sie müssen dafür 10.000 Euro bezahlen, dann kann ich nur sagen: Wenn es wirklich so einen Ansatz gäbe, der so gut wirkt, dann wüssten wir das auch schon."

Wir treffen die 26-jährige Nicole. Sie will nicht erkannt werden. Nicole hat sich mit ihrer Post-Covid-Erkrankung an einen niedergelassenen Hausarzt gewandt, ihm vertraut. Erst habe der allerlei Tests angeordnet, die die Krankenkasse bezahlt. Dann sollten weitere Tests auf eigene Rechnung folgen.

Nicole, Post-Covid-Patientin:
"Und je nach Ergebnis hätte er dann die passenden Nahrungsergänzungsmittel für mich. Dann habe ich gesagt, dass ich mir das nicht leisten kann. Und dann hat er mich fast wortlos rausgeschickt und dann war mir klar: Okay, die Behandlung ist jetzt vorbei."

Wer ist der Münchner Mediziner, der angeblich so mit Patienten umgeht? Wir finden heraus: Er selbst steht im Impressum des Unternehmens, das die Nahrungsergänzungsmittel vertreibt. Das dort käufliche "Long Covid Paket" kostet in der Monatsration 355 Euro. 

Verbraucherschützer alarmiert

Angela Clausen, Verbraucherzentrale NRW:
"Ich bin erstmal erschlagen. Ich habe hier sechs Produkte. Soll ich die alle nehmen dagegen?" 

Ernährungswissenschaftlerin Angela Clausen hat sich die Inhaltstoffe des Pakets für uns angesehen:

Angela Clausen

Angela Clausen

Angela Clausen, Verbraucherzentrale NRW: 
"Nahrungsergänzungsmittel sind prinzipiell nicht zur Behandlung von Kranken da und wenn sie so dargestellt werden, als ob sie Kranken helfen würden, wird damit mit der Gesundheit von Leuten gespielt und es wird mit der Hoffnung von Leuten gespielt und es wird damit auch ein Schaden verursacht, ein wirtschaftlicher Schaden, und natürlich möglicherweise auch ein gesundheitlicher Schaden, weil eben Stoffe verwendet werden, wo das Bundesinstitut für Risikobewertung sagt, dass sie in der Menge so hoch sind, dass man nicht mehr von der sicheren Verwendung ausgehen kann." 

Was sagt der Arzt zu diesen Vorwürfen? Er stimmt einem Interview per Videotelefonie zu. 

Christian Burghardt

Christian Burghardt

Christian Burghardt, Arzt:
"Die Leute sollen das zur Unterstützung nehmen, nicht zur Heilung. Sie können Long Covid nicht heilen - weder mit Medikamenten, noch können Sie das heilen mit Nahrungsergänzungsmitteln. Es ist durchaus richtig, dass man vielleicht, wenn man verschiedene Produkte kombiniert, die Dosierung zu hoch sein könnte, aber dafür ist ja der Arzt oder Therapeut da, das dann anzupassen." 

Aber die Mittel sind für jeden frei käuflich. Und die Dosierungshinweise des Pakets für eine Tagesdosis überschreiten bei manchen Stoffen die Empfehlungen des Bundesinstituts für Risikobewertung um mehr als das Zehnfache, so die Expertin. 

Unzufriedene Patienten, wie Nicole, sagt Burghardt, seien nur Einzelfälle. Und dass er als Arzt seine eigenen Produkte vertreibt? 

Christian Burghardt, Arzt: 
"Ich habe als Geschäftsführer der Firma MITOcare einen Interessenskonflikt, selbstverständlich. Und über diesen Interessenskonflikt kläre ich meine Patienten mithilfe eines Aufklärungsschreibens auf, bei dem die Patienten gezwungen sind, vier Unterschriften zu leisten, unter anderem auch eine, wo draufsteht: Ich möchte explizit eine Behandlung mit diesen Produkten haben." 

Ärzte machen problematische Profite

Angela Clausen, Verbraucherzentrale NRW:
"Ich finde es immer sehr, sehr schwierig, wenn ein Arzt tatsächlich von dem profitiert, was er selber empfiehlt. Das gehört für mich nicht zum Selbstverständnis eines Arztes. Und da jetzt selber daraus einen wirtschaftlichen Nutzen zu ziehen, verstehe ich persönlich als Verstoß gegen die Berufsordnung." 

Einen Tag nach unserem Interview ist das "Long Covid Paket" nicht mehr in dem Online-Shop zu finden. 

Matthias Fritz kämpft seit mehr als einem Jahr mit Post Covid. Eine schwere Migräne, kognitive Störungen und Müdigkeit belasten ihn, zwingen den Manager seither zu einem Leben in Zeitlupe. Auch er musste eine bittere Erfahrung mit einem Arzt erleben. Der wollte sich mit einer bestimmten Art von Blutwäsche zur Behandlung von Post Covid, einer sogenannten Apherese, offenbar einen Geschäftszweig aufbauen. 

Matthias Fritz

Matthias Fritz

Matthias Fritz, Post-Covid-Patient: 
"Bei der Selbsthilfegruppe hat sich dann ein Arzt gemeldet. Der sagte, er möchte gerne einen Versuch machen mit zehn Probanden. Zuerst hatten wir den Eindruck, es soll kostenlos sein. Dann waren die Kosten plötzlich bei 800 Euro pro Versuch. Dann haben wir eine E-Mail gekriegt, dass auch noch die Mehrwertsteuer vergessen wurde und letztendlich hätten wir alle Tausende von Euro bezahlen müssen." 

Der E-Mail-Verkehr mit dem Arzt liegt REPORT MAINZ vor. Für Matthias Fritz ein schwerer Rückschlag - sollte die sogenannte Apherese doch endlich Heilung bringen. 

Matthias Fritz, Post-Covid-Patient:
"Das war sehr frustrierend für mich, weil ich hatte natürlich auch viel Hoffnung da reingesetzt und wollte das ausprobieren." 

Auf die Vorwürfe entgegnet der Arzt: 

Dr. med. Boris P., Arzt: 
"[…] in unserem OP- Zentrum (wurden) zu keinem Zeitpunkt Apherese- Behandlungen bei Post-Covid-Erkrankungen durchgeführt. Auch haben wir zu keinem Zeitpunkt den Vereinsmitgliedern eine „Teilnahme als "Probanden" in einer medizinischen Studie" angeboten. Hier liegt ein Missverständnis oder Irrtum vor." 

Alles nur ein Missverständnis? Zweifelsohne sind solche Apherese-Verfahren kostspielig und werden zum jetzigen Zeitpunkt nicht von der Krankenkasse bezahlt. Die Wirksamkeit der Blutwäsche und vieler anderer möglicher Therapieverfahren sei einfach noch nicht erforscht. 

Carmen Scheibenbogen, Immunologin Charité Berlin:
"Die Situation für die Erkrankten und natürlich für uns als Behandler ist sehr schwierig, weil wir bislang bei den allermeisten Erkrankten keine gezielte ursächliche Therapie haben, mit der wir die Patienten heilen können. Das heißt, wir können bei den meisten bislang nur Symptome behandeln, was oft heißt eine gewisse Linderung oder Besserung der Erkrankung, aber viele bleiben anhaltend krank. Und dann ist es natürlich mehr als verständlich, dass man sich in seiner Verzweiflung auch umschaut, ob es irgendetwas gibt, das einem helfen könnte. Und was wir ganz dringend brauchen, ist Therapiestudien, die wir jetzt ganz schnell anstoßen." 

Doch der Wissenschaftlerin und ihren Kollegen fehlt es dafür bisher schlicht an Geld. 

Bundesgesundheitsministerium räumt Forschungslücken ein

Carmen Scheibenbogen, Immunologin Charité Berlin:
"Wir brauchen auch in Deutschland noch mehr Unterstützung. Also die Unterstützung, die wir bislang haben, reicht nicht aus für das, was wir im nächsten Jahr noch machen wollen." 

Das Bundesgesundheitsministerium schreibt auf REPORT MAINZ-Anfrage, dass man ein deutschlandweites Forschungsnetzwerk aufbauen wolle. Gleichzeitig räumt das Ministerium ein: 

Bundesministerium für Gesundheit:
"Es wird deutlich, dass bereits zahlreiche Forschungsaktivitäten initiiert wurden. Dennoch bleiben Forschungslücken, die weitere Maßnahmen erfordern." 

Bis diese Lücken geschlossen sind, müssen die Post-Covid-Betroffenen weiter warten - oder eben weiter im Selbstversuch nach der einen Therapie suchen, die ihnen endlich helfen kann. Koste es, was es wolle.

aus der Sendung vom

Di, 13.9.2022 | 21:48 Uhr

Das Erste

Autorinnen:
Claudia Kaffanke, Niklas Maurer

Kamera:
Plamen Altanov, Michael Barthelmess, Arno Canzler,
Jens Thering von der Osten, Frieder Wiech, Markus Windmeier

Schnitt:
Andreas Abb

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