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Text des Beitrags Gequälte Kreaturen in Zoogeschäften

Woher kommen die Heimtiere?

Dieser niedliche kleine Kerl hier ist einer von ganz vielen: Circa drei Millionen Kaninchen leben in deutschen Haushalten – oft gehätschelt und verwöhnt. Doch bis sie bei ihrem glücklichen Besitzer landen, haben sie oft eine qualvolle Odyssee hinter sich. Guten Abend zu REPORT MAINZ! Der Handel mit sogenannten Kleintieren – also mit Kaninchen, aber auch mit Hamstern und Meerschweinchen, das ist unser erstes Thema. Für viele von uns ist ein Haustier ein Herzenswunsch, und auch wer sich keinen Hund oder eine Katze zulegen will oder kann, der denkt schnell über so einen Zeitgenossen nach. Monika Anthes und Edgar Verheyen haben gemeinsam mit einem Kollegen vom Spiegel in der Welt des Kleintierhandels recherchiert und in dieser Welt geht es alles andere als niedlich zu.

Kaninchen hinter Käfigstäben

Viele Zoo- und Heimtiere leben unter schlimmen Bedingungen.

Heimlich gedrehte Aufnahmen der Tierrechtsorganisation PETA: Tiere im Zoofachhandel, präsentiert in gepflegten Schaukäfigen. Der Handel verspricht: höchste Tierschutzstandards. Doch ist das tatsächlich so?

Tierschützer haben über ein dreiviertel Jahr Zucht und Handel von Kleintieren unter die Lupe genommen, unzählige Verkaufsgespräche verdeckt gefilmt bei den Marktführern Futterhaus, Fressnapf und Dehner. Auf die Frage wo die Tiere herkommen, erklären Verkäuferinnen:


O-Ton, Gedächtnisprotokoll:

"Die kommen aus Deutschland."


O-Ton, Gedächtnisprotokoll:

"Die sind von einem anerkannten Züchter von Fressnapf."


O-Ton, Gedächtnisprotokoll:

"Der heißt Dennis G., ich geb Ihnen die Info mit."


In mehreren Märkten bekommen die Tierschützer diesen Flyer.
Stammen die Tiere tatsächlich alle von diesem einen kleinen Züchter? Wie ist das möglich?

Das ist der Betrieb. Er liegt südlich von Bremen. Im vergangenen Herbst haben die Tierschützer hier nachts gefilmt. Die Aufnahmen zeigen Hamster und vor allem Vögel. Teilweise auf engstem Raum, eingepfercht in vollgestopften Kisten. Sie können sich kaum aufrichten.

Wir konfrontieren den Züchter mit den Bildern aus seinem Betrieb.


Er gesteht Fehler ein:


O-Ton, Dennis G., Kleintierhändler:

"Das ist wahrscheinlich nicht in Ordnung. Was anderes wollen Sie ja wohl jetzt auch nicht hören."


Frage: Nein, aber wie kannst es denn dann sein, wenn Sie sagen, das ist nicht okay, Sie kritisieren ja Ihre eigene Haltung sozusagen ein bisschen jetzt?


O-Ton, Dennis G., Kleintierhändler:

"Weil ich weiß, dass die Tiere hier nur einen gewissen Zeitraum sitzen. Die sitzen da maximal zwei bis drei Tage drin."


Frage: Die Tiere, die zwei bis drei Tage hier bleiben, die kommen von woanders?


O-Ton, Dennis G., Kleintierhändler:


"Die kommen von woanders. Richtig."


Frage: Von einem Ursprungshändler?


O-Ton, Dennis G., Kleintierhändler:


"Richtig."


Frage: Aber da kommt sehr viel aus dem Ausland?


O-Ton, Dennis G., Kleintierhändler:

"Wenn sie eine bestimmte Betriebsgröße haben, dann können sie die Mengen gar nicht züchten, das geht gar nicht."


Dennis G. züchtet also nur im kleinen Stil. Er ist vor allem ein Großhändler. Das zeigen auch Dokumente, die der Redaktion vorliegen. Darin auch Hinweise, wo die Tiere tatsächlich herkommen.

Manche kommen von Züchtern in der Nähe, unter anderem aus dieser alten Scheune. Als die Tierschützer den Stall betreten, entdecken sie Hunderte von Meerschweinchen, Hamstern und anderen Nagetieren in alten Bottichen.

Verwesende Kadaver liegen neben noch lebenden Kreaturen.
Verfüttert wird vergammeltes Brot. Trotz mehrfacher Nachfrage waren die Inhaber für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Die Dokumente zeigen aber auch: Viele Tiere stammen gar nicht aus Deutschland, sondern aus den Niederlanden. Zum Beispiel von diesem Betrieb südlich von Amsterdam. Ein Tierschützer, der nicht erkannt werden will, hat die Lage dort dokumentiert. Später erzählt er uns seine Eindrücke.


O-Ton:

"Wir haben erlebt, dass da tote Tiere in den Käfigen mit anderen Tieren lagen, die von anderen Tieren irgendwie angefressen wurden. Die Wasserversorgung war nicht sicher gestellt. Wenn wir dann das Wasser aufgefüllt haben, haben sich die Tiere drauf gestürzt."


Wir fahren zu dem niederländischen Züchter. Er ist sogar bereit, uns seinen Stall zu zeigen. Auch wir sehen verdreckte Käfige.


Später zeigen wir ihm die Bilder. Er will unerkannt bleiben und auch nicht zu allen Vorwürfen Stellung nehmen. Ohne Kamera ist er zu einem Statement bereit und erklärt, er mache einmal pro Woche sauber. Auf die Wasserversorgung angesprochen sagt er:


O-Ton:

"Im Moment trinke ich auch nicht, ich habe auch nicht den ganzen Tag Wasser."


Wie muss man diese Zustände in der Kleintierzucht einordnen?
Wir bitten die baden-württembergische Landestierschutzbeauftragte Dr. Cornelie Jäger um eine Begutachtung des umfangreichen Bildmaterials. Ihre Einschätzung:


Dr. Cornelie Jäger, Landestierschutzbeauftragte Baden-Württemberg im Interview (nah)

Dr. Cornelie Jäger, Landestierschutzbeauftragte Baden-Württemberg

O-Ton, Dr. Cornelie Jäger, Landestierschutzbeauftragte Baden-Württemberg:

"Wer ein bisschen Mitempfinden mit den Tieren hat, kann solche Verhältnisse nicht einen Tag ertragen. Ich würde davon ausgehen, dass da die Grenze zur Strafbarkeit erreicht ist und wahrscheinlich in vielen Fällen auch überschritten ist."


Für die Veterinärin ein Fall für den Staatsanwalt. Wie passt das zu den Tierschutzstandards von Dehner, Fressnapf und Futterhaus?

Wir fragen nach. Dehner und Fressnapf kündigen Konsequenzen an. Dehner fordert eine lückenlose Aufklärung und will die weiteren Geschäftsbeziehungen mit den Lieferanten davon abhängig machen. Fressnapf will keine Kleintiere mehr über die Lieferanten beziehen.

Eine Sprecherin von "Das Futterhaus" ist zu einem Interview bereit, kommentiert die Rechercheergebnisse:


O-Ton, Irene Nagel, Das Futterhaus:

Irene Nagel, Das Futterhaus im Gespräch (nah)

Irene Nagel, Das Futterhaus

"Also für uns heißt das konkret natürlich, dass wir von diesen Händlern natürlich auf keinen Fall mehr kaufen und generell uns wirklich bemühen werden auf Händler einfach generell zu verzichten und nur uns auf örtliche Züchter beschränken."


Doch Tierschützern reicht das nicht. Sie fordern ein Eingreifen von Politik und Behörden.


Edmund Haferbeck, PETA-Deutschland im Gespräch (nah)

Edmund Haferbeck, PETA-Deutschland

O-Ton, Edmund Haferbeck, PETA-Deutschland:

"Wir verlangen ganz klar von den Staatsanwaltschaften, die wir jetzt eingeschaltet haben, und den Veterinärbehörden, endlich diese Betriebe und Züchter zu schließen bzw. tatsächlich die Tiere sicherzustellen."


O-Ton, Dr. Cornelie Jäger, Landestierschutzbeauftragte Baden-Württemberg:

"Ich bin der Meinung, wir bräuchten insgesamt dringend eine Tierschutzheimtierverordnung, die natürlich dann auch diese Zucht auch mit beinhalten würde, wo Mindeststandards festgelegt werden."


Eine spezielle Verordnung zum Schutz von Kleintieren also. Das hält die Bundesregierung aktuell nicht für nötig. Fakt ist jedoch: Der Handel mit Kleintieren ist nach wie vor ein grauer Markt, weitestgehend unkontrolliert und ungeregelt.



Abmoderation Fritz Frey:

Über den Kleintierhandel habe ich auch mit unserem Autorenteam gesprochen – zu sehen unter reportmainz.de