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SENDETERMIN Mo, 22.3.2010 | 21:45 Uhr | Das Erste

Gequälte Kaninchen Das jahrelange Versagen der Politik beim Tierschutz

Kaninchen sind wirklich putzig, und auch als Braten, sagen die, die sich da auskennen, nicht zu verachten. Wer sich jedoch mit der Frage befasst, wie solche Tiere gezüchtet werden, dem kann schnell der Appetit vergehen.

Monika Anthes und Edgar Verheyen sind bei ihren Nachforschungen aber noch auf einen weiteren Missstand gestoßen: Es gibt in Deutschland, wo doch wirklich alles geregelt zu sein scheint, keine klare gesetzliche Regelung zur Haltung von sogenannten Mastkaninchen.

Tierschützer dokumentieren Zustände in sechs deutschen Kaninchenmastbetrieben. Es sind aktuelle Aufnahmen. Heimlich filmen sie Kaninchen auf engstem Raum. Pfoten drücken sich durch die Drahtböden. Darunter Kotberge. Die Luft ein Gemisch aus Ammoniak und Verwesung.

Immer wieder dokumentieren sie auch tote und schwer kranke Tiere. Finden vor jeder Anlage prall gefüllte Kadavertonnen. Für den Präsidenten der Bundestierärztekammer, Professor Theo Mantel, sind das unhaltbare Zustände.

O-Ton, Prof. Theo Mantel, Präsident Bundestierärztekammer:

"Fürchterlich wie das ausschaut. Das sind jetzt diese typischen Folgeschäden, wenn eben die Tiere keinerlei Beschäftigung haben, dass die sich gegenseitig anknabbern, dass die möglicherweise aggressiv werden. Da führt kein Weg dran vorbei, so was können wir aus tierschützerischer Sicht und aus tiermedizinischer Sicht einfach nicht gutheißen."

Wir fahren nach Baden-Württemberg. Eine der Mastanlagen liegt nördlich von Stuttgart. Bereits von außen wirkt der Betrieb heruntergekommen und dies zeigen auch die Aufnahmen aus dem Stall. Auch hier leben rund 4.000 Tiere unter extremen Bedingungen.

Wir konfrontieren den Mäster mit den Bildern. Er gibt uns ein Interview, will jedoch anonym bleiben.

Frage: Ist das eine artgerechte Tierhaltung für ein Kaninchen? Geht’s um den Profit, ums Geld?

O-Ton:

"Es geht nicht in dem Sinn um Profit oder um Geld, sondern es geht darum, dass die Gesetzesvorlagen fehlen."

Ist das so einfach? Der Gesetzgeber ist also Schuld?

Doch tatsächlich, es gibt keine speziellen Vorschriften für die Kaninchenmast. Deshalb sind solche Zustände sogar legal.

O-Ton, Prof. Theo Mantel, Präsident Bundestierärztekammer:

"Das ist ein Problem. Wir haben ja bereits von Seiten der Bundestierärztekammer, seit Jahren, möchte ich sagen, angemahnt, eine Aufnahme der Vorschriften in die Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung."

Auch REPORT MAINZ hat bereits vor acht Jahren auf Missstände in der Kaninchenmast hingewiesen.

O-Ton, REPORT MAINZ, 18.03.2002:

"Ein Muttertier muss auf seinen totgeborenen Babys herumtrampeln."

Schon damals wurden rechtliche Regelungen gefordert. Doch die gibt es bis heute nicht. Februar 2009, der Bundesrat beschließt: Die Regierung soll zeitnah die Haltung von Kaninchen verbessern. Baden-Württemberg hatte sich dafür stark gemacht.

O-Ton, Rudolf Köberle, CDU, Landwirtschaftsminister Baden-Württemberg:

"Die Forderung bleibt, dass das zeitnah geschehen muss, sonst hätten wir diese Initiative nicht so mit Nachdruck im Bundesrat gestellt. Der Bund arbeitet daran, der ist jetzt in der Bringschuld."

Und was hat die Bundesregierung bisher unternommen? Das hätten wir gerne Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner gefragt. Für ein Interview mit uns hat Sie keine Zeit. Stattdessen erhalten wir eine schriftliche Stellungnahme.

Darin verspricht die Ministerin: „Ein Entwurf“ für eine gesetzliche Regelung wird noch „in dieser Legislaturperiode“ vorgelegt. Schöne Worte, doch mehr als eine Absichtserklärung ist das nicht.

Inzwischen hat der Handel reagiert. Die sogenannte Gütegemeinschaft Ernährung, kurz GGE, wirbt vollmundig mit einem Siegel und verspricht: Kaninchen aus ihren Betrieben werden artgerecht gehalten.

Dieser Betrieb im südlichen Rheinland-Pfalz hat das Gütesiegel. Er gehört dem Vorsitzenden des Bundesverbandes der Kaninchenfleischerzeuger. Auch aus einer seiner Hallen liegen uns heimlich gedrehte Aufnahmen vor. Die Käfige sind zwar etwas größer, doch die Probleme dieselben: Verstümmelte, verletzte und auch tote Tiere. Zudem drehen die Filmemacher das Stallprotokoll. Darin der Eintrag: „Durchfall, hohe Verluste“.

Daneben ein Medikamentenschrank. Spritzen, alles liegt durcheinander, zudem finden die Tierschützer ein hochwirksames Antibiotikum.

O-Ton, Prof. Theo Mantel, Präsident Bundestierärztekammer:

"Also hier geht es ja heftig zur Sache. Das ist Endofloxacin, das ist an sich ein Reserveantibiotikum, was in der Regel nicht eingesetzt werden sollte. Die schlechten Haltungsbedingungen sollten nicht durch Einsatz von Antibiotika kompensiert werden, das ist ja gerade das, was wir aus tierärztlicher Sicht wollen, dass der Antibiotika-Einsatz zurück geht."

Vor wenigen Tagen. Wir versuchen den Verbandspräsidenten mit den Bildern zu konfrontieren. Doch jedes Gespräch wird abgelehnt. Für die Tierschutzvereinigung „Vier Pfoten“ ist das GGE-Siegel ein Etikettenschwindel.

O-Ton, Johanna Stadler-Wolffersgrün, Tierschutzorganisation "Vier Pfoten":

"Diese GGE-Richtlinien, Gütegemeinschaft Ernährung, beziehen sich auf die Haltung von Kaninchen in Käfigen. Aus Tierschutzsicht kann man niemals einen Käfig als eine artgerechte oder tiergerechte Haltungsform sehen. Weil artgerecht ist, erstens, nur die Freiheit, und eine tiergerechte Haltungsform muss mindestens eine Haltung in Bodenhaltung, wie bei den Hennen sein."

Doch die Gütegemeinschaft Ernährung wirbt mit "Qualität aus artgerechter Haltung". Gemeint ist damit auch die Käfighaltung.

In einem Berliner Hotel treffen wir den Geschäftsführer der Gütegemeinschaft. Die Bilder will er sich nicht anschauen, doch zu einem grundsätzlichen Gespräch ist er bereit.

Frage: Kann eine Haltung in einem Käfigsystem artgerecht sein?

O-Ton, Caspar von der Crone,

Gütegemeinschaft Ernährung:

"Wissen Sie das? Ich weiß es nicht."

Frage: Auf ihrer Homepage steht etwas von artgerechter Haltung?

O-Ton, Caspar von der Crone, Gütegemeinschaft Ernährung:

"Artgerecht, das ist aber das Ziel, zunächst mal, die Missstände zu beseitigen. Aber was ist artgerecht, artgerecht können wir nicht definieren."

O-Ton, Prof. Theo Mantel, Präsident Bundestierärztekammer:

"Artgerechte Haltung in Käfigen gibt es nicht, das ist ein Widerspruch in sich."

Eine tiergerechte Alternative: Kaninchenfleisch aus Bodenhaltung. Fleisch aus einem Modellprojekt in Baden-Württemberg. Manfred Bauer hat diese Anlage gemeinsam mit der Handelskette Kaufland entwickelt. Rund 1.500 Kaninchen leben hier in großen Boxen mit Heu, Spielmaterial und sehr viel mehr Platz. Es gibt also Alternativen! Die Politik könnte die Bodenhaltung für Kaninchen verbindlich vorschreiben. Doch das hat sie bisher versäumt.


Abmoderation Fritz Frey:

Zu diesem Thema im ein Gespräch mit meinen Kollegen unter anderem zur Frage, was man als Verbraucher tun kann, gegen solche Tierquälereien.

5:52 min | Mo, 22.3.2010 | 21:45 Uhr | Das Erste

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