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SENDETERMIN Di, 11.5.2021 | 21:47 Uhr | Das Erste

Gefälschte Impfpässe Politik und Polizei weiterhin hilflos bei Kontrolle der Corona-Impfzertifikate

Nach wie vor sind Impfpässe mit Covid-19-Impfungen leicht zu fälschen, Täter hingegen sind oft nur schwer zu ermitteln. Nach Recherchen von REPORT MAINZ sind auch Arztpraxen und Impfzentren häufig von Fälschungen betroffen, ohne es zu wissen. Kritiker monieren, dass die Politik deutlich früher hätte eingreifen können - und dass jüngste Pläne, die deutschen Papier-Impfpässe im Nachhinein zu digitalisieren, das Problem eher verschärfen als es zu lösen.

Matthias Gronkiewicz hat einen Online-Shop für Stempel. Seit einigen Wochen wundert er sich, wenn er seine Bestellungen checkt. Immer wieder soll er jetzt Stempel für Impfzentren oder Arztpraxen herstellen. Zum Missbrauch für Impfpässe, befürchtet er, denn er soll an Privatadressen liefern:

Matthias Gronkiewicz

Matthias Gronkiewicz

Matthias Gronkiewicz, Stempel-Hersteller: "Impfzentren bestellen über ihre Landratsämter und keine Privatpersonen bekommt diese Stempel. Und ich tippe mal, dass Privatpersonen momentan eben eventuell auf die Idee kommen, sich ebenso ein, so eine Bescheinigung selbst zu fälschen."

Bevor seine Lebensgefährtin solche Stempel produziert, fordert er deshalb von den Bestellern eine offizielle Bestätigung ein. Die aber kommt fast nie. Diese Stempel verschickt er dann nicht.

Matthias Gronkiewicz, Stempel-Hersteller: "Ich möchte auch nicht, dass ein angeblich Geimpfter zum Beispiel dann in Urlaub fährt im Sommer, zurückkommt, eventuell dann tatsächlich erkrankt zurückkommt, dann sich hier weiterhin bewegen kann ohne irgendwelche Einschränkungen. Und das würde mich dann schon auch ärgern, weil, das ist dann auch ein Risiko für mich."

Und er hat den Eindruck, es werden immer mehr, seit der Impfpass der Schlüssel zu Freiheit wird:

So leicht ist es, Impfpässe zu fälschen

Allein in einer Woche wurden 13 dubiose Stempel bestellt. Wir wollen wissen: Sind das tatsächlich alles Fake-Bestellungen?

Reporter: "Sie haben nicht bestellt ..."

Keine einzige dieser Bestellungen wurde von den Impfzentren oder Arztpraxen selbst aufgegeben. Und Matthias Gronkiewicz hat sie auch nicht verschickt.
Aber: Finden wir Hersteller, die offizielle Stempel auch an Privatadressen liefern?

Bei zehn Online-Shops bestellen wir Impfzentrumsstempel - alle selbst designt. Und tatsächlich, die meisten werden geliefert: Sieben von zehn für Impfzentren in ganz Deutschland. Könnten wir damit tatsächlich Impfpässe fälschen?

Die gelben Blanco-Hefte können wir ganz regulär kaufen, bei diversen Anbietern. Kostenlos gibt es sogar ein Ersatzformular für den Impfpass - zum Download beim Bundesgesundheitsministerium.
Und zusammen mit ein paar selbstgedruckten Chargenaufklebern von Impfstoffen, können wir jetzt Impfzertifikate herstellen. Selbst handschriftliche Chargennummern sind erlaubt. So einfach geht das.

Wenn wir jetzt auf die Vorderseite noch einen Namen schreiben würden und eine Arztunterschrift erfinden, kann das Urkundenfälschung sein. Und darauf stehen bis zu fünf Jahre Haft.

Die Polizei kommt häufig nicht weiter

Das aber scheint vielen egal zu sein. Denn solche Pässe werden auf dem Schwarzmarkt etwa in Telegram-Gruppen zum Kauf angeboten. Eine der größten Gruppen hat mittlerweile über 8.000 Mitglieder. Bis zu 300 Euro kosten Impfpässe hier, das hatte REPORT MAINZ in der vergangenen Sendung berichtet.

Mit einem Händler hatten wir uns in der Nähe des Frankfurter Flughafens getroffen. Er hatte uns einen Impfpass mit einem Stempel des Impfzentrums Frankfurt verkauft.

Der Leiter des Impfzentrums konnte es kaum glauben.

Leiter Frankfurter-Impfzentrum: "Das ist erschreckend. Das ist furchtbar."

Nach unseren Dreharbeiten hatte das Impfzentrum Anzeige gegen Unbekannt erstattet.

Was ist daraus geworden? Die Staatsanwaltschaft Frankfurt möchte dazu vor der Kamera nichts sagen. Man ermittele noch.

Auch er hat Strafanzeige gestellt: Dr. Thomas Beissner. Er ist Hausarzt in Dortmund. Stempelhersteller Gronkiewicz hatte ihn angeschrieben, ob er einen Stempel bei ihm bestellt habe. Hatte er nicht.

Dr. Thomas Beissner

Dr. Thomas Beissner

Dr. Thomas Beissner, Hausarzt: "Natürlich kriegt man aus den Medien genug mit, wie verschiedene Bescheinigungen gefälscht werden. Maskenpflicht und ach jetzt wahrscheinlich zukünftig Impfungen. Und dass das in meinem Namen geschehen solle, natürlich war ich da alles andere als begeistert. Ganz klar."

Deshalb hat er Anzeige erstattet. Zwei Wochen später schreibt ihm die Staatsanwaltschaft:

Dr. Thomas Beissner, Hausarzt: "Dass das Verfahren eingestellt worden sei, und der, dass der Täter nicht ermittelt werden konnte. Und weitere Nachforschungen versprechen zurzeit keinen Erfolg."

Wir fragen bei der Staatsanwaltschaft Dortmund nach. Dort heißt es, vor Ort bei der Lieferadresse habe man nicht ermittelt.

Darum fahren wir dorthin: nach Hamburg - finden einen Imbiss vor – hierher sollte der Arztstempel aus Dortmund geliefert werden. Der Chef sei nicht da, erfahren wir.

Erst später erreichen wir ihn.

Reporter: "Einen Stempel."

Imbissinhaber (Stimme nachgesprochen): "Von einem Arzt aus Dortmund?"

Reporter: "Genau."

Imbissinhaber (Stimme nachgesprochen): "Okay, nein, davon weiß ich nichts."

Uns gegenüber gibt er sich arglos. Auffällig aber: Die Telefonnummer ist die selbe wie auf der Stempel-Bestellung.

Gefälschte Impfpässe tauchen bundesweit immer wieder auf - mehrere Landeskriminalämter warnen inzwischen davor. Und kritisieren die leichte Fälschbarkeit des Papier-Impfpasses.

Ist der digitale Impfpass die Lösung?

Fälschungssicher ist so ein digitaler Impfpass - auch, weil er direkt nach der Impfung ausgeben wird, wie hier im baden-württembergischen Zollernalbkreis, oder im bayerischen Altötting.

Auch andere europäische Länder, wie Dänemark, Griechenland oder Estland haben längst digitale Impfzertifikate.

Peinlich für Deutschland. Denn auch hier wäre das möglich gewesen, kritisiert IT-Experte Martin Tschirsich. Jetzt seien 25 Millionen leicht fälschbare Papier-Impfnachweise im Umlauf, die digitalisiert werden sollen.

Martin Tschirsich

Martin Tschirsich

Martin Tschirsich, IT-Sicherheitsexperte: "Wir hätten auch schon zu Beginn digitale Impf-Ausweise haben können. Gab es ja teilweise auch schon. Die waren dann noch nicht EU-konform, denn diese Regeln stehen ja jetzt noch nicht fest. Aber das eine digitale in ein anderes digitales Format zu überführen, ist kinderleicht. Wir hätten zumindest etwas Digitales gehabt, wo es, wo wir davon ausgehen können, dass das auch echt ist, was da digital vorliegt."

Nach der Vorstellung von Bundesgesundheitsminister Spahn soll es jetzt vor allem schnell gehen mit der Digitalisierung.

Jens Spahn

Jens Spahn

Jens Spahn, CDU, Bundesgesundheitsminister: "...machen wir ausdrücklich möglich, dass neben Arztpraxen und Impfzentren auch Apothekerinnen und Apotheker für bereits Geimpfte den digitalen Impfausweis ausstellen können."

Der Vorsitzende des Digitalausschusses im Bundestag Manuel Höferlin kritisiert, Spahn schiebe damit die Verantwortung für die Echtheit digitaler Impfpässe an die Apotheken ab.

Manuel Höferlin

Manuel Höferlin

Manuel Höferlin, FDP, Vorsitzender, Bundestagsausschuss "Digitale Agenda": "Das Problem ist, dass die anhand des gelben Impfpasses das eigentlich gar nicht sicher sagen können, ob diese Impfung tatsächlich erfolgt ist. Herr Spahn muss jetzt ehrlicherweise sagen, dass man nur dort einen digitalen Impf-Nachweis bekommt, wo auch das, die Impfung stattgefunden hat."

Sicher oder schnell Digitalisieren: Noch hat Spahn das nicht entschieden. Das Vertrauen in zuverlässige Impfnachweise ist schon jetzt zerstört...