Bitte warten...

SENDETERMIN Di, 20.4.2021 | 22:03 Uhr | Das Erste

Gefälschte deutsche Impfpässe Corona-Impfung nur auf dem Papier

Im Messenger-Dienst Telegram werden Fälschungen von deutschen Impfpässen mit eingetragener Covid-19 Impfung verkauft.

Dieser Schwarzmarkt ist vor allem für Querdenker und Corona-Leugner attraktiv. Mit diesen gefälschten Impfzertifikaten können sich Personen als Geimpfte ausgeben, auch wenn sie es gar nicht sind.

Telegram – Marktplatz für illegalen Impfpasshandel

Anfang April. Auf der Social Media Plattform Telegram stoßen wir auf Chatgruppen, in denen Impfpässe zum Kauf angeboten werden. So ein Pass ist seit Kurzem in einigen Regionen eine Eintrittskarte für Reisen und Restaurantbesuche.

Im Netz gibt es viele Anbieter - und offenbar hunderte potentielle Käufer.

Wir versuchen auch so einen Pass zu bekommen - zu Recherchezwecken. Melden uns unter falscher Identität in verschiedenen Gruppen an. Erzählen, dass wir uns auf keinen Fall impfen lassen wollen, aber gerne einen Blanko-Impfpass hätten.

Ein Händler - nennen wir ihn Michael - schreibt uns direkt an:

Michael (Telegram-Chat): "Hallo, Interesse?"

Reporterin (Telegram-Chat): "Ja, wie viel kostet der?"

Er schreibt, seine Impfpässe seien Originale.

Michael (Telegram-Chat): "Kein Fake wie viele hier!"

Und bewirbt sein Angebot mit diesem Text: "Ab sofort lieferbar, originaler Impfpass mit eingetragener Covid19-Impfung - Nur 150 Euro pro Ausweis, Mengenrabatt möglich."

Wir nehmen mit Ihm Kontakt auf, bestellen einen Impfpass per Post und versuchen uns parallel mit ihm zu treffen. Mal sehen, ob er sich meldet.

Urkundenfälschung und Beihilfe zur Körperverletzung

Fest steht, sowohl der Handel als auch die Nutzung dieser Impfpässe ist strafbar. Darüber sprechen wir mit einem Kriminologen. Für ihn ist das nicht nur Urkundenfälschung, sondern auch Beihilfe zur Körperverletzung:

Prof. Christian Matzdorf

Prof. Christian Matzdorf

Prof. Christian Matzdorf, Kriminologe, Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin: "Wir müssen uns klar werden darüber, dass dieses kriminelle Verhalten dazu führen kann, dass die Strategien zur Eindämmung der Pandemie nicht greifen. Und das Leben und Gesundheit von unzähligen Menschen, wir können da in Dimensionen von Hunderttausenden oder Millionen sprechen, dass die gefährdet werden, und zwar vorsätzlich gefährdet werden."

Treffen mit dem Impfpass-Händler

Zwei Tage später: Wir bekommen Post. Im Umschlag ein Blanko - Impfpass: Stempel und Aufkleber sehen für uns tatsächlich echt aus. Jetzt müssten wir nur noch unseren Namen und das Datum der Impfung eintragen, dann wäre das Dokument fertig.

Wir fragen uns: Was ist das für eine Person, die solche Fälschungen verschickt - und wo hat er die Pässe her?

Um das herauszufinden, schreiben wir ihm nochmal, bitten erneut um ein persönliches Treffen. Erzählen, dass wir anonym bleiben wollen und deshalb kein Geld überweisen möchten. Er willigt tatsächlich ein.

Wir fahren in ein Wohngebiet in der Nähe des Frankfurter Flughafens. An dieser Straße liegt der verabredete Treffpunkt. Kurze Zeit später kommt ein circa 45-jähriger Mann. Und erzählt:

Michael (nachgesprochen): "Ich war aber vorher noch in Fulda. Da hat mir einer gleich 30 Stück abgenommen. Das war eine richtige Großbestellung."

Reporterin: "Hast du das direkt aus dem Impfzentrum oder selber gebastelt?"

Michael (nachgesprochen): "Nein, das sind schon Originale. Also die habe ich natürlich nicht selbst gebastelt. Da gibt es Leute, die die Pässe rausschleusen."

Reporterin: "Und das ist auch ein Original-Aufkleber?"

Michael (nachgesprochen): "Genau."

Am Ende sagt er, ich könnte mich jeder Zeit melden, wenn ich noch mehr Pässe möchte.

Leiter des Frankfurter Impfzentrums geschockt

Doch sind die beiden Impfpässe wirklich von hier, aus dem Impfzentrum Frankfurt?

Wir wollen uns selbst einen Eindruck verschaffen, erhalten eine Drehgenehmigung. Bis zu 4000 Menschen können in der Festhalle täglich geimpft werden, bekommen hier auch Ihre Impfbescheinigung.

Wir zeigen unseren Impfpass aus dem Internet Benedikt Hart. Er ist der Leiter des Impfzentrums von Seiten des Deutschen Roten Kreuzes.

Benedikt Hart

Benedikt Hart

Benedikt Hart, Leiter DRK-Impfzentrum Frankfurt am Main: "Also das ist nicht der Stempel vom Impfzentrum in Frankfurt am Main. Das kann ich Ihnen sicher sagen. Ich habe den hier. So schaut der Stempel aus."

Er hat vom illegalen Impfpasshandel bisher nichts gewusst:

Benedikt Hart, Leiter DRK-Impfzentrum Frankfurt am Main: "Das ist erschreckend. Das ist furchtbar. Wir sind hier ein kleiner Teil in Frankfurt einer riesigen Impfkampagne weltweit. Und der Sinn ist nicht, einen Stempel im Impfpass zu haben. Sondern der Sinn ist, sich und andere vor dieser schrecklichen Erkrankung, vor diesem Virus zu schützen."

Noch während wir vor Ort sind, kündigt das DRK an, Anzeige zu erstatten. Ob es sich bei einem Impfpass um eine Fälschung handelt, können nur die Mitarbeiter des Impfzentrums erkennen. Doch wie ist das für Außenstehende?

Impfpässe können nicht kontrolliert werden

Wir sind bei Christian Sommerbrodt. Er ist ein erfahrener Impfarzt. An diesem Tag werden in seiner Praxis 100 Menschen zum Schutz vor Covid-19 geimpft. Auch ihm legen wir unseren Impfpass aus dem Internet vor.

Dr. Christian Sommerbrodt

Dr. Christian Sommerbrodt

Dr. Christian Sommerbrodt, Allgemeinmediziner: "Das ist nicht zu erkennen. Sie sehen, die Aufkleber sind letztendlich dieselbe und auch Unterschrift und Stempel sind nicht tatsächlich zu überprüfen, ob das nun echt ist, oder nicht."

Und dann zeigt er uns, dass sich jeder Arzt seinen Aufkleber selber ausdrucken kann - in unterschiedlichen Schriften und Farben.

Dr. Christian Sommerbrodt, Allgemeinmediziner: "Die Firma BioNTech bietet da Druckvorlagen an, dass man das entsprechend dann selber bedrucken kann."

Und so können auch unendlich viele dieser Aufkleber erstellt werden.

Reporterin: "Wie soll das bitte ein Grenzpolizist, der eine Ausreise nach Griechenland freigibt, feststellen?"

Dr. Christian Sommerbrodt, Allgemeinmediziner: "Gar nicht. Das ist nicht möglich."

Reporterin: "Keine Kontrolle möglich?"

Dr. Christian Sommerbrodt, Allgemeinmediziner: "Keine Kontrolle möglich."

Bundesweit gefälschte Impfpässe im Umlauf

Einfach zu fälschen, kaum zu kontrollieren, so haben Betrüger leichtes Spiel. Sie bieten bereits COVID-19 Impfpassaufkleber mit der passenden Anleitung an. Außerdem finden wir auf Telegram Impfpässe aus zahlreichen Impfzentren - bundesweit: Augsburg, Frankenthal, Köln, und so weiter.

Auf unsere Nachfrage antworten die Betreiber der Impfzentren, dass es sich um Fälschungen handelt und dass man davon nichts wusste.

Von unserem Experten wollen wir wissen, ob er abschätzen kann, wie viele dieser falschen Impfpässe angeboten werden.

Prof. Christian Matzdorf, Kriminologe, Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin: "Dieses Kriminalitätsphänomen, was wir jetzt ganz neu betrachten können, ist lukrativ. Also es lohnt sich. Aufwand und Nutzen in finanzieller Hinsicht stehen also in einem guten Verhältnis und vor dem Hintergrund ist das Potenzial enorm."

Wir informieren das Bundesgesundheitsministerium. Auf unsere Anfrage heißt es, man wisse nichts von den Fälschungen. Aber man unterstützte die Initiative der EU- Kommission, digitale Impfpässe einzuführen. Diese seien fälschungssicherer.

Schwunghafter Handel mit Impfpässen geht weiter

Doch bis das passiert, können Betrüger munter weiter Geschäfte machen. So wie unser Händler - wir verabreden uns noch einmal mit ihm. Treffpunkt - wieder am gleichen Ort. Diesmal behaupten wir zehn Pässe kaufen zu wollen. Er führt uns an seinen Kofferraum, darin eine große Anzahl gefälschter Pässe. Er prahlt in den vergangenen Tagen Dutzende verkauft zu haben. Wir geben uns zu erkennen:

Reporterin: "Ich bin Reporterin, ich bin von der Sendung REPORT MAINZ und ich wüsste einfach gerne, warum machen Sie das? Sie gefährden damit Menschenleben?"

Michael (nachgesprochen): "Also mir sagen die Leute, du rettest damit Leben, weil die sagen, durch die Spritze werden Leute umgebracht. Und außerdem: Ich bin selbständig, mir haben Sie die Grundlage entzogen. Ich habe auch eine Familie, ich muss von was leben und Staatshilfen habe ich keinen Cent bekommen."

Von Reue keine Spur. Er fühlt sich im Recht und fährt davon. Bis heute ist sein Account auf Telegram aktiv!