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SENDETERMIN Di, 20.4.2021 | 22:03 Uhr | Das Erste

Gefährlicher Boom? Unsichere Corona-Schnelltests für jedermann

Sie werden in Altenheimen, Krankenhäusern und neuerdings im Büro eingesetzt. Und Händler verdienen mit Schnelltests viel Geld. Doch bringen sie auch mehr Sicherheit? Experten warnen schon vor dem nächsten Goldrausch, der in einem Fiasko enden könnte. Denn ganz so sicher wie versprochen, scheinen die Tests nicht zu sein.


Großer Andrang in einer Hausarztpraxis in Neu-Ulm. Diese zwei Schwestern sind hierhergekommen, weil trotz Symptomen mehrere Schnelltests nicht angeschlagen haben. Ein PCR-Test muss her. Das kennt Praxisärztin Tanja Skarplik. Es komme nicht selten vor, dass Schnelltests falsche Ergebnisse lieferten:

Tanja Skarplik

Tanja Skarplik

Tanja Skarplik, Ärztin: "Also das Problem an den Schnelltests ist zum einen, dass die Lagerung richtig gehandhabt werden muss. Nicht zu kalt, nicht zu warm. Und auch die Testvorbereitung. Also die Patienten sollten keine säurehaltigen Getränke zu sich nehmen, damit der Test nicht falsch positiv verfälscht wird.

Und das kann schon passieren nach einem Schluck Apfelsaft. Kein Einzelfall. Bundesweit kam es in mehreren Schulen zu solchen Ergebnissen. Aber die Gefahr lauere vor allem dort, wo Schnelltests negativ, obwohl Menschen infiziert sind. So war es bei Ihr. Die junge Frau will anonym bleiben. Zwei Tests im Schnelltestzentrum waren negativ, erst ein PCR-Abstrich bestätigte: Corona.

Corona-Patientin (nachgesprochen): "Das war ein Riesen-Schock. Und das allerschlimmste war, dass meine Mutter zur Kinderbetreuung da war, weil es mir ja so schlecht ging."

"Wenig Aussagekraft bei asymptomatischen Erkrankten"

Corona trotz negativen Schnelltests, ein Einzelfall? Nein, sagt der Münchner Virologe Professor Oliver Keppler.

Prof.Oliver Keppler

Prof.Oliver Keppler

Prof. Oliver Keppler, Virologe, Universität München: "Die größte internationale Studie, die es hierzu bisher gibt, hat festgestellt, dass nur jede zweite infizierte Person, die noch keine Beschwerden hat, durch Antigen-Schnelltests erkannt wird."

Das stehe im Widerspruch zu den Herstellerangaben. Die Sensitivität, also die Wahrscheinlichkeit das Virus bei einer Erkrankung auch nachzuweisen, geben viele Hersteller mit nahezu 100% an. Und Händler werben damit. Wir fragen bei mehreren nach. Exemplarisch heißt es: "Jeder Test ist (…) immer nur eine Momentaufnahme. Deswegen empfehlen wir in unseren Gebrauchsanleitungen auch trotz eines negativen Testergebnisses immer noch, alle Regeln zur Eindämmung des Infektionsgeschehens einzuhalten."

Behörden sind oft nicht zuständig

Wie werden die Herstellerangaben überprüft? Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte teilt uns mit, dass man bei den Schnelltests, die beispielsweise in Testzentren zum Einsatz kommen, nicht in Fragen des Marktzugangs eingebunden sei. Man vergleiche lediglich die Herstellerangaben, ob bestimmte Mindestkriterien eingehalten werden. Sie verweisen auf das Paul Ehrlich Institut. Das prüfe, wie gut die Tests seien. Wir fragen nach. Das Institut schreibt uns, dass viele Hersteller die hohe Sensitivität aus der Gebrauchsanweisung nicht erreichen. Händler dürfen die Tests aber trotzdem weiterhin verkaufen. Das kritisiert Virologe Oliver Keppler:

Prof. Oliver Keppler, Virologe, Universität München: "Hier in diesem Fall sehe ich eine große Kluft zwischen der wissenschaftlichen Evidenz und dem, was an politischem Handeln derzeit stattfindet. Hier ist die Abwägung zwischen Nutzen und Risiko aus meiner Sicht hochproblematisch und es könnte sogar sein, dass diese Art von Teststrategie in der Breite und als Massentestung eher die Pandemie anfeuern wird, als dass es sie kontrollieren wird."