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Geboren, um schnell wieder zu sterben? Das Schicksal der Kälber in Deutschland

Von Edgar Verheyen

600.000 Kälber sterben jedes Jahr in Deutschland. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung der Akademie für Tierschutz des Deutschen Tierschutzbundes, die REPORT MAINZ vorliegt. Wirtschaftlichkeit geht offenbar vor Tierwohl. Und so müssen Kälber die Produktionsweise in einem gnadenlosen System ausbaden. Nun wurden dem ARD-Politikmagazin exklusive Bilder zugespielt.

Zwei Kälber liegen auf einem mit Stroh bedeckten Boden und sind mit Eisenketten festgebunden.

Zwei mit Eisenketten festgebundene Kälber

Die Kamera wurde vor ein paar Tagen an der Decke versteckt. Seither dokumentiert sie, was in diesem brandenburgischen Kälberstall geschieht. Die jungen Tiere, viele von ihnen gerade erst geboren, liegen auf einer Einstreu von Stroh, nebeneinander. Einige zerren an teils rostigen Eisenketten, die sie um den Hals tragen. Damit sind die jungen Tiere festgebunden an Stangen. Ein Entrinnen ist unmöglich. Immer wieder betritt ein Arbeiter die Szene. Er schaut nach den Kälbern, löst eine Kette und zieht ein verstorbenes Tier raus, schleift es weg. Mehrfach geschieht dies an diesem Abend.

Tierschützer haben die Kameras aufgehängt. Über ein halbes Jahr lang beobachten sie das Treiben in dem Stall und manchmal kommen sie auch vorbei, um sich aus der Nähe das Schicksal der Tiere anzuschauen. Ihre Bilder zeigen, dass die Kälber keinen permanenten Zugang zu Futter und Wasser haben, wie vorgeschrieben. Sie filmen Tiere, die gerade sterben und andere die schon tot sind. Es sind exklusive Bilder, die REPORT MAINZ über Friedrich Mülln von der SOKO Tierschutz zugespielt worden. Im Interview gegenüber REPORT MAINZ erzählt er: "Wer Tiere so hält, der geht doch nicht davon aus, dass diese Tiere am Leben bleiben. Der Bauer geht einfach fest davon aus, dass diese Tiere an dieser Vernachlässigung auch sterben können und er sie dann abschreiben kann."

Amtsveterinär sieht den Bauern in der Verantwortung

Die Auffassung des Tierschützers wird von Experten geteilt. REPORT MAINZ befragt Thomas Buckenmaier. Er ist Amtsleiter der Veterinärbehörde in Reutlingen und zugleich Mitglied im Verein "Tierärzte für verantwortbare Landwirtschaft". Sein Fazit nach Ansicht der Aufnahmen: "Wenn ich Tiere quasi anbinde und sie sich dann selbst überlasse, dann ist klar, dann geht das nicht lange, denn dann sterben die. Ganz klar - anbinden, warten oder liegen lassen, das geht gar nicht."

Der Landwirt verteidigt sich: Er habe die Tiere nicht töten wollen

Und was sagt der Landwirt dazu? Das ARD-Politikmagazin konfrontiert ihn mit den Aufnahmen und den Einschätzungen der Experten. Zu einem Gespräch ist er bereit, ein Interview vor der Kamera lehnt er aber ab. Er gibt zu, dass es sich um seinen Betrieb handelt, auch, dass er die Tiere angekettet hatte, obwohl ihm bewusst gewesen sei, dass dies nicht den Vorschriften entspreche. Töten wollte er sie auf diese Weise allerdings nicht, sagt er.

Fehlende Sachkunde

REPORT MAINZ fragt auch die zuständige Amtsveterinärin, Dörte Wernecke, zum aktuellen Fall. Sie kennt den Betrieb, schaut sich die Aufnahmen an. Sie geht in der Bewertung nicht ganz so weit: "Kälber müssen in jedem Fall auch Zugang zu Wasser und zu Futter haben und das muss der Landwirt sicherstellen. Der hat sich um die Kälber gekümmert im Rahmen seiner Möglichkeiten. Die Sachkunde erscheint mir nicht ausreichend." Frage: Das heißt, er konnte es einfach nicht? "Ja, so würde ich das einschätzen, genau." Der Landwirt weist die Vorwürfe zurück: Er beschäftige zwei Tierpfleger und die kümmerten sich angemessen.

Doch es gibt weitere Ungereimtheiten in dem Betrieb, wie REPORT MAINZ recherchiert hat. Der Redaktion liegt eine ganze Liste mit Ohrmarkennummern der Tiere vor. Jedes Kalb muss ab dem siebten Tag mit einer solchen Ohrmarke registriert werden. Die Redaktion recherchiert anhand dieser Marken, was mit den Tieren wurde. Ergebnis: Sehr viele Tiere sind verendet. Der Landwirt erklärt, etliche Kälber seien in dem Zeitraum krank gewesen. Deshalb seien so viele gestorben. Das Veterinäramt hat deshalb ein Bußgeld verhängt und die Kettenhaltung untersagt.

Grundsätzliche Probleme in der Milchviehhaltung

Ist dies ein Einzelfall oder läuft in der Milchviehhaltung grundlegend etwas schief? Seit Jahren setzt die Branche auf eine hohe Spezialisierung, auf Rassen wie Holstein Friesian. Diese Kuh wird wegen ihrer hohen Milchleistung von der Branche besonders geschätzt. Die Kehrseite: Ihr männlicher Nachwuchs hat kaum Fleisch und ist somit für die Mast kaum zu gebrauchen. Aktuell liegt der Preis für ein Kalb bei nur 11 Euro. Veterinär Thomas Buckenmaier erklärt dazu: "Wir haben außerdem zu viele Tiere, die dann den Preis drücken - Angebot und Nachfrage. Also ein Wirtschaftsfaktor sind die Kälber nicht. Sie sind eher belastend für den Betrieb."

Somit haben Kälber nur noch eine Funktion: Sie werden geboren, damit Kühe schwanger werden und weiterhin Milch liefern; Tiere als Mittel zum Zweck ohne eigenen Nutzen. Ihr Schicksal scheint der Milchviehwirtschaft gleichgültig. Eine Untersuchung der Akademie für Tierschutz des deutschen Tierschutzbundes kommt zu dem Ergebnis: 600.000 Kälber sterben jedes Jahr, obwohl sie hätten gerettet werden können. Wirtschaftlichkeit geht also vor Tierwohl. Die Tiere müssen die Produktionsweise in einem gnadenlosen System ausbaden.