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Text des Beitrags Für Allah in den Bürgerkrieg

Junge Salafisten aus Deutschland werden für den Kampf in Syrien geworben

Manche REPORT-Geschichte beginnt mit einem Hilferuf. In diesem Fall hatte sich ein Vater in Sorge um seinen Sohn an uns gewendet.

Eric Beres vor Moschee in Offenbach

Eric Beres vor Moschee in Offenbach

Der gläubige Muslim hat Angst, dass sein minderjähriger Nachwuchs in die Fänge von radikalen Islamisten gerät. Ganz konkret: Dass der Sohn einem Aufruf folgt, nach Syrien in einen heiligen Krieg zu ziehen gegen das Assad-Regime.

Als unsere Reporter Eric Beres und Fritz Schmaldienst ihre Recherchen begannen, ahnten sie nicht, wie gefährlich diese Geschichte auch für sie selbst werden sollte.

Bericht:

Vergangenen Freitag vor einer Moschee in Offenbach. Mit unserem Kamerateam sind wir zu einem Recherchegespräch mit dem Imam der Moschee verabredet.

O-Ton:

»Verpisst euch!«

Bei einigen sind wir anscheinend nicht willkommen. Auf das, was dann passiert, sind wir nicht vorbereitet.

Zuerst greift ein Mann den Reporter an, dann den Kameramann. Der Mann lässt nicht von uns ab.

O-Ton:

»Hört ihr auf!«

Brutale Gewalt. Für seinen Angriff nutzt der Täter einen festen Gegenstand, wahrscheinlich ein Handy. Bilanz: Mehrere Personen unseres Teams werden verletzt.

Unser Kamera-Assistent erleidet eine Schädelprellung, muss vom Notarzt behandelt werden. Er hat Angst und will nicht erkannt werden. Er ist gleich von mehreren Personen angegriffen worden.

Warum dieser Gewaltausbruch?

Ist das die Gruppe, nach der wir suchen?

Ist das die Gruppe, nach der wir suchen?

Wenige Stunden zuvor: In Offenbach sind wir auf der Suche nach einer Gruppe junger Muslime. Sie wollen angeblich nach Syrien ausreisen, um dort zu kämpfen. Ein verzweifelter Vater hat sich an uns gewandt. Er hat Angst um seinen minderjährigen Sohn.

In der Nähe der Moschee treffen wir mehrere Jugendliche. Als wir das Thema Syrien ansprechen, laufen sie weg. Ist das die Gruppe, nach der wir suchen?

Gewissheit bekommen wir einen Tag später von Taher Nawaz. Er ist der Imam der Moschee. Er zeigt sich geschockt von dem Angriff auf uns. Und er bestätigt uns, dass es eine Gruppe Jugendlicher gibt, die nach Syrien will.

Taher Nawaz

Taher Nawaz, Imam, Tauheed-Moschee

O-Ton, Taher Nawaz, Imam, Tauheed-Moschee:

»Wir haben beobachtet, dass einige Jugendliche, die auch gelegentlich hier in die Moschee kommen, dass sie sich etwas abgesondert haben von den allgemeinen Programmen in der Moschee und anscheinend sich alternativ beschäftigen. Und…«

Frage: Radikalisieren?

O-Ton, Taher Nawaz, Imam, Tauheed-Moschee:

»Wahrscheinlich.«

Er berichtet uns von dem Fall des minderjährigen Jugendlichen. Der besorgte Vater hat sich auch an die Moschee gewandt.

O-Ton, Taher Nawaz, Imam, Tauheed-Moschee:

»Der Vater hat gesagt, er wolle nach Syrien gehen, soweit ich das mitgekriegt habe.«

Frage: Zum Kämpfen?

Eric Beres im Gespräch

Eric Beres im Gespräch mit Imam Taher Nawaz

O-Ton, Taher Nawaz, Imam, Tauheed-Moschee:

»Schwer zu sagen. Also wofür geht man nach Syrien, also heutzutage gehen keine Touristen hin.«

Später erfahren wir: Das ist der erst 17-jährige Muslim. Auf dem Weg in die Moschee. Er ist dabei, als wir angegriffen werden, und er hat sich der von uns gesuchten Gruppe angeschlossen, die in Syrien kämpfen will.

Warum wollen er und die anderen im Krieg ihr Leben aufs Spiel setzen? Werden sie von solchen Bildern getrieben? Syrien – ein besonders grausamer Krieg. Mitbeteiligt – islamistische Terrorgruppen.

O-Ton:

»Allahu akbar!«

Deren Ziel: ein Gottesstaat. Auch Islamisten aus Deutschland kämpfen vor Ort.

Im Internet stoßen wir auf dieses Video: Es zeigt einen Mann aus Nordrhein-Westfalen in Kampfuniform in Syrien. Sabri Ben Abda – in Deutschland gilt er als Scharfmacher der Salafisten.

O-Ton, Internetvideo:

»Nur Zionisten, die bestimmen, was in dieser Welt passiert.«

In Syrien agitiert Ben Abda für den Verein „Helfen in Not“ – angeblich nur eine Hilfsorganisation. Doch welche Botschaften verbreitet er hier?

O-Ton, Internetvideo:

»Wenn ihr wahre Männer seid, kommt hierhin! Macht keinen Blödsinn mit Kalaschnikows und sonstwas in irgendwelchen Rap-Videos. Kommt hierhin. Der Bruder hier neben mir setzt jeden Tag sein Leben aufs Spiel. Wenn ihr wahre Männer seid, kommt hier runter, kommt hier runter und helft mit aufbauen!«

Geht es ihm wirklich um den Aufbau eines zerstörten Landes?

Wir treffen Karl-Heinz Ruff. Beim Landeskriminalamt Baden-Württemberg leitet er die Abteilung Staatsschutz. Was sagt er zu den Aussagen Sabri Ben Abdas?

Karl-Heinz Ruff

Karl-Heinz Ruff, Leiter Staatsschutz, LKA Baden-Württemberg

O-Ton, Karl-Heinz Ruff, Leiter Staatsschutz, LKA Baden-Württemberg:

»Ich bewerte es dergestalt, dass er aktiv Glaubensbrüder hier in Deutschland auffordert, nach Syrien vor Ort zu kommen und dort zu kämpfen. Meiner Ansicht nach sind wir da, wenn sie denn tatsächlich für eine Terrororganisation angeworben werden, schon im strafbaren Bereich.«

Gibt es tatsächlich junge Muslime, die seinem Ruf folgen?

Wir erfahren von einem Fall in Pforzheim: Munir Ibrahim. Bei früheren Recherchen ist er uns schon begegnet: Das ist er, der junge Muslim nimmt an Koran-Verteilaktionen teil und an den Salafistenprotesten in Bonn im vorigen Jahr.

Seine Botschaft auf YouTube: Es ist „Zeit unsere Pflicht zu erfüllen“. Inzwischen, so die Sicherheitsbehörden, kämpft er in Syrien.

Und Karl-Heinz Ruff glaubt zu wissen, wer ihn dazu angestachelt hat.

O-Ton, Karl-Heinz Ruff, Leiter Staatsschutz, LKA Baden-Württemberg:

»Wir gehen davon aus, dass Ben Abda großen Einfluss auf den jungen Pforzheimer genommen hat, der sich aktuell in Syrien aufhält.«

Ben Abda

Sabri Ben Abda

Wir wollen mit Sabri Ben Abda sprechen. Vorgestern in Hanau: Der Verein "Helfen in Not" hat zu einer "Syrien-Gala" geladen.

Hochrangige salafistische Prediger sind gekommen. Auch Sabri Ben Abda ist zurück aus Syrien. Statt in Kampfuniform diesmal im Anzug.

O-Ton, Frage an Ben Abda:

»Herr Ben Abda, eine ganz kurze Frage: Fordern Sie auf junge Leute, nach Syrien zu kommen, um zu kämpfen? Herr Ben Abda....«

Unseren Fragen stellt er sich nicht. Dabei hat er wohl einen großen Einfluss auf Jugendliche.

Zurück in Offenbach. Wie konnte sich die Gruppe der Jugendlichen derart radikalisieren? Eine Frage, auf die auch Imam Taher Nawaz eine Antwort sucht. Und dabei wirkt er hilflos.

O-Ton, Taher Nawaz, Imam, Tauheed-Moschee:

»Man hätte vielleicht viel früher etwas tun sollen oder können, beziehungsweise sich auch sich aktiver drum kümmern können. Man weiß ja nicht was sie tun, außerhalb der Moschee. Wir können sie nicht überwachen. Wir können da nichts sagen. Auf jeden Fall sind das auch die, die dann gestern tätig geworden sind.«

Immer häufiger in Deutschland – junge radikale Muslime, fanatisch und gewaltbereit bis zum Äußersten. Eine Gefahr, der bisher alle hilflos gegenüberstehen.

Am Dienstag präsentierten in Berlin die Verfassungsschützer ihren Bericht. Ein Schwerpunkt: die Gefahr durch islamistischen Terrorismus.

Von Deutschland sollen bereits 60 Personen nach Syrien gereist sein, um dort am Krieg teilzunehmen. Wenn die nach Deutschland zurückkehren, dann sind sie kampferfahren und zu Anschlägen bereit. So die Verfassungsschützer.

Hier ein Gespräch mit unserem Reporter Fritz Schmaldienst, mittlerweile ein Experte auf diesem Gebiet:

8:17 min | Di, 11.6.2013 | 22:00 Uhr | Das Erste

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Autorengespräch: Für Allah in den Bürgerkrieg

Fritz Frey im Gespräch mit Fritz Schmaldienst.