Bitte warten...

SENDETERMIN Di, 14.12.2021 | 21:49 Uhr | Das Erste

Frischer Fisch zu Weihnachten Qualfang in der Nordsee

Wir zeigen Aufnahmen der Tierrechtsgruppe SOKO Tierschutz, die auf zwei Trawlern im Ärmelkanal und in der Nordsee gefilmt hat. Ergebnis: Es werden nicht zielgerichtet bestimmte Fischarten aus dem Meer geholt. Ungeheure Mengen an Beifang werden dabei mitgefangen, die anschließend tot oder sterbend wieder ins Meer zurückgeworfen werden. Eine ungeheure Missachtung von Leben. Auch der Tierschutz spielt dabei kaum eine Rolle. Die Europäische Kommission als oberste Fischereibehörde räumt gegenüber REPORT MAINZ ein, dass es für den Fischereibereich keine Tierschutzregeln gebe, man das Problem aber auf die Agenda setzen wolle.

München, Viktualienmarkt. Wer in der bayerischen Landeshauptstadt etwas auf sich hält, der kauft seine Weihnachtsleckereien hier ein. In diesem Jahr sind Fischdelikatessen besonders gefragt. Im Angebot sind etwa Rotbarben, frisch gefangen im Ärmelkanal oder in der Nordsee, Hummer, Wolfsbarsch oder besonders ausgefallen: Rochenflügel. Nicht ganz billig, aber - man will ja etwas Besonderes.

Woher kommt der Fisch?


Tierrechtler der Gruppe SOKO Tierschutz sind der Spur der Fische nachgegangen. Die Recherchen beginnen in einem kleinen Hafen in der Normandie Anfang November. Einer Aktivistin ist es gelungen, mit einem der Trawler raus aufs Meer zu fahren. Fünf Tage ist sie unterwegs. Im Drei-Stunden-Rhythmus wird gefischt. Man wolle Seezungen rausholen, heißt es. Doch schon bald wird klar: Die Netze sind voll mit jungen Haien, Rochen, Schollen, vielen Krustentieren. Etliche Fische sind auch viel zu klein, um später verkauft zu werden. Beifang nennt man dies – und der ist ganz schön umfangreich.

Wenige Tage später treffen wir die Aktivistin. Da sie weiterhin in der Fischerei-Szene recherchiert, will sie unerkannt bleiben. Sie erzählt:


Tierrechtlerin (anonym)

Tierrechtlerin (anonym)

Tierrechtlerin, SOKO Tierschutz:
„Das Ziel, das sie haben, ist ganz simpel: Sie fischen, so viel sie können. Bei unserer Fahrt haben sie zehn Tonnen Fisch rausgeholt, der marktfähig war. Zehn Tonnen vermarktungsfähiger Fisch, das heißt, sie haben viel mehr rausgeholt, was keinen Wert hatte.“

Es werden zu viele Fische, die man nicht verkaufen kann, als Beifang mitgefangen


Was hat es mit diesem Beifang auf sich? Wir zeigen die Aufnahmen der Fischereiexpertin Iris Ziegler von der Organisation Sharkproject. Die Gruppe beobachtet das Schicksal von Haien, Rochen und dem sogenannten Beifang seit Jahren und sieht diese Entwicklung äußerst kritisch.


Iris Ziegler

Iris Ziegler

Iris Ziegler, Sharkproject:
"Das wird so nett als Beifang bezeichnet. Tatsächlich ist es so, dass es gerade in dieser Art von Fischerei oftmals die Hauptmasse des Fangs ist. Nur man will ihn nicht, weil - er ist wertlos. Aber er ist oftmals die Hauptmasse an dem, was an Leben aus dem Meer herausgeholt wird und stirbt. Und für was? Für eine Scholle? Eine Seezunge, die wir dann am Schluss auf unserem Teller haben. Aber wenn man sich diese Massen anschaut, dann können Sie abschätzen, wie viel jeden Tag aus unseren Meeren sinnlos an Leben rausgeholt wird. Und das fehlt dem Ökosystem."

Die Grundschleppnetzfischerei – ein Problem


Umstrittene Fangmethode

Umstrittene Fangmethode: Grundschleppnetzfischerei


Die Fangmethode ist in der Tat seit langem umstritten. Das Netz wird dabei bis auf den Meeresgrund heruntergelassen und dann hinter dem Boot hergezogen.
Tauchern von Greenpeace ist es gelungen, diese Fangmethoden zu dokumentieren. Das Netz fängt alles ein, was sich auf dem Meeresboden befindet. Der wird dabei regelrecht umgepflügt. Was bleibt, ist eine Spur der Verwüstung.

Bilder von einem zweiten Trawler. Sie zeigen Fische, die zu klein sind oder die man nicht haben möchte. Sie werden ins Meer zurückbefördert.


Iris Ziegler, Sharkproject:
"Keines dieser Tiere, die so behandelt worden sind, wird überleben. Wir schätzen, dass ungefähr zehnmal mehr an Beifang, also die zehnfache Menge Beifang herausgeholt wird, im Vergleich zu dem, was man haben will."


Wie reagiert die Politik?


Wie kann es sein, dass bei der Fischerei derartige Beifangmengen mitgefischt werden? Die europäische Fischerei-Verordnung ist in diesem Punkt nämlich eindeutig. Unerwünschte Fänge sollen möglichst vermieden, Beifang soll verpflichtend angelandet werden. Die Hafenbehörden sollen diese Mengen erfassen.

Oberste Fischereibehörde ist die EU-Kommission. Wir fragen nach beim zuständigen Kommissar: Was gedenkt er hier zu tun? Die Antwort bekommen wir schriftlich:


EU-Kommissariat Umwelt und Fischerei:
"Bezüglich dieser sogenannten Anlandeverpflichtung müssen die Mitgliedstaaten ihr Möglichstes tun, um unerwünschte Fänge zu reduzieren. Sie besteht aber erst seit dem 1. Januar 2019. Es ist daher noch zu früh, um die Wirksamkeit dieser Maßnahme zu beurteilen."


Genau diese Art der Fischereipolitik kritisiert der EU-Abgeordnete Martin Häusling seit Jahren im zuständigen Ausschuss.


Martin Häusling

Martin Häusling

Martin Häusling, MdEP-B‘90/Die Grünen:
"In der Realität ist eigentlich gar nichts passiert, das muss man mal so deutlich sagen. Es wird nicht überwacht, es wird nicht umgesetzt. Wir brauchen Kontrollsysteme auf den Schiffen. Also warum haben wir keine Kameras auf den Schiffen? Warum haben wir auf größeren Schiffen auch keine Kontrolleure, die da mitfahren? Das wird von der Fischerei-Industrie nach wie vor torpediert und das kann eigentlich die Europäische Union nicht akzeptieren."


Der Tierschutz beim Fischfang bleibt auf der Strecke


Der Aktivistin gelang es auch zu filmen, wie die Fische nach dem Fang verarbeitet werden. Über eine Art Förderband werden sie in den Schlachtbereich geschoben. Hier sehen wir, was etwa mit einem noch lebenden Rochen geschieht oder einem jungen Hai. Sie werden noch lebend aufgeschlitzt und ausgenommen.


Friedrich Mülln von der SOKO Tierschutz hat das gesamte Bildmaterial inzwischen ausgewertet. Sein Fazit:


Friedrich Mülln

Friedrich Mülln

Friedrich Mülln, SOKO Tierschutz:
"Das ist der Alltag bei der Fischerei. Jedes Tier wird ohne Betäubung aufgeschlitzt, ohne Betäubung die Innereien herausgerissen und lebt danach teilweise noch erheblich länger. Und das ist eine unfassbare Schande für die Europäische Union."


Die EU-Kommission kommentiert diesen Sachverhalt so:


EU-Kommissariat Umwelt und Fischerei:
"Über den Tierschutz beim Fischfang können wir nicht allzu viel sagen. Denn der ist auf EU-Ebene nicht geregelt. Allerdings haben wir den Tierschutz in diesem Bereich als Schlüsselbereich für die Zukunft erkannt. Wir müssen vor allem auch im Bereich Transport und Tötung der Tiere tätig werden."


Fischdelikatessen

Fischdelikatessen



Im Klartext: Da sich hierfür die Mitgliedstaaten miteinander abstimmen müssen, wird in den nächsten Jahren in Sachen Tierschutz wohl nicht viel passieren. Eine fatale Perspektive. Fakt ist: Für diese Meerestiere in den Delikatessenläden zahlen wir am Ende alle einen hohen Preis.