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SENDETERMIN Di, 14.12.2021 | 21:49 Uhr | Das Erste

Frieren nach der Flut Heizungen im Ahrtal Mangelware

Die Flutopfer sollen im Winter nicht frieren müssen, das hat Ministerpräsidentin Malu Dreyer den Menschen im Ahrtal versprochen. Doch noch immer fehlen in tausenden Häusern Heizungen, viele Menschen frieren Anfang Dezember in ihren Wohnungen. Sie heizen mit kleinen Elektroöfchen notdürftig einzelne Räume. Doch selbst das ist nicht möglich, wenn mal wieder das überlastete Stromnetz zusammenbricht.

Wir sind unterwegs im Ahrtal. Es ist Anfang Dezember, Temperaturen um null Grad. Wie kommen die Menschen hier über den Winter? Denn bei der Flut im Juli sind in den zerstörten Kellern auch rund 8.000 Heizungen abgesoffen. Selbst Häuser, die von außen unversehrt aussehen, haben oft keine Heizung.

So wie bei Kveta Dieckebohm. Bei ihr wurde nur der Keller überflutet und damit auch die Heizung zerstört.


Kveta Dieckebohm:
"Bei dieser Stufe hat das Wasser aufgehört zu steigen."


Vor zwei Jahren ist ihr Mann gestorben, sie lebt jetzt allein in ihrem Haus. Hier oben sieht alles unversehrt aus, aber es ist ziemlich kalt. Denn das ist ihre Wärmequelle im Wohnzimmer.


Kveta Dieckebohm

Kveta Dieckebohm

Kveta Dieckebohm:
"Ich heize jetzt mit diesem Ofen und wenn es ganz kalt ist, mach ich mir damit die Hände warm."


Höchstens 16 Grad schafft sie so im Wohnzimmer. Die anderen Räume sind eiskalt, da gibt es gar keine Heizung.


Kveta Dieckebohm:
"Und da ist das Badezimmer."


"Das ist auch eiskalt. Wie machen Sie sich dann morgens fertig?"


Kveta Dieckebohm:
"Ja, mit Wasserkocher. Ich hab kein warmes Wasser. Muss ich erst Wasser kochen und dann kann ich mich waschen."


"Und wie geht das mit duschen?"


Kveta Dieckebohm:
"Kann ich gar nicht hier, nein."

Leben ohne Zentralheizung und warmes Wasser


Kveta Dieckebohm ist verzweifelt, denn sie ist nicht versichert und Geld für eine neue Heizung hat sie auch nicht. Also versucht sie einfach durchzuhalten.


Kveta Dieckebohm:
"Ich versuche auch so wenig wie möglich hier sein. Ich fahre öfter mit Auto raus, da habe ich auch Heizung und dann gehe ich einkaufen. Da ist auch warm."


Vielen Menschen hier geht es so wie ihr. Sie frieren zu Hause, kommen deshalb in eines der Wärmezelte. Das erzählt uns Christiane Thul-Steinheuer. Sie sorgt ehrenamtlich für diesen warmen Ort.


Thul-Steinheuer

Christiane Thul-Steinheuer

Christiane Thul-Steinheuer, ehrenamtliche Helferin:
"Ich muss das drücken und parallel das reintun."


Aber jetzt kämpft sie erstmal mit dem Heizpilz.


"Ist nicht so einfach mit der Wärme, oder?"


Christiane Thul-Steinheuer, ehrenamtliche Helferin:
"Nee, die Wärme ist hier ein großes Problem. Weil viele Leute haben halt zwar jetzt vielleicht mittlerweile theoretisches Gas, aber da fehlt die Heizungsanlage, weil die nicht mehr da ist durch die Flut."


120 Menschen kommen jeden Tag hierher und bekommen auch ein warmes Mittagessen. Auch Willi von den Driech kommt täglich. Der 82-Jährige lebt in einer Ferienwohnung. Die kostet 2.000 Euro jeden Monat. Denn in seine Wohnung kann er nicht, die ist immer noch kalt.


Willi von den Driech

Willi von den Driech

Willi von den Driech:
"Kalt und kein warmes Wasser. Das ist kein Leben. Dann gehe ich lieber an mein Erspartes, ehe ich mir da den Tod hole."

"Niemand soll im Winter frieren müssen"


Bei unserer Recherche treffen wir viele Menschen in kalten Wohnungen. Wie kann das sein? Ministerpräsidentin Malu Dreyer hat den Flutopfern doch immer wieder versprochen: "Niemand soll im Winter frieren müssen." Für ein Interview mit uns hatte sie keine Zeit.



Statt ihr treffen wir Energiestaatssekretär Erwin Manz. Was sagt er dazu, dass viele Menschen hier noch frieren? Er verweist auf die gute Arbeit der landeseigenen Energieagentur:


Erwin Manz, Staatssekretär Klimaschutzministerium Rheinland-Pfalz, Die Grünen:
"Die Energieagentur meldet, dass die Dinge, die dort anhängig waren, dann auch soweit abgearbeitet sind."


"Es sind viele Menschen, die wirklich noch frieren. Haben Sie den Eindruck, dass die Landesregierung genug getan hat?"


Erwin Manz, Staatssekretär Klimaschutzministerium Rheinland-Pfalz, Die Grünen:
"Ich kann jetzt nicht identifizieren, dass es ein ganz eklatantes Versagen irgendwo gab."


Es fehlen Monteure und auch Material


Er erlebt das ganz anders, sein Telefon klingelt den ganzen Tag: Frank Wershofen hat einen Heizungsbaubetrieb in Bad Neuenahr. Auch seine Firma wurde von der Flut zerstört. Täglich bekommt er hundert Anrufe von verzweifelten Menschen, die eine neue Heizung brauchen.


Frank Wershofen

Frank Wershofen

Frank Wershofen, Obermeister der SHK-Innung Kreis Ahrweiler:
"Es ist natürlich auch so, dass große Not angesagt ist und die Leute natürlich Angst haben, dass sie den ganzen Winter über frieren müssen."


Sie kommen mit der Arbeit nicht hinterher. Und vor allem: Es fehlt an Material.


Frank Wershofen, Obermeister der SHK-Innung Kreis Ahrweiler:
"Wenn wir also neue Heizung bestellen, das dauert Wochen und Wochen, bis wir die endlich wieder hier haben."

Ehrenamtliche Handwerker bauen Altgeräte ein


Doch viele könnten sich auch gar keine neue Heizung leisten. Für die ist "Handwerker helfen" die letzte Rettung: Das private Helfernetzwerk baut gebrauchte Heizungen ein und das kostenlos. 300 Heizungsmonteure aus ganz Deutschland arbeiten ehrenamtlich.



Monteur Marco Josefiak kommt häufig am Wochenende aus Hamburg hierher. Er hat Mitleid mit den verzweifelten Flutopfern.


Marco Josefiak

Marco Josefiak

Marco Josefiak, Handwerker-Helfen.de:
"Jetzt kommen die Leute langsam an und auch die Familien, dass sie auch weinen am Telefon. Selbst die Väter. Väter sagen auch teilweise, dass sie machtlos sind, dass sie sich teilweise vor der Familie schämen, weil sie nicht vorankommen. So, und das sind, wie gesagt, teilweise herzzerreißende Gespräche, die man dann führt."


400 Familien konnten sie schon helfen. Mit der Gastherme fahren sie zu Frau Dieckebohm.


Marco Josefiak, Handwerker-Helfen.de:
"Hallo, ich bin Marco aus Hamburg."


Eine Nachbarin hatte ihr den Tipp gegeben, bei "Handwerker Helfen" anzurufen. Hier hat die alte Therme gehangen - die beiden Monteure machen erstmal Bestandsaufnahme im Keller.


Marco Josefiak, Handwerker-Helfen.de:
"Kriegen wir schon hin."


Endlich ein Hoffnungsschimmer für die Witwe.


Kveta Dieckebohm:
"Handwerker sind jetzt nicht so schnell zu kriegen. Deshalb ich bin ganz froh, dass ich die zwei starken Männer hier habe."


Die Therme ist geschenkt, die Männer arbeiten umsonst. Drei Tage wird der Einbau insgesamt dauern. Wenn Frau Dieckebohm wieder Gas bekommt, dann wird es auch warm werden.

Um Menschen zu helfen, die nicht an der Gasleitung leben versammeln sich an diesem Samstag hier 60 Monteure - ehrenamtlich. Ulf Berens organisiert die Klimatechniker aus ganz Deutschland. 800 sogenannte Einraumheizungen haben sie schon umsonst im Ahrtal eingebaut. Das sind Klimaanlagen, die auch heizen können - eine Zwischenlösung, bis es wieder richtige Heizungen gibt.


Ulf Berens

Ulf Berens

Ulf Berens, AHRche.de:
"Und wenn man dann wirklich mitbekommt, dass die Leute dort leben müssen, weil sie gar keine andere Möglichkeit haben, weil Notunterkünfte irgendwann auch monetär, also geldlich, ein Ende haben, weil die Leute müssen irgendwann wieder in ihre Wohnungen zurück."

Staatliche Hilfen zum Wiederaufbau noch nicht ausgezahlt


Heute fahren sie ahraufwärts, hier hat die Flut besonders stark zugeschlagen. Ihr Ziel: Das Haus von Dieter Freund in Kreuzberg. Er und seine Familie müssen zum Jahresende raus aus der Notunterkunft.


"Grüß Sie."

"Kommen Sie rein."


Während die Handwerker schon mal loslegen, erzählt er uns, was vor fünf Monaten passiert ist: Das komplette Erdgeschoss wurde überflutet. Er zeigt uns Fotos:


Dieter Freund

Dieter Freund

Dieter Freund:
"Was nicht weggespült worden ist, war zerstört durch Schlamm, war noch Unrat mit bei und Öl und Chemikalien, die irgendwoher kamen. Also es ist nicht mehr zu verwenden gewesen."


"Und Ihre komplette Heizung, was ist damit passiert?"


Dieter Freund:
"Die ist abgesoffen natürlich. Stand auch im Wasser, da ist Elektronik drin: Pumpensteuerung, Elektronik, alles natürlich zerstört. Auch nicht reparabel."


Derzeit heizt er mit Elektroöfchen. Sein Heizungsbauer kommt nicht vor März. Durch die gespendete Klimaanlage hofft er, mit der Familie endlich wieder hier leben zu können. Nach einer guten Stunde ist die Heizung eingebaut. So schnelle Hilfe: Das hätte er sich vom Staat gewünscht. Den Antrag auf Wiederaufbauhilfe hat er längst gestellt.


Dieter Freund:
"Von staatlicher Seite haben wir noch keinen Cent gesehen. Wir haben noch keine Mitteilung bekommen, dass was kommt."


"Sind Sie da enttäuscht?"


Dieter Freund:
"Ja. Sehr groß enttäuscht. Es gibt da viele Geschädigte, aber es gibt auch viel Geld, was irgendwo liegen soll. Und das sollte langsam mal ausgezahlt werden."


Was sagt die Landesregierung dazu?


Erwin Manz

Erwin Manz

Erwin Manz, Staatssekretär Klimaschutzministerium Rheinland-Pfalz, Die Grünen:
"Es ist eine Unzahl von Anträgen eingegangen. Und soweit mir bekannt ist, ist auch der überwiegende Teil mittlerweile so weit abgearbeitet, dass die Bewilligungen auch rausgehen können. Aber genaue Zahlen…"


"Sind denn schon Bewilligungen rausgegangen? Also wir haben da noch nichts gehört."


Erwin Manz, Staatssekretär Klimaschutzministerium Rheinland-Pfalz, Die Grünen:
"Das muss dort erfragt werden."


Auf unsere Nachfrage erklärt das Finanzministerium Rheinland-Pfalz: Bisher sei noch kein Geld für Wiederaufbauhilfe an private Haushalte geflossen. Doch die Menschen brauchen die Hilfe jetzt und nicht irgendwann.

Wir sind noch einmal bei Frau Dieckebohm. Die Heizung ist zwar fertig, aber ihre Wohnung ist noch immer kalt. Es scheitert am Gaszähler: Solange der nicht da ist, gibt es kein Gas.


"Und so lange bleibt es kalt."


Kveta Dieckebohm:
"Genau, genau, ja, ja."