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SENDETERMIN Di, 3.8.2021 | 21:48 Uhr | Das Erste

Fragwürdige Fluthelfer Instrumentalisieren Rechtsextreme und Querdenker die Not?

Rechtsextreme und Aktivisten aus dem Umfeld der Querdenken-Bewegung inszenieren sich als Fluthelfer in Ahrweiler. Ihre Hilfe verknüpfen sie mit politischen Forderungen und radikalen politischen Positionen. Der Staat würde angeblich seine Bürger im Stich lassen, und sie seien die einzigen, die helfen, lautet eine oft verbreitete Behauptung. Für die Querdenken-Szene, die nach Einschätzung von Experten zuletzt an Einfluss verloren hat, eine willkommene Gelegenheit.

Ende eines Hilfszentrums. Die Aloisius-Grundschule in Ahrweiler am vergangenen Mittwoch. Der ehrenamtliche Helfer Ulf Ronneberger führt uns durch das Lager. Er war einer der ersten vor Ort, hat in den vergangenen Wochen mit den anderen Helfern Spenden gesammelt, Essen ausgegeben. Jetzt müssen sie die Schule räumen. Viele sind frustriert und wütend.

Ulf Ronneberger, ehrenamtlicher Helfer: "Von der grundsätzlichen Stimmung her sind die Leute natürlich entrüstet. Also die Helfer sind unfassbar enttäuscht."

Die Stadt nennt als Grund für die Räumung eine geplante Renovierung. Doch die Helfer vor Ort glauben: Es steckt noch mehr dahinter.

Wie Rechtsextreme die Flutkatastrophe für sich nutzen

Vor zwei Wochen tauchen Meldungen auf, Querdenker und Rechtsextreme hätten die Schule in Beschlag genommen. Auf dem Messenger-Dienst Telegram verbreitet der Holocaust-Leugner Nikolai Nerling Videos, wie er seine Zelte vor der Schule aufschlägt.

Nikolai Nerling

Nikolai Nerling

Nikolai Nerling: "Hinter uns ist die Aloisius-Grundschule"

Und die Flutkatastrophe nutzt, um Stimmung gegen den Staat zu machen.

Nikolai Nerling: "Ein Polizeiwagen steht da, da sitzen ein paar Leute drin und gucken raus. Sonst nix. Das ist großartig, weil wir dadurch endlich in die Selbstverantwortung kommen und zeigen können, dass wir diese ganzen BRD-Organisationen gar nicht brauchen."

Die Flut als Beleg für angebliches Staatsversagen? Auf Nachfrage bestreitet Nerling, die Flut politisch instrumentalisiert zu haben.

Die Sozialpsychologin Pia Lamberty sieht hier ein altbekanntes Muster: Rechtsextreme und Verschwörungsideologen nutzten Katastrophen für ihre politischen Zwecke.

Pia Lamberty, Sozialpsychologin

Pia Lamberty

Pia Lamberty, Sozialpsychologin: "Das war beim Oder-Hochwasser so. Und das Gleiche passiert jetzt auch bei der Flutkatastrophe. Man versucht, Hass gegen den Staat zu schüren. Man versucht, Unmut zu erzeugen. Man behauptet, es gäbe keine Hilfe vor Ort. Und zwar nicht in einer Art, die jetzt eine konstruktive Kritik sei, sondern wirklich in einer hass-schürenden Art und Weise, um eben, ja, vielleicht sogar einen Umsturz erzeugen zu können."

Querdenker an der Aloisius Grundschule in Ahrweiler

Zurück zur Schule in Ahrweiler. Hier sollen nicht nur Rechtsextreme, sondern auch Querdenker ihr Lager aufgeschlagen haben. Wir wollen uns selbst ein Bild machen, fahren vor zwei Wochen zum ersten Mal hin. Dort empfängt uns eine Gruppe Helfer. Unter ihnen die Aktivisten Florian Kuhn, Markus Haintz und Maximilian Eder. Alle drei stehen in Verbindung mit der Corona-Leugnungs- und Querdenker-Szene. Warum sind sie hier?

Maximilian Eder

Maximilian Eder

Maximilian Eder, Bundeswehroberst a. D.: "Es geht rein darum, notleidenden Menschen hier so rasch wie möglich unbürokratisch zu helfen."

Wer ist Maximilian Eder? Wir stoßen auf mehrere Auftritte des ehemaligen KSK-Mitglieds auf Demos gegen die Corona-Maßnahmen - wie hier in Berlin, wo er über einen System-Umsturz durch die Bundeswehr fantasiert:

Maximilian Eder, Bundeswehroberst a. D.: "Man sollte das KSK mal nach Berlin schicken und hier ordentlich aufräumen."

Zum Abschluss der Rede zitiert er die Prophezeiung eines bayerischen Hellsehers:

Maximilian Eder, Bundeswehroberst a. D.: "Dann steht das Volk auf mit den Soldaten. Dann wird jeder, der ein Amt hat, an der nächsten Laterne oder gleich am Fensterkreuz aufgehängt."

Harte Worte. Auf unsere Nachfrage, ob er mit solchen Aussagen zum Systemumsturz aufruft, reagiert Maximilian Eder nicht.

Dann entdecken wir dieses Video. Im Stil einer Sondersendung zur Flutkatastrophe präsentiert sich Eder in seiner Uniform, obwohl das verboten ist für Militärangehörige außer Dienst. Mit dabei: bekannte Gesichter aus dem Querdenken-Umfeld - unter anderem Arzt Bodo Schiffmann und Florian Kuhn, hier in der Mitte. Er ist Fahrer des sogenannten "Friedensfahrzeugs", von dem aus nach Informationen der Polizei Falschaussagen in Ahrweiler verbreitet worden sein sollen. Wir treffen ihn an der Schule, er gibt sich völlig harmlos und bestreitet die Vorwürfe.

Florian Kuhn

Florian Kuhn

Florian Kuhn, Fahrer des "Friedensfahrzeugs": "Ich bin heute schon stundenlang rumgefahren, mit dem Auto voller Wasser, mit den Durchsagen, dass wir hier eben ein kostenloses Abendessen oder warmes Essen ausgeben."

Will er nur helfen? Im Video erklärt Kuhn geradezu freudig, warum die Katastrophe aus seiner Sicht der Bewegung nützt.

Florian Kuhn, Fahrer des "Friedensfahrzeugs": "Es hat sich gezeigt, dass wir eine ganz, ganz großartige, tolle Familie sind, die alle zusammen helfen, und die staatlichen Organe in jeglicher Hinsicht total versagen. Aber das ist auch schön so, weil das zeigt allen Menschen, dass sie aktiv werden sollen, und aktiv werden können und dürfen, und das ist gut so."

Freude über ausbleibende Hilfe?

Ehrenamtliche Helfer fühlen sich unterwandert

Zurück zu Ulf Ronneberger. Als Helfer der ersten Stunde an der Schule ist er schockiert, als wir mit ihm vor zwei Wochen über unsere Recherchen sprechen. Er und die anderen Ehrenamtlichen seien unterwandert worden.

Ulf Ronneberger, ehrenamtlicher Helfer

Ulf Ronneberger

Ulf Ronneberger, ehrenamtlicher Helfer: "Ganz grundsätzlich finde ich es wahnsinnig verwerflich, wenn jemand in einer Notlage, wo man eh eine schon sehr destabilisierte Bevölkerungsstruktur hat, hingeht und diese Bevölkerungsstruktur dazu nutzt, um eine politische Plattform zu errichten. Dann ist er einfach hier nicht mehr willkommen."

Bodo Schiffmann und die Fluthilfe

Koblenz, am vergangenen Mittwoch. Fans des Corona-Leugners Bodo Schiffmann empfangen ihn auf einem Stopp seiner so genannten "Corona-Info-Tour". Schiffmann tut so, als seien seine Bewegung und er die einzigen, die helfen würden.

Bodo Schiffmann, Arzt und Corona-Leugner: "Die Flutopfer in Ahrweiler haben als erste ausschließlich Hilfe gekriegt von Querdenkern, nicht vom Staat. Der Staat hat sie ignoriert."

Zynisch angesichts der vielen Helfer, die nichts mit "Querdenken" zu tun haben und vom ersten Tag an im Hochwassergebiet mit anpacken. Schiffmann sammelt im Internet Spenden für die Flutopfer. Laut eines Telegram-Posts von Schiffmann gibt es das Geld aber nur zu bestimmten Bedingungen:

Bodo Schiffmann über Telegram: "Die Diskriminierung von Menschen die sich gegen eine Impfung oder das Tragen von Masken entscheiden ist sofort zu beenden."

Am Rande der Kundgebung fragen wir nach.

Reporter: "Was sagen Sie denn zu dem Vorwurf, dass Sie die Flutkatastrophe für Ihre eigenen Zwecke instrumentalisieren würden?"

Bodo Schiffmann, Arzt und Corona-Leugner: "Ich helfe Menschen, weil mir das meine christliche Nächstenliebe gebietet."

Reporter: "Sie haben ja aber die Vergabe von den Spendengeldern, die Sie eingesammelt haben, auch an Bedingungen verknüpft. Haben Sie auf Telegram ja geschrieben."

Bodo Schiffmann

Bodo Schiffmann

Bodo Schiffmann, Arzt und Corona-Leugner: "Habe ich nicht. Ich habe gesagt, dass ich den Bürgermeistern die anbiete, dass sie das nehmen können. Es gibt keine Bedingungen, außer, dass man Menschen nicht benachteiligt, die andere politische Meinungen haben. Das war die einzige Bedingung. Ich glaube, das versteht sich von selbst."

Also doch eine Art Eingeständnis - Geld bekommt nur, wer Schiffmanns Bedingungen zustimmt. Was das genau heißen soll, bleibt unklar.

Menschen wie Bodo Schiffmann nutzen die Flutkatastrophe für ihre eigenen Zwecke - auf Kosten der Flutopfer und derjenigen, die einfach nur helfen wollen.

aus der Sendung vom

Di, 3.8.2021 | 21:48 Uhr

Das Erste

Autor*innen:
Monika Anthes, Christian Saathoff

Kamera:
Janson Groß, Max Gudczinski, Martin Nowak, Thomas Schäfer, Jens Thering von der Osten

Schnitt:
Diana Kalb