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SENDETERMIN Di, 3.8.2021 | 21:48 Uhr | Das Erste

Flut-Katastrophe Organisationschaos im Krisengebiet?

Seit zweieinhalb Wochen kämpfen die Menschen im Ahrtal gegen Schlamm und Chaos. Unsere Reportage aus dem Flutgebiet zeigt, bei der Organisation der Hilfe läuft einiges schief. Offizielle Hilfe und Koordination der Krisenstäbe kam in vielen Gebieten nur langsam in Tritt. Ohne die freiwilligen Helfer wären die Menschen vor allem am Anfang der Katastrophe aufgeschmissen gewesen.

Das Haus von Michael Lang in Marienthal an der Ahr - bei der Hochwasserkatastrophe wurde es fast komplett zerstört, ist unbewohnbar. Der 50-Jährige wollte sich hier einen Lebenstraum verwirklichen - ein Weinlokal direkt an der Ahr.

Michael Lang, designierter Inhaber eines Weinlokals

Michael Lang

Michael Lang, designierter Inhaber eines Weinlokals: "In zwei Wochen wäre Eröffnung gewesen. Ja, in zwei Wochen. Und jetzt ist meine persönliche Arbeit der letzten sieben Monate und das Engagement und die Liebe zu dem Ganzen erst einmal ruiniert."


Ein paar Tage später. Das Gröbste habe er mittlerweile freigeräumt, auch mit freiwilligen Helfern. Unterstützung vom Technischen Hilfswerk oder der Feuerwehr habe der Gastronom zu diesem Zeitpunkt noch nicht gesehen, erzählt er uns.

Michael Lang, designierter Inhaber eines Weinlokals: "Wie die Hilfe in den ersten Tagen aussah, kann ich unterm Strich eigentlich nur sagen: Die Hilfe in den ersten Tagen hat gar nicht stattgefunden. Also man war mit dem Schaden, den man hatte, auf sich allein gestellt."

Mindestens vier Tage habe er hier keine Helfer von offiziellen Organisationen gesehen, sagt Lang.

Wie erging es anderen Menschen im Krisengebiet in Rheinland-Pfalz? Wir fahren nach Bad Neuenahr-Ahrweiler und fragen dort nach:

Frank Kersten, Betroffener der Flutkatastrophe

Frank Kersten

Frank Kersten, Betroffener der Flutkatastrophe: "Es waren nur freiwillige Helfer da, sonst nix. Gar nix."

Monika Waldenmaier, Betroffene der Flutkatastrophe: "Es war niemand von irgendeiner Institution zu sehen. Es waren dann in den nächsten Tagen nur Landwirte und Bauunternehmer, die geholfen haben."

Freiwillige Helfer: Landwirte, Bauunternehmer und Handwerker strömen in die Krisenregion

Aus ganz Deutschland strömen in den ersten Tagen nach der Katastrophe zahlreiche Landwirte, Handwerker und Bauunternehmer in die Region. Neben den örtlichen Rettungskräften sind sie oft die Ersten. Mit schwerem Gerät räumen sie Straßen und Wege frei.

Markus Wipperfürth ist einer von ihnen. Der Landwirtschafts-Unternehmer aus der Nähe von Köln ist gleich am ersten Tag nach der Flutkatastrophe nach Ahrweiler gefahren. Eigentlich wollte er nur einen Tag bleiben, um zu helfen. Zu Beginn sah es hier noch so aus:

Markus Wipperfürth, Lohnunternehmer Landwirtschaft

Markus Wipperfürth

Markus Wipperfürth, Lohnunternehmer Landwirtschaft: "Oben die Straße war so hoch zu mit Holz, mit Autos, mit Gasflaschen, mit allem, was so hier das Ahrtal herunter geschwemmt ist. Und natürlich auch mit Menschen. Und uns wurde dann nur gesagt: ‚Wenn ihr eine Leiche findet, dann ruft die Polizei an, die kommen dann raus.‘ Und dann waren wir fünf Tage insgesamt. Nach fünf Tagen habe ich den ersten Rettungssanitäter dann hier gesehen."

Ein Baggerfahrer sei schwer traumatisiert abgereist, nachdem er eine tote Familie gefunden habe, erzählt uns Wipperfürth. Er selbst verarbeitet das Erlebte online, macht sich Luft bei Facebook. Er ärgert sich, dass in den ersten Tagen so wenige Einsatzkräfte vor Ort angekommen seien, erzählt er:

Markus Wipperfürth, Lohnunternehmer Landwirtschaft, über Facebook: "Was ich kritisiere, ist, dass die Leute nicht verteilt wurden. Und das sind einfach Sachen, die komplett schiefgelaufen sind. Ich möchte das nur klarstellen: Ich rede nicht gegen die Feuerwehr oder gegen das THW. Ich rede gegen die Koordination von ganz oben, die hier gelaufen ist."

Sie mussten sich hier größtenteils selbst organisieren, berichten die Helfer. Tausende Tonnen Schutt und Müll hätten hunderte Landwirte, Bauunternehmer und Handwerker schon weggeschafft. Das Ergebnis: lange Müllschlangen vor der Stadt. Zurück im Ort bleibt Dankbarkeit für die privaten Helfer:

Anwohner über Facebook: "Ich kriege gerade eine Gänsehaut, ich fang‘ gleich an zu flennen. Wenn die Landwirte hier nicht gewesen wären… Die haben uns hier den Arsch gerettet."

Wipperfürth wird zum Krisenmanager für einen ganzen Ort. Seitdem er hier ist, steht sein Telefon nicht mehr still. Hunderte rufen ihn täglich an und wollen wissen, wo sie anpacken können.

Markus Wipperfürth, Lohnunternehmer Landwirtschaft: "Ich habe an einem Tag, den ich mal durchgezählt habe, 453 Telefonate gehabt und es hört nicht auf zu klingeln. Manchmal sind es fünf Telefonate hintereinander und das ist irgendwie so schwer zu stemmen hier."

Auch jetzt noch, an Tag neun nach der Flutkatastrophe, habe er keinen offiziellen Ansprechpartner beim Krisenstab.

Ein paar Kilometer weiter ärgert sich auch die Bürgermeisterin der Verbandsgemeinde Altenahr über das Krisenmanagement. Von ihrer provisorischen Einsatzzentrale aus organisiert, telefoniert und kümmert sich Cornelia Weigand Tag und Nacht um ihre zwölf Gemeinden im Hochwassergebiet.

Bürgermeisterin Weigand: "Es scheint ein massives Kommunikationsproblem zu geben"

Cornelia Weigand, Bürgermeisterin Verbandsgemeinde Altenahr: „Also ein Albtraum wäre deutlich schöner, das kann ich Ihnen sagen. Aber so langsam realisieren das die Meisten, dass es leider kein Aufwachen gibt, sondern dass Monate und Jahre Arbeit und viel, viel Probleme noch gibt.“

Noch immer hat sie nach einer Woche nicht alle zerstörten Orte gesehen. Heute ist sie in das kleine Dorf Rech an der Mittelahr unterwegs. Zu diesem Zeitpunkt gibt es weder Strom noch fließend Wasser. Die Bürgermeisterin befürchtet Seuchengefahr.

Cornelia Weigand, Bürgermeisterin Verbandsgemeinde Altenahr

Cornelia Weigand

Cornelia Weigand, Bürgermeisterin Verbandsgemeinde Altenahr: "Gucken Sie sich das an. Wenn es da keine gäbe, und da ist wieder das Thema Hygiene, wir haben keine Kanalsysteme, wir haben noch nicht genug Dixis. Die Dixis werden nicht ausgepumpt. Wir haben auch längst noch nicht genug Brauchwasser, um mal auch vernünftig Hände waschen zu können."

Mobile Toiletten, zum Beispiel, hat sie schon vor Tagen angefordert. Aber die dringend benötigten und bestellten Hilfsgüter kommen bisher einfach nicht an.

Cornelia Weigand, Bürgermeisterin Verbandsgemeinde Altenahr: "Es scheint ein massives Kommunikationsproblem zu geben. Wir wissen nicht, woran es liegt, weil rein technisch funktioniert die Kommunikation. Es kommt dort oben an."

Kritik also an der Kommunikation und Koordination des Krisenstabs. Geführt wird der in Rheinland-Pfalz von der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion, ADD. Dass Hilfsgüter für Bürgermeisterin Weigand nicht angekommen seien, nimmt der Präsident zur Kenntnis.

Thomas Linnertz, Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion Rheinland-Pfalz:

Thomas Linnertz

Thomas Linnertz, Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion Rheinland-Pfalz: "Wir hatten so viele Einsatzkräfte im Einsatz, sodass in der Technischen Einsatzleitung natürlich Hunderte und Tausende von Anfragen ankommen. Da kann es, das ist nicht richtig und nicht gut, aber da kann es durchaus passieren, dass da auch mal etwas verloren geht oder nicht abgearbeitet wurde. Aber das verbessert sich eigentlich von Tag zu Tag."

Reporterin: "Schaffen Sie es denn auch, sich mal ein Bild von der Lage zu machen? Wo sind Sie denn überall gewesen?"

Thomas Linnertz, Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion Rheinland-Pfalz: "Ich war hauptsächlich natürlich hier in Bad Neuenahr-Ahrweiler, weil das natürlich auch relativ nah ist. Ich bin mal mit dem Hubschrauber rüber geflogen, um mir mal einen Einblick zu machen. Ansonsten bin ich noch nicht so viel im Raum gewesen, weil ich einfach laufend hier sein muss, um Dinge abzuklären, Entscheidungen zu treffen, Aufträge zu unterzeichnen.“

Hunderte Einsatzkräfte warten auf Einsatz

Mittlerweile sind mehr als 5.000 Hilfskräfte von THW, Bundeswehr und Feuerwehr in der Krisenregion. Auch sie schuften, bauen Brücken und helfen den Menschen. Doch nicht immer werden sie schnell eingesetzt.

Ein Beispiel: Rund eine Woche nach der Katastrophe stehen in Windhagen bei Bonn mehr als 700 Einsatzkräfte samt Fahrzeugen auf einem Parkplatz und warten. Dabei seien sie schon vor Tagen aus Schleswig-Holstein angereist, bereit um loszulegen.

Stefan Hellmich, Feuerwehr Pinneberg

Stefan Hellmich

Stefan Hellmich, Feuerwehr Pinneberg: "Wir sind eigentlich schon jetzt seit fast, glaube ich, 48 Stunden hier. Man hat so ein bisschen die Zeit verloren. Es ist sehr unbefriedigend, weil man natürlich helfen möchte."

Die Hilfskräfte hier erzählen uns, dass sie am Tag zuvor, kurz nach ihrer Ankunft, samt Fahrzeugen, zum 90 Kilometer entfernten Nürburgring verlegt wurden - zur Einsatzzentrale. Nur, um kurz danach wieder hier in Windhagen zu stranden

Stefan Hellmich, Feuerwehr Pinneberg: "Für den einfachen Feuerwehrmann ist es natürlich erstmal unverständlich, warum wir zwei oder dreimal hin und her verlegt werden. Alle sind hier sehr, sehr frustriert über den Anfang, also verärgert..."

Ähnliches berichtet auch der Leiter der Feuerwehren im rheinland-pfälzischen Winnweiler. Christian Füllert war von Beginn an als Einsatzleiter im Katastrophengebiet. Seine Kritik: Die Krisenkommunikation habe vor allem am Anfang versagt.

Wehrleiter Feuerwehr Winnweiler

Christian Füllert

Christian Füllert, Wehrleiter Feuerwehr Winnweiler: "Es gab kein Lagebild, keine Kräfteübersicht, keine Führungs- oder Kommunikationsstruktur. Und wenn wir hier nicht funktionierende Strukturen schaffen, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass es Menschenleben kostet, die gerettet werden könnten, sehr hoch."

Am Unglücksort dringend benötigte Einsatzkräfte oder Fahrzeuge seien teilweise verspätet oder gar nicht erst angekommen.

Christian Füllert, Wehrleiter Feuerwehr Winnweiler: "Es war so, dass teilweise dann Einheiten, teilweise 300, 400 Mann stark und Frauen stark, und größer, im Bereitstellungsraum standen und dann eben nicht zeitgerecht abgerufen wurden, teilweise über Tage bis zu einer Woche, und das natürlich auch für starke Frustration gesorgt hat."

Massive Vorwürfe von Feuerwehr, privaten Helfern und Amtsträgern. Was sagt das rheinland-pfälzische Innenministerium dazu? Bei einer Pressekonferenz im Krisengebiet nimmt Minister Roger Lewentz Stellung:

Roger Lewentz, Innenminister Rheinland-Pfalz

Roger Lewentz

Roger Lewentz, Innenminister Rheinland-Pfalz: "Da gibt es Einzelbeispiele, da habe ich mich auch schon für entschuldigt, mir tut das leid, wenn ich eine Feuerwehr aus Rheinland-Pfalz oder von sonst wo her, nur um ein Beispiel zu nennen, sehe, die kommen hier hin, die wollen helfen und die haben das Gefühl, es läuft nicht koordiniert genug. Aber ich sehe auch, wenn ich im Tal unterwegs bin, wie viel Hilfe koordiniert läuft. Insgesamt wird hier eine so große Hilfe organisiert, dass ich finde, dass sich das sehr sehen lassen kann."

Ein Hilfseinsatz, der sich sehen lassen kann? Katastrophenforscher Professor Wolf Dombrowsky kommt zu einem anderen Ergebnis. Er hat zahlreiche Katastrophen analysiert. Die Vor-Ort-Kompetenz werde nicht ausreichend genutzt. Er hält Fehler bei der Kommunikation und Organisation sogar für ein bundesweites Problem:

Prof. Wolf Dombrowsky, Katastrophenforscher

Prof. Wolf Dombrowsky

Prof. Wolf Dombrowsky, Katastrophenforscher: "Deutschland ist ein föderales System und Katastrophenschutz ist Ländersache. In Anbetracht dieser länderübergreifenden Lage wird deutlich, dass wir einen zentralisierten Katastrophenschutz brauchen - mit klaren Strukturen, mit klaren Weisungen. Denn so, wie der Katastrophenschutz jetzt ist, taugt er nichts."

Es liegt noch viel Arbeit vor den Menschen im Katastrophengebiet

Zurück bei Markus Wipperfürth.

Markus Wipperfürth, Lohnunternehmer Landwirtschaft: "Wenn man das hier rechts sieht, das ist unglaublich. Da ist der ganze Kanal weg."

14 Tage nach der Flut. Er ist wieder unterwegs in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Diesmal mit dem Auto, um besser organisieren zu können. Es laufe schon runder, erzählt er uns. Mittlerweile hat er sogar einen direkten Draht in die Politik - auch zur Bundeslandwirtschaftsministerin:

Markus Wipperfürth, Lohnunternehmer Landwirtschaft, am Telefon: "Hallo Frau Klöckner, da ist was ganz Wichtiges zu regeln mit dem Ministerium. Könnten Sie den Herrn zurückrufen? Da wäre ich Ihnen sehr verbunden."

Doch seine Kritik kommt mittlerweile nicht nur bei Politikern an. Auch Querdenker und Rechtsextremisten teilen seine Videos im Netz. Aber mit denen will er nichts zu tun haben.

Markus Wipperfürth, Lohnunternehmer Landwirtschaft: "Ich lass' mich hier nicht instrumentalisieren. Mein Instrument ist hier zu helfen. Und nichts anderes. Und wer denkt, er kann hier über mich Politik betreiben oder irgendwelche Ideologien verbreiten, der ist bei mir völlig fehl am Platz."

Die Straße, in der für ihn alles angefangen hat. Wenn es ihm zu viel wird, zieht er sich in diese kleine Kapelle zurück. Von Anfang an sein Zufluchtsort. Markus Wipperfürth will noch länger bleiben, um zu helfen. Es liegt noch viel Arbeit vor ihm.

Markus Wipperfürth, Lohnunternehmer Landwirtschaft: "Es ist auf jeden Fall für jeden, der hier ist, noch viel aufzuarbeiten. Wenn man mal zur Ruhe kommt und einfach mal das normale Leben wieder hat. Weil das Leben ist erstmal nicht mehr normal. Das ist so."