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Text des Beitrags | Flugreisen Wie die Luftfahrt-Lobby versucht, strenge Hygienevorschriften zu verhindern

Moderation Fritz Frey:

Portugal, unterwegs an die bei Deutschen so beliebte Algarve. Hier noch fast leere Traumstrände, wo sich sonst um diese Jahreszeit eigentlich schon Touristen tummeln.

Der Tourismus-Beauftragte der Algarve versichert: Hier sei man vorbereitet.


O-Ton, Joao Fernandes, Tourismusbeauftragter Algarve:

Joao Fernandes

Joao Fernandes

"Die Sonnenschirme sollen mindestens drei Meter auseinander stehen, im Sand müssen die Gäste dann immer 1,5 Meter Abstand zueinander halten. Sobald die Flüge wieder losgehen, sind wir bereit für die Touristen."




Blauer Himmel, Strand, eine leichte Brise - das klingt doch verlockend. Guten Abend zu REPORT, live aus Mainz! Schön, dass Sie dabei sind.

Und nicht nur Portugal, auch andere Urlaubsziele signalisieren: Wir sind bereit für deutsche Urlauber. Und es ist ja richtig: Selten war bei uns die Sehnsucht nach einem entspannten Urlaub größer als in diesen Corona-dominierten Tagen.

A propos Corona: Kann man da so einfach mal gefahrlos nach Portugal fliegen? Recherchen von Manuela Dursun und Heiner Hoffmann.

Bericht:

In Hotels und Restaurants hier in Portugal ist derzeit nur die halbe Auslastung erlaubt, damit die Gäste nicht zu eng sitzen. Social Distancing auch im Sommerurlaub. Hier scheint alles vorbereitet. Doch das Corona-Problem liegt ohnehin noch ganz woanders. Das haben wir auf unserer Reise festgestellt.

Sie beginnt vormittags am Frankfurter Flughafen. Noch weitgehend menschenleer, doch trotzdem: Am Check-in nebenan tummeln sich Dutzende Fluggäste in Gruppen dicht aneinander, viele ohne Maske. Wir sehen lange ungeordnete Schlangen quer durch die Halle. Die Einweiser wirken überfordert.

Wir zeigen unsere Aufnahmen dem Epidemiologen Prof. Timo Ulrichs. Er hat sich mit Flugverkehr in Pandemie-Zeiten beschäftigt.


O-Ton, Prof. Timo Ulrichs, Infektionsepidemiologe:

Prof. Timo Ulrichs

Prof. Timo Ulrichs

"Was wir hier sehen, ist eigentlich eben alles durcheinander. Und eben so eigentlich wie vorher. Also gibt es gar kein Konzept, offensichtlich, es gibt ja in diesen großen Flugzeug-, Flughafenhallen genug Platz. Das heißt, man könnte schon durch Absperrungen dann diese ganzen Bereiche so aufteilen. Und das Maskentragen wird auch nicht komplett durchgehalten. Also das ist eigentlich auch nicht so, nicht so richtig gut."


Dabei hat uns der Frankfurter Flughafen-Betreiber kurz vor unserer Reise noch mitgeteilt: Es gebe eine "angepasste Passagierführung" und "geschultes Personal" sei "unterwegs, um Reisende auf die Regeln hinzuweisen".

Doch die Praxis sieht irgendwie anders aus.

Wie wird es im Flugzeug zugehen? Wir treffen ringsum auf Fluggäste, die Angst vor vollen Maschinen haben - so wie diese Mutter, die ihren Sohn zum Flieger bringt.


Mutter eines Passagiers

Mutter eines Passagiers

O-Ton Mutter eines Passagiers:

»Er sitzt jetzt in der Mitte sogar leider.«


Reporterfrage:

Wie fühlt sich das an für Sie?


Antwort:

"Wir haben jetzt keine andere Wahl. Es ist vielleicht ein bisschen beunruhigend. Aber gut, es war kein anderer Sitzplatz mehr frei."


O-Ton Passagierin:

"Ansonsten achtet ja sonst auch natürlich auf die Distanz. Von daher wäre es auch gut im Flugzeug, wenn man darauf achtet. Vor allem, wenn es ein längerer Flug ist."


O-Ton Passagier:

"Wir sind doch auch verpflichtet Abstand zu halten und das nicht zu machen und das nicht zu machen. Ich denke, dann sollten die das eigentlich auch machen."


Weiter geht es auf unserer Reise - zunächst zum Boarding Gate. Auch hier erwarten uns Szenen wie aus Vor-Corona-Zeiten. Die vorgeschriebenen 1,5 Meter Abstand - höchstens auf den Sitzen neben dem Gate.

Spätestens im Flieger haben wir ohnehin keine Chance mehr auf Distanz. Es ist eng beim Boarding. Und: Es sind fast alle Plätze besetzt - auch zahlreiche Mittelsitze.


O-Ton, Prof. Timo Ulrichs, Infektionsepidemiologe:

"Noch dichter, kann man mit anderen Menschen gar nicht reisen. Und dann ist eben einfach mit dieser, mit dieser Dichte und auch noch der langen Verweildauer nebeneinander das Risiko einfach erhöht, dass, wenn Virus ausgeatmet wird, dass man es dann auch einatmet und dass sich das Virus dann im eigenen Rachen festsetzen kann."


Müssten die Fluggesellschaften das nicht verhindern? Ende vergangener Woche hat die EU Richtlinien dazu veröffentlicht. Darin heißt es:


Zitat:

"Wenn es die Zahl der Passagiere erlaubt, sollten die Fluggesellschaften, so gut wie möglich, körperlichen Abstand unter den Passagieren gewährleisten."


Heißt: Wenn der Flieger ausgebucht ist, müssen die Airlines keinen Abstand einhalten. Klar ist: es gab im Voraus wochenlange Lobby-Arbeit. Branchenverbände wie der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft behaupten seit Wochen: Das Infektionsrisiko im Flugzeug sei "extrem gering". Denn die Klimaanlage an Bord entspräche "dem Standard der Filter eines klinischen Operationssaals".

Doch stimmt das auch? Wir stoßen auf eine wissenschaftliche Simulation eines Husters an Bord. Das Ergebnis der Forscher: Die Tröpfchen breiten sich vor allem nach links und rechts in Richtung Nachbarsitze aus.

Zu diesem Ergebnis kommt ein amerikanischer Wissenschaftler. Er erforscht seit Jahren mögliche Infektionswege an Bord - auch im Auftrag der US-Luftfahrtbehörde. Am Flughafen erreichen wir ihn per Skype:


O-Ton, Prof. Qingyan Chen, Purdue University:

Prof. Qingyan Chen

Prof. Qingyan Chen

"Die Aussagen der Fluggesellschaften sind irreführend. Denn unsere Forschung zeigt, dass die Tröpfchen bis zu vier Minuten lang an Bord zirkulieren können, bevor sie in der Klimaanlage gefiltert werden. Am gefährlichsten ist der Sitz direkt neben einem kranken Passagier. Entweder die Fluggesellschaften geben den Passagieren also richtige Masken mit FFP2-Standard oder sie müssen den Mittelsitz frei lassen."


OP-Masken oder gar selbst genähte Masken, wie wir sie an Bord beobachten, würden nicht ausreichend schützen, meint Chen. Doch ein FFP2-Standard ist in der EU nicht vorgesehen. Und wir beobachten: Zum Essen und Trinken werden diese Masken natürlich abgenommen.

Der Epidemiologe Ulrichs kritisiert die laschen Vorgaben der EU und befürchtet:


O-Ton, Prof. Timo Ulrichs, Infektionsepidemiologe:

"Wenn wir das alles so zulassen, dass dann eben eine Wiederverbreitung stattfindet, die wir auf gar keinen Fall haben wollen, schon gar nicht mit Blick auf den kommenden Herbst, wo also die Risiken auch ganz generell auf der Nordhalbkugel sicherlich steigen werden, dass wir da wieder neue Ausbrüche bis hin zu einer zweiten Welle bekommen."


Beim Aussteigen in Lissabon wird es dann richtig eng. Minutenlang stehen die Passagiere Schulter an Schulter im Gang. Ein System scheint es nicht zu geben. Auf dem Rückflug sieht es übrigens nicht anders aus.

Und nicht nur in diesen Flügen - alle deutschen Airlines wollen nach REPORT-MAINZ-Recherchen ihre Flieger gemäß EU-Vorgaben möglichst vollpacken. So mögen zwar die Traumstrände in Portugal bereit sein für pandemiekonformen Urlaub. Airlines und Flughäfen sind es offenbar noch nicht.

Abmoderation Fritz Frey:

Ja, und da ist heute ein Eckpunktepapier für das Kabinett bekannt geworden, mit dem Kriterien zur Ermöglichung des inneneuropäischen Tourismus festgelegt werden sollen. Die Passage "Sicherheit von Passagieren in Flugzeugen", die sollte man nach unseren Recherchen vielleicht noch mal überarbeiten.