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SENDETERMIN Mo, 16.11.2009 | 21:45 Uhr | Das Erste

Fleischfabrikant im Visier Was ist dran an den Vorwürfen gegen Tönnies?

Neues Thema. Wir tauchen ein in eine Welt aus Ermittlungsakten, Verdachtsmomenten und Razzien. Und um ihn geht es, um Clemens Tönnies. Ein Mann mit einem Leben zwischen Fleisch und Fußball. Einem Leben zwischen Schalke 04 und Europas größtem Fleischkonzern.

Doch der Reihe nach. Oliver Heinsch und Adrian Peter mit einer Geschichte, die vor zwei Jahren beginnt.


Bericht:

September 2007. Diskrete Razzia in Europas größter Fleischfabrik. Das LKA kommt mit Zivilfahrzeugen. Verdächtige werden verhaftet. Es geht um Betrug, Bestechung und Schmiergelder. Auch das Haus von Firmenchef Clemens Tönnies wird durchsucht. Möglichst unauffällig.

Denn Clemens Tönnies ist nicht irgendwer. Tönnies ist ein Mann mit viel Geld, Einfluss und mächtigen Freunden. Tönnies ist auch der starke Mann bei Schalke 04. Doch warum interessiert sich jetzt die Justiz für ihn?

Mit ihm fing alles an: Richard Wieck. Der ehemalige Tönnies-Manager stand selbst wegen Bestechlichkeit im Visier der Ermittler. Dann belastete er Tönnies schwer. Seine Vorwürfe reichen von Bestechlichkeit im Tönnies Konzern bis zum Betrug mit Hackfleisch.

Tönnies hat all die Vorwürfe vehement bestritten. Der vermeintliche Kronzeuge sei ein gekaufter Lügner. Er lässt seinen Geschäftsführer verkünden.


O-Ton, Josef Tillmann, Geschäftsführer B.&C. Tönnies:

"Die Konkurrenz steckt sicher dahinter, das wissen wir durch diverse Unterlagen, die aber auch der Staatsanwaltschaft in der Ermittlungsakte vorliegen."



Was ist also wirklich dran an den Anschuldigungen? Gemischtes Hackfleisch. Geliefert an die Discounter Aldi und Lidl. Nach Erkenntnissen von Ermittlern im Wert von Rund 100 Millionen Euro jährlich. 45 Prozent Rindfleisch sollte es enthalten. Wieck behauptete: Der Anteil des Rindfleischs sei viel geringer gewesen.

Jetzt hat die Staatsanwaltschaft Bochum Anklage gegen Tönnies und zwölf zum Teil ehemalige Mitarbeiter wegen des Vorwurfs des Betruges erhoben.


O-Ton, Gerrit Gabriel, Staatsanwaltschaft Bochum:

"Die Angeschuldigten sollen, entgegen den mit den Abnehmern getroffenen Vereinbarungen, gemischtes Hackfleisch mit einem zu geringen Rindfleischanteil produziert, unzutreffend ausgezeichnet und geliefert. Und auf diese Weise den Abnehmern einen Schaden zugefügt haben."


Tatsächlich belasten die Ermittlungsakten, die REPORT MAINZ vorliegen, Tönnies schwer. Rezepturen, Aussagen von Mitarbeitern und Laborproben erhärten den Verdacht des jahrelangen gewerbsmäßigen Betruges in Millionenhöhe. Tönnies dementiert weiterhin.

Doch was ist aus den anderen Vorwürfen von Wieck geworden? Schmiergeldzahlungen und Bestechlichkeit. Tönnies betont, dass alle anderen Ermittlungen in Bochum eingestellt sind. Das stimmt. Doch andere Staatsanwaltschaften ermitteln noch. Gegen Subunternehmer von Tönnies.

Worum geht es? Bei Tönnies arbeiten vor allem Billigarbeitskräfte, meist aus Osteuropa. Angestellt sind diese Arbeitskräfte nicht bei Tönnies sondern bei Subunternehmern. Die rekrutieren die Arbeitskräfte meist aus osteuropäischen Ländern wie Polen und Rumänien. Tönnies schließt mit den Subunternehmern einen Werkvertrag ab.

Einer der Subunternehmer, Markus S.. Der Verdacht: Seine Firma ließ es sich einiges kosten, Billigarbeitskräfte bei Tönnies unterzubringen. 2,7 Millionen Euro soll sie gezahlt haben – an einen Vermittler in Zypern.

Doch wozu? Markus S. Geschäfts- und Privaträume hat die Staatsanwaltschaft Oldenburg durchsucht.


O-Ton, Frauke Wilken, Staatsanwaltschaft Oldenburg:

"Es besteht der Verdacht, dass in dieser Firma bis 2006 Schmiergeldzahlungen als Betriebsausgaben deklariert und dadurch Steuern hinterzogen wurden. Wir haben auch den Anfangsverdacht, dass ein Teil dieser Zahlungen geleistet worden sein könnte, um bevorzugt Werkverträge aus dem Tönnies-Konzern zu erhalten."


Also doch Schmiergelder? Mussten Subunternehmer nach Zypern zahlen, um bevorzugt Werkverträge mit dem Tönnies Konzern zu erhalten? Genau das wollen wir von Subunternehmer Markus S. wissen. Doch der lehnt ein Interview ab, ist für uns nicht zu sprechen.

Frage: Gibt es keine Telefonnummer von Herrn ...? Ja, schade!

Und Markus S. war nicht der einzige der gezahlt haben soll. REPORT MAINZ liegen mehrere Verträge vor zwischen Subunternehmern und einem Vermittler in Zypern, Knut Volker Riedel. Riedel kassierte von ihnen Provisionen in Millionenhöhe. Angeblich für die Vermittlung von Werkvertragspartnern.

Wir folgen der Spur des Geldes. Sie führt nach Zypern, nach Limassol. Wir wollen wissen, wozu die Subunternehmer überhaupt einen Vermittler in Zypern brauchten. An Riedels ersten Firmenadresse erzählt uns der Nachbar freimütig: Die Büros dienten verschiedenen Firmen eigentlich nur als Briefkastenadresse.

Die zweite Firmenadresse, die Nikokleous Street. Von Riedels Firma auch hier keine Spur. Man erzählt uns, dass Riedel vor kurzem verstorben ist. Wofür Riedel kassiert hat, werden wir von ihm also nicht mehr erfahren.

Doch allein die Vermittlungsverträge zwischen Tönnies-Subunternehmern und Riedel erscheinen äußerst merkwürdig. Denn Riedl verpflichtet sich darin ausdrücklich keinen direkten Kontakt zu den deutschen Werksvertragspartnern herzustellen.

Seine Leistung: Er stellt Informations- und Kontaktmaterial zur Verfügung. Alleine das reiche, um einen erfolgreichen Werksvertragsabschluss zu garantieren. Dafür zahlte ein Subunternehmer über Jahre sechs Prozent seines Umsatzes.

Genau diese seltsamen Verträge beschäftigen jetzt die Staatsanwaltschaft Bielefeld. Auch sie ermittelt gegen einen ehemaligen Tönnies-Subunternehmer.


O-Ton, Klaus Pollmann, Staatsanwaltschaft Bielefeld:

"Die Höhe der Geldbeträge ist natürlich enorm und die Gegenleistung, wenn man eine einfache Vermittlungstätigkeit sieht, ist relativ gering. Im Verhältnis zu diesen Beträgen die gezahlt worden sind, so dass sich der Verdacht ergibt, da könnte auch was anderes dahinter stecken."


Frage: Zum Beispiel was?


O-Ton, Klaus Pollmann, Staatsanwaltschaft Bielefeld:

"Da sind Sie wieder bei den Schmiergeldzahlungen."

Gegen Clemens Tönnies oder Mitarbeiter wird nicht ermittelt. Aber Fragen bleiben offen. Haben Subunternehmer tatsächlich Bestechungsgeld gezahlt, um einen Vertrag bei Tönnies zu bekommen? Ist also irgendjemand bei Tönnies bestechlich gewesen?

Dazu verweigert Tönnies REPORT MAINZ jede Stellungnahme.

Fazit: Briefkastenfirmen in Zypern, der Verdacht auf einen Schmiergeldsumpf und eine Anklage wegen gewerbsmäßigem Betrug. Für Tönnies steht längst mehr auf dem Spiel als sein Image.


Abmoderation Fritz Frey:

Ja, die Geschichte wird uns sicher noch ein bisschen beschäftigen.

aus der Sendung vom

Mo, 16.11.2009 | 21:45 Uhr

Das Erste

Bericht

Autor:
Oliver Heinsch
Adrian Peter
Kamera:
Chris Koumas
Peter Linskens
Matthias Sauter
Schnitt:
Boris Retkowski
Sprecher:
Oliver Heinsch