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Text des Beitrags | Finanzielle Ausbeutung älterer Menschen Was macht die Bundesregierung gegen Erbschleicherei?


Bodo Krause

Bodo Krause

Moderation Fritz Frey:

Bodo Krause ist noch immer fassungslos - er glaubt, dass sein schwerkranker Bruder Opfer einer Erbschleicherin wurde. Und er fragt sich, ob er das hätte verhindern können.


O-Ton, Bodo Krause:

"Ich weiß es nicht. Ich habe keine Möglichkeit gesehen, ihn besser zu schützen."


Sein Bruder sei vereinsamt gestorben. Das Familienerbe gehöre heute einer fremden Frau.


O-Ton, Bodo Krause:

"Rückblickend bestürzt mich am meisten, wie einfach es eigentlich ist, alte, hilflose Menschen zu vereinnahmen, sie um ihre Vermögen zu bringen, sie von ihrem Umfeld abzutrennen."


Sie gehören zu den infamsten unter den Verbrechern, Erbschleicher. Ihre Opfer sind alt, oft krank und meist wehrlos.

Guten Abend zu REPORT, live aus Mainz! Schön, dass Sie sich die Zeit nehmen.

Bereits vor zwei Jahren haben wir über die Ausplünderung von älteren Menschen durch Erbschleicher berichtet. Auch weil wir damals den Eindruck hatten, die Zuständigen in der deutschen Politik, sie ducken sich weg. Jetzt haben wir uns das Thema wieder vorgenommen - und dabei unter anderem festgestellt: Andere Länder schützen ihre älteren Bürgerinnen und Bürger wesentlich aktiver gegen Erbschleicherei.

Aber der Reihe nach. Ein Bericht von Monika Anthes und Manuela Dursun.


Bericht:

Bodo Krause und sein Bruder Günther sind in Brandenburg aufgewachsen. Schon zu DDR-Zeiten waren die Bäckerei Krause und das große Mietshaus im Familienbesitz.


O-Ton, Bodo Krause:

"Das war eine Institution, also die größte Bäckerei in der Stadt."

Vor 20 Jahren sei sein Bruder Günther an Parkinson erkrankt. Und als dann vor sechs Jahren seine Frau gestorben sei, sei er zusammengebrochen:


O-Ton, Bodo Krause:

"Er war also durch den Verlust nach 50 Jahren Ehe sehr geschockt und mental angeschlagen."


Vereinsamt und schwerkrank lernt der Bruder ein Jahr später eine 25 Jahre jüngere Frau kennen.


O-Ton, Bodo Krause:

"Er kannte diese Frau nicht und sie ist dann auf ihn zugegangen und hat seine Bekanntschaft gesucht. Ich war erst einmal froh, dass sich jemand um meinen Bruder kümmert, weil er unter seiner Vereinsamung sehr gelitten hat."


Doch schon sehr bald wird ihm klar, die Frau nutzt die Beziehung aus. Bodo Krause zeigt uns eine Vorsorge- und Generalvollmacht, die sein Bruder der Frau erteilt hat und ein Testament, das sie zur Alleinerbin eines mehrere Hundertausend Euro umfassenden Vermögens macht - abgefasst schon sechs Monate nach dem Kennenlernen.


O-Ton, Bodo Krause:

"Mein Eindruck war, dass die Frau es auf sein Vermögen abgesehen hat."


Hat diese Frau tatsächlich einen alten schwerkranken Mann ausgenommen? Wir fahren zu dem Haus, das sie mittlerweile geerbt hat. Hier treffen wir auch einen ehemaligen Mieter. Jörg Friedrich hatte über Jahre ein gutes Verhältnis mit Günther Krause. Nach seiner Beobachtung habe die Frau den Kontakt zu ihm und anderen Mietern unterbunden.


O-Ton, Jörg Friedrich, ehemaliger Mieter:

"Für mich ist es vollkommen klar, dass der Mann hier in seinem eigenen Haus als Gefangener in seiner eigenen Wohnung gelebt hat. Das wünscht man keinem, glaube ich, was der Mann in den letzten Monaten durchgemacht hat."


Wir versuchen die Frau zu erreichen, wollen wissen, was sie zu den Vorwürfen sagt. Doch wir treffen nicht die Frau an, sondern ihren Ehemann.


O-Ton, Reporterin:

"Wie erklären Sie sich es eigentlich, dass ein praktisch wildfremder Mann Ihrer Frau ein Haus vererbt und Ähnliches?"


O-Ton, Ehemann:

"Ich muss doch nichts… hier gab es gar nichts zu erklären."


O-Ton, Reporterin:

"Ihrer Frau wird auch vorgeworfen, dass sie den sehr stark ab geschrottet hat und dass man mit ihm kaum noch telefonieren durfte."


O-Ton, Ehemann:

"Ist doch gar nicht wahr. Ist doch gar nicht wahr. Die Leute haben freien Zugang gehabt. Wenn die geklingelt haben, ist die Tür aufgegangen."


Auch seine Frau erklärt später schriftlich, alle Vorwürfe seien haltlos.

Landeskriminalamt Berlin. Spezialdezernat für finanzielle Ausbeutung alter Menschen. Was sagt Kommissarin Annett Mau zu unseren Recherchen? Ihre Einschätzung:


Annette Mau

Annette Mau, Landeskriminalamt Berlin

O-Ton, Annett Mau, Landeskriminalamt Berlin:

"Also der Fall ist absolut klassisch. Täter kommen in ein Gefüge hinein und machen sich gut, also beliebt. Sie kümmern sich, sie sorgen, bieten Hilfe an. Nach dem Gutmachen machen sie alle anderen potenziellen Kontrolleure, Aufpasser schlecht. Das nennen wir Schlechtmachen. Und der dritte Schritt ist das Wegmachen, sprich, das Vermögen wird einfach weggenommen."


Sie kennt Hunderte Fälle, die Schäden gehen in Millionenhöhe. Das bestätigt uns auch Rechtsanwalt Dietmar Kurze.


Dietmar Kurze

Dietmar Kurze, Experte für Vorsorgevollmachten

O-Ton, Dietmar Kurze, Experte für Vorsorgevollmachten:

"Es ist eine ganz klare Zunahme von Missbrauch von Vollmachten festzustellen. Es geht oft ganz erhebliche Beträge halt, ganze Vermögen, mehrere Immobilien, viele Hunderttausende oder sogar Millionen auf den Konten."


Was tut die Bundesregierung dagegen? Bereits vor zwei Jahren hatten wir viele solche Fälle recherchiert. Die Bundesregierung sah darin kein Problem, es handele sich um Einzelfälle. Jetzt greift die Opposition das Thema auf. Die FPD fordert die Regierung zum Handeln auf.


Grigorios Aggelidis

Grigorios Aggelidis, FDP, Sprecher für Familie und Senioren

O-Ton, Grigorios Aggelidis, FDP, Sprecher für Familie und Senioren:

"Sie muss zum einen das Thema Beratung und Aufklärung ernst nehmen und entsprechend eine Stelle schaffen oder auch eine Struktur schaffen, wo das stattfindet. Und die muss endlich anfangen, nachhaltig Daten und Zahlen darüber zu sammeln, wie sehr ist das Thema mittlerweile in Deutschland ein Thema."


Das Bundesjustizministerium erklärt auf unsere Nachfrage, man plane weder statistische Erhebungen noch eine nationale Anlaufstelle.

Dabei zeigen andere Länder, dass so eine Anlaufstelle Sinn macht. Wir sind in Zürich. In der Schweiz gibt es seit vielen Jahren unabhängige Beschwerdestellen, wo man sich auch bei finanziellem Missbrauch beraten lassen kann. Dass es so etwas in Deutschland nicht gibt, kann Albert Wettstein nicht verstehen:


Albrecht Wettstein

Albrecht Wettstein, Nationale Anlaufstelle "Alter ohne Gewalt"

O-Ton, Albert Wettstein, Nationale Anlaufstelle "Alter ohne Gewalt":

"Das Entscheidende ist, dass die Zivilgesellschaft sich des Problems bewusst ist und merkt und dann: 'Jetzt müssen wir da noch was machen.' Und dann eine Instanz, wo man hingehen kann. Jedermann sollte in Deutschland wissen, wo muss ich mich melden, wenn ich das Gefühl habe, meine Tante wird ausgenommen von ihrem Sohn oder von sonst jemandem."


Seit ein paar Monaten gibt es außerdem eine Nationale Anlaufstelle mit einer zentralen Telefonnummer.

Außerdem gibt es hier eine der ersten repräsentativen Studien zum Umfang des finanziellen Missbrauchs. Das Ergebnis ist deutlich: In der Schweiz ist jeder zehnte über 85-Jährige von finanziellem Missbrauch im privaten Umfeld betroffen, also rund 40.000 Senioren. Übertragen auf Deutschland wären das rund 230.000 Betroffene allein bei den Hochbetagten - mehr als nur Einzelfälle.

Zurück in Deutschland: Bodo Krause und seinem Bruder hat niemand geholfen. Er ist von der Politik enttäuscht.


O-Ton, Bodo Krause:

"Das Thema ist bekannt und keiner macht was. Es müsste, also meiner Ansicht nach, dringend etwas gemacht werden."