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Text des Beitrags Luxusmieten für fragwürdige Billighotels

Städte zahlen Millionen Steuergelder für die Unterbringung von Wohnungslosen

Moderation Fritz Frey:

Ein Alptraum: Auf einmal stehen Sie auf der Straße, denn die Wohnung ist weg.

Guten Abend zu REPORT, live aus Mainz.

Ja, was tun mit den Wohnungslosen, die von Obdachlosigkeit bedroht sind? Wer steht ihnen bei, wer sorgt für ein Dach über dem Kopf?

Besonders die großen Städte kennen das Problem. Sie sind nämlich verpflichtet, diesen Menschen zu helfen. Allein in Berlin sind es Tausende, die untergebracht werden müssen.

Marius Meyer und Aleksandra van de Pol haben einen von ihnen getroffen und waren einigermaßen entsetzt. Entsetzt darüber, wieviel Geld Städte auf den Tisch legen für miese Bruchbuden.

Eine Recherche von REPORT MAINZ und defacto vom Hessischen Rundfunk.

Bericht:

Eine Unterkunft für Wohnungslose in Berlin. Endstation eines langen Lebens. 
Nach 28 Jahren musste Albert Thoden aus seiner Wohnung raus. Jetzt ist er einer von 37.000 Berlinern, denen die Stadt laut Gesetz eine Unterkunft stellen muss, damit sie nicht obdachlos werden.


Albert Thoden

Albert Thoden

O-Ton, Albert Thoden:

"Ich habe alles verloren. Ich bin mit zwei Koffern - die stehen noch da oben - bin ich hier angekommen, und einer Aktentasche. Zuerst wenn man hierherkommt, hat man den Wunsch, na ja vielleicht zwei, drei Monate und dann ist man wieder weg.
Wenn man sich dann ein bisschen auf dem Wohnungsmarkt umgesehen hat, dann kommt man recht schnell zu der Erkenntnis, es ist zu teuer."

Eigentlich als Überbrückung gedacht, wohnt der 81-jährige Rentner seit zweieinhalb Jahren hier. Das Zimmer kostet monatlich fast 800 Euro, erzählt er. Er war mal selbständig, hat kaum vorgesorgt.
800 Euro für ein schäbiges Zimmer, mit Gemeinschaftsküche und Etagenklo. Ist das normal?
Wir recherchieren monatelang über die Unterbringung von Wohnungslosen. Wir wollen wissen: Werden Menschen auch in anderen Städten teuer in maroden Absteigen untergebracht?
Ausgangspunkt der Recherche: Frankfurt, ein angespannter Wohnungsmarkt.
Die Stadt bringt hier Menschen auch in heruntergekommenen Hotels unter. Die Bewohner teilen sich Etagenklos und Duschen, Matratzen sind durchgelegen, die Zimmer sind winzig und haben keine Küchen.
In solchen Absteigen leben auch immer mehr Familien. So wie die von Urszula Uchwat. Sie wohnte sieben Monate mit Mann und Kind in einem Hotelzimmer.

Urzula Uchwat

Urzula Uchwat


O-Ton, Urszula Uchwat:

"Wohnen in dieser Wohnung mit Kleinkind das ist eine Katastrophe, weil ich nicht mit dem Kind spielen kann. Dafür gibt es keinen Platz, in diesem Zimmer. Und das Baby schläft nachts nicht."


Die Stadt bezahlte fast 2.500 Euro pro Monat, erzählt sie. Für ein Zimmer, ohne Küche.
Für die Unterbringung in Hotels und Pensionen hat die Stadt Frankfurt allein 2017 mehr als 21 Millionen Euro gezahlt. Betroffen sind auch immer mehr Familien, bei denen beispielsweise die Eltern die Arbeit verloren oder sich getrennt haben.
Sie landen auch im Frankfurter Bahnhofsviertel - allein 118 Kinder und Jugendliche sind hier untergebracht. Die meisten in direkter Nachbarschaft von Fixerstuben.
So auch dieser 16-jährige Junge, der nicht erkannt werden will. Er lebe nach einem Streit der Eltern mit seinem Vater und seiner Schwester in einem Hotel. Und wartet auf eine Sozialwohnung.

O-Ton:

"Das ist keine tolle Gegend, meine Schwester ist zwölf Jahre alt. Es ist nicht schön, wenn sie hier aufwächst. Es gibt Junkies, die spritzen überall."

Bewohner berichten uns auch von Bettwanzen und Mäusen. Warum bringt das Sozialamt hier Kinder unter? Dazu antwortet uns das Sozialdezernat, dass es gern anders handeln würde, aber keine andere Möglichkeit habe.
Wir fragen uns, bringen auch andere Städte Wohnungslose in Hotels unter? Die Recherche zeigt, dass es das in ganz Deutschland gibt.
Alleine die fünf größten Städte bringen rund 60.000 Wohnungslose unter. Die meisten in kommunalen Einrichtungen. Aber rund 11.000 Menschen wohnen in privaten Unterkünften wie Hotels und Pensionen.
Über 600 Betroffene leben in Köln. Darunter der arbeitslose Angelo Özdemir. Früher wohnte er in einer WG, jetzt treffen wir ihn vor dem Hotel, in dem er seit zwei Jahren untergebracht ist.


Angelo Özdemir

Angelo Özdemir

O-Ton, Angelo Özdemir:

"Katastrophal, weil man fühlt sich einfach nicht wohl mit dem ganzen Dreck hier, das Badezimmer ist nicht sauber, ich habe selbst einen Mitbewohner, der sich nicht sauber hält, der Essensreste auf dem Boden liegen lässt. Das schimmelt dann, somit kommen dann auch die Mäuse ran."


Auch Jürgen Helten wohnt in dem Hotel. Er zeigt uns Aufnahmen aus seinem Zimmer. Ein Raum, in dem man sich kaum bewegen kann - mit billigem Bett. Die Lampe in der Gemeinschaftstoilette ist schon länger beschädigt. Und das ist die Gemeinschaftsküche.
Kosten für die Stadt Köln: 850 Euro monatlich. Jürgen Helten nennt diese Zustände menschenunwürdig. Am schlimmsten aber war für ihn, als er sich mit drei Unbekannten ein Zimmer teilen musste.


Jürgen Helten

Jürgen Helten

O-Ton, Jürgen Helten:

"Einer der Mitbewohner, der hatte sich dann nachts schon mal ein bisschen was zum Essen warm gemacht. Und ein anderer ist dann duschen gegangen und das war dann, wie gesagt, irgendwann mal so schlimm gewesen, dass ich nachts nicht schlafen konnte, mir versucht habe die Zeit totzuschlagen, indem durch die Innenstadt gegangen bin. Einfach mit der Bahn hin- und hergefahren bin und mit dem Bus."


Wir versuchen mit dem Betreiber in Kontakt zu kommen, hinterlassen eine E-Mail-Adresse. Doch er antwortet nicht.
Städte zahlen hohe Summen, um Menschen in privaten Hotels unterzubringen. Alles aus Steuergeldern. Wie sinnvoll ist das?
Volker Eichener ist Politikwissenschaftler und Wohnungsbauexperte. Sein Urteil - eindeutig.

Prof. Volker Eichener

Prof. Volker Eichener

O-Ton, Prof. Volker Eichener, Hochschule Düsseldorf:

"Die Unterbringung Wohnungssuchender in Hotels ist eigentlich der größte Unsinn, den man machen kann. Wenn Sie die Kosten nehmen, die dann an die Hotelbetreiber gezahlt werden, dann können Sie für zwölf Monatsmieten bereits ein Mikroapartment bauen, das nagelneu ist und das hygienisch einwandfrei ist und das dann dauerhaft auch der Kommune zur Verfügung steht. Alles andere ist besser, als den Hotelbetreibern das Geld in den Rachen zu werfen."


Wir fragen bei den Städten nach, warum sie trotzdem auf Hotels zurückgreifen. Die Antworten ähneln sich. Beispielsweise erklärt die Stadt Köln:

Zitat:

"Gegenwärtig nimmt die Zahl der wohnungslosen Menschen zu, so dass in Ermangelung kurzfristig verfügbarer kommunaler Ressourcen verstärkt auf diese Form der Unterbringung zurückgegriffen werden muss."


Auch die Stadt München schreibt, dass sie auf gewerbliche Unterkünfte wie diese Pensionen und Hotels angewiesen ist. Sie bringt so rund 3.900 Menschen unter.
Aber München geht auch einen anderen Weg. Die Stadt baut Clearing-Häuser, hier soll die Wohnsituation der Betroffenen geklärt werden.
Heimleiter David Diekmann, zeigt uns ein Clearing-Haus.
Für dieses stellt die Stadt knapp über eine Million Euro für drei Jahre bereit. Verglichen mit vielen Hotels ein Schnäppchen. Und vor allem: Es gibt eine umfassende Betreuung.

David Diekmann

David Diekmann

O-Ton, David Diekmann, Katholischer Männerfürsorgeverein München:

"Wir begleiten die Leute zu Ämtergängen, zu Wohnungsbesichtigungen, treten auch in Kontakt mit dem Vermieter, unterstützen beim Auszugs- und Umzugsprozess."



Etwa 80 Prozent der Bewohner würden eine eigene Wohnung finden. Allerdings: Wenn das innerhalb eines Jahres nicht klappt, müssen sie in ein normales Heim umziehen - oder in ein Hotel.
Zurück nach Berlin: Zweieinhalb Jahre wohnt Albert Thoden schon in dem kleinen Zimmer. Er rechnet damit, dass das für ihn die Endstation ist.