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Text des Beitrags Erniedrigung statt Erholung

Wie Kinder in Kurheimen gequält und traumatisiert wurden

Moderation Fritz Frey:

Erholen sollten sie sich bei gutem Essen und frischer Luft. Hunderttausende Kinder wurden in den 60er und 70er Jahren in Kuren geschickt. Zum ersten Mal erzählen Frauen, was sie tatsächlich erlebten.


O-Ton, Karin Kanitz:

"Das kann ich so als Erstes sagen, dass das ein ganz schlimmer Albtraum für mich war als Kind."


O-Ton, Leonie Seliger:

"Richtiger Sadismus ist da abgelaufen."


Kinder beim Mittagessen im Kurheim

Kinder beim Mittagessen in einem Kurheim

Es sind verstörende Erinnerungen, die die Damen uns hier anvertraut haben. Guten Abend zu REPORT, live aus Mainz.

Ja, erholen sollten sie sich, wieder zu Kräften kommen, die sogenannten Verschickungskinder. So hießen sie, die Kinder, die in eine der 850 Kinderkurkliniken geschickt wurden. Was wohl sehr vielen von ihnen dort widerfahren ist: Meinem Kollegen Ulrich Neumann haben sie es erzählt.

Bericht:

Kinder auf dem Weg in die Kur. Dort sollten sie aufgepäppelt werden. So hieß das in den 60-70iger Jahren. Hunderttausende wurden verschickt, von Jugendämtern und Schulärzten ausgewählt. Gilt bis heute als Erfolgsgeschichte. Aber was geschah damals wirklich? Erstmals berichten jetzt Betroffene vor der Kamera:


Valerie Lenck

Valerie Lenck

O-Ton, Valerie Lenck:

"Ich denke schon, dass die Zeit in dem Hamburger Kinderheim auf Föhr, also ich könnte schon sagen, das waren die schlimmsten Wochen meines Lebens."



O-Ton, Katharina Petersen-Häusler:

"Ich weiß nur, dass ich von Anfang an das Gefühl hatte: So jetzt kommt was ganz Gruseliges, Grauseliges und jetzt bin ich total allein. Und ich weiß gar nicht, wann ich jemals wieder nach Hause komme."


O-Ton, Anja Röhl:

"Wir kamen anders zurück, als wir hingegangen sind. Wir kamen verletzt und verwundet zurück, ja, in unseren Seelen und auch körperlich."


Die Zustände in den Kurheimen – also ein dunkles, völlig unbekanntes Kapitel? Aus Dokumenten der Bundesregierung von damals geht hervor: Es gab 1963 839 solcher Kinderkurheime mit Platz für 350.000 Kinder. Pro Jahr.


O-Ton, Bericht 1963:

"Allein in diesem Jahre musste die Deutsche Bundesbahn für über 200.000 kurbedürftige nordrheinwestfälische Kinder 117 Kur-Kindersonderzüge einsetzen."


Dabei wollte man doch, so steht es in den Regierungsdokumenten von damals, die Kinder in ihrer "Not verstehen", "ihnen Lebensmut geben" und mit "einer besonderen Liebe" begegnen. Doch oftmals geschah genau das Gegenteil davon.


Leonie Seliger

Leonie Seliger

O-Ton, Leonie Seliger:

"Bei mir war es wirklich so, dass ich mich sehr verlassen fühlte und sehr ausgeliefert. Es kam dazu, dass ich dann eines Nachts mich aus dem Haus geschlichen habe. Das war in Wyk auf Föhr. Das Gebäude war direkt am Strand. Und ich ging ins Meer, ich wollte mich umbringen. Ich erinnere mich wirklich glasklar an diese Situation im Wasser zu sein, gerollt zu werden und zu hoffen, dass ich jetzt sterbe."


REPORT MAINZ hat sechs Frauen zu ihren Kuren befragt. Und darüber hinaus rund 250 Berichte von Betroffenen eingesehen. Interviews und Berichte gleichen sich. Unabhängig voneinander. Für diese Frauen sind diese Kuren ein Martyrium – bis heute.


Kapitel: Die Tanten


Katharina Petersen-Häusler

Katharina Petersen-Häusler

O-Ton, Katharina Petersen-Häusler:

"Die wurden ja Tanten genannt, die Damen, die da auf uns aufgepasst haben, sozusagen sich gekümmert haben, die waren eben furchtbar streng. Die haben einem keine Wärme oder Herzlichkeit entgegengebracht."



O-Ton, Leonie Seliger:

"Die meisten waren grässlich und haben geschlagen. Die hatten eine lose Hand und haben gerne mal zugelangt. Eine war lieb, die hieß Sita. Der Rest – entfernt, gewalttätig, grob, in keinster Weise ansprechbar."


O-Ton, Karin Kanitz:

"Und die haben mich vorgeführt. Die haben meine verschmutzte Schlafwäsche allen anderen Kindern gezeigt und haben mich als ‚Hosenscheißer‘ betitelt und mir die Sache fürchterlich peinlich gemacht, dass ich eben aus Angst, also ich habe unheimlich viel Angst gehabt, das weiß ich noch."


Kapitel: Die Strafen


O-Ton, Anja Röhl:

"Es gab absolute Redeverbote beim Essen, in den Schlafräumen und so weiter, und ich hatte geredet. Und dann kam sie und sagte jetzt wollen wir doch mal sehen, ob nicht du endlich Ruhe gibst. Und dann hat sie mir, so ein breiter Streifen war das, über den Mund geklebt. Das war ein so demütigendes Gefühl, vor all den Kindern. Und danach hat sie die Kinder angestiftet, mich auszulachen."


O-Ton, Gerda Grabowski:

"Es war eine Doppelkabine, zwei Toiletten. Ich habe auf der rechten Seite gesessen und war dabei, mir Toilettenpapier abzuziehen. Und sie kommt rein und steht vor mir und gibt mir so richtig links und rechts, gibt sie mir eine Ohrfeige mit dem Hinweis, dass ich hätte fragen müssen, ob ich zur Toilette gehen darf."


O-Ton, Leonie Seliger:

"Viele Kinder haben geweint nachts und das durfte man nicht. Da wurde also von den Tanten patrouilliert. Nachts. Und wenn jemand dabei erwischt wurde, dass er nicht schlief oder – noch schlimmer – weinte, dann wurden die geschlagen."


Kapitel: Das Essen


Gerda Grabowski

Gerda Grabowski

O-Ton, Gerda Grabowski:

"Man musste so lange sitzen bleiben, bis aufgegessen wurde, egal wie lange das gedauert hat. Und ich weiß aus den Erzählungen meiner Schwester, dass auch Erbrochenes wieder aufgegessen werden musste."


Erbrochenes wieder aufessen – ein Einzelfall? Nein. Immer wieder wird das in den 250 Berichten geschildert.

Anja Röhl hat die Berichte über Jahre gesammelt und nun eine Initiative gegründet. Von Woche zu Woche erhält sie mehr Berichte.


O-Ton, Anja Röhl:

"Das Essen wurde gegessen, mit Mühe, es wurde erbrochen in den Teller rein, und sie mussten das Erbrochene mit dem Restessen noch mal essen. Haben wieder erbrochen, mussten es wieder essen, bis es zu Ende ist. Das eigene Erbrochene. Das ist wirklich also eines der schlimmsten Bilder von diesen Geschichten, die ich kenne. Und das beschreiben fast alle."


Bei den Interviews kommt es immer wieder zu Tränen. Dabei liegen die Geschehnisse 50 Jahre und mehr zurück. Was muss jetzt eigentlich passieren?


Anja Röhl

Anja Röhl

O-Ton, Anja Röhl:

"Das ging über zehn, zwanzig, dreißig Jahre. Das betrifft Millionen Kinder, und dieses muss aufgearbeitet werden. Das können wir als Initiative nicht leisten. Dazu braucht es staatliche Hilfen. Und die möchten wir, die wünschen wir uns genauso wie der Fond der ehemaligen Heimkinder."


Abmoderation Fritz Frey:

Beteiligt an diesen Kinderverschickungen waren damals unter anderem Jugendämter, Kommunen, Krankenkassen, Diakonie und Caritas. Auf unsere Anfrage erklären sie, dass sie von solchen Misshandlungen, von Einzelfällen abgesehen, bisher keinerlei Kenntnis hatten. Nur die Caritas hat bislang versichert, sich intensiv an Aufklärung und Aufarbeitung beteiligen zu wollen, sofern ihre Einrichtungen betroffen seien. REPORT MAINZ, versprochen, bleibt an diesem Thema dran.