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Text des Beitrags | Erdoğan-Anhänger in Deutschland Wie sich AKP-freundliche Türken formieren

Das Verhältnis zwischen der Türkei und Deutschland ist, zurückhaltend formuliert, angespannt. Besonders die Armenien-Resolution des Deutschen Bundestages hat die zwischenstaatlichen Beziehungen eingetrübt.

Und auch ein beträchtlicher Teil der hier bei uns lebenden türkeistämmigen Mitbürger lehnt diese Resolution ab. Eine Resolution, mit dem die Ermordung von bis zu anderthalb Millionen Armeniern als Völkermord gebrandmarkt wird, ohne die deutsche Mitverantwortung dabei zu verschweigen.

Was aber bedeutet es, wenn sich viele Menschen mit türkischen Wurzeln bei uns fremd und missverstanden fühlen? Die Saat einer neuen Zwietracht geht auf, auch weil Ministerpräsident Erdogan sie hegt und pflegt.

Heiner Hoffmann und Ulrich Neumann sind bei ihren Recherchen auf einer ganz erstaunlichen Veranstaltung gelandet.

Bericht:

O-Ton, Teilnehmer:

»Allahu akbar«

Dies ist eine Veranstaltung von CDU-Mitgliedern. Während Deutschland gerade gegen Italien spielt, gründen einige Muslime in der Union ihre eigene Initiative.

O-Ton, Teilnehmer:

»Da kommen Menschen zusammen, die sich im konservativen sunnitischen Islam verorten.«

Nicht eingeladen wurden liberale Erdogan-Kritiker sowie muslimische Abgeordnete, die für die Armenien-Resolution gestimmt haben.

Und so sprechen einige CDU-Mitglieder bereits davon, dass sich hier die Erdogan-Freunde zusammenfinden.

Cihan Sügür

Cihan Sügür, Gründer "Muslime in der Union"

O-Ton, Cihan Sügür, Gründer "Muslime in der Union":

»Was heißt denn Erdoğan-nah? Hier finden sich die konservativen Muslime zusammen. Punkt.«

Und spätestens seit der Armenien-Resolution haben liberale Erdoğan-Kritiker in diesem Milieu keine Glaubwürdigkeit mehr, keine Credibility.

O-Ton, Cihan Sügür, Gründer "Muslime in der Union":

»Man braucht nur die Leute von der Community fragen und dann weiß man schon, wie es um die Credibility steht. Und damit wäre das für mich und für die gesamte Truppe hier eine Totgeburt, wenn ich da jetzt anfange Leute, die da nicht die Credibility haben, da einzuladen.«

Tiefe Gräben zwischen den Türkeistämmigen - sogar in der Union.

Im Internet zeigt Gründer Cihan Sügür seine Sympathien. Auf Erdogan-Kritik aus der CSU erwidert er, Bayern sei als "Bauernstaat weit weniger europäisch (…) als die gesamte Türkei."

Das konservative Milieu, das er ansprechen will, unterstützt traditionell die türkische Regierungspartei AKP von Präsident Erdogan. Sie wollen jetzt ein eigenes Sprachrohr in der CDU.

Unter den Gründern der Initiative sind so auch AKP-nahe Organisationen vertreten. Das alles wohlgemerkt auf einer Veranstaltung von CDU-Mitgliedern – mit dem Segen von ganz oben.

O-Ton, Moderatorin:

»Möchten wir hier nochmal das Grußwort von dem Generalsekretär der CDU, Herrn Dr. Peter Tauber, übermitteln. Er hat uns seine Unterstützung zugesprochen und findet die Union klasse.«

Übrigens: Die Moderatorin der CDU-Initiative präsentiert sich im Internet als glühende Verehrerin Erdoğans.

Nicht nur innerhalb der CDU gärt es. Wir treffen Remzi Aru, überzeugten Erdogan-Anhänger. Er war jahrelang in einer deutschen AKP-nahen Organisation aktiv.

Eine linke Türkeistämmige Abgeordnete bezeichnet er als "Terrormoppel mit IQ unter Raumtemperatur". Und auch der Grünen-Chef Cem Özdemir ist ihm viel zu deutsch – er nennt ihn deshalb konsequent Özdemeier.

Remzi Aru

Remzi Aru, Parteigründer ADD

O-Ton, Remzi Aru, Parteigründer ADD:

»Özdemeier, ganz genau. Weil der ist ja nun komplett assimiliert. Und hat eigentlich mit der Türkei und seinen Wurzeln eigentlich nichts mehr am Hut. Ich glaub, der Herr Özdemir, meine persönliche Einschätzung, der würde wahrscheinlich für ein paar Lufthansa-Meilen auch seine Großmutter einwechseln.«

Schrille Worte, die in der jetzigen Stimmung ankommen – und sie weiter anheizen.

O-Ton, Aydan Özoğuz, SPD, Staatsministerin für Integration:

»Die Schmähungen, Beleidigungen, sogar Drohungen kennen gar keine Grenzen im Moment. Das gilt nicht für alle, das muss man mal deutlich sagen. Das darf man nicht jedem überstülpen. Aber diejenigen, die das machen, unterscheiden sich auch in gar nichts mehr von rechtsextremistischen oder rechtspopulistischen Parteien in Deutschland. Das ist sogar eher erschreckend, wenn man das manchmal nebeneinander stellt. Es ist vollkommen niveaulos geworden.«

Sonntag vor einer Woche verkündet Remzi Aru dann die Gründung seiner eigenen Partei – der Allianz Demokratischer Deutscher. Der Auslöser: die Armenien-Resolution.

O-Ton, Remzi Aru, Parteigründer ADD:

»In dem Fall war es tatsächlich so, dass diese Resolution geeignet war, meiner Partei und auch der politischen Strömung doch einen schönen Startschuss zu geben.«

Angeblich hat er bereits 30.000 Zuschriften bekommen – zumindest hat er so viele Likes bei Facebook.

Über die Pressekonferenz berichteten jedenfalls zwei prominente türkische Staatsmedien. Ein klares Signal der Unterstützung aus Ankara.

O-Ton, Aydan Özoğuz, SPD, Staatsministerin für Integration:

»Wir haben jetzt schon mitunter ja das Gefühl gehabt, diese schlechte Stimmung, die gerade da ist, die wurde durchaus angeheizt. Die wurde auch immer wieder ein bisschen gefüttert. Und dass das aus Ankara kam, passierte ja nicht heimlich.«

Wir treffen den Vorsitzenden der "Türkischen Gemeinde in Deutschland". Sein Verband ist politisch unabhängig, vertritt rund 200 deutsch-türkische Vereine. Er berichtet uns, dass er selbst regelmäßig Anrufe aus Ankara bekommt.

Vorsitzender der türkischen Gemeinde Deutschland

Gökay Sotuoğlu, Präsident türkische Gemeinde Deutschlands

O-Ton, Gökay Sotuoğlu, Präsident türkische Gemeinde Deutschlands:

»Das, was man sieht, ist schon, dass Ankara großes Interesse hat an der Organisationsstruktur in Deutschland der Türkeistämmigen. Man versucht, eine große Interessensvertretung der Türken zu schaffen. Aber darüber sollten die Türken in Deutschland selber bestimmen und das sollte nicht von irgendwoher transportiert werden.«

Doch was heißt es, wenn neue Parteien, wie zum Beispiel die ADD, Bedeutung gewinnen?

Das sehen wir gerade in Holland. Hier im Parlament sitzt seit einem Jahr die Erdogan-freundliche DENK-Partei. Mit uns reden wollen sie nicht. Die Partei gilt als populistisch.

Erdogan-Kritik ist bei ihnen tabu. Migranten sind für sie stets Opfer der Mehrheitsgesellschaft. Wozu das führen kann, erklärt uns der Vorsitzende der wichtigsten Vertretung der Muslime in Holland, selbst türkeistämmig.

Rasit Bal

Raşit Bal, "Vorsitzender Kontaktorgan Muslime und Staat"

O-Ton, Raşit Bal, "Vorsitzender Kontaktorgan Muslime und Staat":

»Es hat eine große Entfremdung stattgefunden wegen dieser schrillen Töne. Es gibt eine riesige Lücke zwischen den Muslimen und der Demokratie in der Hauptstadt. Das kann so nicht weitergehen. Wir müssen dringend eine Lösung hierfür finden.«

Droht eine solche Spaltung nun auch in Deutschland?

Ein Mitgründer der neuen Partei ADD hetzt auf Facebook:

Zitat:

»Eure Regierungen entscheiden >diktatorisch< gegen Euren Willen …. Erdoğan ist der Politiker auf dieser Welt, der am ehrlichsten, humansten und Demokratie im wahrsten Sinne des Wortes auslebt.«

Zusammenbringen sieht anders aus.

Aydan Oezoguz

Aydan Özoğuz, SPD, Staatsministerin für Integration

O-Ton, Aydan Özoğuz, SPD, Staatsministerin für Integration:

»Sie tun eigentlich das gleiche, was die AfD mit den Türkeistämmigen hier macht, nämlich die Menschen hier alle auf ihre Herkunft reduzieren. Ich glaube nicht, dass man so vernünftig eine Politik machen kann, zumal man dann natürlich schon das Gefühl hat, ja, wo kann denn da die Unterstützung herkommen. Und da ist Ankara sicher nicht weit.«