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SENDETERMIN Di, 10.11.2020 | 22:04 Uhr | Das Erste

Entführt und eingesperrt Das Leid eines Deutschen im syrischen Folterknast

Martin Lautwein war 48 Tage in einem syrischen Folter-Gefängnis inhaftiert. Als erster Deutscher erstattet er Anzeige gegen Verantwortliche des syrischen Geheimdiensts. Der Vorwurf: Im Gefängnis sei Gewalt an der Tagesordnung gewesen. Menschen seien brutal gefoltert und getötet worden.

Martin Lautwein: "Der Tod liegt einfach in der Luft... Man kann Blut riechen, man kann die Wunden riechen. Ich habe gedacht, ich habe die Hölle gesehen."

48 Tage lang war Martin Lautwein gefangen, in einem der brutalsten Gefängnisse in Syrien.

Martin Lautwein

Martin Lautwein

Martin Lautwein: "Ich habe nicht gedacht, dass ich das überlebe. Ich habe gedacht, die bringen mich um, oder ich bleibe den Rest meines Lebens da. Oder was auch immer. Ich habe gedacht, dass ich definitiv nicht mehr nach Hause komme."

Als humanitärer Helfer verhaftet

Sommer 2018: Für eine von der WHO anerkannte Hilfsorganisation ist Martin Lautwein im Irak und in Syrien, unterstützt dort beim Aufbau medizinischer Versorgung. Auf einem Basar werden er und ein Kollege unerwartet angesprochen und weggeführt. Sie landen im Gefängnis. Wochenlang wird er dort im Keller eingesperrt: ohne Tageslicht, ohne Toilette, umgeben von Kakerlaken und Läusen.

Martin Lautwein: "Ich habe mich nach zwei Tagen da gefühlt wie ein Tier. Ich habe dicht gemacht. Einen Tag bin ich durchgedreht und habe nur noch in meiner Zelle rumgeschrien und geheult und was auch immer. Und ich glaube, man wird weder als Mensch noch als irgendwas mit Wert oder was auch immer betrachtet, sondern alles, worum es geht, ist, die Leute zu brechen."

Wenn er nicht gehorcht, wird Martin Lautwein geschlagen. Doch viele syrische Häftlinge trifft es noch härter. Bis zum Tod wurden sie gefoltert, erzählt er: mit Elektroschocks, mit Peitschen. All das direkt auf dem Flur, sodass es alle hören müssen.

Martin Lautwein: "Die Folter war ständig da. Also ich habe gefühlt 80 Prozent vom Tag irgendwelche Folter-Geräusche mit anhören müssen, egal, ob das jetzt Schreie, aber auch Schläge oder Peitschenhiebe oder was auch immer gewesen ist. Dazu kam eigentlich auch, dass der Tod liegt einfach in der Luft. Also, man kann die Wunden riechen, man kann Blut riechen."

Auch Martin Lautwein hat Folter erfahren, erzählt er. Wie genau, darüber will er nicht sprechen, auch damit seine Familie keine Details erfährt.

Europäische Behörden erzielen Freilassung

Nach sieben Wochen Haft kommt er frei, weil sich europäische Behörden für die Freilassung einsetzen, auch Deutschland ist beteiligt. Ein ärztlicher Bericht des Auswärtigen Amtes lässt erahnen, was Martin Lautwein in der Haft erlebt hat.

Die syrische Botschaft in Berlin ließ unsere Anfrage dazu unbeantwortet. Um der Gewalt im Gefängnis zu entkommen, versucht er sich zweimal das Leben zu nehmen. Doch die Wärter verhindern es.

Martin Lautwein: "Natürlich bin ich gescheitert und das war für mich das Schlimmste, dass sie einem auch noch die Kontrolle über das eigene Leben nehmen. Selbst wenn du alles beenden willst, das lassen sie nicht zu."

Hintergründe unklar

Warum Martin Lautwein in Syrien verhaftet wurde, ist nach wie vor unklar. Im Gefängnis wurde ihm vorgeworfen, ein Spion zu sein. Er dementiert das, auch uns gegenüber.

Möglicherweise geriet er ins Visier des syrischen Geheimdienstes, weil er Kontakt zu Kurden hatte, die dort zwischen den Fronten stehen. Seine Hilfsorganisation äußerte sich politischer, als andere es tun.

Menschenrechtsorganisiation unterstützt Lautwein

Unterdessen geht in Syrien das Töten weiter. Jeden Tag werden dort unzählige Menschen gefoltert.

Für ihr Recht will Martin Lautwein jetzt kämpfen, gemeinsam mit der Menschenrechtsorganisation "European Center for Constitutional and Human Rights", die Folteropfer unterstützt. Er hat sich einer Anzeige syrischer Folteropfer beim deutschen Generalbundesanwalt angeschlossen.

Martin Lautwein: "Ich sehe mich natürlich als Überlebender in der Verantwortung, darüber zu sprechen, was dort den Menschen passiert und auch dafür zu sorgen, also alles Mögliche dafür zu tun, dass da, wenn auch nur ein Funken, Gerechtigkeit eintritt."

Seine Hoffnung: ein Prozess gegen die Täter, vergleichbar mit dem, wie er seit April in Koblenz läuft. Dort sind weltweit erstmals zwei Verdächtige wegen Folter in Syrien angeklagt.

Patrick Kroker

Patrick Kroker

Patrick Kroker, European Center for Constitutional and Human Rights: "Der Prozess in Koblenz kann nur ein Anfang sein. Es ist auf jeden Fall ein Schritt in eine richtige Richtung, aber ein kleiner und ein erster von unglaublich vielen, die folgen müssen. Es sind 4.000 Folterfälle angeklagt. Aber es gibt viel wichtigere Leute, viel mächtigere Leute, die - das ist auch wichtig - bis heute diese Taten verüben. Und es ist ganz wichtig, dass da weitergemacht wird."

Mit seiner Aussage könnte Martin Lautwein wichtige Indizien liefern - für mögliche weitere Prozesse.

Niederlande wollen Verfahren vor Internationalem Gerichtshof

Statt Verfahren gegen einzelne Täter wollen die Niederlande den syrischen Staat als ganzen vor Gericht sehen. Wegen Verstoßes gegen das Anti-Folter-Abkommen der UN haben sie ein Verfahren vor dem Internationalen Gerichtshof angekündigt.

Für Völkerrechtsexperten wie Professor Stefan Talmon ein längst überfälliger Schritt.

Prof. Stefan Talmon

Prof. Stefan Talmon

Prof. Stefan Talmon, Völkerrechtsexperte, Universität Bonn: "Der sogenannte Weltgerichtshof hat eine ganz andere Bedeutung, hat eine ganz andere Stimme, die in der Welt gehört wird. Wenn das Oberlandesgericht Koblenz etwas sagen wird, ist das nicht so bedeutend, wie wenn der Internationalen Gerichtshof in Den Haag hier zu dem Schluss kommt, dass Syrien tausendfach gegen die Anti-Folter-Konvention verstoßen hat."

Ein Urteil könnte die tausendfache Folter erstmals höchstrichterlich feststellen, ein wichtiges internationales Zeichen. Wird sich Deutschland diesem Verfahren anschließen und den Druck auf Syrien erhöhen?

Vor wenigen Tagen äußerte sich Außenminister Maas noch deutlich zum Thema Menschenrechtsverletzungen:

Heiko Maas, SPD, Bundesaußenminister, 28.10.2020: "Deutschland tritt deshalb ganz entschieden dafür ein, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen und zwar überall, wo wir können: international, europäisch und immer öfter auch national."

Auf Nachfrage beim Auswärtigen Amt heißt es: Die niederländische Initiative gegen Syrien begrüße man ausdrücklich. Ob man dem möglichen Rechtsstreit vor dem IGH beitrete, werde zu gegebener Zeit entschieden.

Zu gegebener Zeit? Das klingt unentschlossen. Experte Stefan Talmon interpretiert das so:

Prof. Stefan Talmon, Völkerrechtsexperte, Universität Bonn: "Deutschland hat meiner Meinung nach alle Möglichkeiten, was fehlt, ist derzeit der politische Wille."

aus der Sendung vom

Di, 10.11.2020 | 22:04 Uhr

Das Erste

Autor:
Philipp Reichert

Kamera:
Daniel Bischof, Frederick Rotkopf, Thomas Schäfer, André Schmidtke

Schnitt:
Frank Schumacher