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SENDETERMIN Di, 9.3.2021 | 21:46 Uhr | Das Erste

Einreise nach Deutschland Können Corona-Tests gefälscht werden?

Im Internet bieten Händler gefälschte negative Corona-Testzertifikate an. Recherchen zeigen, dass die Einreise damit nach Deutschland leicht möglich ist. Politiker von FDP und CDU kritisieren fehlende engmaschige Kontrollen und fordern verbindliche Corona-Tests an Flughäfen.

So sehen Sie aus: Corona-Test-Zertifikate. Einfache Ausdrucke, meist mit einem Logo oder Stempel.
Diese Zettel sind wichtige Dokumente. Sie sollen uns schützen - vor neuen Infektionen durch Reisende.
Doch wie sicher sind sie, wie leicht kann man sie manipulieren und damit nach Deutschland reisen?
Zum Beispiel aus Rio de Janeiro. Der Strand von Ipanema. Aufnahmen aus dem Januar. Menschenmengen ohne Abstand - und das obwohl ganz Brasilien Virusvarianten-Gebiet ist.

Einfache Einreise mit Fälschung

Wir treffen einen Deutschen, der Ende Januar von dort zurückgekehrt ist.
Er will unerkannt bleiben, denn er ist mit einem selbstgebastelten Corona-Negativ Test eingereist. Er zeigt uns das Dokument und erklärt, er habe nur einen Test auf Englisch gehabt und befürchtet, nicht reisen zu können. Deshalb habe er sich einfach selbst ein Zertifikat auf Deutsch geschrieben.

Reiserückkehrer: "Ich habe mir das Dokument selbst zusammengebastelt und bin damit geflogen. Beim Einreisen in Frankfurt, wo die Bundespolizei direkt an der Tür des Flugzeuges gewartet hat, habe ich das deutsche, selbstgemachte Exemplar gezeigt und bin nach ganz kurzer Kontrolle durchgewunken worden."

Einfach einscannen und dann am PC bearbeiten. Das ist selbstverständlich verboten. Wer so einen manipulierten Test nutzt, dem droht wegen Gebrauchs eines unrichtigen Gesundheitszeugnisses eine Geldstrafe oder bis zu einem Jahr Haft.

Wir fragen bei der Bundespolizei nach, warum eine simple Fälschung wie die von dem Mann aus Brasilien nicht aufgefallen ist.
Sie erklärt: Die Beamten seien geschult. Wie sie Fälschungen erkennen, dazu könne man uns aus "ermittlungstaktischen Gründen" nichts sagen.

Fit-to-Fly durch Selbsttest?

Im Internet entdecken wir das Angebot eines Online-Anbieters zusammen mit einem anerkannten Labor aus Österreich. Die Firma verspricht ein "Fit-to-Fly-Zertifikat" für Auslandsreisen - durch einen Gurgel-PCR-Test zu Hause. Diese seien auch in Deutschland anerkannt.
Wir bestellen drei Test-Kits, wollen wissen, wie leicht das Ergebnis manipuliert werden kann.
Auf dem Dokument zur Probe tragen wir den Namen einer Frau ein und kreuzen Geschlecht "weiblich" an.
In das Röhrchen spuckt dann mein Kollege. Ob das wohl auffällt?
Dann nehmen wir eine Probe bei ihr - Hunde-Dame Debby. Sie macht bereitwillig mit.
Und in das letzte Röhrchen füllen wir einfach nur Leitungswasser.
Dann kommt jede Probe mit den Angaben zu der Person, für die das Zertifikat erstellt werden soll, in eine Tüte und zur Post. Jetzt heißt es nur noch abwarten, ob uns für diese Proben Corona-Zertifikate ausgestellt werden.

Handel mit gefälschten Negativ-Zertifikaten

Es geht aber auch ganz ohne Test. Weltweit werden komplett erfundene Dokumente verkauft. An Urlaubsorten, aber vor allem in Osteuropa.
Beispiel Russland. Im Messenger-Dienst "Telegram" finden wir Händler, die Negativ-Tests anbieten. Wir geben uns als interessierte Kunden aus.

Reporter: "Hallo. Ich brauche ein negatives Test-Zertifikat für die Einreise nach Deutschland. Ist das möglich?"

Negativ-Test Anbieter: "Natürlich. Für das Zertifikat brauchen wir nur ein paar persönliche Angaben."

Reporter: "Und damit kann man sicher nach Deutschland einreisen?"

Negativ-Test Anbieter: "Egal wohin. Selbst in die USA oder nach Kuba. Es gab nie Probleme."

Wir bestellen online. Dann bitten wir einen Kollegen in Moskau den Test für uns anonym an einem Einzahlungsautomaten zu bezahlen - umgerechnet 17 Euro. Das ist etwa halb so teuer wie ein echter Test.

Kurze Zeit später hat er den negativen Corona-Test auf dem Handy - inklusive Stempel, Unterschrift und QR Code.

Solche Fake-Tests tauchen überall in Europa auf. Europol und auch die deutsche Polizei berichten darüber:

Beispiel: Am Pariser Flughafen nimmt die Polizei im November eine mutmaßliche Fälscher-Bande fest. Auf ihren Smartphones findet sie mehr als 200 Fake-Testzertifikate.
Ende Februar stoppt die Polizei an der Grenze zu Polen einen Kleintransporter mit ukrainischem Kennzeichen. Alle sechs Reisenden haben ein gefälschtes Test-Zertifikat.

Professionelle Fälscher in der Ukraine

Wie man in der Ukraine an so einen Test kommt, recherchiert eine Kollegin aus Kiew für uns. Sie findet zahlreiche Angebote, offen und unverblümt im Internet. Für rund 18 Euro bestellt sie einen Fake Test. Wenige Tage später kann sie das Dokument auf einer Poststelle abholen. Der Test sieht hochoffiziell aus - mit farbigem Stempel und Unterschrift.
Kurz darauf ruft sie für uns bei dem Anbieter an.
Fragt warum er mit illegalen Dokumenten handelt.

Reporterin: "Haben Sie kein schlechtes Gewissen, wenn Sie diese Zertifikate verkaufen und somit Menschen in Gefahr bringen?"

Negativ-Test-Anbieter: "Sehen Sie, wir lassen unsere Kunden wissen, dass die Zertifikate nicht registriert sind."

Reporterin: "Ich meine die Menschen, die angesteckt werden können von denjenigen, die Ihre gefälschten Zertifikate gekauft haben…"

Dann legt die Händlerin einfach auf.

Zurück in Deutschland. Die Testergebnisse des Gurgeltests sind angekommen:
Zur Erinnerung: Wir hatten Proben von einer falschen Person, einem Hund und Wasser ins Labor geschickt.
Ergebnis: Für alle drei Proben bekommen wir jeweils ein negatives Corona-Test-Zertifikat. Damit könnten drei Menschen reisen, ohne je eine Speichelprobe abgegeben zu haben.

Labor sieht Handlungsbedarf

Wir konfrontieren das Labor mit unserer Recherche. Das Unternehmen erklärt schriftlich:

Analyse-Labor: "Es ist uns als reines Labor nicht möglich festzustellen, wer die Proben gesendet hat."

Analyse-Labor: "Die Prüfung der Identität und der Nachweis, ob auch die Person die Probe abgegeben hat, (…) liegt in der Verantwortung des Zusenders."

Das Labor kündigt Sofortmaßnahmen an. Und erklärt:

Analyse-Labor: "Die Identität muss per Videoaufnahme oder persönliche Beobachtung überprüft werden."

Auch der Online-Dienst kündigt Reformen an.

Politiker kritisieren mangelnde Kontrollen

Wir fassen zusammen: Manipulierte Proben, gefälschte Testzertifikate aus Osteuropa und dazu kommt noch, dass nur bei einem Bruchteil der Reisenden kontrolliert wird, ob sie sie einen gültigen negativen Corona-Test dabeihaben.
Das geht aus einer kleinen Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion hervor, die REPORT MAINZ exklusiv vorliegt.
Die FDP fordert jetzt ein besseres Sicherheitskonzept für Reisende:

Bernd Reutther

Bernd Reutther

Bernd Reuther, FDP, Bundestagsabgeordneter: "Alle kontrollieren, die einreisen. Datengrundlagen schaffen. Und der dritte Punkt: Tests an den Flughäfen, wir müssen testen, testen, testen."




Auch Patrick Sensburg von der CDU fordert eine konsequente Testung aller Reiserückkehrer.

Prof. Patrick Sensburg

Prof. Patrick Sensburg

Prof. Partrick Sensburg, CDU, Bundestagsabgeordneter: "Ich glaube, dass man in Deutschland bei der Einreise, wenn man wiederkommt, einen verbindlichen Test an Flughäfen machen muss. Das hat es übrigens im Herbst letzten Jahres schon gegeben, und das hat man wieder eingestellt. Das ist logistisch möglich."

Ministerien weichen aus

Wir fragen die verantwortlichen Minister Jens Spahn und Horst Seehofer an.

Das Gesundheitsministerium antwortet in den meisten Fällen nicht konkret auf unsere Fragen. Das Innenministerium erklärt, man wisse von den Fälschungen, sehe aber derzeit keinen weiteren Handlungsbedarf.

Ein Konzept fehlt

Testzentrum Flughafen Frankfurt. Hier bestätigt man uns, dass man alle Reisenden testen könnte und auch fälschungssichere Zertifikate erstellen kann.

Fazit: Damit Reisen auch während der Pandemie möglich ist, müssen alle Reisenden getestet werden. Technik und die Kapazitäten dafür sind da.

aus der Sendung vom

Di, 9.3.2021 | 21:46 Uhr

Das Erste

Autor*innen:
Monika Anthes, Manuela Dursun, Alexander Moskovic

Kamera:
Andreas Schlosser, Ole Flashaar, André Schmidtke

Schnitt:
Daniel Alznauer

Sprecher:
Monika Anthes

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