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Text des Beitrags | Durch Corona insolvent Gastronomen und Selbständige kämpfen um ihre Existenz

Moderation Fritz Frey:

Frau Steeger lebt ihren Traum, wagt den Schritt in die Selbstständigkeit, eröffnet im letzten Jahr ihr eigenes Geschäft. Doch heute fällt ihr Rückblick bitter aus - wegen Corona:


O-Ton:

"Letztes Jahr war es dann so, dass ich einen Job hatte, der mich sehr, sehr unglücklich gemacht hat und ich gesagt habe und auch die Möglichkeit hatte: 'So, jetzt reicht es, jetzt mache ich das, jetzt mache ich mein Baby auf!' Und... und die ganze Corona-Scheiße macht einfach alles kaputt."


Das Virus fordert Opfer, nicht nur unter denen, die sich infiziert haben. Guten Abend zu REPORT, live aus Mainz.

Kein Zweifel, die aktuelle Lage ist besonders schwierig für kleine und mittelständische Unternehmen. Für das feine, kleine Restaurant, das Stadthotel in der Fußgängerzone oder eben für einen Laden wie der von Frau Steeger.

Mona Botros und Niklas Maurer mit der ganzen Geschichte.

Bericht:

Ihre Kunden kommen gerne, erzählt Matin Steeger. Sie kenne fast alle persönlich. Letztes Jahr machte sie ihren Traum wahr und eröffnete einen Secondhand-Laden für Kindersachen in Ratingen.


Matin Steeger

Matin Steeger

O-Ton, Matin Steeger, Inhaberin MaMelJu:

"Ich habe gesagt: 'Jetzt mache ich das, jetzt mache ich mein Baby auf!' Und... und die ganze Corona-Scheiße macht einfach alles kaputt. Die Konten sind leer, also auch sämtliche Sparbücher sind...es ist nichts mehr da. Es ist einfach nichts mehr da."


Acht Wochen Schließung, Corona bedingt. Ihre Einnahmen gehen auf null. Als die Bundesregierung Soforthilfe verspricht, stellt Matin Steeger einen Antrag.


O-Ton, Matin Steeger, Inhaberin MaMelJu:

"Es durfte im Nachhinein ganz vieles gar nicht mehr davon bezahlt werden. Mein komplettes Einkommen ist weggefallen, auch das durfte im Nachhinein nicht mehr von der Soforthilfe gezahlt werden. Ich fühle mich alleine gelassen. Ich fühle mich wirklich einfach nur noch alleine gelassen."


Seit Corona lebt Matin Steeger mit ihrem Partner und zwei Kindern von seinem Gehalt alleine. Lebenshaltungskosten sollen eigentlich über Hartz IV abgedeckt werden, doch das wurde ihr verwehrt. Begründung: Ihr Partner verdiene ja noch Geld. Damit wird ihr Einkommen, das nun fehlt, nicht ausgeglichen.

Matin Steeger ist eine von über vier Millionen Selbstständigen in Deutschland. Selbstständige Frauen wie sie gehören zu den größten Verlierern der Krise - das belegt eine neue Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin.

Daniel Graeber zeigt uns die neuesten Zahlen. Sie zeigen die Folgen der Pandemie auf Selbstständige im Vergleich zu Angestellten. 56% der Selbstständigen erlitten Einkommenseinbußen. Bei den Angestellten nur 16%. Im Mittel hatten Selbstständige monatlich 1.300 Euro weniger Einkommen. Angestellte verloren nur 350 Euro pro Monat. Welche Folgen hat diese Entwicklung für Selbstständige?


O-Ton, Daniel Graeber, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung:

Daniel Graeber

Daniel Graeber

"Es ist natürlich verheerend für diese Gruppe, wenn diese Menschen halt Risiken eingehen, Arbeitsplätze schaffen und dann bei so einem, sagen wir mal, systemischen Schock wie dieser Pandemie eben dann quasi im Regen stehen gelassen werden. Und wenn dem halt nicht angemessen begegnet wird, dann ist das halt ein sehr großes Problem für diese Gruppe."


In der Tat. Selbstständige geraten in Existenznot, weil Corona-Maßnahmen bei Kosten der Lebenshaltung nur bedingt greifen. Unsere Recherchen bestätigen: Lebenshaltungskosten werden über die Grundsicherung, also nach Hartz IV, abgedeckt. Verdiene der Partner Geld, könne Hartz IV abgelehnt werden. Die Folge für Selbstständige wie Matin Steeger: Es gibt keinen Ausgleich für fehlende Einnahmen.

Fehlende Einnahmen waren auch Ursache für die Schließung des Traditionshotels "Eisenhut" in Rothenburg ob der Tauber. Jahrelang belebten internationale Touristen auf Besuch in der Mittelalterstadt das Geschäft. Bis Corona. Jetzt nur noch leere Gassen und Umsatzeinbrüche.


O-Ton:

"Grüß Gott."


Der Besitzer, Jörg Schlag, stellte im April den Insolvenzantrag - das dramatische Ende einer fast 200 Jahre alten Hotelgeschichte. Berühmte Gäste wie die Band Queen und der japanische Kronprinz speisten hier. Jetzt wird in der Gourmetküche nicht mehr gekocht, das Frühstücksbuffet bleibt leer, die 80 Zimmer sind verwaist.


O-Ton, Jörg Schlag, Inhaber Hotel "Eisenhut":

Jörg Schlag

Jörg Schlag

"Es tut sehr, sehr weh, durch die leeren Flure zu laufen, wissend, dass normalerweise hier jetzt richtig viel los wäre, viele Gäste da wären. Also, wir haben die Soforthilfen direkt beantragt, auch gehabt, aber über einen Monat auch nichts mehr weiter gehört gehabt und auch keine Gelder bekommen gehabt. Und dann waren wir einfach an dem Punkt, wo das Geld aus war."


Berlin. Prenzlauer Berg. Im Szeneviertel kämpfen viele Gastronomen mit den Folgen der Krise. Auch das Lokal "März". Hier wird seit Wochen kräftig gewerkelt, um beheizte Sitzbänke für die Terrasse zu bauen. Inhaber Mirko Meusche hofft, dass er damit Kunden anlocken kann, wenn es kälter wird.


Mirko Meusche

Mirko Meusche

O-Ton, Mirko Meusche, Inhaber Restaurant "März":

"Ja, das ist sozusagen unsere einzige Chance. Und entweder wir gehen pleite oder probieren, neue Wege zu gehen. Was anderes bleibt uns einfach nicht übrig."


O-Ton:

"Darf ich einmal sitzen?"


O-Ton:

"Ja, klar!"


O-Ton:

"Ist warm. Und riecht nach Holz. Ist gut. Ist eine gute Idee."


Ein lauer Herbstabend in Zeiten von Corona. Die Berliner stürzen sich ins Nachtleben. Kneipen und Restaurants sind gut besucht. Wir treffen Roberto Manteufel. Er betreibt die Szenebar "Marietta". Wie erlebt er die Krise?


Roberto Manteufel

Roberto Manteufel

O-Ton, Roberto Manteufel, Inhaber Bar "Marietta":

"Es geht mir nicht gut, schlicht und ergreifend. Es ist ja nicht nur die Sorge um mich selbst, sondern auch das Wohl meiner Mitarbeiter, die hier mit dabei sind eben. Was ist mit denen, bringe ich sie über den Winter allesamt?"


Auf Bundesebene kämpft der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband DEHOGA um die Interessen der Branche. Ingrid Hartges ist Hauptgeschäftsführerin. Sie erzählt uns, die Lage sei dramatisch.


O-Ton, Ingrid Hartges, Hauptgeschäftsführerin DEHOGA:

Ingrid Hartges

Ingrid Hartges

"Unsere Branche ist Mittelstand pur. Also, gerade die Vielzahl der kleinen und mittleren Betriebe, inhabergeführt, die also schon sehr viel von ihrem eigenen Vermögen auch jetzt in den Betrieb gesteckt haben, die jetzt irgendwo die Reißleine ziehen und sagen: 'Das lohnt sich nicht mehr', die einfach ihr Geschäft aufgeben."


Die neueste DEHOGA-Umfrage liegt REPORT MAINZ exklusiv vor. Sie zeigt die gravierenden Auswirkungen der Krise auf die Gastronomie. 58% der Betriebe sehen sich in ihrer Existenz gefährdet. 74% verzeichnen Umsatzverluste.

Diese Umfrage ist ein Hilferuf an die Politik. Nicht nur das Hotel "Eisenhut" hat seine Reserven aufgebraucht. Bei vielen kommen die Überbrückungshilfen nicht an. Wenn die Regierung nicht nachbessert, könnten im Winter viele weitere Betriebe schließen.

Abmoderation Fritz Frey:

Ja, da droht wirklich vieles von dem verloren zu gehen, was uns eigentlich sehr wichtig ist und was auch ein Stück weit unsere Kultur ausmacht.