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SENDETERMIN Di, 5.10.2021 | 21:48 Uhr | Das Erste

Drohungen und Gewalt Erschreckende Radikalisierung von Querdenkern und Impfgegnern

Die Tötung von Alex W. in einer Tankstelle in Idar-Oberstein zeigt: Die Impfgegner-Szene radikalisiert sich immer weiter. Experten beurteilen die Entwicklung als besorgniserregend. Mit den Impfungen von Kindern geraten insbesondere Schulen immer häufiger ins Visier von Protestaktionen. 

Idar-Oberstein, die ARAL-Tankstelle. Alles sieht nach Normalität aus. Doch auch zwei Wochen danach kommen noch Menschen hierher, um zu trauern. Fassungslosigkeit über den gewaltsamen Tod von Alex W. Er wurde nur 20 Jahre alt.

Marina und Nathalie kommen aus einem Nachbarort und waren schon öfter hier, bringen immer wieder frische Blumen.


Marina:
"Es ist einfach unbegreiflich. Dass man nur wegen einer Maske einem Menschen das Leben nehmen muss. Jetzt ist es eskaliert. Also Angst haben wir schon, vor so Leuten."


Der Kassierer Alex W., kaltblütig erschossen. Der mutmaßliche Täter, Mario N., sagte der Polizei, er habe ein Zeichen gegen die Corona-Maßnahmen setzen wollen. Nach REPORT MAINZ-Recherchen soll er zur Tatzeit alkoholisiert gewesen sein. Außerdem soll er seit Pandemiebeginn zahlreiche Social-Media-Kanäle von Corona-Leugnern und Querdenkern besucht haben. Steht er für eine immer radikalere Corona-Leugner-Szene?

Ehemalige Bürgermeisterin befürchtet: Idar-Oberstein bleibt kein Einzelfall


Simmertal, nur 25 Kilometer entfernt von Idar-Oberstein. Hier wohnt Christina Bleisinger. Bis vor kurzem war sie hier noch Bürgermeisterin. Im Frühjahr beginnen hier so genannte Dienstagsspaziergänger mit Protesten gegen die Corona-Maßnahmen. AfD-Mitglieder marschieren mit und es wird Reichsbürgerideologie verbreitet. Christina Bleisinger will das nicht hinnehmen, organisiert Gegendemonstrationen. So wird sie selbst zur Zielscheibe - vor allem im Internet:


Zitate aus dem Internet:
"Diese Bleisinger ist doch so ein ekelhaft, abartiger, respektloser Mensch."

"Wird Zeit, dass man diese Dame zum Teufel jagt."


Sie und eine Mitsreiterin sollen "ins Wasser gehen", also: Selbstmord begehen. Solche Aussagen haben für sie nach dem Tod von Alex W. im benachbarten Idar-Oberstein eine ganz neue Qualität.


Christina Bleisinger, SPD

Christina Bleisinger, SPD

Christina Bleisinger, SPD, ehem. Bürgermeisterin Simmertal:
"Ich habe durchaus auch Angst, dass mir auch - vielleicht jetzt nicht so extrem, dass man erschossen wird - aber dass mir halt irgendwas passieren kann. Ich befürchte, dass Idar-Oberstein kein Einzelfall bleibt."


Expertin sieht Radikalisierung in der Querdenker- und Coronaleugner-Szene


In München begleiten wir die Expertin einer Fachstelle für Rechtsextremismus. Seit Pandemie-Beginn dokumentiert sie auch Demos der Querdenker-Szene, möchte daher unerkannt bleiben. Gerade die Entwicklung in den vergangenen Monaten - auch für sie besorgniserregend.


Expertin (anonym, Fachinformationsstelle für Rechtsextremismus in München):
"Sie werden weniger in Zahlen. Und die, die jetzt noch auf der Straße sind, sind, ja, verzweifelt, haben mit ihren Familien sozusagen gebrochen, haben teilweise keine Freund:innen mehr. Die Radikalisierung äußert sich in dem Sinne, dass man zum Beispiel hetzt gegen den Staat, gegen Polizei, gegen die klassischen Feindbilder wie Presse, Politiker:innen, die bedroht werden."

Protest an Schulen gegen Impfaktionen


Vier Tage nach der Tat in Idar-Oberstein: Demo vor einer Münchner Schule.


Demonstranten:
"Lasst unsere Kinder endlich wieder Kinder sein."


Kinder, die sich impfen lassen wollten, mussten durch den Hintereingang gebracht werden, um sich vor Impfgegnern zu schützen. Das erzählt Schulleiterin Karin Moritz. Schülerinnen hätten das als massiven Einschüchterungsversuch empfunden. Die Lehrer berichten von einer Schülerin, die von Demonstrierenden regelrecht in die Enge getrieben worden sei.

Kathrin Kröll-Mayr

Kathrin Kröll-Mayr

Kathrin Kröll-Mayr, Lehrerin:
"Dieses Mädchen hat sich wirklich körperlich sehr bedrängt gefühlt, weil die Gruppe sie eingerahmt hat. Und sie hat dann auch noch erzählt, dass eine Dame, die ihre Kinder anscheinend abgeholt haben vom Unterricht, ihr wirklich zu Hilfe gekommen sind, um sie da aus dieser Gruppe wieder rauszugeleiten."


Die Lehrer berichten: Es seien sogar zwei Demonstranten mit Hilfe von Zivilbeamten der Polizei vom Schulgelände verwiesen worden.

Immer wieder rückt die Polizei dieser Tage bei Impfaktionen an Schulen aus, weil radikale Impfgegner aufmarschieren - so auch hier in Freiburg, gerade einmal fünf Tage nach dem Anschlag von Idar-Oberstein.


Demonstrant:
"Diese Impfung ist keine Impfung, sondern ein Menschenversuch!"

Drohungen und tätliche Angriffe durch Impfgegner und Maskenverweigerer


Und auch andernorts treten Impfgegner und Maskenverweigerer immer massiver in Aktion. Nur einige Meldungen aus den vergangenen Wochen:

"Brandanschlag auf Impfzentrum"
"Querdenker attackieren Praxis"
"Morddrohung gegen Landrat"
"Impfgegner verschickte Buttersäure"
"Drohungen gegen Lübecker Kinderärzte"

In einigen Fällen ermitteln inzwischen Staatsanwaltschaften.

Wie umgehen mit einer immer radikaleren Querdenker- und Corona-Leugner-Szene? Für den Gewaltforscher Andreas Zick reichen bisher bewährte Konzepte nicht aus.


Prof. Andreas Zick

Prof. Andreas Zick

Prof. Andreas Zick, Gewaltforscher, Uni Bielefeld:
"Wir brauchen einen deutlichen Präventionsplan für diese neuen ideologischen Bewegungen. Die lassen sich vielleicht mit dem alten Rechtsextremismus nicht so einfach fassen. Wir brauchen ganz deutlich ein Konfliktmanagement vor Ort."


Konfliktmanagement vor Ort oft schwierig


Doch das ist einfacher gesagt als getan. In Simmertal hoffte Christina Bleisinger als Bürgermeisterin auf politische Unterstützung aus dem Gemeinderat für ihren Protest gegen die Impfgegner-Szene. Doch der wollte sich nicht positionieren, hoffte, die Sache würde sich von selbst erledigen.

Der Gemeinderat will sich gegenüber REPORT MAINZ aktuell nicht äußern. Christina Bleisinger ist inzwischen von ihrem Amt zurückgetreten.


Christina Bleisinger, SPD, ehem. Bürgermeisterin Simmertal:
"Man sollte aufhören, diese Bewegung, diese bundesweite Bewegung, als harmlose Bewegung abzutun. Denn man sieht ja, was in Idar-Oberstein passiert ist."