Text des Beitrags Greenwashing mit "Ocean Plastic"
Die Tricks der Industrie
Bericht:
Die Weltmeere voller Plastikmüll und es wird immer schlimmer. Niemand kann bestreiten, diese Öko-Katastrophe ist menschengemacht. Das Urteil – eindeutig:
O-Töne Passanten:
"Das ist grässlich, ich finde das ganz furchtbar."
"Entsetzen."
"Unmut."
"Es muss geändert werden."
"Allmählich müsste man was dagegen tun."
Moderation Fritz Frey:
Guten Abend zu REPORT, live aus Mainz. Ja, es muss dringend etwas geschehen. Aber was? Sicher, jeder von uns kann seine individuelle Plastikmüllproduktion reduzieren.
Und gerade wir haben allen Grund dazu. Laut EU-Kommission sind wir Deutsche beim Plastikmüll ganz vorne, Platz vier. Aber auch wenn Sie und ich da besser werden, wie steht es eigentlich mit der Wiederverwertung von Plastikmüll?
Als sich mein Kollege Marius Meyer mit dieser Frage beschäftigt hat, ist er immer wieder über einen Begriff gestolpert: Ocean Plastic. Was sich dahinter verbirgt? Hier seine Antwort.
Bericht:
Einkauf in einem deutschen Supermarkt. Wir stoßen auf eine auffällig gestaltete Flasche Duschgel. Darauf mehrfach der Begriff "Ocean Plastic". Was bedeutet das? Eine verbindliche Definition dafür gibt es nicht. Was verstehen die Verbraucher darunter?
Frage: Wenn Sie jetzt lesen: Ocean Plastic. Wie würden Sie das verstehen?
O-Ton Passant:
"Dass die Flasche aus recycelten Stoffen aus den Meeren entsteht."
O-Ton Passant:
"Mit dieser Flasche soll mir der Eindruck vermittelt werden, diese Flasche wurde aus Plastikmüll aus dem Ozean gefertigt. Also dieser Ozeanmüll wurde recycelt."
Die Ozeane vor Plastikmüll schützen, indem man Duschgel kauft? Darüber wollen wir mehr wissen, treffen Philipp Sommer. Er ist Recycling-Experte bei der Deutschen Umwelthilfe. Und er sieht einen neuen Trend:
O-Ton, Philipp Sommer, Deutsche Umwelthilfe:
"Ich habe den Eindruck, dass immer mehr Hersteller ihre Produkte mit solchen Wörtern wie 'Ocean Plastic' vermarkten. Das Interessante ist ja hier, dass eben an einzelnen Produkten mal getestet wird, wie gut ist die Marketingwirkung. Und damit versucht sich dieser Konzern eben als umweltfreundlich darzustellen."
Machen das auch andere Unternehmen? Bei unserer Recherche finden wir viele Produkte mit dem Stempel "Ocean Plastic". Mit Brillen, Rucksäcken und Sportkleidung kann man angeblich die Weltmeere retten. Man muss die Sachen nur kaufen.
Ganz vorne dabei: Adidas. Die Firma bewirbt Produkte mit der Bezeichnung "Ozean Plastik". Wir kaufen im Online-Shop Schuhe. Dabei wird uns ein kurzes Video gezeigt. In einfach gezeichneten Bildern, die potentielle Kunden im Netz ansprechen, entwirft der Konzern eine sehr einfache Lösung für das Plastik im Ozean:
O-Ton Imagefilm:
"Wir müssen es aus dem Ozean holen und wiederverwerten. Schau, was wäre, wenn wir etwas Müll nehmen würden, und einen Sportschuh daraus machen würden."
Plastik aus dem Ozean holen, es zu einem Garn verarbeiten und daraus dann Schuhe herstellen. Das hört sich gut an. Aber lässt Adidas tatsächlich Plastik aus den Ozeanen fischen?
Gilian Gerke ist Professorin für Abfallwirtschaft. Sie hat Zweifel an der Werbebotschaft von Adidas, weil sie selbst schon Produkte aus Meeres-Plastikmüll hergestellt hat. Sie weiß: Das ist aufwendig.
O-Ton, Prof. Gilian Gerke, Hochschule Magdeburg-Stendal:
"Material aus dem Meer ist nicht einfach zu verarbeiten. Zum Beispiel so ein Material hier: Das ist total heterogen, vieles vermischt und ganz, ganz viel Verwachsungen dran. Sand, Kies, je nachdem, wie lange es drin war, Muschelreste. Das heißt, man muss einen Riesenaufwand betreiben, dieses Material so sauber zu bekommen und in einer solchen Darreichung zu bekommen, dass ich das wirklich in ein Produkt bekomme. Ich denke nicht, dass das wirtschaftlich ist."
Sie zeigt als Beispiel einen Brieföffner, den sie mit ihrem Team aus Plastikmüll aus Nord- und Ostsee hergestellt hat.
O-Ton, Prof. Gilian Gerke, Hochschule Magdeburg-Stendal:
"Also alles, was hier drinsteckt, haben wir hier an der Hochschule gemacht, das heißt: aufbereitet, gewaschen, auseinanderdividiert, auseinandergeschnitten, Granulat hergestellt. Ich würde mal kalkulieren, so einer kostet dann 200 Euro."
Zum Vergleich: Für das Paar hochwertiger, topmoderner Turnschuhe haben wir nur 149 Euro gezahlt. Wie kann das sein? Wir fragen bei Adidas nach. Der Konzern antwortet:
Zitat:
"Der Plastikmüll stammt von Stränden und aus Küstenregionen und wurde recycelt, bevor er in die Ozeane gelangen konnte."
Adidas hat für den Schuh also gar kein Plastik aus den Weltmeeren verwendet. Und auch Henkel relativiert. Auf der Flasche stehe gar nicht, dass sie aus Ocean Plastic sei, sondern nur dass Ocean Plastic "bekämpft" werde. Stattdessen handele es sich um "Social Plastic", das an Strand und Land gesammelt worden sei. Also wurde auch für die Duschgel-Flasche kein Plastik aus den Weltmeeren gefischt. Aber ist es dann überhaupt in Ordnung, mit dem Begriff "Ocean Plastic" zu werben? Wir fragen die Experten.
O-Ton, Prof. Gilian Gerke, Hochschule Magdeburg-Stendal:
"Aus meiner Sicht bekommt der Verbraucher in dem Moment nicht das Produkt mit der Geschichte, für das er bezahlt hat."
O-Ton, Philipp Sommer, Deutsche Umwelthilfe:
"Der Verbraucher denkt ja, wenn er diese Flasche kauft, dass damit mehr Plastik aus dem Ozean rausgeholt wird. Tatsächlich stammen die Recyclingmaterialien aber aus anderen Quellen und wir haben am Ende genauso viel Plastikmüll im Ozean. Und diese Konzerne versuchen damit oft ein im Kerngeschäft umweltschädliches Verhalten praktisch grün zu färben."
Umweltschützer nennen so etwas "Greenwashing". Unternehmen geben sich ein grüneres Image, ohne wirklich umweltfreundlicher zu sein. Und was sagen die Verbraucher zum Verhalten der Konzerne?
Frage: Fühlen Sie sich dann getäuscht?
O-Töne Passanten:
"Ja, definitiv."
"Das ist Betrug. Beschiss."
"Das finde ich einfach eine Täuschung des Verbrauchers."
"Ehrlich gesagt ist es fast eine Verarsche."
Ist "Ocean Plastic" also eine Verbrauchertäuschung? Das wollen wir vom zuständigen Justizministerium wissen. Doch das duckt sich weg:
Zitat, Quelle: Bundesjustizministerium:
"Für die Beurteilung, ob im konkreten Einzelfall Verbraucher unzulässig getäuscht werden, sind die unabhängigen Gerichte zuständig."
Adidas und Henkel bestreiten auf Anfrage von REPORT MAINZ, ihre Kunden zu täuschen. Adidas sagt:
Zitat, Quelle: Adidas:
"Unsere Konsumenten verhindern durch den Kauf […], dass Plastikmüll in die Ozeane gelangt."
Henkel schreibt, die Flasche lobe auf der Vorderseite in großer Schrift "Social Plastic" aus. Die Bekämpfung von Ocean Plastic werde dagegen…
Zitat, Quelle: Henkel:
"[…]in deutlich kleinerer Schrift […] und auf der Rückseite."
erwähnt. Der Begriff "Ocean Plastic" werde damit erst im zweiten Blick wahrgenommen.
Fazit: Das Plastik in den Weltmeeren bleibt ein großes Problem. Denn: Produkte aus Ocean Plastic sind zwar gut für das Image der Unternehmen, aber am Zustand der Meere ändern sie kaum etwas.
Abmoderation Fritz Frey:
Ja, was ist uns das Meer wert? Auf jeden Fall zu viel, um es von ein paar billigen PR-Tricks der Industrie ‚ à la Greenwashing missbrauchen zu lassen.
Inhalt:
- Teil 1: Greenwashing mit "Ocean Plastic"
- Teil 2: Text des Beitrags

