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SENDETERMIN Mo, 24.7.2006 | 21:43 Uhr | Das Erste

Zug-Verspätungen Wie die Deutsche Bahn Fahrgastrechte unterläuft

Sommerzeit – Reisezeit. Gerne sind wir Deutsche mit der Bahn unterwegs, aber mitunter bleiben die Freuden des Reisens auf der Strecke. Guten Abend zu REPORT MAINZ.

Nein, als besonders kundenfreundlich gilt sie nicht die Deutsche Bahn, wenn es darum geht für Verspätungen gerade zu stehen. Und deshalb wird sie von Verbraucherschützern an den Pranger gestellt, und auch der Gesetzgeber will aktiv werden. All dies mit Recht hat Gottlob Schober recherchiert, er ist einigen Fällen nachgegangen und kam zurück mit der Frage: Wem nutzen eigentlich die Fahrgastrechte? Dem Kunden oder etwa nur der Bahn?


Bericht:

Andreas Pfefferkorn ist sauer auf die Deutsche Bahn. Im Mai hatte sein Zug wieder einmal Verspätung, als er an seinem Wohnort in Eislingen eintraf. Dieses Mal über eine Stunde. Er fuhr von Mainz nach Eislingen. In Mainz nahm er einen Intercity, der erreichte Stuttgart mit 30-minütiger Verspätung. Deshalb verpasste er seinen Anschlusszug. Mit der nächsten Regionalbahn kam er über eine Stunde verspätet in Eislingen an.


Deshalb will Andreas Pfefferkorn einen Teil des Fahrpreises zurück. Die Bahn aber schmetterte sein Anliegen mehrfach ab, so wie bei vielen anderen Kunden auch. Begründung der Bahn: Der Fernverkehrszug, also der Intercity, müsse mehr als 60 Minuten Verspätung haben und nicht nur 30 wie in diesem Fall.


O-Ton, Andreas Pfefferkorn:


»Letztendlich war ich aber über eine Stunde verspätet am Ziel. Und die Schuld hat eindeutig an einem Zug im Fernverkehr gelegen. Und für mich ist entscheidend, dass ich über eine Stunde verspätet am Ziel angekommen bin.«


Wenn es um Entschädigungszahlungen geht, betrachtet die Bahn nur die Verspätungen im Fernverkehr. Verpasst ein Kunde seine Regionalbahn, dann will die Bahn damit nichts mehr zu tun haben.


Das kritisiert Otmar Lell vom Verbraucherzentrale Bundesverband. Er verweist uns auf die Kundencharta, die sich die Bahn selbst geschrieben hat. Aber die wirkt nur auf den ersten Blick kundenfreundlich.


O-Ton, Otmar Lell, Verbraucherzentrale Bundesverband:


»Die Bahn hat die Kundencharta gemacht, damit es keine gesetzliche Regelung gibt. Und so sieht das Ergebnis aus, man hat nicht daran gedacht, was brauchen die Fahrgäste, was steht ihnen eigentlich zu. Sondern man hat überlegt, was kann die Bahn geben, ohne sich wehzutun.«


Schon 2002 hat der Bundestag die Bundesregierung beauftragt, Vorschläge für ein verbraucherorientiertes Fahrgastrecht zu entwickeln. Das Verkehrsministerium gab daraufhin ein Gutachten in Auftrag.


Im Juli 2005 das Ergebnis: In Zukunft soll die Bahn auch für Verspätungen bei Reiseketten, wie zum Beispiel der Fahrt von Mainz über Stuttgart nach Eislingen, Entschädigung zahlen müssen. Und zwar schon ab 30 Minuten Verspätung 30 Prozent Fahrpreiserstattung, bei 60 Minuten - 60 Prozent und bei 90 Minuten 90 - Prozent.


Die Verbraucherschutzbeauftragte der Union, Julia Klöckner, befürwortet mehr Fahrgastrechte. So wie sie im Gutachten vorgeschlagen werden.


O-Ton, Julia Klöckner, CDU/CSU, Verbraucherschutzbeauftragte:


»Dieses Gutachten ist eine seriöse Grundlage, auf derer wir eben auch über gesetzliche Regelungen nachdenken werden.«


Frage: Unterstützen Sie die 30-60-90-Regelung?


O-Ton, Julia Klöckner, CDU/CSU, Verbraucherschutzbeauftragte:


»Als Verbraucherschützerin unterstütze ich genau diese Regelung. Denn das ist Ansporn für die Bahn besser zu sein.«


Besser sein, heißt pünktlicher sein. Doch diese Herausforderung ist für die Bahn offensichtlich nicht Ansporn genug. Im Gegenteil, in einem internen Lobbypapier vom Februar 2006 schießt sie gegen die 30-60-90-Regelung.


Eine Umsetzung des Gutachtens koste die Bahn mindestens 273 Millionen Euro. Sie droht mit Fahrpreiserhöhungen von über zehn Prozent.


Frage: Versucht die Bahn die Politik zu erpressen?


O-Ton, Julia Klöckner, CDU/CSU, Verbraucherschutzbeauftragte:


»Die Argumentation der Bahn, dass die Fahrpreise sich um zehn Prozent erhöhen würden, ist meiner Meinung nach klare Abschreckungsarbeit von Seiten der Bahn. Dass wir als Verbraucherschützer, dass wir als Politiker uns von unseren Forderungen zurückziehen. Ich halte diese, Hochrechnung der Bahn für nicht haltbar.«


Um eine gesetzliche Regelung abzuwenden hat die Bahn im April 2006 ein Pilotprojekt in Schleswig-Holstein gestartet. Im Nahverkehr werden die Kunden bei Verspätungen von über einer Stunde entschädigt. Für den Verbraucherschützer nicht mehr als ein PR-Gag.


O-Ton, Otmar Lell, Verbraucherzentrale Bundesverband:


»Die Bahn gibt eben gerade mal soviel, wie sie meint geben zu müssen, damit die politische Diskussion erst mal wieder still steht. Und auch das Modellprojekt in Schleswig-Holstein sehe ich in dieser Reihe. Es ist auch eine Art Alibiveranstaltung. Auch in Schleswig-Holstein hat man beispielsweise nach wie vor das Problem, dass eine Kombination von Nah- und Fernverkehr nicht erfasst ist.«


In anderen Bundesländern agiert die Bahn wie bisher. Ralf Guinet lebt in Hessen und hat dort ein Ticket im Nahverkehr gelöst. Der Zug sei aber wegen eines Stellwerkausfalls nie gefahren. Trotzdem verweigert die Bahn die Rückerstattung des Tickets. Sie sei auch bei Ausfall von jeglichem Schadenersatz freigestellt. Ralf Guinet versteht die Welt nicht mehr.


O-Ton, Ralf Guinet:


»Ich bin sauer. Und das stinkt mir einfach, dass die Bahn, wenn sie ihre Leistung nicht erbringt, keinen Schadensersatz leisten muss.«


Bei Andreas Pfefferkorn hatte der Zug zwar nur Verspätung, die Verweigerungshaltung der Bahn will er sich dennoch nicht bieten lassen. Er hat sich bei der Schlichtungsstelle Mobilität in Berlin beschwert.


Eine Einrichtung die zum Verkehrsclub Deutschland gehört und vom Bundesverbraucherministerium finanziert wird. Bei Ute Buchen landeten seit Dezember 2004 mehr als 1.700 Beschwerden über die Deutsche Bahn. Den Fall von Andreas Pfefferkorn hält sie für eindeutig.


O-Ton, Ute Buchen, Schlichtungsstelle Mobilität:


»Wir werden daher eine Forderung an die Deutsche Bahn stellen, indem wir einen Schlichtungsvorschlag erarbeiten. Die Forderung wird sich belaufen auf circa 15 bis 20 Prozent des Fahrpreises.«


Fazit: Eine gesetzliche Entschädigungsregelung für Fahrgäste der Bahn ist überfällig. Seit gestern wird über ein internes Papier aus dem Bundesverbraucherministerium diskutiert. Demnach sollen ab einer Verspätung von 30 Minuten 20 Prozent Fahrpreiserstattung bezahlt werden, ab 60 Minuten 25 Prozent, und ab 120 Minuten 50 Prozent.


Aber auch dieser Vorschlag berücksichtigt nicht eine Kombination aus Fern- und Nahverkehr. Bis Herbst wird über alle Vorschläge gestritten werden. Erst dann wird sich zeigen, für wen Fahrgastrechte gemacht werden. Für die Bahn oder doch für ihre Kunden.


Abmoderation Fritz Frey:


Natürlich hätten wir Bahnverantwortliche gerne zu unseren Recherchen gehört, aber kein Interview, keine Drehgenehmigung, nichts für REPORT MAINZ.


Ein starkes Stück, wie ich finde, für ein Unternehmen, das noch zu hundert Prozent dem deutschen Staat und damit uns allen gehört.


Sendung vom

Mo, 24.7.2006 | 21:43 Uhr

Das Erste

Bericht

Autoren:Gottlob Schober
Kamera:Jasper Marquardt,
Thomas Schäfer
Schnitt:Melanie Fliessbach