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SENDETERMIN Di, 5.7.2022 | 21:49 Uhr | Das Erste

Deutsche Bahn und marode Infrastruktur Der Umgang mit Mitarbeitern, die auf Sicherheitsrisiken hinweisen

Schon 2019 warnten mehrere anlagenverantwortliche Bahnmitarbeiter das Management der Deutschen Bahn vor Risiken im Streckennetz. Das geht aus einem siebenseitigen Brandbrief hervor, der dem ARD-Politikmagazin REPORT MAINZ vorliegt. Darin sahen diese Mitarbeiter dringenden Handlungsbedarf. Jeder Anlagenverantwortliche trage die alleinige Verantwortung für bis zu 400 Streckenkilometer Gleis und Weichen, doch es fehle an Geld und Personal, um notwendige Instandsetzungen durchführen zu können.

Es ist einer der schwersten Bahnunfälle der vergangenen Jahre. Fünf Menschen sterben, 68 werden zum Teil schwer verletzt, als eine Regionalbahn bei Garmisch-Partenkirchen entgleist. Wir wollen wissen: Wie konnte das passieren? Nehmen Kontakt mit Bahn Mitarbeitern auf. Kurze Zeit später bekommen wir Ausschnitte aus einem WhatsApp-Chat unter Lokführern der Deutschen Bahn zugespielt. Sie haben sofort das Gleis im Verdacht:

Lokführer (Ausschnitt aus WhatsApp-Chat):
"Wir wissen alle in welchem Zustand diese Strecke ist ..."

Lokführer (Ausschnitt aus WhatsApp-Chat):
"Ab Tutzing ist alles im Arsch … Also quasi wirklich richtig im Arsch"

Die Bahn will sich zur Unfallursache derzeit nicht äußern und verweist auf die laufenden Ermittlungen. Wir können jedoch mit einem Lokführer sprechen, der regelmäßig für die Deutsche Bahn auf der Unglücksstrecke unterwegs ist. Er will nicht erkannt werden. Am Telefon erzählt er uns:

Lokführer (am Telefon, Stimme nachgesprochen):
"Als ich das gehört habe, dachte ich sofort, das hätte auch mir passieren können. Auf der Strecke gab es in den letzten Jahren ganz viele Oberbaumängel, also Schienenfehler, das heißt Gleise, die nicht mehr ganz gerade sind oder sich abgesenkt haben."

Prof. Markus Hecht ist Gutachter für Bahnunfälle. Auch er vermutet einen Schienendefekt als Unfallursache:

Prof. Markus Hecht

Prof. Markus Hecht

Prof. Markus Hecht, Bahnexperte, TU Berlin:
"Das ist ziemlich sicher, dass die Ursache am Gleis liegt, weil die vorlaufenden Fahrzeuge noch auf dem Gleis standen, und die nachlaufenden auch, und nur die Wagen dazwischen sind entgleist. Sowas kann eigentlich nur durch Gleis eine Ursache sein."

Sein Verdacht: Als die schweren Doppelstockwagen in der Mitte des Zuges über eine defekte Stelle fahren, kommt es zur Entgleisung. Sollten die Gleise beschädigt gewesen sein: Wer trägt dafür die Verantwortung? Das Gesetz legt fest: Der Vorstand der DB Netz AG muss für die Sicherheit der Bahn sorgen. Der Vorstand hat diese Verantwortung jedoch delegiert - und zwar an die sogenannten Anlagenverantwortlichen. Das sind Angestellte, die haften persönlich - zum Beispiel für die sichere Instandhaltung der Gleise. Deshalb ermittelt die Staatsanwaltschaft jetzt auch gegen den Anlagenverantwortlichen der Unfallstrecke bei Garmisch.
Nicht weit weg vom Unfallort treffen wir Anlagenverantwortliche der Deutschen Bahn. Einer von ihnen ist Horst Hauser. Er geht offen vor die Kamera, seine Kollegen möchten nicht erkannt werden. Dass jetzt gegen ihren Kollegen in Garmisch ermittelt wird, mache ihnen Angst. Denn die von ihnen verantworteten Streckenabschnitte seien veraltet, erzählen Sie uns:

Horst Hauser, ehem. Anlagenverantwortlicher Deutsche Bahn (zum Kollegen):
"Weißt du, wie alt die Stahlschwelle ist?" […] "1905."

Jeder Anlagenverantwortliche trage die alleinige Verantwortung für bis zu 400 Kilometer Gleis, doch es fehle an Geld und Personal, um die Instandsetzung gut durchführen zu können.

Anlagenverantwortlicher Deutsche Bahn (anonym, Stimme nachgesprochen):
"Der Knackpunkt ist der, dass wir mit unserer Mannschaft und mit unserem Budgetvolumen, was wir zur Verfügung haben nicht klarkommen, um Inspektion und Instandsetzungen zu betreiben."

Das habe auch Folgen für die Sicherheit:

Anlagenverantwortlicher Deutsche Bahn (anonym, Stimme nachgesprochen):
"Die Wahrscheinlichkeit, dass man halt mal einen wichtigen Punkt übersieht, die wird immer größer."

Deshalb stellen Sie das Prinzip der Anlagenverantwortung grundsätzlich in Frage:

Anlagenverantwortlicher Deutsche Bahn (anonym, Stimme nachgesprochen):
"Kann eine einzelne Person so viel Verantwortung tragen und ist das überhaupt rechtens? Ist es legitim, wenn ein Unfall passiert, einfach eine Person wie einen Sündenbock in die Wüste zu jagen, der ist dann schuld?"

Brandbrief der Anlagenverantwortlichen

Später im Arbeitszimmer von Horst Hauser. Hier erzählt er uns, dass er und seine Kollegen bereits 2019 in einem Brandbrief an den Vorstand vor möglichen Sicherheitsrisiken gewarnt hätten:

Horst Hauser

Horst Hauser

Horst Hauser, ehem. Anlagenverantwortlicher Deutsche Bahn:
"Wir Anlagenverantwortliche sind Bittsteller geworden. Ich sage es mit Absicht: Bittsteller. Wir mussten um jeden Pfennig Geld betteln. Das hat uns damals dann auch dazu bewogen, diesen Brief zu schreiben."

Dieser Brief liegt REPORT MAINZ exklusiv vor. Die Bahn-Mitarbeiter kommen darin zu dem Ergebnis, "dass unter den derzeitigen Voraussetzungen und Bedingungen die Anlagenverantwortung, nicht mehr zumutbar ist."

Deutsche Bahn verweist auf laufende Ermittlungen

Wir fragen bei der Deutschen Bahn nach. Schriftlich erklärt der Konzern: "Diese Behauptungen treffen nicht zu." In den vergangenen Jahren sei "die Anzahl der Mitarbeitenden" "gestiegen". "Auch die finanziellen Mittel" seien "in den letzten Jahren kontinuierlich angewachsen".

Anlageverantwortliche fühlen sich allein gelassen

Davon haben Horst Hauser und seine Kollegen nichts mitbekommen, erzählen Sie uns. Sie fühlen sich unter Druck gesetzt.

Horst Hauser, ehem. Anlagenverantwortlicher Deutsche Bahn:
"Mit meiner Kritik wurde mehr oder weniger dahin umgegangen, dass ich, mehr oder weniger, jetzt, ich formuliere es ganz einfach, seit eineinhalb Jahren in der Freistellung bin."

Der Brief habe seine Laufbahn bei der Bahn beendet. Die Bahn möchte sich dazu nicht äußern. Wir legen diese Recherche Markus Hecht vor. Er kann die Bedenken der Anlagenverantwortlichen nachvollziehen:

Prof. Markus Hecht, Bahnexperte, TU Berlin:
"Das bisherige Vorgehen, dass man Schuldige auf möglichst tiefer Ebene sehr hart bestraft und damit die Öffentlichkeit zu befriedigen sucht, ist nicht mehr zeitgemäß. Ich muss das System insgesamt hinterfragen, wie es zu diesen Fehlhaltungen kommen kann."

Und der Brandbrief der Anlagenverantwortlichen ist nicht der einzige Hilferuf von Bahn-Mitarbeitern. REPORT MAINZ hat bereits im Herbst 2020 über Probleme in der Instandhaltung berichtet:

Ausschnitt aus REPORT MAINZ-Beitrag vom 6.10.2020:
"An der Basis brodelt es. Das geht aus dem internen Papier eines Qualitäts- und Sicherheitsprüfers hervor, das REPORT MAINZ vorliegt. Im Bericht heißt es: Anlageninspektion und -pflege sind "nicht einmal mehr im absolut notwendigen Minimalumfang" erfüllbar. Zitat eines Mitarbeiters: Als Anlagenverantwortlicher steht man hier nicht mit einem, sondern schon "mit eineinhalb Beinen im Gefängnis!""

In München treffen wir den Mann, der diesen Bericht damals geschrieben hat. Erstmals äußert sich Anatol Jung öffentlich dazu. Viele Jahre hat er als Qualitäts- und Sicherheitsprüfer für die Bahn gearbeitet. Wie hat der Konzern auf den Bericht reagiert?

Anatol Jung

Anatol Jung

Anatol Jung, ehem. Qualitäts- und Sicherheitsprüfer Deutsche Bahn:
"Die Reaktionen waren: teils totschweigen, teils entsetzen und - für mich persönlich am schlimmsten - massive Repression. Also dieser Bericht war ganz klar nicht erwünscht."

Sein Eindruck war: Statt konstruktiv mit den Hinweisen der Mitarbeiter umzugehen, habe man ihn als Person schlecht gemacht und ihm dann schließlich gekündigt.

Anatol Jung, ehem. Qualitäts- und Sicherheitsprüfer Deutsche Bahn:
"Was das Unternehmen dringend braucht, ist eine echte Fehlerkultur."

Auf unsere Nachfrage erklärt die Bahn, man äußere sich nicht zu internen Schreiben von Mitarbeitern. Horst Hauser und Anatol Jung, zwei kritische Mitarbeiter der Bahn, die bessere Arbeitsbedingungen für Anlagenverantwortliche fordern. Beide kaltgestellt? Damit die Infrastruktur der Bahn eine Chance hat, braucht es nicht nur Geld, sondern auch eine offene Fehlerkultur und einen besseren Umgang mit Mitarbeitern.