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Text des Beitrags Verkaufte Patienten

Der skandalöse Handel mit schwer kranken Pflegepatienten

Guten Abend zu REPORT MAINZ. Sie gehören zu den Patienten, die es besonders schlimm getroffen hat – sogenannte Beatmungspatienten. Manchmal liegen sie nach einer Schädelhirnverletzung im Wachkoma. Manchmal leiden sie an einer schweren Lungenkrankheit. In jedem Fall müssen sie – Tag aus, Tag ein – künstlich beatmet werden. Diese Aufgabe übernehmen immer öfter Pflegedienste, viele von ihnen haben sich auf die Betreuung von Beatmungspatienten spezialisiert.

Vielleicht auch deshalb, weil das besonders lukrativ ist? Für die Versorgung eines Patienten zahlen die Kassen mindestens 7.000, oft sogar mehr als 20.000 Euro. Im Monat. Da bleibt beim Pflegedienst ganz schön was hängen. Gottlob Schober hat sich in der Welt der Beatmungspatienten umgesehen und ist dabei auf Strukturen gestoßen, die sich die Mafia nicht besser hätte ausdenken können.

21. Juni 2008. Dieser Horrorcrash macht den kleinen Leo zum Pflegefall. Der Vater:

O-Ton, Heiko Strittmatter, Vater von Leo:

»Ich bin dann wach geworden im Grünstreifen neben dem Auto. Das erste Bild, das ich hatte, war mein Sohn Leo, damals acht Monate alt, wie er von einer Ersthelferin reanimiert wurde.«

Seither ist Leo vom ersten Halswirbel an gelähmt, muss rund um die Uhr dauerbeatmet werden. Die  Eltern kümmern sich liebevoll um den heute fast fünfjährigen Jungen.
 
O-Ton, Heiko Strittmatter, Vater von Leo:

 »Der Leo hat jetzt Sekret auf den Bronchien. Und die Mama saugt das dann mit dem Absauggerät ab, mit dem Katheter.«

 Patienten wie Leo können nicht mehr alleine Atmen. Sie sind rund um die Uhr auf Maschinen angewiesen und auf geschultes Personal, das die Geräte bedient. Das machen oft spezialisierte Pflegedienste. Dafür zahlen die Krankenkassen viel Geld. Doch wie kommen die Pflegedienste an die Patienten?

Wir fahren zur Charité nach Berlin. Auf der Intensivstation treffen wir Oberärztin Simone Rosseau. Sie erzählt uns, dass sich immer öfter private Pflegedienste auf Intensivstationen tummeln.

O-Ton, Dr. Simone Rosseau, Oberärztin Charité Berlin:

»Es gibt durchaus Pflegedienste, die sich auf den Intensivstationen anbieten, dass sie Beatmungspatienten übernehmen können und so versuchen natürlich auf Intensivstationen Patienten zu akquirieren.«

Warum ist das so? Meiko Spitzenberger war bis vor kurzem selbst Geschäftsführer eines privaten Pflegedienstes. Heute will er Fehlentwicklungen in der Pflege aufdecken. Die Profitgier in der Branche hat ihn umdenken lassen. Seine Einschätzung: Mit Beatmungspatienten wie Leo werden geradezu zynische Geschäfte gemacht.

O-Ton, Meiko Spitzenberger, Unternehmensberater:

»Dieser Patient wird von dem Pflegedienst als Premium Patient, als Renditeobjekt bewertet. Das ist ein sehr junger Patient, und die Pflege geht hier in eine echte Langzeitpflege, also eine volle Ausschöpfung der Rendite.«

Patienten wie der kleine Leo. Sind sie Renditeobjekte? Bei unserer weiteren Recherche zu Beatmungspatienten im häuslichen Bereich hören wir von einem Szenario, das wir nicht für möglich gehalten hätten.

Krankenhäuser geben Beatmungspatienten, die in Vollzeit gepflegt werden, an kleine Pflegedienste ab. Die aber haben oftmals kein Interesse an einer langfristigen Pflege. Sie verkaufen ihre lukrativen Patienten an größere Unternehmen weiter.

Dafür kassieren sie hohe fünfstellige Summen pro Patient. Weil die Beatmungspatienten viel Geld abwerfen, holen die großen Pflegedienste den Kaufpreis schnell wieder rein. Der kleine Pflegedienst findet wieder Patientennachschub im Krankenhaus.

Patienten kaufen wie eine Ware. Ist das tatsächlich möglich? Mit versteckter Kamera wollen wir von einem ambulanten Pflegedienst Patienten kaufen. Unternehmensberater Spitzenberger unterstützt uns dabei.

Wir treffen uns mit einem Pflegedienstchef. Er prahlt: Allein im vergangenen Jahr habe er fast eine viertel Million Euro Gewinn gemacht.

O-Ton, Gedächtnisprotokoll:

»Das ist ja besser wie in der organisierten Kriminalität. Das ist ja richtig klasse!«

O-Ton, Gedächtnisprotokoll:

»Ja, in den letzten zwei Jahren habe ich drei Häuser gekauft. Ein Doppelhaus, dann habe ich noch zwei Wohnungen und noch ein Büro. Alles von dem Geld. Ich habe null Schulden.«

Nach 90 Minuten Verhandlung sind wir uns einig. Wir könnten sofort fünf Patienten für 250.000 Euro kaufen und das Pflegeteam gleich mit übernehmen.

O-Ton, Gedächtnisprotokoll:

»Fünf Patienten à 30 Euro pro Stunde. Insgesamt: 250.000?«

O-Ton, Gedächtnisprotokoll:

»Genau, ja! Keiner liegt jetzt im Sterben oder so. Eine Frau ist 1962 geboren, und wenn sie gut betreut wird, kann sie zehn, 20 Jahre leben.«

Was uns der Pflegedienstchef damit sagen will: Allein mit dieser einen Patientin könnten wir viele Jahre lang über 4.000 Euro pro Monat verdienen.

Verträge, in denen Patienten wie Waren gehandelt werden, gibt es tatsächlich. Zwei liegen REPORT MAINZ vor. Demnach hat ein kleiner Pflegedienst, laut Klientenliste, faktisch über 30 Patienten an ein großes Unternehmen verkauft. Kalkulierter Preis: 40.000 Euro pro Mensch, inklusive der Übernahme des Pflegeteams.

Weitere 20.000 Euro kann der Verkäufer laut Vertrag verdienen, wenn der Patient mindestens zwei Monate beim neuen Pflegedienst bleibt.

Wir wundern uns. Obwohl Preise pro Patient im Vertrag festgelegt wurden, handelt es sich formal um einen "Unternehmenskaufvertag über einen Teilbetrieb".

Im Wesentlichen aber gehe es gehe nicht darum einen Pflegebetrieb zu verkaufen, sagt Meiko Spitzenberger. Er muss es wissen, denn er hat die Verträge selbst mit unterschrieben.

O-Ton, Meiko Spitzenberger, Unternehmensberater:

»Wenn ich eine Firma veräußere, veräußere ich die komplette Firma. Mit all ihren Risiken, mit all ihren Gefahren, was sich hinter so einem Verkauf verbirgt. Hier wird nur der Geschäftsinhalt verkauft, der Patient als Renditeobjekt.«

An einem Firmenverkauf ist prinzipiell nichts auszusetzen. Problematisch ist es aber, wenn nur die renditeträchtigen Patienten einbezogen werden. Wir fragen nach: Geht es um einen Unternehmensverkauf oder werden Patienten verschachert?

Den Vertrag für den Käufer hat der Geschäftsführer von Bonitas, Lars Uhlen, unterschrieben. Bonitas ist ein großes Pflege-Unternehmen mit über 2500 Mitarbeitern. Uhlen erklärt: Man habe sich bereit gezeigt, jeden Patienten zu übernehmen, auch diejenigen, die nicht kostendeckend versorgt werden können. 

Genau so sieht es auch der Verkäufer, Ralf Bettler, der gemeinsam mit Meiko Spitzenberger Geschäftsführer des verkaufenden Pflegedienstes war. Von ihm wollen wir wissen, ob Bonitas-Chef Uhlen tatsächlich alle Patienten übernommen hat.

O-Ton, Ralf Bettler, ehem. Geschäftsführer verkaufender Pflegedienst:

»Ja, er hat alle Patienten übernommen.«

Frage: Bonitas hat alle Patienten übernommen?

O-Ton, Ralf Bettler, ehem. Geschäftsführer verkaufender Pflegedienst:

»Genau. Aber der Herr Uhlen hat nie auf eine Liste geschaut und gesagt, er möchte diesen oder jenen Patienten nicht haben. Der Kaufpreis, der gezahlt worden ist, ist auch nicht an Umsatz oder Rendite, was die einzelnen Patienten, was sozusagen daran im Monat übrig bleibt, berechnet worden, sondern er hat jeden Patienten gleich behandelt.«

Wirklich kein Patientenverkauf? Wir zeigen Ralf Bettler diese Email von Bonitas. Die spricht eine andere Sprache. Darin heißt es:

Zitat:

»Wir würden von Ihrer Patientenliste Herrn B. streichen und Herrn E.. Bei dem Umsatz der beiden Patienten können wir einen derartigen Kaufpreis natürlich nicht darstellen.«

Frage: Wie beurteilen Sie das? Finden Sie das ethisch in Ordnung. Sie haben mir gerade gesagt, es sei keiner rausgenommen worden.

O-Ton, Ralf Bettler, ehem. Geschäftsführer verkaufender Pflegedienst:

»Da Bonitas nicht alle Patienten übernehmen wollte, haben wir sie selbst weiterversorgt.«

Frage: Ist das dann aber noch ein Unternehmensverkauf oder dann nicht tatsächlich ein Handel mit Patienten? Wenn Sie ehrlich sind?

O-Ton, Ralf Bettler, ehem. Geschäftsführer verkaufender Pflegedienst:

»Wir standen damals vor einer wirklichen Notlage, sodass ich froh war, dass das Geschäft eventuell bis auf die zwei, an einen kann ich mich erinnern, übergeben werden konnte.«

Kurz vor der Sendung räumt Bonitas die zwei Fälle ein, die Email sei aber aus dem Zusammenhang gerissen. Bei einem der abgelehnten Patienten sei die Versorgung vor dem Tag der Übergabe ausgelaufen.

Der zweite Fall sei durch einen Subunternehmer des Verkäufers versorgt worden. Für solche Modelle stünde das Unternehmen auf gar keinen Fall zur Verfügung.

Fakt ist: Bonitas hat nicht alle Patienten übernommen.

Frage: Warum haben Sie es dann als einen Unternehmenskaufvertrag getarnt?

O-Ton, Ralf Bettler, ehem. Geschäftsführer verkaufender Pflegedienst:

»Kann ich ihnen jetzt nichts zu sagen. Ich kann ihnen nur sagen, dass ich die Inhalte dieses Kaufvertrages bis heute nicht kenne.«

Frage: Als Geschäftsführer?

O-Ton, Ralf Bettler, ehem. Geschäftsführer verkaufender Pflegedienst:

»Mir war es nur wichtig, ich habe diesen Kaufvertrag unterschrieben, damals im letzten Termin ausgehandelt.«

Frage: Und sie haben ihn nicht gelesen?

O-Ton, Ralf Bettler, ehem. Geschäftsführer verkaufender Pflegedienst:

»Ich habe ihn bestimmt gelesen beim Tag der Unterzeichnung. Richtig.«

Frage: Aber dann wissen Sie nicht, was drin steht?

O-Ton, Ralf Bettler, ehem. Geschäftsführer verkaufender Pflegedienst:

»So im Speziellen nicht. Nein.«

Was sagen Gesundheitspolitiker zu solchen Geschäften? Wir zeigen unsere Rechercheunterlagen Karl Lauterbach von der SPD und dem Patientenbeauftragten der Bundesregierung, Wolfgang Zöller.

O-Ton, Wolfgang Zöller, CSU, Patientenbeauftragter Bundesregierung:

»Da wird Ethik und Monetik wohl verwechselt. Es ist ganz schlimm, wenn gerade mit Patienten, einem sehr sensiblen Bereich von Patienten, die ja rund um die Uhr betreut werden müssen, wenn mit denen so Geschäfte gemacht werden, ist es für mich nicht nachvollziehbar. Unethisch, unmoralisch.«



O-Ton, Prof. Karl Lauterbach, SPD, Gesundheitspolitiker:

»Auf mich macht das Gesamte den Eindruck eines verdeckten Menschenhandels. Ich bin überrascht und auch schockiert. Solche Vorgänge waren mir bisher nicht bekannt.«






O-Ton, Wolfgang Zöller, CSU, Patientenbeauftragter Bundesregierung:

»So wie mir die Information jetzt gezeigt wird: Das ist wirklich Menschenhandel mit besonders sensiblen Patienten.«

Hinzu kommt: Simone Rosseau von der Berliner Charité befürchtet schlimme Konsequenzen für Patienten.

O-Ton, Dr. Simone Rosseau, Oberärztin Charité Berlin:

»In letzter Konsequenz bedeutet das, dass die Patienten nicht die Behandlung bekommen, die sie eigentlich bedürfen, weil sie dann vielleicht nicht mehr so viel Geld einbringen. Das wäre der Fall, wenn eben ein Patient von der Beatmung entwöhnt wird.«

Frage: Das heißt also im Klartext: Patienten bleiben wahrscheinlich teilweise länger krank, als sie müssten?

O-Ton, Dr. Simone Rosseau, Oberärztin Charité Berlin:

»Sie werden länger beatmet als sie müssten, oder wenn sie an Patienten denken, bei denen vielleicht auch ein Sterbeprozess begonnen hat, die in ihrer letzten Lebensphase sind, kann auch heißen, am Leben halten um jeden Preis, weil ein Beatmungspatient Geld bringen muss.«

Zurück zum kleinen Leo. Patienten, wie er haben es verdient als Mensch gesehen zu werden und nicht als Renditeobjekt.

O-Ton, Heiko Strittmatter, Vater von Leo:

»Meine Überzeugung ist, dass die Schwächsten, also die Kranken und Alten, in dieser Gesellschaft unterstützt werden sollten und nicht ausgenutzt. Von irgendwelchen gewinnsüchtigen Menschen.«

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