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SENDETERMIN Di, 15.11.2022 | 21:53 Uhr | Das Erste

Degrowth Klima retten durch Konsumverzicht?

Immer mehr Menschen wollen nicht warten und ihren eigenen Beitrag zum Schutz des Klimas leisten. Nach einer repräsentativen Umfrage von REPORT MAINZ und infratest dimap sind viele Deutsche bereit, ihr Leben für mehr Klimaschutz umzustellen. Demnach können sich 54 Prozent, und damit die Mehrheit der Deutschen, vorstellen, auf das eigene Auto weitgehend oder ganz zu verzichten. 49 Prozent der Befragten erklärten eine Bereitschaft, für den Klimaschutz seltener oder gar kein Fleisch zu essen.  


Im Inneren ihres Kühlschrankes soll die Lebensveränderung beginnen. Ingrid Klöckers bisheriger Vorrat: Joghurt, Käse, Eier, Schinken - das soll jetzt alles weichen. Ein bisschen Bedenken hat die 62jährige da schon…

Ingrid Klöcker: "Na ja, Verzicht - wer verzichtet schon gerne?"

Aber Ingrid Klöcker ist bereit, sich auf diesen Selbstversuch einzulassen. In der heimischen Küche in Altenkirchen wird aus ihrem ganz normalen Kühlschrankinhalt ein rein pflanzlicher. Die pensionierte Grundschullehrerin stellt um auf vegan - fürs Klima.

Ingrid Klöcker

Ingrid Klöcker

Ingrid Klöcker: "Ich habe für mich gedacht: Womit kann ich gut leben, ohne das Gefühl zu haben, ich lebe jetzt auf Kosten meiner Enkel?"

Fritz Frey: Ja, ein sympathischer Ansatz, nicht nur darauf zu warten, was die hohe Politik auf dem gerade laufenden Klimagipfel in Ägypten für das Klima entscheidet, sondern sich fragen: Was kann ich selbst tun? Bringt es zum Beispiel etwas, die Ernährung umzustellen?

Mona Bottros, Monika Anthes und Claudia Kaffanke haben die Dame nicht nur bei ihrem Selbstversuch begleitet, sie haben auch einen Forscher getroffen, der sich streng wissenschaftlich mit der selben Frage beschäftigt, wie Frau Klöcker.


Eine klimafreundliche Ernährung - geht das?  


Ingrid Klöcker: "Räucherlachs auf Basis von modifizierter Stärke, Rapsöl und Reis. Wow, das hab ich noch nie gesehen. Was ist das? Oh, veganes Rührei und Omelett. Interessant!“

All das will Ingrid Klöcker in den nächsten Tagen ausprobieren und wird dabei auf alle tierischen Lebensmittel verzichten.

Claudia Kaffanke, Autorin: "Was wird das das Schwierigste werden?

In dem Regal eines Supermarktes liegen verschiedene Gemüsesorten.

49 Prozent der Befragten erklären, sie seien bereit, für den Klimaschutz seltener oder gar kein Fleisch mehr zu essen.


Ingrid Klöcker: "Also, ich liebe rohen Schinken. Ich esse ihn nicht jeden Tag, aber ich liebe ihn einfach."

Ihre Motivation: eine Ernährung, die weitgehend CO2-neutral ist. Ein Versuch im Kleinen, dem Klimawandel zu bekämpfen.

Im Großen sollen hier auf der Klimakonferenz im ägyptischen Sharm el-Sheikh Maßnahmen dagegen beschlossen werden. Seit zehn Tagen ringt man hier um Lösungen - bisher ohne großen Durchbruch.

Am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung sucht auch er nach Lösungen: Wirtschaftswissenschaftler Hermann Lotze-Campen. In einer aktuellen Studie hat er untersucht, wie unser Ernährungssystem wirklich nachhaltig und damit klimaneutral werden könnte. Wir wollen wissen: Bringt es etwas für den Klimaschutz, seine Ernährung umzustellen?

Prof. Hermann Lotze-Campen, Wirtschaftswissenschaftler: "Das kann auf jeden Fall was bringen. Jede Aktivität, die Emissionen reduziert, trägt natürlich zur Lösung des Problems bei. Und da kann jede Person bei der Ernährung was machen. Also weniger Fleisch, mehr pflanzliche Produkte essen."


Nachhaltig leben im Ökodorf


Das “Ökodorf Sieben Linden” in Sachsen-Anhalt. Hier setzt man auf eine überwiegend pflanzliche Ernährung - schon seit 25 Jahren. Mit dem Eigenanbau von Obst und Gemüse kann sich das Dorf durchschnittlich zu 80 Prozent selbst versorgen, erzählt uns Gärtnerin Nadine Fischer. Heute erntet sie Grünkohl.

Nadine Fischer, Gärtnerin: "Selbstverständlich, besser geht es eigentlich nicht, oder? Ich hole es hier vom Feld und nachher ist es bei euch auf dem Mittagstisch. Näher dran geht es nicht."

In der Großküche von Sieben Linden. Koch Stefan bereitet heute für 75 Menschen das Mittagessen vor.

Koch Stefan

Koch Stefan

Koch Stefan, Sieben Linden: "Herzlich Willkommen zum heutigen Mittagessen. Heute gibt es Naturreis, Saitanbraten in Soße..."

Hier verzichten sie fürs Klima ganz bewusst auf Fleisch.

Koch Stefan, Sieben Linden: "Natürlich der CO2-Ausstoß, klar. Und dann natürlich auch das Tierleid in der Massentierhaltung."

Ihnen ist wichtig, Ressourcen zu schonen. Ganz im Sinne von “Degrowth” - das englische Wort bezeichnet die Einschränkung von Konsum zum Wohle von Natur- und Klimaschutz.


Deutsche sind bereit ihr Leben fürs Klima zu ändern


Doch wie viele Menschen in Deutschland wären bereit, fürs Klima ihr Leben zu ändern? Wir machen zusammen mit Infratest Dimap eine repräsentative Umfrage.

Auf die Frage "Sind Sie angesichts des Klimawandels bereit, seltener oder gar kein Fleisch mehr zu essen?" antworten 41 Prozent "eher nein" oder "auf gar keinen Fall". 49 Prozent der Deutschen wären jedoch bereit für den Klimaschutz seltener oder gar kein Fleisch mehr zu essen. Acht Prozent verzichten schon heute ganz darauf.

In Sieben Linden setzt die Gemeinschaft außerdem auf nachhaltige Mobilität. Deshalb haben sie sich für eine eigene Bushaltestelle eingesetzt. Im Dorf gibt es keinen Autoverkehr. Wie stehen die Deutschen dazu? Wir fragen: Sind sie angesichts des Klimawandels bereit, seltener oder gar nicht mehr mit dem eigenen Auto zu fahren? 19 Prozent geben an, bereits jetzt kaum Auto zu fahren. Weitere 35 Prozent wären bereit, darauf zu verzichten. Damit könnten sich mehr als die Hälfte der Deutschen vorstellen, ihre Mobilität umzustellen.


Verzicht auf Wirtschaftswachstum


In der politischen Denkfabrik “Konzeptwerk neue Ökonomie” in Leipzig ist man davon überzeugt, dass das Streben nach immer mehr Wirtschaftswachstum ein Hauptgrund für die Klimakrise ist. Deshalb fordert der Verein eine Abkehr vom Wachstumszwang.

Ruth Krohn

Ruth Krohn

Ruth Krohn, Sprecherin Konzeptwerk neue Ökonomie e.V.: "Wenn wir davon ausgehen, dass auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen kein unendliches Wachstum möglich ist und wenn wir es doch versuchen, so wie es aktuell passiert, sehen wir halt Krisen wie zum Beispiel die Klimakrise."

Müssen wir auf Wirtschaftswachstum verzichten, um den Klimawandel zu stoppen? Immerhin 46 Prozent der Deutschen finden das eine gute Idee. Die gleiche Anzahl ist dagegen.

Was sagt die Politik dazu? Auf unsere Nachfrage lehnt ein breites Spektrum von AfD über CDU/CSU und FDP bis hin zu den Grünen einen Verzicht auf Wachstum für das Klima ab. Einzig die SPD antwortet uns nicht.


Erzeugung und Konsum von Lebensmitteln kann bis 2100 klimaneutral werden


Zurück am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Verzicht auf Wachstum allein reiche nicht aus - davon ist Hermann Lotze-Campen überzeugt. Seine Studie zeigt: Nur durch eine Kombination von Maßnahmen wird es möglich sein, die Lebensmittelerzeugung bis 2100 emissionsneutral zu gestalten.

Prof. Hermann Lotze-Campen, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung: "Umstellung auf eine sehr stark pflanzliche Ernährung, Reduktion der Abfälle, also so wenig wie möglich Nahrungsmittel wegwerfen, und dann muss noch die Produktion so emissionsarm wie möglich gestaltet werden."

Aber dafür müsse die Politik eine CO2-Steuer auf Nahrungsmittel erheben.

Prof. Hermann Lotze-Campen, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung: "Im Grunde müssen tierische Produkte verteuert werden und pflanzliche Produkte günstiger gemacht werden."

Prof. Hermann Lotze-Kampen

Prof. Hermann Lotze-Kampen

Was hält das Bundeswirtschaftsministerium von einem CO2-Preis auf Lebensmittel? Wir fragen nach, bekommen jedoch keine Antwort.

Fest steht: Die Politik wird regulierend eingreifen müssen. Doch auch jeder Einzelne kann etwas tun, um dem Klimawandel entgegenzuwirken - so, wie Ingrid Klöcker. Sie ist versuchsweise auf vegane Ernährung umgestiegen, mit 62 Jahren. Ihr Fazit:

Ingrid Klöcker: "Das habe ich bei vielen Produkten festgestellt, dass ich am Anfang dachte: Oh Gott, nee. Geht gar nicht. Und dann aber festgestellt habe, dass es doch gar nicht so schlecht war. Das war eine ganz interessante Erfahrung. Und ich muss sagen, ich werde bei einigen Produkten sicher bleiben, bei anderen sicher nicht."