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Text des Beitrags Das erwartbare Griechen-Debakel

Die ungehörten Warnungen aus dem IWF

Kann Griechenland jetzt gerettet werden? Wirklich wissen kann das am ersten Tag nach der Einigung von Brüssel wohl niemand. Was wir jetzt kennen, ist der Katalog der Maßnahmen, die Griechenland auferlegt wurden.

Ob die der Misere jetzt ein Ende machen können? Oliver Heinsch und Ulrich Neumann haben Experten getroffen, die vor fünf Jahren richtig vorhergesagt haben, dass das erste Rettungspaket scheitern wird. Was die jetzt vom dritten Anlauf halten, das schauen wir uns jetzt an.

Bericht:

Griechenland und die EU 2015 – eine Partnerschaft, die immer stärker ins Trudeln gerät, die am Abgrund steht. Denn Griechenland kann seine Schulden nicht zurückzahlen. Oder: Ist der Absturz mit dem neuen Hilfsprogramm doch noch abgewendet?


Angela Merkel

Angela Merkel

O-Ton, Angela Merkel, CDU, Bundeskanzlerin:

"Alles in allem - die Vorteile überwiegen die Nachteile! Ich glaube, dass Griechenland Chancen hat, auf den Wachstumspfad zurückzukommen."



Und dann kann Griechenland seine Schulden zurückzahlen. Stimmt das?


Wir fahren nach Brüssel und treffen einen, der das wissen muss – Professor Ashoka Mody. Er war 2010 stellvertretener Leiter der Europa-Abteilung des Internationalen Währungsfonds, kurz IWF. Der Institution, die damals maßgeblich mit der EU das erste griechische Hilfsprogramm gestaltet hat.


Ashoka Mody

Ashoka Mody

O-Ton, Prof. Ashoka Mody, ehem. stellv. Direktor IWF:

"Wir machen die gleichen Fehler, die wir die letzten 5 Jahre gemacht haben. Griechenland hat wieder einen neuen Kredit bekommen, um seinen alten Kredite zurückzuzahlen. Das wird die Krise nicht verkleinern. Griechenland wird jetzt zu noch mehr Sparen gezwungen. Das klingt gut, wird aber die Wirtschaft zum Zusammenbruch bringen. Und in einigen Jahren kann Griechenland seine Schulden noch viel weniger zurückzahlen."


Wie kommt Ashoka Mody darauf?


Rückblick: Sommer 2010: Angela Merkel preist wiederholt das erste Hilfsprogramm an. Das werde die Pleite Griechenlands verhindern.


O-Ton, Angela Merkel, CDU, Bundeskanzlerin:

"Die zu beschließenden Hilfen für Griechenland sind alternativlos."


Und die Kanzlerin betont in einem Zeitungsinterview 2010 sogar:


Zitat:

"Alle Experten bestätigen, dass Griechenland und auch Irland die Schuldenlasten, also Zins und Tilgung, auf Dauer schultern können."


Alle Experten? Alternativlose Sparpolitik? Stimmt das?


O-Ton, Prof. Ashoka Mody, ehem. stellv. Direktor IWF:

"Wenn Politiker miteinander reden, dann fangen sie irgendwann an zu glauben, was sie sagen. Es war wirklich immer klar, dass dieses Programm von 2010 extrem schwach ist. Es war damals schon klar, dass Vorstände des Internationalen Währungsfonds gewarnt haben, dass dieses Programm nicht funktionieren wird."


Washington, Sonntag, 09. Mai 2010. Der Vorstand des IWF tagt – mehrere Stunden. Es geht um das erste Hilfsprogramm für Griechenland. Der IWF mit fast 200 Mitgliedsstaaten ist eine Art Finanzfeuerwehr der Vereinten Nationen für Länder, die von der Pleite bedroht sind.


REPORT MAINZ liegt das 107-seitige Protokoll dieser Sitzung vor. Auch daraus geht hervor: Viele IWF-Vorstände waren gegen dieses Hilfsprogramm ohne Schuldenschnitt. Beispiele:


Der Schweizer Vorstand Rene Weber:


René Weber

René Weber

Zitat:

"Wir haben schwerwiegende Bedenken über die Durchführbarkeit des Programms."





Der indische Vorstand Arvind Virmani:


Arvind Virmani

Arvind Virmani

Zitat:

"Es ist eine Mammutbelastung, die die Wirtschaft kaum aushalten wird."






Und der argentinische Vorstand Pablo Pereira:


Pablo Perere

Pablo Perere

Zitat:

"Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass es mit Griechenland böse enden wird."






O-Ton, Prof. Ashoka Mody, US-University Princeton:

"Die Ökonomen haben damals gesagt, wenn die Schulden nicht reduziert werden, dann ist eine strenge Sparpolitik keine Lösung. Wenn du eine schwere Schuldenlast abtragen musst, würgt eine strenge Sparpolitik nur die Wirtschaft ab. Und das ist dann eine Abwärtsspirale, die Wirtschaft geht in einer Spirale nach unten, die Schulden aber bleiben, und die Schuldenlast wird so immer größer."


Wie hatte doch die Kanzlerin 2010 mehrfach gesagt? Alle Experten seien sich einig: Dank Sparpolitik könne Griechenland seine Schulden zurückzahlen.


Tatsächlich berichtete aber REPORT MAINZ bereits 2010, dass auch deutsche Experten extreme Zweifel am damaligen Hilfsprogramm hatten. Sparen und dazu noch massiv Steuern erhöhen, das würde nur die griechische Wirtschaft ruinieren.


Heute, fünf Jahre später, treffen wir beide Professoren erneut. Auch ihre Prognosen für das neue Programm sind düster.


Jürgen von Hagen

Jürgen von Hagen

O-Ton, Prof. Jürgen von Hagen, Volkswirtschaftler, Uni Bonn:

"Im Grunde genommen, ist das, was da jetzt vorgeschlagen wird, die Fortsetzung dessen, was wir in den letzten fünf Jahren gesehen haben, und ich sehe nicht, warum das jetzt plötzlich erfolgreich sein sollte, wenn das alte schon immer gescheitert ist."


Dirk Meyer

Dirk Meyer

O-Ton, Prof. Dirk Meyer, Volkswirtschaftler, Helmut-Schmidt-Uni Hamburg:

"Für die Europäer bedeutet das, dass wir spätestens in drei Jahren vor einem größeren Scherbenhaufen stehen und die Kosten uns in noch größerer Ordnung vor die Füße fallen werden."


Seit heute kritisiert auch der IWF die Euroretter offen: Griechenland stünde trotz des neuen Programms vor einem unüberwindbaren Schuldenberg. Was aber passiert, wenn die Griechen ihre Schulden dann wieder nicht zurückzahlen?


O-Ton, Prof. Ashoka Mody, ehem. stellv. Direktor IWF:

"Die Sichtweise wird dann wieder sein, dass sich die Griechen eben nicht an Vereinbarungen halten. Das sie einfach unfähig sind. Die Wahrheit ist aber, dass auch das neue Programm so gestrickt wurde, dass sie es gar nicht einhalten können, auch wenn sie sich noch so sehr anstrengen."