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Text des Beitrags Zweifelhafter Nutzen

Das dubiose Geschäft mit Nahrungsergänzungsmitteln

Pre-Title:

Ein Tropfen Hoffnung. Monika Nwokey hat Arthrose in Hüfte und Knien. Jeder Schritt bereitet ihr Schmerzen. Im Internet entdeckt sie Öle aus der Hanfpflanze, sogenannte CBD-Produkte. Von diesen Nahrungsergänzungsmitteln verspricht sie sich Linderung ihrer Leiden.

Monika Nwokey

Monika Nwokey

O-Ton, Monika Nwokey:

"Bei den CBD-Produkten wird tatsächlich von einem heilenden Aspekt gesprochen und das hat mich einfach sehr gelockt."

75 Euro bezahlt sie. Für sie viel Geld, denn durch ihre Krankheit kann Monika Nwokey nicht mehr arbeiten, lebt von Hartz IV.

Sie nimmt mehrere Flaschen dieses Nahrungsergänzungsmittels ein, doch die Schmerzen bleiben.

O-Ton, Monika Nwokey:

"Es hat bei mir keinerlei Wirkung gehabt. Ich habe das Gefühl, dass hier geworben wird mit etwas, was nicht der Wahrheit entspricht und ich fühle mich da ziemlich über den Tisch gezogen."

Moderation Fritz Frey:

Ja, fühlt sich die Dame zu Recht über den Tisch gezogen? Guten Abend zu REPORT, live aus Mainz.

Seitdem die Hanfpflanze ihr dunkles Image als Kifferdroge verloren hat, boomt das Geschäft.

Etliche Arzneimittel basieren auf Cannabis und die Zahl der Zulassungsanträge steigt und steigt. Kein Wunder, dass jetzt auch die Wellness-Industrie mit Nahrungsergänzungsmitteln einsteigt, mit - sagen wir - abenteuerlichen Methoden.

Monika Anthes, Claudia Butter und Philipp Reichert berichten.

Bericht:

Eine Gesundheits-Messe in Wiesbaden. Hier boomt der Markt mit CBD. Die Verkäufer preisen die Produkte als wahre Wundermittel an.

O-Ton:

"Es hilft tatsächlich bei Krankheiten."

O-Ton:

"Manche nehmen das, weil sie Schmerzen haben, Entzündungen."

O-Ton:

"Das ganze Immunsystem wird gefordert."

Wenige Wochen später: Eine Verkaufsveranstaltung der Firma CBD-Zone. Die beiden Chefs haben uns eingeladen, mit der Kamera dabei zu sein: Ridvan Kaya und Paul Krämer.

O-Ton:

"Das ist sehr schön, dass so viele Leute jetzt doch gekommen sind."

Was sein CBD-Öl heilen kann, sagt der Geschäftsführer nicht. Stattdessen sollen die Gäste berichten.

O-Ton:

"Hat schon jemand damit Erfahrung?"

Es habe gegen ihre Schuppenflechte geholfen, erzählt eine Besucherin:

O-Ton:

"Nachdem ich das CBD Zone, also diesen Balsam, benutzt habe, ist es so, dass ich tatsächlich nach zwei Tagen eine ganz glatte Haut bekommen habe."

O-Ton:

"Es war ungelogen drei Minuten später, also so, ja, war die Migräne weg."
Frage: Wie haben Sie denn von der Veranstaltung hier erfahren?

O-Ton:

"Über einen Instagram-Account."

Instagram-Account? Durch Zufall finden wir heraus, wer die beiden Frauen sind, die so euphorisch von CBD berichten.

Frage: Darf ich gerade noch nach Ihrem Namen fragen?

O-Ton:

"Meriam ist mein Name."

Frage: Und mit Nachnamen?

O-Ton:

"Kaya."

Frage: Ach ja, Sie sind mit dem Geschäftsführer verwandt, oder?

O-Ton:

"Ja, verheiratet."

Frage: Sie sind die Ehefrau von Herrn Krämer?

O-Ton:

"Ja."

Irgendwie merkwürdig. Ihre Ehemänner verkaufen an diesem Abend viel. Dabei kosten die Öle bis zu 130 Euro.

Doch was ist tatsächlich von diesen CBD-Produkten zu halten?

Im Internet heißt es sogar: Nahrungsergänzungsmittel mit CBD helfen gegen Diabetes, Multiple Sklerose und Krebs.

Als Medizinerin beschäftigt sich Professorin Kirsten Müller-Vahl seit Jahren mit Cannabidiol. Ihre Einschätzung:

Prof. Kirsten Müller-Vahl

Prof. Kirsten Müller-Vahl, Medizinische Hochschule Hannover

O-Ton, Prof. Kirsten Müller-Vahl, Medizinische Hochschule Hannover:

"Es wird im Moment viel versprochen, was wissenschaftlich einfach nicht belegt ist und das ist unseriös. So darf man Nahrungsergänzungsmittel nicht bewerben. Es sind Medikamente und Arzneimittel, die zu einer Krankheitsverbesserung führen, nicht Nahrungsergänzungsmittel."

Immer wieder stoßen wir in Internetforen sogar auf Berichte von Nebenwirkungen wie starken Kopfschmerzen.

Wir fragen das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, BVL, was es von Cannabidiol hält.

Die Antwort überrascht uns. CBD stehe im sogenannten Novel Food Katalog der EU, das heißt, es gelte als neuartiges Lebensmittel und brauche deshalb eine spezielle Zulassung.

Zitat, Quelle BVL:

"Da diese Zulassung bisher nicht erfolgt ist, sind derartige Erzeugnisse nach unserer Auffassung bislang nicht verkehrsfähig. Dem BVL ist derzeit keine legale Möglichkeit bekannt, Nahrungsergänzungsmittel mit Cannabidiol auf den Markt zu bringen."

Der Verkauf solcher Produkte ist demnach also illegal. Trotzdem wurden in den vergangenen zwei Jahren mindestens 90 Nahrungsergänzungsmittel mit CBD auf den Markt gebracht.

Wir konfrontieren die Firmenchefs von CBD-Zone mit diesen Recherchen.

Frage: Das Bundesamt bewertet die Produkte als nicht verkehrsfähig. Warum verkaufen Sie sie trotzdem?

Paul Krämer

Paul Krämer, Geschäftsführer CBD Zone

O-Ton, Paul Krämer, Geschäftsführer CBD Zone:

"Wir haben nicht ein reines Isolat, Cannabidiol-Extrakt-Isolat, sondern ein Full-Spektrum-Extrakt, somit ist die ganze Pflanze zu betrachten und nicht einzeln das Cannabidiol. Somit fällt es nicht unter das Novel Food Gesetz."

Frage: Das heißt, Sie haben sich da nichts vorzuwerfen?

O-Ton, Paul Krämer, Geschäftsführer CBD Zone:

"Nein."

Klingt wahnsinnig kompliziert. Sind ihre Produkte also keine neuartigen Lebensmittel?

Doch, sagt Angela Clausen von der Verbraucherzentrale. Sie hat sich intensiv mit der Rechtslage bei CBD beschäftigt und bewertet das anders.

Angela Clausen

Angela Clausen, Verbraucherzentrale NRW

O-Ton, Angela Clausen, Verbraucherzentrale NRW:

"Ich halte diese Argumentation für Quatsch. Ich bin der Meinung, es handelt sich hierbei um ein neuartiges Lebensmittel und das darf hier derzeit eben nicht verkauft werden."

Für die Kontrolle von Nahrungsergänzungsmitteln sind in der Regel die Landkreise und kreisfreie Städte zuständig. Bevor die Produkte auf den Markt kommen, werden sie jedoch nicht überprüft. Unsere Umfrage bei allen Bundesländern zeigt: Auch später werden sie nur "stichprobenartig" kontrolliert.

Bei CBD Zone ist der Kreis Offenbach zuständig. Erst auf unsere Nachfrage hin wird die Behörde aktiv und erklärt:

Zitat:

"Bislang war uns diese Firma nicht bekannt. Aufgrund ihrer Anfrage haben wir dort (...) Produktproben gezogen. (...) Mehr können wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht machen."

Mangelnde Kontrolle – genau das ist das Problem, sagt Angela Clausen.

O-Ton, Angela Clausen, Verbraucherzentrale NRW:

"Ich glaube sicherlich, dass es eine Überforderung der Lebensmittelkontrolle und der Überwachungsbehörden ist. Es ist einfach zu wenig Personal da. Dieses Personal wird mit sehr sehr schwierigen juristischen Fragen völlig überfordert."

Monika Nwokey wünscht sich, dass Nahrungsergänzungsmittel besser kontrolliert werden. Sonst können Hersteller weiter Geschäfte mit der Hoffnung von Kranken machen.