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SENDETERMIN Di, 9.2.2021 | 21:46 Uhr | Das Erste

Corona-Maßnahmen Impfgegner rüsten auf

Impfgegner und Querdenker machen gezielt mit Falschmeldungen Stimmung gegen die Corona-Impfung und verbreiten Verschwörungstheorien. Nicht nur im Netz, sondern vermehrt auch durch gezielte lokale Aktionen: Mit Kundgebungen, Autokorsos, bei denen über Lautsprecher Falschmeldungen verkündet werden und Demonstrationen vor Seniorenwohnheimen, um über angebliche Gefahren der Impfung aufzuklären. Das sorgt bei einigen für Verunsicherung und Angst.

Um seinen Patienten die Angst vor der Corona-Impfung zu nehmen, hat Hausarzt Christian Kröner einen Aushang in seiner Praxis gemacht. Darauf erteilt er auch gängigen Verschwörungstheorien eine Absage.

Dr. Christian Kröner, Facharzt für Allgemeinmedizin: "Das hört man häufig, dass da irgendjemand einen Chip einpflanzen will. Nein, da wird natürlich kein Chip eingepflanzt. Und Bill Gates ist nicht schuld an Corona und hat auch nicht Corona erfunden."

Der Zettel geht im Internet viral. Dafür bekommt er viel Zuspruch - und wird von Impfgegnern attackiert.

Dr. Christian Kröner

Dr. Christian Kröner

Dr. Christian Kröner, Facharzt für Allgemeinmedizin: "Man hat mir angedroht, die Praxis anzuzünden. Man hat gesagt, ich bin ein Mörder und Hochverräter, wie ich sowas empfehlen kann. Ich bin eine Schande für meinen Berufsstand. Also es ging einmal durch die ganze Latte des Straftatbestandes der Beleidigung und Anstiftung zu Straftaten."

Woher kommt dieser Hass? In sozialen Netzwerken hetzen Impfgegner gegen die Corona-Impfung. Sie sei ein großes Impfexperiment, gesteuert von Bill Gates, ein geplantes Massaker.

Diese verstörenden Bilder sollen beweisen, dass die Impfung angeblich Gesichtslähmungen hervorruft. Eine kurze Bildrecherche im Internet zeigt: Die Fotos sind schon lange vor Corona entstanden.

Impfgegner tragen Protest auf die Straße

Nicht nur im Netz, auch auf der Straße schüren Impfgegner Angst. Auch bei Menschen, die sich nicht wehren können - wie hier vor einem Altenheim in Schwäbisch Gmünd. Lautstark verbreiten sie die bedrohliche Botschaft, die Impfärzte seien eine Bedrohung für die Bewohner.

Impfgegner (YouTube): "Wenn das Impfmobil hier bei Ihnen vorbeikommt wie ein Überfallkommando und bei ihnen in kürzester Zeit alle Heimbewohner impfen möchte."

Impfgegner (YouTube): "Die Nebenwirkungen können erheblich sein. Und Sie können Schäden erleiden, die nicht mehr reparabel sind."

Das Video wird später übers Internet verbreitet. Heimleiterin Monika Neu hat die Demo fassungslos gemacht.

Monika Neu

Monika Neu

Monika Neu, Heimleiterin Melanchthonhaus: "Als ich dann eben das Video auf YouTube gesehen habe, muss ich ehrlich sagen, ja, ist in mir so die Wut hochgekocht. Es war auch ein Schlag ins Gesicht, weil wir selber einen Corona-Ausbruch im November hatten. Und das für uns alle eine ganz emotionale und auch traumatische Erfahrung war."

Der Wortführer bei der Demo: ein Aktivist der lokalen Querdenker-Gruppe, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Warum macht er alten Menschen Angst? Wir konfrontieren ihn, er gibt sich harmlos.

Wortführer bei der Demo: "Das ist alles Aufklärung gewesen, aber wie gesagt, das ist in der Presse alles nicht so rübergekommen, von daher…"

Reporter: "Was sagen Sie zu dem Vorwurf, dass Sie Leute verunsichert haben mit dem, was Sie erzählt haben?"

Wortführer bei der Demo: "Sag ich ganz ehrlich nichts mehr."

Deutschlandweit rüsten Impfgegner auf, schüren mit Aktionen gezielt Angst vor der Impfung - wie hier in Kiel bei einem Autokorso:

Impfgegner (YouTube): "Überlegen Sie sich gut, ob Sie sich impfen lassen. Corona-Impfstoffe sind nicht sicher."

An vielen Orten gibt es Demos gegen eine angebliche Zwangs-Impfung, Aktivisten verteilen deutschlandweit Flyer gegen die Corona-Impfung und überschreiten immer häufiger Grenzen. In Rheinland-Pfalz steigen sie in den Vorgarten des Innenministers ein, verteilen Flyer und Grabkerzen, prahlen damit online.

Konfliktforscher machen Guerilla-Aktionen Sorge

Konfliktforscher Andreas Zick beobachtet, dass Impfgegner mit lokalen Aktionen im öffentlichen Raum Angst verbreiten - eine Art "Guerilla-Methode".

Prof. Andreas Zick

Prof. Andreas Zick

Prof. Andreas Zick, Konfliktforscher, Universität Bielefeld: "Wir haben gesehen, dass zu dieser Guerillataktik auch etwas gehörte, was wir wiederum aus dem Rechtsextremismus kennen, nämlich den Kampf um Räume. Also die ersten Demonstrationen haben deutlich immer wieder lokal den Raum besetzt. Es ist aktionsorientiert, das befördert den Zusammenhalt der Gruppen."

Impfgegner instrumentalisieren Impfpflicht-Debatte

Es gilt das Motto: Wir gegen die. Befeuert wird dieses Weltbild durch Aussagen wie diese:

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU): "Wir haben ja keine Impfpflicht, dann sagen manche Menschen: 'Jetzt möchte ich nicht geimpft werden.' Dann muss man vielleicht schon solche Unterschiede machen und sagen: 'Okay, wer das nicht möchte, der kann vielleicht auch bestimmte Dinge nicht machen'."

Für Impfgegner ein Beweis für eine angebliche indirekte Impfpflicht, die sie verwenden, um mit abstoßenden Vergleichen gegen die Impfung zu hetzen: "Kann man gleich Auschwitz wieder aufmachen".

Die Methode funktioniert, die Angst vor der Impfung verfängt. Altenpflegerin Doris L. fürchtet eine Impfpflicht so sehr, dass sie und manche Kollegen sogar über einen Jobwechsel nachdenken.

Doris L.

Doris L.

Doris L., Altenpflegerin: "Wenn da noch jemand kommt und sagt: 'Ihr müsst euch jetzt irgendwas reinimpfen lassen', was ich nicht will, was ich hinterfrage, dann sagen viele: 'Okay, dann suche ich mir was anderes.' Ich stehe ja nicht allein da mit meiner Meinung, es gibt ja trotzdem viele, die sich auch nicht impfen lassen würden."

Informationskampagne erst in der ersten Phase

Diskussionen um eine mögliche Impfpflicht würden momentan nur Verunsicherung schüren, glaubt auch Christian Kröner. Die Politik müsse stattdessen für die Impfung werben.

Dr. Christian Kröner, Facharzt für Allgemeinmedizin: "Das ist in meinen Augen nicht sauber und gut kommuniziert worden. Von Amts wegen oder auch von der Regierung aus. Wenn man sagt: 'Ich möchte, dass möglichst viele Leute geimpft werden', wird das so ein bisschen auf die Ärzte abgewickelt oder auf die Talkshows. Und da findet nicht so diese klassische Informationskampagne statt."

Auf unsere Anfrage hin verweist das Bundesgesundheitsministerium auf die aktuell erste Phase seiner Informationskampagne, die sich allerdings nicht an die breite Masse richtet:

Bundesgesundheitsministerium: "Die ersten Phase, in der noch nicht Impfstoff für alle zur Verfügung steht, nimmt die Menschen in den Blick, die (...) zuerst geimpft werden. (...) Die zweite Phase startet, wenn Impfstoff für die gesamte Bevölkerung vorhanden ist."

Doch das dauert. So lässt die Politik kostbare Zeit verstreichen, statt schon jetzt alle Menschen intensiv aufzuklären und Impfgegnern etwas entgegenzusetzen, die währenddessen immer weiter Stimmung machen.