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SENDETERMIN Di, 1.6.2021 | 21:48 Uhr | Das Erste

Corona-Impfungen Fehlende Daten werden zum Risiko

Die Impfkampagne gilt als Ausweg aus der Corona-Pandemie. Doch Epidemiologen wie Karl Lauterbach kritisieren, dass mit Blick auf den Herbst wichtige Daten fehlen. So könne es im Herbst zu lokalen Corona-Ausbrüchen kommen.

Was aussieht wie eine Fahrt in den Urlaub, ist eigentlich der Versuch endlich gegen Covid-19 geimpft zu werden. Mitten in der Nacht sind Svenja Eggert und ihre Freundin aufgestanden. Denn mit ihnen warten hier hunderte andere in der Schlange. Das kann dauern. Deshalb sind sie mit dem Wohnmobil hier.

Svenja Eggert und Silvia Ottens, Impfwillige: "Damit wir übernachten können. Wenn es heute hätte nicht geklappt mit der Impfung, dass wir morgen dann eventuell früh hierher kommen könnten." - "Aber wir haben unser Klo mit, ne." - "Toilette dabei, Küche dabei, Schlafplatz dabei, alles dabei."

Schlange stehen für die Spritze. Mehr als 2.000 Menschen kommen über das Pfingstwochenende zu dieser Impfaktion nach Schleswig-Holstein. Sie wollen sich mit AstraZeneca impfen lassen - ohne Termin.

Carsten Bienst

Carsten Bienst

Carsten Bienst, Impfwilliger: "Weil ich ansonsten keine Möglichkeit gesehen habe, einen Termin vor Oktober oder sogar November zu bekommen. Das war die Aussage vom Hausarzt."

Reporterin: "Gehören sie denn zu den Prio-Gruppen eigentlich?"

Vanessa Hanke

Vanessa Hanke

Vanessa Hanke, Impfwillige: "Ich gehöre zur Zwei. Ich habe mich auf der Internetseite sofort-impfen registriert. Ich habe mich bei meinem Hausarzt auf die Liste setzen lassen. Keine Chance."

Aus ganz Deutschland fahren die Leute hier her nach Schleswig-Holstein. Sogar aus Sachsen, Bayern, Baden-Württemberg reisen sie an.

Dr. Juliane Göbel

Dr. Juliane Göbel

Dr. Juliane Göbel, Ärztin: "Also ehrlich gesagt muss ich, bin ich etwas überrascht von diesen Wellen, was das so geschlagen hat... Also ich glaube, damit haben wir alle nicht gerechnet, dass das so weite Kreise schließt tatsächlich."

Das zeigt sich auch bei einer Impfaktion vor zwei Wochen in Speyer. Hier haben 1.600 Menschen eine Impfung mit AstraZeneca bekommen. Die Organisatoren stellen uns die Postleitzahlen der Geimpften zur Verfügung. Wir werten sie aus. Nur etwa 40 Prozent kamen aus der unmittelbaren Umgebung. Der Rest aus ganz Deutschland. Von Bremen und Berlin bis Nürnberg und München.

Die beiden Impfaktionen zeigen: Viele nutzen offenbar jede Chance, um eine Impfung zu bekommen. In einer Woche fällt die Priorisierung. Dann konkurrieren noch mehr Menschen um einen Impftermin. Dazu kommen dann auch noch Kinder ab zwölf Jahren. Und ausgerechnet jetzt kann Biontech 1,5 Millionen Dosen nicht wie geplant liefern.

Noch viele Menschen aus Priorisierungsgruppen ungeimpft

Auch Hans-Harry Nuber will endlich eine Impfung. Für ihn könnte eine Corona-Erkrankung den Tod bedeuten. Er hatte bereits mehrere Herzinfarkte und ist Diabetiker. Sein Leben hat er deshalb völlig eingeschränkt:

Hans-Harry Nuber

Hans-Harry Nuber

Hans-Harry Nuber, Patient: "Ich versuche so wenig wie möglich Kontakte zu haben, selbst zu meinen Kindern, die mich zum Großvater gemacht haben im letzten Jahr habe ich keinen Kontakt, diese Würmchen nur auf dem Bild gesehen, weil ich einfach Angst habe. Das ist für mich sehr traurig, also das muss ich ganz klar sagen, das ist für mich wirklich ein Ärgernis."

Wegen seiner Krankheiten gehört Hans Harry Nuber zur Priorisierungsgruppe zwei. Trotzdem wartet er noch immer auf einen Termin. Seine Ärztin Gabriele Müller bekommt nicht genug Impfstoff. Langsam verliert er die Geduld.

Hans-Harry Nuber, Patient: "Ich will mich nicht vordrängeln, aber irgendwann bin ich ja dann auch mal an der Reihe, eigentlich."

Doch auf der Warteliste seiner Ärztin stehen noch rund 340 Patienten. In dieser Woche kann sie gerade mal zwölf davon impfen.

Gabriele Müller, Ärztin: "Das kann es doch nicht sein, dass wir uns für oder gegen ein Leben entscheiden. Was ist mir wichtiger? Der oder der? Und in dieser Situation stecke ich seit Wochen. Weil ich einfach den passenden Impfstoff nicht kriege."

Nicht mal bei ihren Risikopatienten aus den Priogruppen ist sie durch. So wie Hans Harry Nuber sind noch 170 übrig. Nicht zu schaffen bis zum Ende der Priorisierung.

Gabriele Müller

Gabriele Müller

Gabriele Müller, Ärztin: "Ich finde, es ist auch unfair diesen Patienten gegenüber. Das sind Patienten, die über 60 sind, teilweise schwer krank, chronisch, mehrere Erkrankungen, wo auch eine Covid-Infektion definitiv mit hoher Wahrscheinlichkeit tödlich sein kann."

Ist das nur bei Gabriele Müller so? Wir wollen wissen, wie viele Menschen aus den Priorisierungsgruppen noch nicht geimpft sind. Doch das Bundesgesundheitsministerium kann uns diese Frage nicht genau beantworten. Man wisse überhaupt nicht, wie viele Menschen den Priogruppen angehören. Viele Bundesländer können deshalb nur sagen, wie viele Menschen sich für einen Termin im Impfzentrum angemeldet haben. Für die Arztpraxen können sie das nicht. SPD-Gesundheitspolitiker und Epidemiologe Karl-Lauterbach sieht darin eine Gefahr.

Prof. Karl Lauterbach

Prof. Karl Lauterbach

Prof. Karl Lauterbach, SPD-Gesundheitspolitiker: "Zum jetzigen Zeitpunkt kann man nur schätzen, wie groß die Zahl derer ist, die mit Priorität geimpft worden sind. Wir wissen es nicht. Wir haben auf jeden Fall die Gefahr, wenn es noch mal eine Welle gäbe, beispielsweise. Wenn die indische Variante jetzt nach Deutschland käme, dann wäre das gefährlich für diejenigen, die eigentlich eine Priorisierung haben, aber noch nicht geimpft sind."

"Lokale vierte Wellen" und "Todesfälle" möglich

Also: Nach mehr als einem Jahr Corona weiß die Politik noch immer nicht, wie viele Menschen besonders gefährdet und wie viele von ihnen noch nicht geimpft sind. Dabei soll die Impfkampagne der Ausweg aus der Pandemie sein. Und nicht nur hier hat die Politik offenbar den Überblick verloren. In einem Lagebericht des Robert Koch-Instituts steht: Man wisse nicht, wie viele Menschen in einem Landkreis geimpft sind. Das sei mit den verfügbaren Daten nicht möglich. Doch zu wissen, wo nur wenige Menschen geimpft sind, wäre wichtig, sagen Professorin Ulrike Protzer, Virologin an der TU München, und Epidemiologe Professor Oliver Razum:

Prof. Oliver Razum

Prof. Oliver Razum

Prof. Oliver Razum, Epidemiologe, Universität Bielefeld:
"Wenn es zu einer niedrigen Impfabdeckung in bestimmten Bevölkerungsgruppen oder Regionen kommt, dann treten dort natürlich auch vermehrt Erkrankungen an Covid-19 auf. Das bedeutet wieder volle Intensivstationen. Das bedeutet wieder schwere Krankheitsverläufe, möglicherweise langfristige Krankheitsverläufe und Todesfälle."

Prof. Ulrike Protzer

Prof. Ulrike Protzer

Prof. Ulrike Protzer, Virologin, TU München:
"Idealerweise wüsste man vorher, wo lokale Impflücken sind. Dann könnte man gezielt dort auch hineingehen, könnte Menschen informieren, die vielleicht nicht richtig informiert worden sind und könnte damit auch lokale Ausbrüche und immer wieder aufkeimende Herde verhindern."

Bundesgesundheitsministerium: "Daten wären wünschenswert"

Sogar das Bundesgesundheitsministerium muss auf unsere Anfrage eingestehen:

Bundesgesundheitsministerium: "Aus Sicht des RKI wären zeitnahe Daten auf regionaler Ebene wünschenswert, um lokale Impflücken zu erkennen."

Dabei hätte das Gesundheitsministerium all das regeln können - in der Impfverordnung. Für die Impfzentren hat es das auch getan. Die müssen die Postleitzahlen der geimpften Personen ans Robert Koch-Institut melden - und zwar täglich. Doch die Arztpraxen müssen das nicht. Und so ist unklar, wo genau wie viele Menschen geimpft sind.

Wir fragen heute noch einmal beim Bundesgesundheitsminister nach:

Jens Spahn

Jens Spahn

Jens Spahn, CDU, Bundesgesundheitsminister: "Das alles zu ändern... ich lerne ja selbst immer wieder auf's Neue bei Digitalprojekten... wenn sie da anfangen... mittendrin, diese eingefahrenen Systeme zu ändern, kommt meistens noch mehr Verzögerung raus."

Heißt: An dem Problem wird sich erst einmal nichts ändern. Verzweifelte Menschen, die hunderte Kilometer für eine Impfung fahren. Wichtige Daten, die niemand erfasst. Und die Politik wirkt überfordert. Immerhin: Für Svenja Eggert gibt es die ersehnte Impfung, nach Stunden des Wartens und einer Reise mit dem Wohnmobil.