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SENDETERMIN Di, 11.5.2021 | 21:47 Uhr | Das Erste

Corona-Impfung Ärzte und Impfzentren überfordert mit Impfdränglern

Ärzte und Impfzentren klagen über eine zunehmende Aggressivität der Impfwilligen und über Impfvordrängler. Um vorzeitig an einen Impftermin zu kommen, würden beispielsweise immer wieder falsche Alters- oder Berufsangaben gemacht. Doch nicht alle Vordrängler werden erwischt. Report Mainz-Recherchen zeigen, ein Einfallstor für Impfvordrängler ist es, sich als Kontaktperson von Pflegebedürftigen oder Schwangeren impfen lassen.

Eigentlich wollte er seine Rente genießen - aber jetzt sorgt Werner Böcking dafür, dass Menschenleben geschützt werden. Das macht der Leiter des Impfzentrums Neuwied mit großer Leidenschaft. Doch in letzter Zeit muss er viel einstecken. 

Werner Böcking

Werner Böcking

Werner Böcking, Impfkoordinator Neuwied: "Wir müssen uns vieles anhören. Die Leute beschimpfen uns teilweise, auch persönlich. Und es ist also so weit gegangen, dass ich von jemandem gesagt bekommen habe, er zeigt mich an wegen Körperverletzung. Das kann ich Ihnen ganz ehrlich sagen, das geht an die Substanz."

Immer mehr Menschen wollen sich so schnell wie möglich impfen lassen - einige sogar mit allen Mitteln. Der Eindruck der Mitarbeiter hier: Immer wieder versuchen sich Leute unrechtmäßig einen Termin zu besorgen. Wer noch nicht dran ist, den schicken sie wieder nach Hause. Etwa 70 Personen seien das in der Woche - mit zum Teil kreativen Tricks: 

Sonja Reuschenbach

Sonja Reuschenbach

Sonja Reuschenbach, Impfzentrum Neuwied: "Es ist also schon spannend, was sich die Leute einfallen lassen. Da werden Kontaktformulare geschrieben von irgendwelchen Nachbarn, die sie dann wohl angeblich pflegen, oder jeder hat dann jetzt einen ganz besonders relevanten Beruf in dieser kritischen Infrastruktur."

Jetzt haben Geimpfte mehr Rechte. Deshalb befürchtet Werner Böcking, dass sogar noch mehr Leute versuchen sich vorzudrängeln. 

Absolute Kontrolle in Impfzentren nicht möglich

Wir schaffen es Kontakt zu solchen Vordränglern zu bekommen. Ihr Trick: Pflegebedürftige können zwei Kontaktpersonen benennen, die sich impfen lassen dürfen. In diesem Fall ließen sich einfach acht gesunde Leute eintragen - und hatten Erfolg. Sie wurden alle geimpft.

Sie schicken uns Nachrichten aufs Handy: 

Anonym (Chat): "Auf die Oma haben sich die Eltern meiner Freundin angemeldet, meine Freundin und ich sowie vier weitere junge Leute. Wir sind alle zwischen 20 und 30 Jahre alt."

Reporterin (Chat): "Welche Nachweise mussten Sie erbringen, dass Sie die Kontaktperson einer Pflegebedürftigen sind?"  

Anonym (Chat): "Die Unterschrift von der Oma hat meine Freundin nachgemacht. Sie wollte sie damit nicht behelligen ;-) Im Impfzentrum hat keiner nach Dokumenten gefragt."  

Ist das Egoismus auf Kosten von Mitmenschen, die den Impfstoff dringender gebraucht hätten? 

Anonym (Chat): "Ein schlechtes Gewissen habe ich eigentlich nicht. Jetzt warte ich schon so lange darauf wieder normal leben zu können."

Die Mitarbeiter des Impfzentrums haben die Dokumente also nicht geprüft? Passiert das häufiger?  

Auch Schwangere dürfen zwei Kontaktpersonen benennen. Wir versuchen uns für so einen Impftermin zu registrieren. Das geht in den meisten Bundesländern problemlos. Belege müssten wir erst zum Impftermin mitbringen, wie etwa ein Attest und solch ein Formular, in dem die Schwangere beide Kontaktpersonen bestätigt.  

So war es auch bei ihr. Sie wurde gerade als Kontaktperson ihrer schwangeren Freundin in Hamburg geimpft. Weil sie dort noch den zweiten Impftermin hat, möchte sie anonym bleiben. Auch bei ihr offenbar kaum eine Prüfung der Angaben!  

Anonym: "Vermerkt wurde gar nichts. Es wurde einmal auf den errechneten Termin getippt und dann wurden mir die Unterlagen zurückgeschoben. Ich habe mich gewundert, weil man ja davon ausgeht, dass es wirklich nur zwei Personen sein dürfen, die dann auch irgendwie erfasst werden, damit sich nicht ganze Familien impfen lassen können aufgrund einer Schwangeren."

Wie kann es sein, dass solche Unterlagen nur oberflächlich kontrolliert werden?   
Das wollen wir von Martin Helfrich von der zuständigen Behörde des Impfzentrums in Hamburg wissen.  

Martin Helfrich

Martin Helfrich

Martin Helfrich, Sozialbehörde Hamburg: "Es findet hier eine Prüfung statt, aber natürlich keine lückenlose Dokumentation. Das wäre ein Verwaltungsaufwand, der hier den Rahmen sprengt. Wer dagegen verstößt, wer es unternimmt, da solche Fälschungen richtiggehend anzustellen, der verhält sich nicht nur unsolidarisch. Das ist eben auch ungerecht."

Allein in Hamburg erwischten sie zuletzt in einer Woche 2000 Leute, die noch nicht berechtigt waren. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein.  

Wie prüfen die anderen Bundesländer? Die meisten antworten uns, eine absolute Kontrolle sei nicht möglich. Man vertraue auf wahrheitsgemäße Angaben.  
Die Bundesländer nehmen dieses Schlupfloch offenbar billigend in Kauf.  

Impfberechtigung vom Ministerium

In Niedersachsen verschärft das Landesgesundheitsministerium die angespannte Situation zusätzlich: In die Arztpraxis von Gabriele Müller bringen momentan viele Patienten so ein Schreiben mit – unterzeichnet von der niedersächsischen Gesundheitsministerin. 

Gabriele Müller

Gabriele Müller

Gabriele Müller, Ärztin: „Ich habe dieses Schreiben jetzt zu hundertfach bekommen. Von den Patienten. Ich lese mal einen entscheidenden Satz vor. ‚Ich möchte Sie darüber informieren, dass Sie ab sofort impfberechtigt sind. Dies ersetzt ein ärztliches Attest.‘“  

Weit mehr als eine halbe Million dieser Briefe haben die Krankenkassen im Auftrag der Ministerin verschickt. Eigentlich an Risikopatienten - maschinell ermittelt über Abrechnungsdaten der Ärzte. Dabei passieren offenbar Fehler: 

Gabriele Müller, Ärztin: "Es sind durchaus auch junge Patienten, die überhaupt keine Krankheit haben. Hier liegt ein Schreiben von einem 23-Jährigen, der nur kommt, wenn er wirklich akut irgendwas hat."

Dabei reicht ihr Impfstoff nicht mal für die Risikopatienten. Viele muss sie also wieder wegschicken.   

Gabriele Müller, Ärztin: "Die Leute sehen es nicht ein. Oder die verstehen's einfach nicht. Wenn ich doch das Schreiben habe, wieso kann ich mich jetzt nicht bei Ihnen impfen lassen? Die Patienten konfrontieren mich mit der totalen Frustration und Aggression." 

Auf unsere Nachfrage spricht das Ministerium von Einzelfällen und bittet die Personen herzlich, mit der Impfanmeldung noch ein wenig zu warten.

Schummeln, Drängeln, Lügen - viele wollen geimpft werden - mit wachsender Ungeduld.  

Aufhebung der Impfreihenfolge: noch mehr Konkurrenzkampf?

Und nun kündigt die Politik auch noch das Ende der Impfreihenfolge an - spätestens im Juni. Heißt - noch mehr Menschen wollen einen Impftermin. 

In Mitten dieses Konkurrenzkampfes: Menschen mit hohem Risiko für einen schweren Covid19-Verlauf, die noch keinen Impftermin erhalten haben. Zehn Millionen sind das nach Berechnungen der Ständigen Impfkommission. Deren Vorsitzender Prof. Thomas Mertens rät zunächst an der Priorisierung festzuhalten.

Prof. Thomas Mertens

Prof. Thomas Mertens

Prof. Thomas Mertens, Vorsitzender, Ständige Impfkommission: "Wenn Sie erst die Menschen auffordern, sich in eine Schlange zu stellen und dann plötzlich sagen: Die Schlange gilt nicht mehr, sondern jetzt soll jeder so schnell er kann rennen - das ist glaube ich einfach nicht gerecht in der Gesellschaft."

Die Folgen müssen dann wieder Hausärzte wie Gabriele Müller ausbaden. Sie befürchtet, solange es nicht genug Impfstoff gibt, werden noch mehr Patienten den Ärger bei ihr abladen.


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