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SENDETERMIN Di, 2.11.2021 | 21:46 Uhr | Das Erste

Corona Die Krankheitswelle der chronisch Kranken

Wegen Corona wurden Behandlungen verschoben, viele Menschen haben das Krankenhaus gemieden. Deshalb blieben viele Krankheiten unentdeckt - mit schweren Auswirkungen. Einige Kliniken melden mehr schwere Lungenkrebs-, Diabetes- und Schmerzfälle.

Milan Funck. Auf der Suche nach - dem Gleichgewicht. Seit vier Wochen ist er jetzt in der Klinik - mit so starken Schmerzen im Rücken, dass es ohne die Hilfe der Therapeuten nicht mehr geht.

Milan Funck

Milan Funck

Milan Funck, Schmerzpatient:
"Liegen war so das Einzige, wo ich dachte: So geht's. Aber wenn man länger liegt, kommen andere, andere Dinge. Also sitzen, stehen, laufen, ist halt so ein permanenter Schmerz irgendwie."

27 Jahre ist Funck jetzt alt. Das Corona-Jahr 2020, es hat sein Leben völlig auf den Kopf gestellt. Milan Funck war immer sportlich. Liebte das Boxen. Sprang am Wochenende über Häuserdächer. Parkour nennt sich der Sport - seine Leidenschaft.

Der Schmerz kam ganz leise, wurde langsam immer stärker. Doch da war auch Corona. Zum Arzt wollte er nicht und blieb zuhause, aus Angst, auch wegen seines Asthmas. Schließlich traut er sich doch. Da aber ist der Schmerz schon chronisch, permanent. Immer da. Und so stark wie nie:

Milan Funck, Schmerzpatient:
"So schlimm, dass es dann irgendwann auch nicht nur noch eine körperliche Sache ist. Irgendwann steht dieser Schmerz im Mittelpunkt von allem und kommt einem vor, als wäre der bei zehn auf der Skala sozusagen permanent."

Millionen Arztbehandlungen ausgefallen

Milan Funck ist nicht der Einzige. Die Schmerzklinik in Bremen ist voll mit Patienten, denen es jetzt schlechter geht, weil sie aus Angst vor Corona nicht zum Arzt gingen. Die Angst, die im vergangenen Jahr über allem stand. Mehr als 20 Millionen Arztbehandlungen fielen aus - nach Angaben der Krankenkassen. Mit dramatischen Folgen, vor denen die Vorsitzende des Aktionsbündnis Patientensicherheit früh gewarnt hat:

Ruth Hecker

Ruth Hecker

Ruth Hecker, Vorsitzende Aktionsbündnis Patientensicherheit:
"Dass andere Bevölkerungsgruppen mit chronischen Erkrankungen unter Umständen minderversorgt werden und das bestätigt sich jetzt gerade. Und natürlich sind da auch Krankheiten verschleppt worden, die jetzt eine ganz andere Chronizität haben und die einen anderen Schweregrad haben."

Wie sehr, das war bisher nicht bekannt. Recherchen von REPORT MAINZ weisen jetzt aber auf eine deutliche Zunahme von schweren Fällen hin. Die jeweils 20 patientenstärksten Krankenhäuser haben wir angefragt, bei Schmerz, Lungenkrebs und Diabetes. Beim Schmerz sehen 44 Prozent der Kliniken, die Angaben machen, eine Verschlechterung bei ihren Patienten. Bei den Diabetes-Kliniken klagen 50 Prozent über mehr schwere Fälle. Beim Lungenkrebs sind es sogar 71 Prozent.

Schwere Lungenkrebsfälle nehmen zu

Auch wenn die Zahlen nicht repräsentativ sein können, geben sie eine Tendenz wieder, die man auch am Marienhaus-Klinikum in Mainz täglich spürt. Lungenkrebs-OP. Der Chefarzt operiert heute selbst. Ein kleiner Tumor nur, in 15 Minuten ist er draußen.

Dr. Peter Hollaus, Chefarzt Lungenzentrum Marienhaus-Klinikum:
"Das weiße Ding."

Ein Erfolg. Doch Operationen wie diese erleben sie hier immer weniger, nur noch ein Viertel der Patienten sind operierbar. Vor Corona waren es über 40 Prozent.

Dr. Peter Hollaus

Dr. Peter Hollaus

Dr. Peter Hollaus, Chefarzt Lungenzentrum Marienhaus-Klinikum:
"Es ist für uns schon schmerzhaft, wenn wir oft in den Tumor-Konferenzen sitzen und sehen, dass wir keinem Patienten mit unserer Kunst mehr helfen können, weil es zu weit fortgeschritten ist. Das ist schon hart."

Es ist nicht so, dass sie es nicht versuchen.

Tumor-Konferenz. Schon wieder ein schwerer Fall. Hier geht die OP, aber der Mann wird seine halbe Lunge verlieren. Nur die Spitze des Eisbergs. Lungenkrebs wird meist nur zufällig erkannt. Wegen des massiven Ausfalls auch an Routineuntersuchungen rechnen sie in Mainz mit noch viel mehr schweren Fällen.

Dr. Peter Hollaus, Chefarzt Lungenzentrum Marienhaus-Klinikum:
"Das ist eigentlich das, was einen viel mehr quält, ist, dass es einen Haufen Menschen gibt, die da draußen herumlaufen mit Lungenkrebs und es nicht wissen. Und bis sie draufkommen, wird es zu spät sein."

Ärzte fühlen sich allein gelassen

Und das alles nur wegen der Angst. Auch in Bad Mergentheim spürt man die Folgen. Der Chefarzt der Diabetes-Klinik zeigt uns die vielen Patienten mit kaputten Füßen, die teilweise trotz Schmerzen zuhause geblieben sind, erst jetzt gekommen seien.

Prof. Thomas Haak, Chefarzt Diabetes-Klinik Bad Mergentheim:

Prof. Thomas Haak

Prof. Thomas Haak

"Fatale Folgen sind, dass wir Teile des Fußes unter Umständen nicht retten können und Teile des Fußes entfernt werden müssen. Und das ist die oberste Prämisse in der diabetischen Fußbehandlung, nämlich Amputationen zu vermeiden."

Immer wieder hatte er versucht, seine Patienten aufzuklären - mit Filmen, Flugblättern. Ohne Erfolg.

Prof. Thomas Haak, Chefarzt Diabetes-Klinik Bad Mergentheim:
"Wir haben sie angerufen, haben ihnen die Corona-Sicherheitsmaßnahmen dargestellt und viele haben gesagt: Nein, ich habe Angst."

Wir fassen das nochmal zusammen: mehr Patienten mit schweren Verläufen, die Angst hatten und Ärzte, die sich jetzt allein gelassen fühlen, angesichts einer Welle an Kranken, die da auf sie zurollt.

Dr. Peter Hollaus, Chefarzt Lungenzentrum Marienhaus-Klinikum:
"Die Patienten wurden zuerst in Panik versetzt, dann wurde alles heruntergefahren."

Prof. Thomas Haak, Chefarzt Diabetes-Klinik Bad Mergentheim:
"Es galt eigentlich nur Corona. Im Nachhinein war das sicherlich die falsche Denkart."

Dr. Peter Hollaus, Chefarzt Lungenzentrum Marienhaus-Klinikum:
"Man hätte sicher das Vertrauen der Menschen in ihre Krankenhäuser durch Werbekampagnen stärken müssen."

Bundesregierung sieht keine Versäumnisse

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn erklärt gegenüber REPORT MAINZ: Er habe die Situation zweimal, im Mai 2020 und im Februar '21, angesprochen. Die Bundesregierung und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hätten zudem mehrmals über das Thema informiert. Ungeachtet dessen träfen die Entscheidung, was medizinisch-therapeutisch notwendig ist, die behandelnden Ärztinnen und Ärzte.

Die Patientenschützerin Ruth Hecker sieht klare Versäumnisse beim Minister:

Ruth Hecker, Vorsitzende Aktionsbündnis Patientensicherheit:
"So was muss man immer wieder kommunizieren. Täglich, weil Sie erreichen immer nur eine bestimmte Anzahl von Menschen. Und wenn er Sicherheit ausgestrahlt hätte, dann wäre die Sicherheit auch angekommen bei der breiten Bevölkerung."

Vielleicht auch bei Milan Funck, der sich jetzt mit Mühe wieder ins Leben zurückkämpfen muss. Ein Leben, hoffentlich irgendwann ohne Schmerz.