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SENDETERMIN Di, 1.6.2021 | 21:48 Uhr | Das Erste

CO2-Betäubung Schweine leiden vor der Schlachtung

Neue REPORT MAINZ zugespielte Undercover-Aufnahmen zeigen massive Tierschutzverstöße bei der Betäubung und Schlachtung von Schweinen in deutschen Schlachthöfen. Tierschützer und Veterinäre fordern die Abschaffung der Kohlendioxidbetäubung. Bei der CO2-Betäubung erleben Schweine für mehr als zwei Minuten Todesangst, Panik und bekommen Erstickungsanfälle, ehe sie betäubt sind. Eine unter Tierschutzaspekten fragwürdige Betäubungsmethode, so Veterinäre.

Schweine im Schlachthof. Zu sehen sind Tiere, die ruhig das Gebäude betreten. Auch die Betäubung soll sanft erfolgen. Die Schlachthöfe versprechen jedenfalls hohe Tierschutzstandards, eine sichere Betäubungswirkung, ein schonendes Verfahren. Doch was dann in der unterirdischen CO2-Betäubungskammer geschieht, bekommen nicht einmal die Mitarbeiter im Schlachthof zu sehen.

Undercoveraufnahmen zeigen dramatische Tierquälerei

Tierschützer wollten dies genauer wissen und montierten während einer abenteuerlichen Aktion im städtischen Schlachthof von Kulmbach mehrere Kameras. Die Aufnahmen wurden uns zugespielt. Die so entstandenen Bilder zeigen Schweine, die in einer Gondel nach unten, in eine Wolke aus CO2, gefahren werden. Was uns als Betäubung verkauft wird, ist in Wahrheit ein schrecklicher Todeskampf. Die Tiere schreien, sie erleiden einen lang andauernden Erstickungsanfall. Die Bilder stammen von Friedrich Mülln, von der SOKO Tierschutz.

Friedrich Mülln

Friedrich Mülln

Friedrich Mülln, SOKO Tierschutz e. V.: "Das ist die Standardmethode der Schweinebetäubung in Deutschland. Das bedeutet 40 Millionen Mal Todesangst, Panik und Kampf in dieser Box, bis dann endlich die Bewusstlosigkeit eintritt."

Reaktionen der Schlachthofbetreiber

Vor wenigen Tagen konfrontieren wir die Verantwortlichen in der fränkischen Kleinstadt mit den Bildern. Der Schlachthofleiter stellt sich unseren Fragen:

Dirk Grühn

Dirk Grühn

Dirk Grühn, Schlachthofleiter Kulmbach: "Die CO2-Betäubung an sich ist eine suboptimale Betäubung. Hat Vorteile und auch Nachteile. Die Nachteile sind mit Sicherheit diese Abwehrreaktionen der Tiere in der Gondel. Diese geht im Schnitt so zwischen 20 und 30 Sekunden definitiv. Es ist eigentlich zu lang. Und teilweise länger. Es ist nicht ganz einfach. Diese Methode ist rechtlich zugelassen, obwohl sie eigentlich nicht den Tierschutz in diesem Sinne widerspiegelt."

Er gibt die Missstände also zu. Inzwischen liegen uns auch Bilder aus dem Schlachthof von Vion in Landshut vor. Sie zeigen den Bereich, der der Betäubung nachfolgt. Hier werden die betäubten Schweine per Stich entblutet. Dabei fällt auf, viele Tiere sind nicht richtig betäubt, müssen per Bolzenschuss nachbetäubt werden, während sie bereits entbluten. Was sagt Vion dazu?

Schlachtkonzern Vion: "Der Betäubungseffekt tritt nach zwölf bis 17 Sekunden ein (...). Tritt Schnappatmung auf und dies ist im Vergleich zu anderen Betäubungsmethoden bei der Kohlendioxidbetäubung häufiger feststellbar, wird empfohlen, ein solches Schwein vorsorglich zu schießen. Dies hat der Mitarbeiter in der vorgezeigten Sequenz korrekt durchgeführt."

Es mag den Regeln entsprechen. Die Bilder aber zeigen, dass die Tiere offensichtlich nicht tief genug betäubt sind. Wir treffen einen Veterinär, der in einem solchen Großschlachthof arbeitet. Für ihn ist die CO2-Betäubung an Schweinen Hölle pur. Aus Angst seinen Job zu verlieren, möchte er nicht erkannt werden.

Veterinär (anonym): "Also man kann sich das so vorstellen: Wenn ich mir eine Tüte über den Kopf ziehe und die unten zubinde, die Zeit, bis ich erstickt bin, diese Atemnot, die ich habe, weil ja mein Sauerstoff langsam zu Neige geht, und ich Luft holen möchte, aber keine Luft bekommen kann und die Panik, die ich dann habe, bis ich letztlich dann in dem Fall tot umfalle, oder bei den Schweinen betäubt bin, die ist ja da. Das ist kein sanftes Einschlafen."

Experten stufen die CO2-Betäubung als Tierquälerei ein

Wir bitten die baden-württembergische Tierschutzbeauftragte Julia Stubenbord um eine fachliche Begutachtung der Aufnahmen. Ihr Fazit - eindeutig:

Julia Stubenbord

Julia Stubenbord

Julia Stubenbord, Landestierschutzbeauftragte Baden-Württemberg: "Wenn man bis 90 Sekunden Atemnot hat und in der Todesangst ist, dann sind das länger anhaltende und erhebliche Leiden."

Reporter: "Also untersagt nach dem deutschen Tierschutzgesetz."

Also eigentlich ist diese Betäubungsmethode nach dem deutschen Tierschutzgesetz untersagt, in der höherrangigen EU-Schlachtverordnung wird sie jedoch als zugelassen erwähnt. Barbara Felde von der deutschen juristischen Gesellschaft für Tierschutzrecht erklärt, wie man diesen Widerspruch auflösen kann.

Barbara Felde, Deutsche Juristische Gesellschaft für Tierschutz (DJGT): "Legale Tierquälerei, so könnte man das wirklich nennen."

Wie kann man diesen Widerspruch im Gesetz auflösen?

Barbara Felde

Barbara Felde

Barbara Felde, Deutsche Juristische Gesellschaft für Tierschutz (DJGT): "Also zunächst könnte die EU selbst die Tierschlachtverordnung ändern, die CO2-Betäubung herausnehmen. Sie kann einem Mitgliedstaat aber auch erlauben, als Alleingang quasi, ein nationales Verbot dieser Betäubungsmethode zu implementieren im Gesetz."

Konsequenzen

Unternimmt das Bundeslandwirtschaftsministerium also etwas, damit die CO2-Betäubung abgeschafft wird? Auf unsere Anfrage erfahren wir, die EU-Kommission überprüfe derzeit das europäische Tierschutzrecht. Das Ministerium werde sich nach Vorliegen etwaiger Änderungsvorschläge damit auseinandersetzen. Im Klartext: Es kann also noch dauern, bis sich hier etwas tut.

In Kulmbach, forciert auch durch unsere Recherchen, will man so lange nicht warten. Ab dem Herbst soll die CO2-Betäubung abgeschafft werden. Sie soll durch eine Betäubung mittels eines heliumhaltigen Gasgemischs ersetzt werden. Damit sollen Tiere, wie bei diesem wissenschaftlichen Experiment, tierschutzkonform einschlafen. Ob sich damit die Leiden der Schweine verringern lassen, wir werden das beobachten.

aus der Sendung vom

Di, 1.6.2021 | 21:48 Uhr

Das Erste

Autor:
Edgar Verheyen

Kamera:
Matthias Barth, Rick Pennington

Schnitt:
Marcus Kaul

Specher:
Edgar Verheyen