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SENDETERMIN Mo, 9.2.2009 | 22:00 Uhr | Das Erste

Brüder auf Abwegen Das krude Weltbild der deutschen Pius-Bruderschaft

Schlagzeilen: Die deutsche Kanzlerin gegen den deutschen Papst. Das war Konfrontation. Und heute? Merkel telefoniert mit Benedikt, Konflikt beigelegt. Wirklich? Bischof Williamson, Auslöser der Auseinandersetzung, wurde inzwischen in Argentinien seiner Ämter enthoben und immer mehr hochrangige Katholiken verurteilen ihn scharf.

Doch über eines dürfen diese Signale der Entspannung nicht hinwegtäuschen. Auch jetzt noch werden von deutschen Piusbrüdern offen antisemitische Äußerungen verbreitet. Anton Maegerle und Ulrich Neumann berichten.

Bericht:

Hier in dieser winzigen Kapelle im Sauerland treffen wir vergangene Woche auf einen der zur Zeit meist begehrtesten Interviewpartner: Pater Franz Schmidberger. Er ist der oberste Chef der deutschen Pius-Bruderschaft. Eigentlich nur eine Splittergruppe unter den Katholiken, momentan aber im Fokus einer kritischen Öffentlichkeit.

Was also denkt der oberste deutsche Piusbruder über unsere liberale, offene Gesellschaft?

O-Ton, Pater Franz Schmidberger, Distriktoberer Pius-Bruderschaft Deutschland:

»Ich denke, dass der Liberalismus sich sehr, sehr nachteilig für unsere Gesellschaft ausgewirkt hat.«








Und deshalb wird hier in der Pius-Zentrale in Stuttgart die Messe im lateinischen Ritus wie vor fast 500 Jahren gefeiert. Maria Lichtmess vergangene Woche. Die Pius-Brüder glauben, dass nur sie die reine Lehre praktizieren – den wahren Glauben. Das II. Vatikanische Konzil, das die katholische Kirche modernisierte, gilt ihnen dagegen als Irrlehre. Nur ihre Auslegung der Religion ist die einzige und wahre.

Und genau dieser Alleinvertretungsanspruch treibt seltsamste Blüten. Pater Schmidberger über den 11. September 2001:

Zitat, Oktober 2001:
»Die Schändung eines Kreuzes, bei der dem Heiland ein Arm abgerissen wird, ist objektiv eine schwerere Sünde als der Terroranschlag von New York und Washington.«

Frage: Wenn ich dem gekreuzigten Jesus Christus ein Arm von seinem Kreuz abreißen würde, ist das objektiv eine schwerere Sünde als die Terrorangriffe von New York?

O-Ton, Pater Franz Schmidberger, Distriktoberer Pius-Bruderschaft Deutschland:

»Also das ist natürlich sehr provozierend formuliert. Das muss also dazu gesagt werden. Aber die Sünde ist zunächst einmal eine Beleidigung Gottes an erster Stelle und dann natürlich auch eine große Beleidigung seiner Geschöpfe. Ein großes Unrecht, das den Menschen angetan wird. Aber der erste Aspekt ist eben also Gott.«


O-Ton, Matthias Kopp, Sprecher Deutsche Bischofskonferenz:

»Das ist inakzeptabel. Die Terroranschläge von New York, die dieses Leid über Tausende von Menschen und Familien gebracht haben, sind in sich so tragisch, dass man es mit nichts vergleichen kann.«





Die Pius-Bruderschaft ist auch das Werk von Pater Schmidberger. Er war von Anfang an dabei, sozusagen einer ihrer Mitbegründer. Hier, 1988, bei einer Bischofsweihe an der Seite des Bruderschaftsgründers Marcel Lefebvre. In den achtziger und neunziger Jahren ist Pater Schmidberger sogar der Generalobere, also der oberste Vorsteher, dieser weltweiten Bewegung. In Deutschland hat sie heute ca. 30.000 Anhänger, zumindest lesen so viele das monatliche Mitteilungsblatt der Bruderschaft.

Hunderte von Veröffentlichungen der Priester-Bruderschaft hat REPORT MAINZ ausgewertet. Was wollen sie, was sind ihre Ziele und Absichten?

Pater Schmidberger über Schule und Erziehung:

Frage: „Bravo“ ist eine Jugendzeitschrift. Dürften so etwas an Ihren Schulen Schüler lesen?

O-Ton, Pater Franz Schmidberger, Distriktoberer Pius-Bruderschaft Deutschland:

»Nein, das würde ich ihnen nicht erlauben. Das würde ich ihnen nicht erlauben, weil ich glaube, das ist wirklich der Weg der sittlichen Verderbnis und auch der intellektuellen Verderbnis.«

Vier Schulen betreibt die Priesterbruderschaft in Deutschland. 1,1 Millionen Euro erhält sie dafür vom Staat. Das geht aus internen Unterlagen der Priestervereinigung hervor, die REPORT MAINZ vorliegen. An den Schulen herrscht ein straffes Regime: Rockzwang für Mädchen, Turnschuhverbot für Jungen. Fernsehen ist strikt untersagt, Rock- und Popmusik – tabu.

Die Pius-Bruderschaft über Homosexualität und AIDS:

Christopher-Street-Day in Stuttgart vergangenes Jahr – das öffentliche Selbstbekenntnis der Homosexuellen. Dagegen demonstrieren die Pius-Brüder. Homosexualität, meinen sie, habe in einer christlichen Gesellschaftsordnung nichts zu suchen.

O-Ton, Pater Peter Lang, Pius-Bruderschaft Deutschland:

»Man kann ja nicht alles und jeden machen lassen, was er möchte. Das ist ja moralische Umweltverschmutzung. Man kann ja nicht jemanden mit Zyankali durch die Gegend laufen lassen und das ist eben geistiges, moralisches Zyankali, was hier geschieht.«




O-Ton, Pater Franz Schmidberger, Distriktoberer Pius-Bruderschaft Deutschland:

»Also ich möchte überhaupt nicht über alle AIDS-Kranken, nicht wahr, den Stab brechen. Da bin ich weit davon entfernt. Aber in dem einen oder anderen Fall ist das doch wirklich, sogar in vielen Fällen ist das doch wirklich eine Strafe Gottes.«

Die deutsche Pius-Bruderschaft und die Juden:

In den Veröffentlichungen der Priester-Bruderschaft finden wir immer wieder antijüdische, antisemitische Äußerungen. Nur ein Beispiel:

Zitat:

»Das Ausleihen von Geld gegen hohe Zinsen und der so betriebene Wucher machten die Juden verhasst.«

O-Ton, Pater Franz Schmidberger, Distriktoberer Pius-Bruderschaft Deutschland:

»Ein bisschen etwas Wahres ist da schon dran, ein bisschen etwas Wahres. Aber verstehen Sie mich recht: Unser Anliegen ist mit allen Menschen, auch mit den Juden, ein friedliches Zusammenleben zu pflegen. Das darf ich Ihnen schon sagen.«

Frage: Aber im aktuellen Mitteilungsblatt ist beispielsweise gerade vom Starrsinn und Blindheit des jüdischen Volkes die Rede. Da kann man doch nicht vom Miteinander reden?

O-Ton, Pater Franz Schmidberger, Distriktoberer Pius-Bruderschaft Deutschland:

»Passen Sie auf: Zunächst einmal dreht es sich hier nicht um eine ethnische Aussage, sondern um eine religiöse Aussage. Das ist zunächst mal ein großer Unterschied, der zu machen ist. Zweitens spricht der Heilige Paulus von einem Schleier, der über dem jüdischen Volk liegt, dem jüdischen Volk jetzt also religiös verstanden, nicht ethnisch. Darüber rede ich überhaupt gar nicht. Und dass sie so gehindert sind, den Erlöser, den Messias, anzuerkennen und anzunehmen.«

O-Ton, Prof. Salomon Korn, Vizepräsident Zentralrat der Juden:

»Ich habe mit Erschrecken feststellen müssen, dass diese Pius-Bruderschaft antisemitisch eingestellt ist. Wenn gleich nicht, sagen wir mal, im Sinne von Herrn Williamson, aber Williamson ist die Spitze eines Eisberges, und die Pius-Bruderschaft stellt sozusagen das Meer dar, in dem dieser Eisberg schwimmt. Das ist leider eine niederschmetternde Erkenntnis für mich gewesen.«

Frage: Sie stehen also für ein Glaubens- und Theologieverständnis, das ist traditionell 19. Jahrhundert, also 200 Jahre zurück?

O-Ton, Pater Franz Schmidberger, Distriktoberer Pius-Bruderschaft Deutschland:

»Nein, ich glaube, 2000 Jahre zurück, Herr Neumann. Ich glaube nicht 200 Jahre, sondern 2000 Jahre zurück.«

Abmoderation Fritz Frey:

Einen ausführlicheren Bericht können Sie sich im Internet unter www.reportmainz.de ansehen.

aus der Sendung vom

Mo, 9.2.2009 | 22:00 Uhr

Das Erste

Bericht

Autoren:
Ulrich Neumann
Anton Maegerle
Kamera:
Heiko Bokern
Helmut Brüker
Ingo Manzke
Thomas Schäfer
Schnitt:
Marcus Kaul
Sprecher:
Ulrich Neumann