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Text des Beitrags Brennende ICEs

Moderation Fritz Frey:

Gefahr im Ver-Zug? Wir haben Sie noch im Kopf, die Bilder eines lichterloh brennenden ICEs - kein Monat ist das jetzt her und noch immer wissen wir nicht genau, wie es passieren konnte, dieses Flammeninferno auf Schienen.

Unternimmt die Deutsche Bahn genug, um ein sicheres Reisen zu gewährleisten? Mona Botros, Marius Meyer und Anna-Lara Weidinger sind der Frage nachgegangen.

Bericht:

Der 12. Oktober dieses Jahres: Ein ICE brennt. Auf der Schnellfahrstrecke zwischen Köln und Frankfurt hat er Feuer gefangen. Zwei Waggons werden von den Flammen zerstört. Wie durch ein Wunder werden keine Menschen getötet oder schwer verletzt.

Angelique Bark hat das alles miterlebt, war ganz dicht dran, als das Unglück begann.

Angelique Bark

Angelique Bark

O-Ton, Angelique Bark:

"Ich saß auf der rechten Seite, quasi drei Reihen dahinter, wo dieser Knall passierte. Und auf einmal sah ich links und rechts der Scheibe Flammen hochgehen. Ich hatte Panik, ich wusste nicht, wie mir geschieht. Die Ungewissheit hat mir Angst gemacht, was als nächstes passiert, ob wir’s rausschaffen oder halt nicht."

Feuerwehrinspekteur Werner Böcking war als einer der ersten vor Ort. Er wird den Anblick des brennenden ICEs wohl nicht so schnell vergessen.

Werner Böcking

Werner Böcking, Kreisfeuerwehrinspekteur Neuwied

O-Ton, Werner Böcking, Kreisfeuerwehrinspekteur Neuwied:

"Als ich an der Unglücksstelle eintraf, sah ich bereits diesen riesigen Feuerschein und eine riesige Rauchwolke. Ich bin dann die Böschung hinaufgelaufen, habe diesen brennenden Zug, diesen brennenden Waggon gesehen und mein erster Gedanke war: Wenn da noch Menschen drin sind, da kriegen wir keinen mehr lebend raus."

Dass es nur ein paar Leichtverletzte gab - ein Wunder.

Es war einer der schwersten Brände in einem ICE, aber nicht der erste. Wir finden Hinweise auf Dutzende solcher Vorfälle. Und die für die Untersuchung zuständige Stelle schreibt uns:

Zitat, Quelle: Bundesstelle für Eisenbahnunfalluntersuchung:

"39 Fahrzeugbrände bei ICE-Zügen wurden uns seit 2008 gemeldet."

Dazu gehören auch kleine Brände, die sofort gelöscht wurden.

Doch ein Brand an Bord kann dramatische Folgen haben. Und ein Vergleich der Technik der Baureihen des ICE 3 zeigt: Nur in einer Baureihe gibt es Brandmelder. In den anderen nicht, und das sind die meisten Züge. Dort hat der Lokführer während der Fahrt kaum eine Chance, ein Feuer selbst zu entdecken.

Prof. Markus Hecht

Prof. Markus Hecht, Technische Universität Berlin

O-Ton, Prof. Markus Hecht, Technische Universität Berlin:

"In den älteren Baureihen, in denen keine Brandmelder vorhanden sind, da verlässt man sich auf die Zugbegleiter oder die Fahrgäste, die natürlich eine Notbremse ziehen können und so auf sich aufmerksam machen können."

Doch das ist nicht das einzige Problem. Auf noch eine andere Gefahr weist uns der Experte hin. Besonders Brände in ICE 3 seien ein Risiko, da sich bei ihnen der Antrieb nicht in einer Lokomotive befindet, sondern unter den Waggons, unter den Passagieren.

Aber warum kommt es überhaupt zu Bränden in ICEs?

Eine Ursache für gefährliche Brände waren mehrfach überhitzte Transformatoren. Auch im Fall des 12. Oktobers wird ein möglicher Trafobrand als Ursache untersucht. Trafos sind eigentlich gegen Überhitzung geschützt. Doch, so erzählt uns ein Lokführer, der nicht erkannt werden will, der Schutz sei nicht lückenlos.

O-Ton, Stimme nachgesprochen:

"Es gibt eine Schutzvorrichtung, die Überhitzung verhindern soll. Aber es kommt manchmal vor, dass die überbrückt ist. Das darf eigentlich nicht passieren."

Diese Vorrichtung ist das sogenannte Buchholzrelais.
Davon gibt es in jedem ICE der dritten Generation bis zu vier Stück - unter den Waggons, unter den Passagieren.

Sie sitzen neben den Transformatoren, die die Motoren mit Strom versorgen. Das Relais überwacht mehr als anderthalb tausend Liter Öl, die den Transformator kühlen.

Wenn das Öl zu heiß wird, soll es den Lokführer warnen und die Trafos drosseln. Wenn die Temperatur weiter steigt, schaltet das Buchholzrelais schließlich den Transformator vollständig ab.

O-Ton, Stimme nachgesprochen:

"Das Buchholzrelais wird überbrückt, weil sich nach der Wartung Luft im Öl befindet. Die löst dann immer wieder falschen Alarm aus. Das kostet Zeit, das will man nicht."

Wir fragen Experten: Birgt das Risiken? Die Antwort: eindeutig.

Prof. Arnd Stephan

Prof. Arnd Stephan

O-Ton, Prof. Arnd Stephan, Technische Universität Dresden:

"Das ist ein wichtiger Schutzmechanismus, der sollte nicht außer Betrieb gesetzt werden. Grundsätzlich ist ja auch in den Betriebsregimen und in den Instandhaltungsanweisungen solcher Transformatoren und Fahrzeuge vorgeschrieben, dass der Schutz als einer der wesentlichen Schutzmechanismen im Betrieb sein soll."

O-Ton, Prof. Markus Hecht, Technische Universität Berlin:

"Das Buchholzrelais ist ein Basissicherheitselement, das darf ich nicht überbrücken."

Doch auf mehrfache Nachfrage von REPORT MAINZ räumt die Deutsche Bahn ein, dass das vorkommt. Aber nur bei den älteren ICEs der ersten beiden Generationen.

Zitat:

"Beim ICE 1 und 2 wird bei einem außerplanmäßigen Tausch des Trafos das Buchholzrelais für 10 Tage überbrückt, um Fehlauslösungen zu vermeiden. (...) Dieses Verfahren ist in den entsprechenden Arbeitsvorschriften für die Wartung der ICE 1 und 2 festgelegt."

Anders sei das beim ICE 3.

Zitat:

"Eine Überbrückung des Buchholzrelais ist beim ICE 3 (…) grundsätzlich nicht zulässig und in den Wartungsprozessen der Deutschen Bahn auch nicht vorgesehen. Eine Überbrückung ist nach unserem Kenntnisstand beim ICE 3 (…) nicht vorgekommen."

Der langjährige Lokführer erzählt uns etwas anderes.

O-Ton, Stimme nachgesprochen:

"Was die Bahn behauptet, ist so nicht richtig. Ich habe schon ICE 3 gefahren, bei denen das Buchholzrelais überbrückt war."

Und er ist nicht allein, Kollegen bestätigen ihm: Auch sie hätten das schon erlebt.

Möglicherweise eine Gefahrenquelle, die die Bahn bislang unterschätzt hat. Jetzt kündigt sie an, alle ICE 3 noch einmal "auf Herz und Nieren" zu prüfen. Außerdem schließt sie inzwischen aus, dass das Relais, überbrückt war.

Was die genaue Ursache für den Brand am 12. Oktober war, wird man erst in Monaten wissen. Doch offenbar war die Bahn auf ein solches Feuer nicht vorbereitet.

O-Ton, Werner Böcking, Kreisfeuerwehrinspekteur Neuwied:

"Also ein solches Brandszenario konnte nach Ansicht, der Bahn gar nicht stattfinden; aber wir sind jetzt hier wirklich eines Besseren belehrt worden und ich denke, da gilt es auch, mit der Deutschen Bahn nochmal entsprechende Gespräche zu führen, damit zukünftig hoffentlich solche Ereignisse nicht mehr stattfinden."