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Warum Behörden nichts gegen die Ausbreitung bei Rindern und Menschen unternehmen Botulismus: Die verharmloste Krankheit

Moderation Fritz Frey:

Guten Abend zu REPORT MAINZ. In unserem ersten Beitrag berichten wir über eine weithin unbekannte Krankheit bei Milchkühen. Für die betroffenen Landwirte ist sie eine Heimsuchung biblischen Ausmaßes: Tiere sterben weg, Herden werden vernichtet.

Immer mehr Höfe im Land sind betroffen. Die Ursachen sind umstritten. Und als wäre dies nicht schon schlimm genug, auch der Mensch kann krank werden. Wer hilft? Wohin man schaut – Schulterzucken. Fachleute forschen, Behörden blocken ab. Monika Anthes und Adrian Peter mit den Details.

Bericht:

Für Heinrich und Heiko Strohsahl ist es schwer hierher zurückzukehren. Viele Jahre haben sie auf diesem Hof mit ihren Eltern Milchvieh gehalten. Doch 2007 wurden ihre Kühe krank. In nur zwei Jahren haben sie die komplette Herde verloren.

O-Ton, Heiko Strohsahl, Landwirt:

»Ja, man war ja hilflos zuletzt. Man hat das alles so miterlebt, wie die Tiere einem unter der Hand weggestorben sind und deswegen habe ich ein ganz unwohles Gefühl hier noch zu sein.«

Aufnahmen aus guten Zeiten. Rund 1000 Tiere hatten die Strohsahls an vier Standorten. Eine eigene Zucht mit ausgezeichneter Milchqualität. Nach Ausbruch der Krankheit sah das anders aus.

Dieses Video zeigt die Herde im Februar 2009. Die meisten Tiere sind schwer erkrankt, können nicht mehr aufstehen. Woran die Tiere litten, konnte den Strohsahls lange niemand sagen. Erst umfangreiche Untersuchungen an der Tierklinik der Universität Leipzig brachten Klarheit.

Für Prof. Monika Krüger steht fest: Bakterien haben die Kühe krank gemacht. Insbesondere das sogenannte Clostridium Botulinum. Dieses Bakterium produziert ein sehr starkes Gift.

Die Tiere haben wahrscheinlich über das Futter große Mengen dieser Bakterien aufgenommen und sich dann über den Kot gegenseitig damit angesteckt. Die Krankheit wird auch als chronischer Botulismus bezeichnet.

O-Ton, Prof. Monika Krüger, Mikrobiologin, Universität Leipzig:

»Diese Erkrankung stellt sich als ein seuchenhaftes Geschehen dar. Und man sieht hier sehr gut, dass die Tiere apathisch sind. Sie sehen diese eine Kuh hier im Video, die nicht aufstehen kann, weil sie dazu nicht mehr in der Lage ist, weil die Muskulatur gelähmt ist.«

Für die Wissenschaftlerin also ganz klar ein seuchenhaftes Geschehen. Doch davon will das zuständige Veterinäramt nichts wissen. Botulismus zähle nicht zu den offiziell anerkannten Tierseuchen.

850 Kühe und Kälber verenden qualvoll oder müssen getötet werden. Dann der nächste Schock: Auch die Landwirte erkranken schwer.

O-Ton, Heinrich Strohsahl, Landwirt:

»Man konnte null. Also man konnte nicht mehr richtig essen. Das war gar nichts mehr, es ging nichts mehr. Auch nicht mehr richtig sprechen. Das war im Grunde, konnte man vergessen.«

O-Ton, Heiko Strohsahl, Landwirt:

»Abends wenn man zur Ruhe kam, hatte ich oft, dass ich dann, dass auf einmal meine Muskeln anfingen, sich zu bewegen, dass ich Zuckungen in den Beinen bekam. Als wenn die Muskeln nachts oder abends, wenn man zur Ruhe kommt, anfangen zu arbeiten.«

Heinrich und Heiko Strohsahl litten an der gleichen Krankheit wie ihre Rinder. Das bestätigt Prof. Dirk Dressler von der Medizinischen Hochschule Hannover. Auf einer Tagung stellt er seine Untersuchung vor. Erstmals konnte der Mediziner nachweisen, dass die Krankheit auch auf die Menschen übergeht.

O-Ton, Prof. Dirk Dressler, Botulinum-Experte, Medizinische Hochschule Hannover:

»Die Landwirte, die wir untersuchen konnten, hatten Beschwerden, die typisch sind für eine Vergiftung mit Botulinumtoxin. Auf der einen Seite gab es Störungen des motorischen Systems: Schwächegefühle in den Armen, in den Beinen, im Gesichtsbereich und es gab Ausfälle des vegetativen Nervensystems, Blasenstörungen, Störungen der Pupillenmotorik, Mundtrockenheit, Trockenheit im Augenbereich.«

Krank und finanziell ruiniert. Die Existenz der gesamten Familie Strohsahl ist vernichtet. Weil die Krankheit nicht als Seuche anerkannt wird, gibt es keine staatliche Hilfen und keine Schutzmaßnahmen nach dem Tierseuchengesetz.

Dabei bricht die Krankheit in immer mehr Milchviehbetrieben aus. Experten schätzen, dass bundesweit bereits rund 1.000 Betriebe davon betroffen waren. Vor allem in Norddeutschland.

So auch das Ehepaar Bratrschovsky und Klaus Woldmann aus Mecklenburg-Vorpommern.

Auch sie haben ihre kompletten Herden durch die Krankheit verloren. Fotos von den erkrankten Kühen, toten Kälbern.

O-Ton, Simone Bratrschovsky, Landwirtin:

»Dass keine Hilfe kommt. Du stehst wirklich alleine. Du musst da sehen wie Du da durchkommst mit deinen Kindern und auch mit den Tieren. Das ist ja auch ein Anblick, den kann man sich nicht vorstellen, was wir da die Jahre durchgemacht haben. Wie die Tiere da jämmerlich verendet sind.«



O-Ton, Niels Bratrschovsky, Landwirt:

»Hier, auf unserem Hof, sind über 850 Kühe zu Tode gekommen. Bei anderen sind es über 1.000 gewesen. Und dann kann man nicht sagen: ‚Das ist ja nicht so schlimm.‘ Und das sind keine Massen… Wo fängt denn die Masse an?«

Tausende Kühe sterben, Landwirte werden krank und die Behörden schauen zu. Kann das sein? Nachfrage bei den zuständigen Landwirtschaftsministern auf der Agrarministerkonferenz in Lübeck am vergangenen Freitag.

Frage: Die Tiere sterben, Menschen werden krank. Es werden keine Seuchenmaßnahmen eingeleitet. Können Sie das verantworten?

O-Ton, Dr. Juliane Rumpf, Landwirtschaftsministerin Schleswig-Holstein:

»Wir haben ja schon deutlich gemacht, dass wir erhebliche Arbeiten leisten, um den Landwirten zu helfen, indem unsere Fachleute zusammenkommen, indem wir uns dafür einsetzen, dass weitere Forschungsarbeiten durchgeführt werden. Bevor wir nicht wissen, worauf diese Krankheit zurückzuführen ist, können wir keine konkreten Maßnahmen ergreifen.«

Doch schon seit rund 15 Jahren wird geforscht, ohne greifbares Ergebnis. In den Ohren der betroffenen Bauern klingen die Beschwichtigungen der Politiker wie Hohn.

O-Ton Heiko Strohsahl, Landwirt:

»Es kann ja nicht sein, dass der Bauer warten muss, bis seine Tiere erst mal verrecken, um ein Ergebnis zu haben, das kann nicht angehen.«

O-Ton, Niels Bratrschovsky, Landwirt:

»Wir kämpfen da 15 Jahre dagegen an, und das Einzigste, was wir da kriegen, ist ein neues Sterben, neuer Betrieb, nächstes Sterben.«

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